Das denken Teenager heute

Die neue Sinus-Studie fühlt Jugendlichen auf den Zahn: Was bewegt sie? Welche Identitäten entwickeln sie? An welchen Werten orientieren sie sich?

Der Tenor der Studie ist für viele überraschend: Während Generationen vor ihnen sich möglichst provokant gegen die eigenen Eltern positionierten, betonen 14- bis 17-Jährige heute, dass sie sein möchten „wie alle“. Sie legen Wert auf einen gesellschaftlichen Kanon aus „Freiheit, Aufklärung, Toleranz und sozialen Werten“. Subkulturen, mit denen früher die Alten geschockt werden sollten, sind auf dem Rückzug.

Um das herauszufinden, wurden stundenlange Interviews mit mehr als 70 Jugendlichen geführt, in denen sie auch selbst thematisieren konnten, was ihnen wichtig ist. Oft kranken Umfragen daran, dass sie die Themen, die besprochen werden, von außen vorgeben. Das ist hier anders.

Was sagen die Jugendlichen zu den großen gesellschaftlichen und politischen Themen? Wir haben die Kernaussagen der Studie zusammengefasst.

Handy und Telekommunikation

  • Das Handy ist ein Begleiter in allen Lebenslagen. Viele Jugendliche haben eine emotionale Beziehung zu ihrem Smartphone aufgebaut. Zudem fühlen sie sich mit dem Handy sicherer, wenn sie allein unterwegs sind.
  • Erwachsene warnen oft, dass Jugendliche mit Handy sozial verarmen könnten, weil sie weniger Kontakt mit ihren Mitmenschen aufnehmen. Jugendliche selbst haben eher das Gefühl,
    ohne
    digitale Medien sozial zu verarmen.
  • Zum ersten Mal zeigten sich negative Aspekte des ständigen Vernetztseins, schreiben die Studienautoren. Auf Partys oder unter Freunden würden Handys auch nerven – und das ständige „Starren aufs Display“ und „dauerndes Getippe“ gelten bei manchen Jugendlichen mittlerweile als uncool und vermeidbar.

Liebe und Partnerschaft

  • Etwa die Hälfte der Jugendlichen hatte noch keine feste Beziehung, aber fast alle waren schon einmal verliebt oder „bloß verknallt“.
  • Beständigkeit in Beziehungen ist den meisten Jugendlichen ein hoher Wert. Häufig wechselnde Beziehungen sind laut Studie weder erwünscht noch besonders gut angesehen.
  • Sex ist nicht das Wichtigste in einer Beziehung, einige Jugendliche berichten auch von unschönen ersten Erfahrungen. „Ideal wäre einfach nebeneinander einschlafen“, sagt ein 17-jähriges Mädchen. „Das ist viel schöner als Alleineschlafen.“
  • Die meisten Jugendlichen wünschen sich auch Kinder. Das Alter 35 werde dabei als „magische Grenze“ wahrgenommen, bis zu der man eine Familie gegründet haben sollte.

Glaube und Religion

  • Egal ob christlich, muslimisch oder konfessionslos – generell interessieren sich Jugendliche sehr für die Fragen des Lebens: Woher kommen wir, wohin gehen wir nach dem Tod, was ist gerecht und moralisch?
  • Allerdings haben diese Fragen mit Kirche und Gottesdienst oft wenig zu tun. Der Trend geht zum individuell zusammengestellten „Patchwork aus vielen religiösen, quasireligiösen und spirituellen Angeboten“.
  • Auch junge Menschen, die keiner Glaubensgemeinschaft angehören, beschäftigen sich oft intensiv mit Religionen. Dabei würden sie vor allem exotischere Religionen wie Buddhismus, Hinduismus oder Judentum gern mal testen „wie eine neue Sportart“. Mitglied werden wollen sie aber meist nicht.
  • Konflikte, in denen der Islam eine Rolle spielt, nehmen Jugendliche oft sehr differenziert wahr. Sie versuchen meist, zwischen dem Islam als Religion, den verschiedenen Auslegungen des Korans und religiös begründeter Gewalt zu unterscheiden. Letztere lehnen Jugendlichen aller Religionen aufs Schärfste ab.

Umweltschutz

  • Der Umweltschutz gehört für fast alle Jugendlichen zu den größten Herausforderungen. Sie haben allerdings nur wenig Hoffnung, dass der Mensch die menschengemachten Umweltprobleme lösen kann.
  • Dabei sehen sie sich oft persönlich verantwortlich für den Umweltschutz – bedauern aber gleichzeitig, den eigenen Ansprüchen oft nicht gerecht zu werden. Außerdem sind sie sich nicht sicher, ob ihre Aktionen tatsächlich etwas bringen.
  • Klimawandel ist, anders als der Umweltschutz, etwas, das aus Sicht der Jugendlichen nicht vor der eigenen Haustür stattfindet, sondern eher in der Antarktis, in Sibirien, Mikronesien oder anderen fernen Teilen der Welt und das auch erst in einigen Jahrzehnten.
  • Viele Jugendliche können sich vorstellen, Biolebensmittel zu kaufen. Für fair hergestellte Kleidung würden sie allerdings nur selten Geld ausgeben – wegen ihrer begrenzten finanziellen Mittel, und weil sie auf bestimmte Stile und Marken stehen.

Nation und Staatsangehörigkeit

  • Nationale Identität ist für viele Jugendliche ein eher wertfreier Begriff, den sie mit „Herkunft“ gleichsetzen. Besonders wichtig ist ihnen das Thema nicht. Die Befragten mit guter Bildung und postmoderner Ausrichtung verbinden damit am ehesten Negatives, zum Beispiel die historische Last.
  • Staatsangehörigkeit ist für die Mehrzahl „kein lebendiges Merkmal ihrer Identität“. Der Pass hat wenig Symbolwert, sondern berechtigt zum Aufenthalt im Land. Flagge, Hymne, Bundesadler – dazu gibt es in der Regel keinen emotionalen Bezug.
  • Stereotype über andere Nationen sind dennoch verbreitet, von harmlosen Klischees bis hin zu harten Vorurteilen und diskriminierenden Verallgemeinerungen. Vielen Jugendlichen ist das sogar bewusst, sie äußern Unbehagen darüber und suchen nach alternativen Deutungen.
  • Die Jugendlichen sind ganz überwiegend überzeugt davon, dass alle Menschen gleiche Rechte haben. Ein ausgeprägtes Bewusstsein für Alltagsrassismus zeigen aber eher die Jugendlichen aus besser gebildeten Milieus.

Flucht und Asyl

Zum Zeitpunkt der Befragung im Sommer 2015 war die Ankunft von Flüchtlingen dominierendes gesellschaftliches Thema und wurde von den Befragten ausführlich reflektiert.

  • Die deutliche Mehrheit der Befragten plädiert allgemein dafür, dass Deutschland mehr Flüchtlinge aufnimmt, teilweise mit dem einschränkenden Zusatz: „solange Deutschland die Kapazitäten dafür hat“. Vor allem in bildungsnahen Milieus gilt Migration als „unverschuldete Konsequenz aus politischen Krisen und Kriegen“. Teils wird die Entscheidung zur Flucht und der Mut für einen Neuanfang in einem fremden Land bewundert.
  • Ablehnende Haltungen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen finden sich dennoch, und zwar nicht nur in bildungsfernen Milieus, sondern auch in der gesellschaftlichen Mitte. Bei der Ablehnung spielt demnach die Sorge eine Rolle, „dass der Traum, sich durch harte Arbeit einen bescheidenen Wohlstand aufzubauen“ dadurch platzen könnte. Dieses Konkurrenzdenken vermischt sich teils mit ausländerfeindlichen Vorurteilen.
  • Als größtes Problem in diesem Zusammenhang wird jedoch die Feindlichkeit gegenüber Flüchtlingen genannt.

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