Engagement ja, Partei nein

Ist ja typisch. Diese jungen Leute mal wieder. Interessieren sich für vieles, aber was im Bundestag verhandelt wird, ist ihnen schnurz. Saskia Benter etwa, 22 Jahre alt, findet die Debatten, die dort ausgetragen werden, viel zu akademisch und abgehoben. Hält Blogger für einflussreich, aber Politiker für weltfremd. Geht zwar zur Wahl, kann sich aber nur schwer entscheiden, wo sie ihr Kreuzchen machen soll.

Erschreckend, wie Saskia Benter und andere junge Menschen mit Abitur so ticken, denken zahlreiche Wissenschaftler und auch führende Politiker. Zum Beispiel Bildungsministerin Johanna Wanka.

Das große Desinteresse Studierender und anderer junger Menschen an Politik sei besorgniserregend, sagte die CDU-Frau sie interessierten sich wenig bis gar nicht für Politik.

Dazu passt, dass immer weniger junge Menschen einer Partei beitreten. Hatte die Junge Union, also der Nachwuchs der CDU, im Jahr 2000 noch rund 135.000 Mitglieder, waren es zwölf Jahre später etwa 15.000 weniger. Die Jusos, die Jugendorganisation der SPD, kommen aktuell nur auf circa 70.000 Mitglieder, Ende der Siebzigerjahre waren es knapp fünfmal so viele.

Auch Saskia Benter kann sich nicht vorstellen, ihre kostbare Zeit in den Dienst irgendeiner Partei zu stellen, allein beim Gedanken drehe sich ihr „der Magen um“, sagt sie. Und dennoch: Die junge Frau, die auf den ersten Blick genau in Wankas Raster passt, bezeichnet sich als hochpolitisch. Allerdings versteht sie darunter etwas ganz anderes als die Bundesbildungsministerin und all die Anzugträger, die in Berlin und in den deutschen Landeshauptstädten Politik machen.

Es kommt eben darauf an, wie man politisches Interesse definiert

Die Shell-Jugendstudie etwa, die seit den Fünfzigerjahren regelmäßig die jeweils 15- bis 24-Jährigen analysiert, kommt nach zahlreichen qualitativen Interviews zu einem völlig anderen Schluss als der Studierendensurvey, auf den sich Wanka und Co. berufen: Das politische Interesse der jungen Menschen sei nicht gesunken, sondern gestiegen, behaupten die Macher der Shell-Studie.

Das ist nur scheinbar ein Widerspruch zu den Ergebnissen jener Untersuchung, von der Wanka und andere ausgehen. Denn der Studierendensurvey versteht unter politischem Interesse zuallererst die Begeisterung für die Debatten im Bundestag oder die Inhalte von Parteien – und nicht den schlichten Versuch, Gesellschaft mitzugestalten. Ein Ziel, das auch Saskia Benter hat.

Statt über die großen Linien des Weltgeschehens zu philosophieren, möchte die junge Frau anpacken. Dort, wo sie den Ertrag ihres Einsatzes unmittelbar sehen kann. „Allein kann man viel mehr bewegen als mit einem störenden Apparat im Hintergrund.“ Und etwas bewegen, das tut sie. Benter reiste für den ehrenamtlichen Verein Clowns ohne Grenzen, der Kindern in Krisengebieten Lebensfreude schenken will, durch Israel und die Palästinensergebiete und arbeitete ein ganzes Jahr lang für das Frauenrechtszentrum Frieda. Aktuell organisiert sie in Berlin Sprachtandems für Flüchtlinge aus Syrien, die Deutsch lernen möchten.

Die Flüchtlingskrise mobilisiert nicht nur Benter, sondern viele Menschen im ganzen Land. Der Soziologe Tino Bargel erwartet deswegen sogar ein weiter steigendes politisches Interesse, vor allem bei Studenten. Junge Menschen, das zeigten Erhebungen immer wieder, seien sehr solidarisch, allerdings vor allem bei konkreter Bedürftigkeit, sagt Bargel, der zum Thema „Jugend und Politik“ forscht.

Viele der Freiwilligen, die Kleider sortierten, Sprachunterricht gaben und Asylbewerber zu den Behörden begleiteten, waren tatsächlich Studenten. Fiona Schönbohm gehörte zu den Ersten, die mithalfen. Als Ende 2013 Hunderte Flüchtlinge im Mittelmeer vor Lampedusa ertranken, beschäftigte sich die Jurastudentin in ihren Vorlesungen gerade mit dem Thema Völkerrecht. „Ich wollte unbedingt helfen“, sagt die 24-Jährige. Sie gründete daher zusammen mit einer Kommilitonin die „Refugee Law Clinic“, die Asylbewerbern kostenlose Rechtsberatung anbietet.

Fiona Schönbohm

Allein im vergangenen Jahr bildeten Schönbohm und ihre Kollegen 30 Studenten zu ehrenamtlichen Rechtsberatern aus. Mehrmals pro Woche helfen sie nun beim Ausfüllen von Anträgen und geben Tipps bei Konflikten mit den Ämtern. Natürlich sei das auch eine Art von politischem Engagement, sagt Schönbohm. Von der klassischen Politik hält auch sie lieber Abstand. Sie wolle sich eben nicht als Parteimitglied engagieren, sondern als Mensch.

Diese Parteien-Aversion sei ja schön und gut, gibt Soziologe Bargel zu bedenken. Sie berge allerdings eine Gefahr: Beliebigkeit. „Junge Menschen entwickeln zu vielen gesellschaftlichen Themen schnell eine Meinung – verwerfen diese aber genauso schnell wieder, wenn jemand sie vom Gegenteil überzeugt.“ Kein Wunder, dass es da schwerfällt, sich für das Programm einer einzelnen Partei zu begeistern. Wobei das nicht unbedingt schlecht sein müsse: „Es führt auch dazu, dass junge Menschen weniger ideologisch sind“, sagt Bargel. Die alten Feindbilder, die strengen Lagergrenzen zwischen links und rechts hätten ausgedient – und deswegen auch das Interesse, an Wahlen teilzunehmen.

Viele Wege, um sich einzubringen

Das gilt ebenso für die Hochschulpolitik: Die Wahlbeteiligung zu den Studierendenparlamenten befindet sich seit Jahren im freien Fall. An der FU Berlin lag sie zuletzt sogar im einstelligen Bereich. „Eine Wahl ohne Wähler“, titelte die „taz“ in einem Bericht über den Urnengang. Viele Studenten verweigerten das Kreuzchen auch deswegen, weil sie sich eben nicht auf eine Partei, eine Liste oder eine klare Linie festlegen wollten.

Um dem entgegenzuwirken, beschreitet die Zeppelin-Universität in Friedrichshafen einen zeitgemäßeren Weg: Im Studierendenparlament, das hier Student Council heißt, sitzen nur Einzelpersonen, keine Parteien. Hier ist jeder Delegierte tatsächlich nur seinem Gewissen verpflichtet und kann abstimmen, wie er möchte, ohne sich gegenüber einer Fraktion rechtfertigen zu müssen. Einer von ihnen ist Lorenz Narku Laing. Er studiert Politik- und Verwaltungswissenschaft – aber wenn man ihn so reden hört, drängt sich nach kurzer Zeit die Frage auf, wie er das eigentlich schafft. Denn der Terminkalender des 24-Jährigen ist eng getaktet.

Lorenz Narku Laing

Laing ist Gründer und Vorsitzender der Schwarzen Jugend Deutschland, einer Interessenvertretung junger Leute mit afrikanischen Wurzeln. Hier bringt er anderen Dunkelhäutigen bei, sich gegen Alltagsrassismus zu wehren. Natürlich engagiere er sich aus persönlicher Motivation heraus, erzählt Laing. Eine Freundin von ihm könne nicht durch die Stadt gehen, ohne dass Menschen ihr in die schwarzen lockigen Haare fassten. „Dieser Rassismus geht so weit, dass ich auf offener Straße beleidigt werde, manche machen sogar Affenlaute.“

Schon als Teenager ging Laing bei den sogenannten Schülerstreiks für bessere Bildung auf die Straße, seitdem will er mitreden, mitgestalten. Neben seinem Mandat im Studierendenparlament und in seiner eigenen Organisation engagiert er sich außerdem bei Humanity in Action, einem internationalen Studentennetzwerk, das sich für bessere Bildungschancen auf der ganzen Welt starkmacht. Auch Laing sieht die Parteienlandschaft in Deutschland kritisch. Er ist überzeugt davon, dass junge Menschen die klassische Politik nicht brauchen, um sich Gehör zu verschaffen – und dass es genug andere Wege gibt, sich einzubringen.

Trotzdem ist er vor Kurzem in eine Partei eingetreten – in die SPD. Der Grund: Auf großer Ebene könne man gesamtgesellschaftlich gesehen einfach mehr erreichen, sagt Laing. „Eine rein pragmatische Entscheidung.“

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