Interview mit Sozialarbeiter: Was tun gegen muslimischen Judenhass?


Burak Yilmaz ist Muslim, wurde in Deutschland geboren und arbeitet als Sozialarbeiter in Duisburg. Im Interview mit n-tv.de erzählt er, wie er muslimische Jugendliche gegen Antisemitismus sensibilisiert.

n-tv.de: Vor ein paar Tagen kam es in Berlin zu einer Attacke auf junge Männer mit Kippa. Für den Träger Jungs e.V. machen Sie als Sozialarbeiter seit Jahren Projekte mit jungen Muslimen. Mit was für antisemitischen Vorurteilen werden Sie dabei konfrontiert?

Burak Yilmaz

Burak Yilmaz: Es gibt Vorurteile, die in letzter Zeit häufiger auf Verschwörungstheorien basieren. Der Klassiker ist: Die Juden würden die Welt kontrollieren, die Banken und die Medien. Dazu haben wir einen Antisemitismus, bei dem Judenfeindschaft religiös legitimiert wird.

Wie weit verbreitet ist Antisemitismus unter Muslimen?

Es gibt kaum Studien, die das erforscht haben. Ich merke aber, dass es in dem Zusammenhang auch in der muslimischen Community viele Probleme gibt. Viele Lehrkräfte sind mit dem Phänomen Antisemitismus überfordert Es fehlt an pädagogischen Konzepten, um das aufzufangen und über die Lehrpläne in Universitäten zu vermitteln. Wir müssen den muslimischen Antisemitismus aber immer koppeln an den Antisemitismus in der Gesamtgesellschaft.

Sie haben 2012 angefangen, Projekte gegen Antisemitismus zu machen. Wie kam es dazu?

Ich habe irgendwann gemerkt, dass viele Jugendliche sich vom Geschichtsunterricht nicht mehr angesprochen gefühlt haben. Es wurde zum Beispiel darüber geklagt, dass die Geschichte der Gastarbeiter in den Schulbüchern und der Nahostkonflikt kaum thematisiert werden. Das sind ja die Themen, die in der Migrationsgesellschaft sehr emotional besetzt sind. Oft gab es Aussagen wie: Der Geschichtsunterricht ist nur auf die Mehrheitsgesellschaft zugeschnitten. Das hat uns zum Nachdenken gebracht. Geschichtsunterricht muss so gestaltet sein, dass sich alle angesprochen fühlen.

Gab es bei Ihnen damals so etwas wie ein Schlüsselerlebnis, sich zu engagieren?

Ja. In unserem Duisburger Jugendzentrum sind einige muslimische Jugendliche durch antisemitische Äußerungen aufgefallen. Auf der anderen Seite war da ein Jugendlicher, der meinte: Wieso soll ich mich eigentlich mit deutscher Geschichte auseinandersetzen, wenn mir Lehrer jeden Tag das Gefühl geben, dass ich gar kein richtiger Deutscher bin – und das, obwohl ich einen deutschen Pass habe? Eine solche Diskriminierungserfahrung baut Distanz auf.

Sie bieten regelmäßig Fahrten nach Auschwitz zum Konzentrationslager an. Was machen Sie noch?

Wir bieten den Jugendlichen eine Biografiearbeit an, weil das im Geschichtsunterricht nicht stattfindet. Im zweiten Teil setzen wir uns mit der Geschichte der NS-Zeit in Duisburg auseinander. Anschließend greifen wir den gegenwärtigen Antisemitismus im Internet und in der Popkultur auf. Nach dieser Vorbereitung machen wir die Gedenkstättenfahrten. In Auschwitz bekommen die Jugendlichen ein Gruppentagebuch. Anhand dessen schreiben sie anschließend Rollen und Szenen, mit denen sie ein halbes Jahr später ein Theaterstück an Schulen aufführen.

Was macht der Auschwitz-Besuch mit den Jugendlichen?

Viele reagieren sehr emotional darauf, zeigen Empathie und sind entsetzt darüber, welchen Terror die Insassen erleben mussten. Da fließen auch manchmal Tränen. Viele Jugendliche fragen sich: Wozu gibt es eigentlich Menschenrechte und warum sind sie so wichtig? Was passiert in einer rechtslosen Gesellschaft, wo Selbstjustiz auf der Tagesordnung steht? Das versuchen wir in dem Theaterstück aufzufangen. Die Frage nach Verantwortung und Gegenwartsbezug sind da wichtig. Von Schulklassen erhalten wir häufig das Feedback, dass sie es gut finden, wenn Gleichaltrige sich zivilgesellschaftlich engagieren und das Thema in die Öffentlichkeit tragen.

Melden sich die Jugendlichen freiwillig zur Teilnahme an?

Freiwilligkeit ist bei uns das oberste Gebot. Leider bekommen wir manchmal auch Anrufe von Lehrkräften, die sagen: Wir haben hier fünf Jungs, die antisemitische Haltungen haben. So etwas machen wir nicht. Wir werben in Schulen oder über das Internet, dadurch kommen Jugendliche zu uns.

Wie schwer ist es, Vorurteile aufzuweichen und an die Jugendlichen ranzukommen?

Es ist nicht nur schwer, sondern auch langwierig. Unsere Arbeit hat viel mit Emotionen zu tun. Wenn man ein kritisches Geschichtsbewusstsein entwickelt oder auch Feindbilder in Frage stellt, dann ist man erst mal stark verunsichert. Man braucht viel Zeit, um eine Haltung zu entwickeln, und auch Mut, um diese Haltung in die Praxis umzusetzen. Das wird von der Politik oft unterschätzt. Bildungsarbeit gegen Antisemitismus ist ein langer Prozess. Wir haben Jugendliche, die seit vier oder fünf Jahren dabei sind, und das Thema trotzdem noch vertiefen wollen. Da müssen wir Angebote schaffen. Viele Lehrer stellen sich das etwas leicht vor. Sie glauben, dass wir das Theaterstück bei ihnen aufführen und dann gehen alle raus und sind keine Antisemiten mehr. Das ist eine Traumvorstellung. Genauso ist es naiv zu denken, dass Jugendliche eine Gedenkstätte besuchen und als begeisterte Demokraten wieder herauskommen. Die Komplexität der Gefühle muss man aufarbeiten. Jugendliche müssen lernen, eine Sprache für ihre Gefühle zu entwickeln. Uns ist es wichtig, dass wir dazu beitragen, den Geschichtsunterricht zu ändern und Lehrkräfte besser darauf vorzubereiten. Denn moderner Geschichtsunterricht muss auch die Migrationsgeschichte der Schülerinnen und Schüler miteinbeziehen.

Lassen sich mit solchen Projekten nicht hauptsächlich Jugendliche erreichen, die noch relativ gemäßigt sind?

Wir hatten auch schon Jugendliche, die am Anfang ziemlich antisemitische Haltungen hatten und gesagt haben, dass sie keinen Juden begegnen möchten. Die Spannbreite ist groß. Wichtig ist, dass Jugendliche unter sich eine Streit- und Diskussionskultur erlernen. 2017 haben wir unser Theaterstück vor 2000 Menschen aufgeführt. Damit erreichen wir die gesamte Gesellschaft. Denn es gibt viele in Deutschland, die sagen: Es muss doch langsam mal Schluss sein mit dem ganzen Erinnern. Die Abwehrhaltung, eine aktive Erinnerungskultur zu betreiben, ist gesamtgesellschaftlich relativ stark.

In Berlin und in anderen Städten kommt es zu Übergriffen auf Juden. Kommt man mit rationalen Argumenten überhaupt an solche Hardliner ran?

Man kann sie emotional erreichen. Wir versuchen ja durch Rollenspiele Themen anzutriggern, die alle kennen. Wir gehen nicht in eine Klasse rein und sprechen sofort über Antisemitismus. Antisemitismus hat viel mit patriarchalen Familienstrukturen und entsprechenden Narrativen zu tun. Erst über das Thema Männlichkeit steigen wir in das Thema ein. Wir erreichen die Jugendlichen genau dann, wenn wir ihnen eine alternative Sicht zeigen. Wenn wir zeigen, dass es in Israel eine sehr vielfältige Gesellschaft gibt. Viele wissen gar nicht, dass es im israelischen Parlament auch arabische Parteien gibt. Wir erzählen den Jugendlichen auch von muslimischen Retterfamilien, die im Zweiten Weltkrieg Juden versteckt und ihr eigenes Leben riskiert haben. Mit so etwas kann man sie gut erreichen.

Sie wollen ein Videoprojekt starten. Was haben Sie vor?

Wir wollen mit Videos auf das Phänomen Antisemitismus aufmerksam machen und für die Perspektive der Opfer sensibilisieren. Wir wollen aber auch Strategien anbieten, um das Thema in seinem Umfeld zu besprechen und gesamtgesellschaftlich gegen Antisemitismus zu agieren. Die Videos sind nicht nur für Jugendliche, sondern auch für Erwachsene.

Mit Burak Yilmaz sprach Christian Rothenberg



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