Kategorie -Studien für junge Leute

Jung, muslimisch, brutal

Berlin – Eine neue Studie hat eine besorgniserregende Entwicklung unter jungen Muslimen festgestellt: Demnach wächst ihre Gewalttätigkeit mit zunehmender Bindung an den Islam. Zudem nehme mit der Religiosität auch die Akzeptanz von Machokulturen und die Nutzung gewalthaltiger Medien zu.

Dies geht aus dem zweiten Bericht zu einem gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesinnenministeriums und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens (KFN) hervor, das von dem Kriminologen Christian Pfeiffer geleitet wird.

Als Erklärungsansatz ziehen die Autoren Befunde des türkischstämmigen Religionswissenschaftlers Rauf Ceylan heran. Dieser hatte festgestellt, dass die Mehrheit der Imame in Deutschland, also der muslimischen Geistlichen, den Rückzug in einen konservativen Islam und in die eigene Ethnie fördert. Die meisten Imame seien nur zeitweise in Deutschland, könnten kein Deutsch und deshalb keine positive Beziehung zur deutschen Kultur aufbauen. Für sie sei die Dominanz der Männer selbstverständlich. Ihre Lehren förderten entsprechende Einstellungen bei muslimischen Jugendlichen.

„Kein Problem des Islam“

Verantwortlich für die beschriebenen Phänomene sei nicht der Islam selbst, meinte Pfeiffer: „Das ist kein Problem des Islam, sondern der Vermittlung des Islam.“ Die muslimische Religiosität fördere eine „Akzeptanz der Machokultur“. Ceylan erklärte, zur Erklärung der Ergebnisse müssten viele Faktoren herangezogen werden. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) teilte auf Anfrage mit, die Ergebnisse der Studie aus Hannover sollen unter anderem auch in die Diskussionen bei der Deutschen Islamkonferenz einfließen.

Das KFN befragte 2007/2008 bundesweit in 61 Städten und Landkreisen rund 45.000 Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse. Ein Schwerpunkt war die Frage, wie sich die Zugehörigkeit zu einer Religion und die persönliche Religiosität auf die Einstellungen und Verhaltensweisen von 14- bis 16-Jährigen und insbesondere auf die Integration junger Migranten auswirken. Das Ergebnis: Während junge Christen mit steigender Religiosität weniger Gewalttaten begehen, ist bei jungen, männlichen Muslimen das Gegenteil der Fall.

Die Gruppe junger Migranten ohne Konfession sei am besten in die deutsche Gesellschaft integriert. „Sie steuern beispielsweise zu 41,2 Prozent das Abitur an, haben zu 62,9 Prozent deutsche Freunde und fühlen sich zu 66,1 Prozent als Deutsche“, erklären die Autoren der Studie. Bei jungen Muslimen sei dies anders: Sie verfolgten zu 15,8 Prozent den Abiturabschluss, hätten zu 28,2 Prozent deutsche Freunde und fühlten sich zu 21,6 Prozent als Deutsche.

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Werbung an der Ladentheke verleitet zum Rauchen

Stanford – Dass Tabakwerbung Jugendliche zum Rauchen verleitet, mag plausibel klingen, schlüssig bewiesen war es bisher aber nicht. Außerdem gibt es in der Europäischen Union strenge Regeln, wo und wie die Hersteller für ihre Glimmstängel werben dürfen. So ist Zigarettenwerbung in den Medien verboten. Doch eine neue US-Studie legt nun nahe, dass selbst bei verschärften Regeln immer noch genug Werbebotschaften zu Jugendlichen durchdringen – und diese zum Kauf von Zigaretten animieren.

Die Medizinerin Lisa Henriksen von der Stanford University School of Medicine berichtet im Fachmagazin „Pediatrics“, dass Tabakwerbung in Verkaufsstellen wie Tankstellen oder kleinen Tante-Emma-Läden die Zahl junger Raucher deutlich erhöht. „Die Tabakindustrie argumentiert, dass die Werbung dazu dient, Raucher zu einem Sortenwechsel zu animieren. Aber unsere Ergebnisse zeigen, dass die Werbung Teenager dazu ermutigt, eine tödliche Angewohnheit aufzunehmen“, sagt Henriksen.

Die Forscherin hatte in Kalifornien 11 bis 14 Jahre alte Mittelschüler über mehrere Jahre zu ihren Einkaufsgewohnheiten und Raucherfahrungen befragt. Dabei fand sie heraus, dass Besucher von kleinen Läden mit Tabakwerbung besonders häufig mit dem Rauchen anfangen. Als die Studie im Jahr 2003 begann, gaben 1681 der 2110 Befragten an, noch nicht geraucht zu haben. Nach einem Jahr erklärten 18 Prozent der ursprünglichen Nichtraucher, sie hätten seit der ersten Befragung mindestens einen Zug geraucht. Überdurchschnittlich viele von ihnen gaben an, Geschäfte mit viel Tabakwerbung zu besuchen. Eine kausale Beziehung ist das freilich nicht.

Und doch hält Forscherin Henriksen die Ergebnisse für eindeutig, weil die Zahlen eine klare Sprache sprechen würden. Schließlich hätten 30 Monate nach Beginn der Studie rund 27 Prozent der Befragten mit dem Rauchen angefangen. Bei den Kunden der kleinen Verkaufsstellen mit viel Tabakwerbung habe die Quote hingegen bei 34 Prozent gelegen – und unter denjenigen Jugendlichen, die mit wenig Werbung in Verkaufsstellen konfrontiert waren, bei nur 21 Prozent.

Das deutsche Tabakgesetz verbietet Werbung, deren Aufmachung Jugendliche und Heranwachsende zum Rauchen verführen könnte. Doch nicht immer halten sich die Konzerne daran. So ging der Berliner Bezirk Zehlendorf im April gegen ein Plakat vor, das die stilisierten Gesichter von Jugendlichen zeigte. Die Hersteller haben sich in einem Verhaltenskodex dazu verpflichtet, nicht mit Werbeträgern unter 30 zu werben – oder solchen, die zumindest jünger aussehen.

Dass es wichtig ist, Jugendliche vor Tabakwerbung zu schützen, glaubt auch die Jugendforscherin Seth Ammerman von der Stanford University. „Junge Menschen sind sehr empfänglich für Werbebotschaften.“ Die Befragung ihrer Kollegin Henriksen scheint genau das zu bestätigen. Um das Thema wird freilich weiter gestritten werden, so leicht werden sich die Werbeabteilungen der Tabakriesen nicht umstimmen lassen.

Die gesundheitlichen Folgen des Rauchens stehen freilich zweifelsfrei fest. Erst vor wenigen Tagen hatten Forscher um Jac Charlesworth von der Southwest Foundation for Biomedical Research in San Antonio berichtet, dass
regelmäßiger Zigarettenkonsum die Funktion von mehr als 300 Genen im menschlichen Erbgut stört.

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Keusche Kuschler

Berlin – Eine 17-Jährige, die schon mit 51 Jungs geschlafen hat. Ein 15-jähriger, der schon drei Frauen geschwängert hat. Jugendliche, die sich nicht mehr küssen, aber Erfahrungen mit Analsex haben. Solche Fälle schafften es in den vergangenen Jahren immer wieder in die Zeitungen. Es erschienen Bücher wie „Deutschlands sexuelle Tragödie“ – ein Jugendpastor aus Berlin hatte es geschrieben: Er beobachte, dass Mädchen und Jungen sexuell verwahrlosen.

Sozialarbeiter, Politiker, Lehrer, Journalisten, sie alle warnten vor der „Generation Porno“, die ihre Unschuld längst verloren habe. Die sich Hardcore-Filme aufs Mobiltelefon lädt; die sich mit Gangbang und Bondage auskennt; die sich bei
YouPorn informiert statt bei Dr. Sommer. Es gab Versuche gegenzusteuern, eine
Pädagogikprofessorin empfahl sogar, Pornos im Unterricht zu zeigen.

Die Jugend verroht, das war die Angst. Und immer neue Fälle schienen die These zu belegen, zuletzt die brutale
Vergewaltigung im Ferienheim auf Ameland, als acht Jungen, 13 bis 15 Jahre alt, andere Kinder missbrauchten.

Doch die vermeintliche Generation Porno scheint weitaus braver, treuer und verantwortungsvoller zu sein als ihr Ruf; das zeigt eine
neue Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die Jugendlichen von heute haben demnach später Sex als noch vor einigen Jahren, sie haben ihn meist innerhalb einer festen Partnerschaft, und sie verhüten ziemlich konsequent.

Und: „Das Interesse an Pornografie ist weitaus geringer als befürchtet“, sagt Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale. Vor allem Mädchen würden sich das kaum angucken.

Liebe, Partnerschaft – und dann erst Sex

Zwar konnten Jugendliche nie zuvor so ungehindert auf pornografische Inhalte zugreifen: 98 Prozent sind vernetzt, und die expliziten Filme und Bilder sind nur wenige Klicks entfernt. Doch sie scheinen dadurch nicht kollektiv verroht zu sein und
verlernt zu haben, wie man sich verliebt.

Im Gegenteil: Liebe, Partnerschaft – und dann erst Sex, so sehen das die meisten Jugendlichen, sagt Pott. „Ihnen ist es offensichtlich wichtig, erst den richtigen Partner zu finden.“ Ihrer Studie zufolge erleben die meisten ihr erstes Mal mit ihrem Freund oder ihrer Freundin – Blümchensex statt Gangbang-Party. Und gut ein Drittel der 17-Jährigen hatte Pott zufolge noch nie Geschlechtsverkehr – so viele wie lange nicht. Bei der letzten Erhebung aus dem Jahr 2005 waren es noch deutlich weniger.

Insgesamt lassen sich die Jugendlichen der Studie zufolge mehr Zeit. Während vor fünf Jahren noch zwölf Prozent der 14-jährigen Mädchen angaben, sie hätten bereits mit einem Jungen geschlafen, sank der Anteil diesmal auf sieben Prozent. Einen ähnlichen Rückgang gab es bei den gleichaltrigen Jungen: von zehn auf vier Prozent. Es zeige sich, „dass seit Mitte der neunziger Jahre die sexuelle Aktivität Jugendlicher fast unverändert und jetzt sogar rückläufig ist“, so Pott.

Außerdem würden 14- bis 17-jährige Jugendliche besser verhüten als Gleichaltrige in früheren Studien; nur acht Prozent der Mädchen und Jungen achten laut Studie nicht auf Schutz beim Sex. Vor 30 Jahren kümmerte sich noch jedes fünfte Mädchen und jeder dritte Junge nicht um Verhütung. Damals begann die Bundeszentrale damit, das Sexualverhalten der Jugendlichen zu erkunden.

Jungs informieren sich im Internet

Die Jugendlichen benutzen heute meist Kondome, drei Viertel wenden es beim ersten Mal an. Doch je aktiver die Jugendlichen werden, desto häufiger greifen sie zur Pille. Es steige aber auch der Anteil derer, die Pille und Kondom kombinieren, sagt Pott. Sie interpretiert das als Hinweis darauf, dass es den Jugendlichen nicht nur darum geht, Schwangerschaften zu verhindern, sondern dass sie sich auch vor einer HIV-Infektion schützen wollen.

Die Jugend kennt sich ziemlich gut aus mit Sex, auch zu dem Schluss kommt die Studie: „Das Gros hält sich selbst allgemein für ausreichend aufgeklärt.“ Im Detail gibt es aber noch Fragen und Unkenntnis zu Themen wie Schwangerschaft, Verhütung, Sexualpraktiken, Geschlechtskrankheiten. Viele Jungen (58 Prozent) und Mädchen (69 Prozent) sprechen zumindest über Verhütung mit ihren Eltern. Jungs sagen zudem, sie nutzten das Internet, um Wissenslücken zu schließen.

Erstmals gesondert ausgewertet wurde das Sexualverhalten von Zuwandererkindern. „Jungen aus Migrantenfamilien sind früher und damit insgesamt häufiger sexuell aktiv als ihre deutschen Geschlechtsgenossen“, heißt es in der Studie. Bei Mädchen ist es umgekehrt; vor allem junge, muslimische Türkinnen seien nur selten sexuell aktiv.

Die Sehnsucht nach dem Traumpartner

Unabhängig von der Herkunft ist der Hauptgrund für die Zurückhaltung: Es fehlt der richtige Partner. Bei Mädchen aus Zuwandererfamilien scheint aber auch die religiöse Tradition eine große Rolle zu spielen: Fast die Hälfte hält sich einfach noch für zu jung, um Sex zu haben, und gut ein Drittel findet Sex vor der Ehe falsch. „Unter Mädchen muslimischen Glaubens geben sogar 69 Prozent diese Antwort.“ Weniger als zehn Prozent der deutschen Mädchen sehen das so.

Während die meisten deutschen Jugendlichen mittlerweile mit ihren Eltern über Sex sprechen, ist das bei Zuwandererkindern anders: „Lediglich die Hälfte der Mädchen und nur 41 Prozent der Jungen aus Migrantenfamilien erhalten eine Verhütungsberatung im Elternhaus.“ Für sie sei die Schule die wichtigste Anlaufstelle, wenn es um
sexuelle Aufklärung gehe.

Für die Studie habe die Bundeszentrale 3542 Jugendliche befragt, davon rund tausend Kinder aus Zuwandererfamilien. Dass die Mädchen und Jungen bei diesen Befragungen nicht geprahlt oder gelogen haben, das zeigen Pott zufolge auch zahlreiche andere Studien und Statistiken. So belege etwa die Zahl der HIV-Infektionen und Teenagerschwangerschaften in Deutschland, dass die Jugendlichen tatsächlich sehr gewissenhaft verhüten. In Deutschland werden nur etwa 16 von 1000 Mädchen unter 20 Jahren schwanger. Zum Vergleich: In Schottland und Bulgarien sind es mehr als 55.

Von „der bravsten Generation seit langem“, spricht auch Klaus Farin vom Archiv der Jugendkulturen in Berlin. Er beobachtet seit langem verschiedenste Jugendszenen, Punks, Skins, HipHoper. Er geht auf Konzerte, spricht mit jungen Menschen, wertet Studien aus, archiviert Magazine, Kassetten, Poster. Er sagt, dass die Jugendlichen nicht nur sexuell zurückhaltender seien als früher. Auch die Jugendkriminalität gehe zurück, ebenso der Tabak- und Drogenkonsum. Dafür würden sich mehr Jugendliche als früher politisch engagieren.

Bundeszentralen-Direktorin Pott glaubt, dass die verrohte Generation Porno ein Medienphänomen ist. „Natürlich gibt es Einzelfälle“, sagt sie, aber sie wären keineswegs repräsentativ für die Masse. Deutschland scheint von einer sexuellen Tragödie also ziemlich weit entfernt zu sein.

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Zehntausende suchen vergeblich einen Job

Gütersloh – Sie sind jung, haben einen Schulabschluss – und kommen trotzdem nicht auf dem Arbeitsmarkt unter. Allein in Westdeutschland haben rund 260.000 Realschulabsolventen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren keine Berufsausbildung. Insgesamt sind mittlerweile 1,5 Millionen junge Menschen ohne Berufsabschluss – etwa jeder Fünfte. Das sind die Ergebnisse einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung, die in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung entstanden ist.

Die Studie weist vor allem auf die fatalen Konsequenzen hin, mit denen junge Menschen ohne Ausbildungsplatz rechnen müssen. Ihre Chancen auf eine Voll- oder Teilzeiterwerbstätigkeit ist seit 1996 deutlich gesunken, ihr Arbeitslosigkeitsrisiko hat dagegen merklich zugenommen.

So waren beispielsweise im Jahr 2007 von den männlichen Realschulabsolventen ohne Ausbildungsabschluss 22,5 Prozent erwerbslos. Von den jungen Männern mit Hauptschulabschluss ohne berufliche Qualifikation war knapp ein Viertel von Erwerbslosigkeit betroffen, von den Hauptschulabsolventen mit Berufsabschluss hingegen lediglich neun Prozent.

Nur wer ein Abitur in der Tasche hat, braucht nicht unbedingt eine abgeschlossene Ausbildung. „Voraussetzung für die Teilhabe am Arbeitsmarkt ist heute eine erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Abitur“, fasst Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, die Studienergebnisse zusammen. „Ein Haupt- oder Realschulabschluss allein schützt heute nicht mehr vor Arbeitslosigkeit.“

Um die Chancen der Jugendlichen zu verbessern, seien tiefgreifende Reformen in der Bildungspolitik notwendig. Nur so werde Erfolg in Schule und Ausbildung auch „unabhängig von der sozialen oder ethnischen Herkunft der Jugendlichen“ möglich. Um den Mangel an Ausbildungsplätzen zu beheben, sollten neben dem dualen System auch alternative Ausbildungsformen und „Nachqualifizierungsangebote“ angeboten werden.

Defizite bei der beruflichen Bildung in Deutschland sieht auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Bildungsexperten kritisierten am Dienstag die große Zahl an
Jugendlichen ohne berufliche Ausbildung.

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Jugendliche trotzen der Krisenstimmung

Berlin – Deutschlands Jugendliche sehen ihrer Zukunft optimistisch entgegen, bei der Einschätzung ihrer persönlichen Perspektiven aber klafft die Schere zwischen den sozialen Milieus immer weiter auseinander. Das geht aus der jüngsten Shell-Jugendstudie hervor, die am Dienstag in Berlin vorgestellt wurde.

Ob Politikinteresse, Bildungschancen oder soziales Engagement: Die 12- bis 25-Jährigen aus sozial benachteiligten Familien zeigen in allen Bereichen deutlich weniger Zuversicht. So sehen insgesamt 59 Prozent der Jugendlichen ihrer Zukunft positiv entgegen. Bei der letzten Studie im Jahr 2006 waren es nur 50 Prozent. Allerdings sind nur 33 Prozent der jungen Menschen aus sozial benachteiligten Schichten derart optimistisch.

Diese soziale Kluft wird auch bei der Frage nach der Zufriedenheit mit dem eigenen Leben deutlich. Während fast drei Viertel der 2500 Befragten im Allgemeinen zufrieden mit ihrem Leben sind, äußern sich nur 40 Prozent der Jugendlichen aus der Unterschicht positiv.

„Die Kluft zwischen den sozialen Schichten ist nicht neu, aber sie vertieft sich“, sagte Studienleiter Mathias Albert. Zehn bis 15 Prozent der jungen Menschen seien „sozial abgehängt“: Sie seien sowohl pessimistisch eingestellt, als auch politisch kaum engagiert und hätten wenig Vertrauen in die Familie. Als sozial benachteiligt wurden Familien eingestuft, in der die Eltern keine oder nur eine geringe Berufsausbildung haben und von Arbeitslosigkeit bedroht beziehungsweise arbeitslos sind.

Die Shell-Untersuchung wurde gemeinsam von den Bielefelder Sozialwissenschaftlern Mathias Albert, Klaus Hurrelmann und Gudrun Quenzel sowie einem Expertenteam des Münchner Forschungsinstituts TNS Infratest Sozialforschung verfasst. Für die Studie wurden Anfang des Jahres mehr als 2500 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren zu ihrer Lebenssituation, ihren Glaubens- und Wertvorstellungen sowie ihrer Einstellung zur Politik befragt.

Junge Menschen glauben an ihre berufliche Zukunft

Die Globalisierung macht jungen Menschen immer weniger Angst. Sie verbinden mit ihr vor allem die Freiheit, in ferne Länder zu reisen, im Ausland studieren und arbeiten zu können. Sie bringen Globalisierung zunehmend mit wirtschaftlichen Wohlstand in Verbindung: Bei der Befragung 2006 vor der Wirtschaftskrise stellten 37 Prozent diese Verbindung her, heute sind es 53 Prozent.

Die Einschätzung der Jugendlichen zu ihren Berufsaussichten hat sich deutlich verbessert. 76 Prozent der Auszubildenden glauben, nach der Lehre übernommen zu werden. 71 Prozent sind überzeugt, dass sich ihre beruflichen Wünsche erfüllen werden. Auch hier zeigt sich jedoch ein deutlicher Unterschied je nach sozialer Herkunft: Von Jugendlichen aus sozial schwachen Familien teilen diese Überzeugung nur 41 Prozent.

Auch das Freizeitverhalten der Jugendlichen hängt offenbar vom sozialen Umfeld ab: Jugendliche aus ärmeren Verhältnissen verbringen mehr Zeit vor Fernseher und Computer. Dagegen verbringen junge Menschen aus sozial besser gestellten Familien mehr Zeit mit Lesen und kreativen Tätigkeiten.

Offline ist so gut wie keiner mehr. 96 Prozent der jungen Menschen haben Zugang zum Internet. Zugleich stieg die Zahl der Stunden, die sie im Internet verbringen: Im Schnitt surfen sie 13 Stunden pro Woche. 2002 waren es sieben Stunden, 2006 knapp über neun Stunden.

„Anzeichen einer Repolitisierung“

Was sich schon in der Studie 2006 zeigte, bestätigte die diesjährige Untersuchung: Junge Frauen haben ihre Altersgenossen bei der Schulbildung überholt und streben häufiger das Abitur an.

Die Autoren der Studie sprachen außerdem von „ersten Anzeichen einer Repolitisierung“. So sei der Anteil der politisch Interessierten wieder leicht angestiegen. Bei den zwölf bis 14-Jährigen hat sich das Interesse in den letzten acht Jahren fast verdoppelt – fast ein Viertel bezeichnet sich als politisch interessiert. Bei den 15- bis 17-Jährigen sind es sogar ein Drittel.

Die politische Ausrichtung der Jugendlichen blieb indes gleich: Leicht links der Mitte. Das Vertrauen in Institutionen wie Polizei, Bundeswehr und Gerichte ist weiterhin hoch. Niedrig ist es dagegen in die Regierung, die Kirche, große Unternehmen und Parteien.

Weniger als die Hälfte der Katholiken hält Gott für wichtig

Während sich junge Menschen ihre Laune von der Rezession allgemein nicht vermiesen lassen, hat sich ihre Einstellung gegenüber der Wirtschaft geändert: Vor allem das Vertrauen in Banken hat schwer gelitten.

Religion ist für junge Menschen nicht wichtig. Dabei unterscheidet sich die Einstellung nach Ost und West. In den neuen Ländern ist Religion fast bedeutungslos geworden, in den alten spielt sie eine mäßige Rolle. Und nur 44 Prozent der katholischen Jugendlichen gaben an, dass Gott für sie wichtig sei. Für Jugendliche mit Migrationshintergrund spielt Religion dagegen eine größer werdende Rolle in ihrem Leben.

Leicht zugenommen hat der Wunsch nach Kindern. In der letzten Befragung sagten knapp zwei Drittel, selbst einmal Kinder haben zu wollen, in diesem Jahr waren es 69 Prozent. Junge Frauen äußern diesen Wunsch häufiger (73 Prozent) als junge Männer (65 Prozent).

Einig sind sich junge Menschen darin, dass man ohne eine Familie nicht glücklich leben kann. Mehr als drei Viertel sind der Meinung, dass Familie unverzichtbar ist. Und mehr als 90 Prozent geben an, ein gutes Verhältnis zu ihren Eltern zu haben. Dabei ist auffällig, dass es in der Erziehungsfrage keine Kluft zwischen den Generationen zu geben scheint: Fast drei Viertel geben an, ihre eigenen Kinder so erziehen zu wollen, wie sie selbst erzogen wurden.

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Frust-Schub bei den Abgehängten

Es ist auf den ersten Blick die gute Nachricht des Tages: Deutschlands Jugend ist optimistisch, sie hat trotz Wirtschaftskrise, trotz der lange düsteren Prognosen den Mut nicht verloren. 59 Prozent blicken zuversichtlich in die Zukunft, neun Prozentpunkte mehr als noch 2006 und damit vor der Wirtschaftskrise.

Doch die neue Shell-Jugendstudie hat auch eine andere Botschaft: „Die Kluft zwischen den sozialen Schichten ist nicht neu, aber sie vertieft sich“, sagte Studienleiter Mathias Albert. Nur jeder dritte Jugendliche aus sozial schwachen Familien blickt zuversichtlich in seine Zukunft.

Albert sprach bei der Präsentation der Studie von „sozial Abgehängten“, die zehn bis 15 Prozent der jungen Menschen ausmachten. Sie seien sowohl pessimistisch eingestellt als auch politisch kaum engagiert und hätten wenig Vertrauen in die Familie.

Der Bildungserfolg von Jugendlichen hängt in Deutschland so sehr von der sozialen Herkunft ab, wie in sonst kaum einem Land. Das moniert seit Jahren die OECD, das ist das Ergebnis aller Vergleichstudien zu den Leistungen und Karrieren der Schüler. Die Shell-Studie fügt dem nun die Einschätzung derjenigen hinzu, die hinter den Zahlen und Statistiken stehen. Und die ist pessimistisch, wenn die sozial Benachteiligten zu Wort kommen.

Die Kluft hat Folgen für Demokratie und Gesellschaft

Die Shell-Untersuchung wurde gemeinsam von Bielefelder Sozialwissenschaftlern sowie einem Expertenteam des Münchner Forschungsinstituts TNS Infratest Sozialforschung verfasst. Für die Studie wurden Anfang des Jahres mehr als 2500 Jugendliche im Alter von 12 bis 25 Jahren zu ihrer Lebenssituation, ihren Glaubens- und Wertvorstellungen sowie ihrer Einstellung zur Politik befragt. Fast ein Viertel der Befragten zählte zur Unterschicht und unteren Mittelschicht.

Drei Viertel der befragten jungen Menschen aus der Mittel- und Oberschicht gehen davon aus, dass sich ihre beruflichen Wünsche erfüllen werden. Bei den jungen Menschen aus sozial schwachen Familien sind es nur vier von zehn.

Die Kluft ist eklatant, auch in anderen Bereichen – und das zeigt die Folgen der Bildungsmisere für Gesellschaft und Demokratie: Das Interesse der jungen Menschen an politischen Themen ist zwar allgemein gestiegen, doch dazu haben allein Mitglieder der Ober- und Mittelschicht beigetragen. Auch hier zeigen sich Jugendliche aus sozial schwachen Familien resigniert.

Die Diagnose ist deutlich – die Reaktionen entsprechend heftig

Und nicht nur ihr Interesse an Nachrichten und gesellschaftlichen Debatten ist niedriger: Sie engagieren sich auch seltener sozial. „Aktivität und Engagement sind bildungs- und schichtabhängig“, so die Autoren in einer Zusammenfassung der Studie. „Je gebildeter und privilegierter die Jugendlichen sind, desto häufiger sind sie im Alltag aktiv für den guten Zweck.“ Zugleich gilt: Je weniger gebildet sie und ihre Eltern sind, desto mehr Zeit verbringen sie vor Fernseher und Computer, desto häufiger nutzen sie das Internet zum Spielen, desto seltener lesen sie.

Die Diagnose ist deutlich – die Reaktionen entsprechend heftig. „Die Gesellschaft schadet sich selbst massiv, wenn die Zukunftschancen der Kinder bereits im Kreißsaal ausgemacht sind“, sagte der Bundesvorsitzende der Grünen, Cem Özdemir. Er sprach von einem „Hilfeschrei an die Politik“. Es sei an der Zeit, „endlich für Chancengerechtigkeit in unserem Bildungssystem zu sorgen, gerade benachteiligte Kinder besser zu unterstützen und ideologische Debatten zu entsorgen“.

Jugendliche erwarten von Politikern und Parteien kaum etwas

Entscheidend für Lebenswege sei eine Unterstützung zum richtigen Zeitpunkt, sagt Wissenschaftler Albert. Bundesfamilienministerin Kristina Schröder (CDU) warb angesichts der Studienergebnisse für die frühkindliche Bildung. Die übernächste Shell-Jugendstudie werde zeigen, ob sich die geplanten Investitionen für Sprach- und Integrationsförderung auszahlen werden. Hierfür stünden von 2011 bis 2014 zusätzlich rund 400 Millionen Euro in sogenannten Brennpunkt-Kitas bereit.

So lange will die Fraktionsvorsitzende der Grünen, Renate Künast, nicht warten: Die heutigen Jugendlichen ohne Schulabschluss würden von der Bundesregierung ausgeblendet und vernachlässigt, kritisierte sie.

Die Jugendlichen selbst werden aus politischen Debatten oder Programmen nicht mehr und nicht weniger Hoffnung schöpfen: Ihr Vertrauen in Bundesregierung und Parteien ist ähnlich gering wie das in Banken.

Das Ergebnis der Studie wird das Bild der heutigen Jugend für die nächsten Jahre mit prägen: Kaum eine Untersuchung ist in diesem Bereich derart hoch angesehen und wird so häufig zitiert. Wer künftig gute Nachrichten über die Jugend von heute verbreiten möchte, kann sich auf sie beziehen. Wer Belege für Missstände sucht, wird ebenfalls nicht um sie herumkommen.

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„Bei Zwölfjährigen ist oft nichts mehr zu retten“

SPIEGEL ONLINE: Herr Albert, Sie zeichnen in der
Shell-Jugendstudie das Bild von einer leistungsbereiten Jugend, die zufrieden ist mit ihren Eltern und sich wieder politisch interessiert, ohne zu rebellieren. Kommt da die Generation brav?

Mathias Albert: Nein, die Jugendlichen sind keine neukonservativen Biedermänner. Sie kombinieren klassische Werte der Achtundsechziger wie Selbstverwirklichung mit konservativen Einstellungen zu Familie und Freundschaft. An ein geschlossenes Wertesystem oder Weltbild glauben sie schon lange nicht mehr, an Ideologien auch nicht. Sie versuchen sich in einer Gesellschaft zu behaupten, die ihnen ziemliche schlechte Bedingungen bietet. Erstaunlich ist in der Tat, dass sie dagegen kaum rebellieren.

SPIEGEL ONLINE: Wobei es in den vergangen Monaten
viele Proteste an Unis und Schulen gab gegen straffe Lehrpläne, überfrachtete Studiengänge und wachsenden Leistungsdruck.

Albert: Diese Proteste gingen kaum über die Hochschulen hinaus und richteten sich vor allem gegen Studiengebühren. Das war nur ein kleiner Teil der Studenten, wenn man genauer hinschaut.

SPIEGEL ONLINE: In vielen Städten gingen Tausende auf die Straße.

Albert: Es gingen viele auf die Straße, aber es war keine Jugendbewegung. Der Großteil der Jugendlichen reagiert auf den ständig steigenden Leistungsdruck bislang sogar positiv; sie nehmen ihn an, sind leistungsbereiter und schauen optimistischer und zufriedener in die Zukunft als noch vor vier Jahren bei unserer letzten Studie – trotz Wirtschaftskrise. Das hat auch mich überrascht.

SPIEGEL ONLINE: Dass der Druck gestiegen ist, das merken die Jugendlichen aber schon?

Albert: Sicher, sie wissen, dass sie mehr bringen müssen. Allein im Bildungswesen gibt es eine Inflation an Bildungstiteln, etwa bei Bachelor und Master. Niemand weiß mehr, wie viel er leisten muss, um später halbwegs sicher zu sein. Deshalb bauen die Jugendlichen sich ein Wertefundament. Und sie resignieren eben nicht, ihr Optimismus ist nicht aufgesetzt. Sie wissen, dass es Probleme gibt, aber sie glauben an sich und ihre Fähigkeit, sie zu lösen.

SPIEGEL ONLINE: Noch mehr Druck heißt aber doch nicht noch mehr Zuversicht?

Albert: Nein, das ist kein kausales Gesetz. Das wird so nicht weitergehen – im Gegenteil. Unsere Studie zeigt, dass wir am Beginn einer Repolitisierung der Jugend stehen. Diese politischere Generation wird sich ihre Themen suchen. Wir können nur spekulieren, um welche Themen – Bildung, Umwelt, Kernkraft oder etwas ganz anderes – es sich drehen wird.

SPIEGEL ONLINE: Das Ende der Politikverdrossenheit?

Albert: Jedenfalls liegt dort ein ungeheures Potential an politischer Aktivität. Allerdings werden Parteien und andere traditionelle Institutionen erst einmal nicht davon profitieren. Das Ansehen der Parteien ist so schlecht wie seit Jahren – diesmal nur noch unterboten von den Banken. Nach denen haben wir allerdings auch zum ersten Mal gefragt, weil es uns nach der Finanzkrise interessiert hat.

SPIEGEL ONLINE: Die Jugendlichen sind nicht rebellisch, aber sie wollen sich engagieren – wie?

Albert: Insgesamt ist bei 77 Prozent der Jugendlichen die Bereitschaft zu politischen Aktionen vorhanden oder sogar hoch oder sehr hoch – das reicht vom Unterschreiben einer Unterschriftenliste bis hin zur Teilnahme an Protesten. Das kann aber auch das Boykottieren von Waren sein.

SPIEGEL ONLINE: Zuversicht, Leistungsbereitschaft, politisches Interesse – all das gilt allerdings nicht für Jugendliche aus bildungsfernen Familien.

Albert: Ja, bei fast allen Themen lässt sich feststellen:
10 bis 15 Prozent sind abgehängt. Und es scheint, als wüssten diese Jugendlichen selbst, dass ihre Chancen vom Elternhaus abhängen: Nur wenige dieser abgehängten Jugendlichen sagen, sie würden ihre Kinder so erziehen, wie ihre Eltern es getan haben. Hier ist die Kluft markant: Denn drei Viertel aller Jugendlichen sehen das anders.

SPIEGEL ONLINE: Was lässt sich tun, um die soziale Kluft zu verkleinern?

Albert: Bei Zwölfjährigen ist oft nichts mehr zu retten – und erst bei dieser Alterskohorte setzt unsere Studie an. Da kann schon alles zu spät sein und es lässt sich nur noch an Symptomen herumdoktern. Wichtig ist die frühkindliche Bildung. Die Elternhäuser geben ihren Kindern nicht die nötigen Kompetenzen mit auf den Weg, teils aus mangelndem Willen, teils aus Unvermögen. Hier müssen wir ansetzen.

SPIEGEL ONLINE: Schule kann also kaum noch etwas ausrichten?

Albert: Sie kann versuchen zu reparieren. Und deshalb fordere ich seit langem, dass mehr Geld in die Hauptschulen fließen muss. Wir dürfen nicht darauf warten, dass sich 16 Bundesländer auf ein nachhaltiges Schulsystem einigen. Darauf warten wir seit Jahrzehnten und es wird noch einmal Jahrzehnte dauern. Die abgehängten Hauptschüler sind aber jetzt da, sie brauchen jetzt Unterstützung.

Das Interview führte Oliver Trenkamp

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Familientherapie senkt Rückfallgefahr bei Magersucht

Chicago – Ist bei Magersucht eine Familientherapie wirksamer als die individuelle Behandlung des Patienten? Experten streiten seit langem über diese Frage. Jetzt glauben amerikanische Forscher, sie mit einem direkten Vergleich der beiden Behandlungsformen beantwortet zu haben.

„Diese Studie war dringend nötig“, sagt Untersuchungsleiterin Lucille Packard von der kalifornischen Stanford University. Es handele sich um den ersten direkten Vergleich der zwei Therapien. „Anorexie ist eine lebensbedrohliche Krankheit, und es ist bemerkenswert, wie wenig wir über die Behandlung wissen“, sagt die Forscherin. Menschen mit Magersucht fühlen sich zu dick und versuchen nach Möglichkeit abzunehmen. Betroffen sind etwa sechs von Tausend Mädchen, Jungen erkranken deutlich seltener.

In der Studie verglichen die Wissenschaftler 120 Patienten, die sie in zwei Gruppen einteilten: Eine per Los ausgewählte Gruppe unterzog sich ein Jahr lang einer Psychotherapie, die sich auf die Ängste der Patienten konzentrierte. In der anderen Gruppe wurden die Eltern mit in die Behandlung einbezogen: Über die Dauer eines Jahres wurden sie unter anderem regelmäßig angewiesen, verstärkt auf das Essverhalten ihrer Kinder zu achten.

Ein Jahr nach dem Ende dieser Familientherapie war etwa die Hälfte der zuvor Magersüchtigen vollständig symptomfrei. Sie hatten mindestens 95 Prozent des Normalgewichts und kein gestörtes Verhältnis mehr zum Essen. In der individuell behandelten Vergleichsgruppe lag der Anteil nur bei knapp einem Viertel der Teilnehmer, berichten Wissenschaftler im Fachblatt
„Archives of General Psychiatry“.

Der Unterschied zwischen beiden Verfahren beruhte vor allem darauf, dass die Teilnehmer nach Abschluss der Familientherapie seltener einen Rückfall erlitten. „Obwohl beide Ansätze einem Teil der Patienten halfen, deutet die Studie stark darauf hin, dass die Familien-basierte Therapie als Erstbehandlung überlegen ist“, sagt Studienleiter James Lock. „Ärzte sollten verstehen, dass Eltern hilfreich sein können.“ Der Psychiater betont jedoch, dass manche Patienten durchaus eher von einer Einzeltherapie profitieren könnten.

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Jugendliche werden verschwiegener im Netz

Da dürften einige Eltern erleichtert aufatmen: Jugendliche gehen vorsichtiger mit ihren Daten im Internet um. Das ist eines der wichtigsten Ergebnisse der neuen JIM-Studie (Jugend, Information, (Multi-)Media), die an diesem Freitagnachmittag in Mannheim vorgestellt wurde. Im Vergleich zum Vorjahr geben 2010 weniger Jugendliche persönliche Informationen wie ihre Instant-Messenger-Kennung oder ihre Hobbys im Netz an. Außerdem ist die Nutzung der sogenannten „Privacy Option“ sprunghaft angestiegen. Mit dieser Option können Nutzer regulieren, wer welche Informationen auf ihren Social-Network-Profilen einsehen kann.

Für die jährlich erscheinende JIM-Studie werden mehr als tausend Jugendliche zwischen 12 und 19 Jahren zu ihrem Mediennutzungsverhalten befragt. Auftraggeber ist der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest (MPFS).

„Wir beobachten eine positive Entwicklung des Problembewusstseins unter Jugendlichen“, sagt Thomas Rathgeb, der Leiter der Geschäftsstelle des MPFS, im Gespräch mit SPIEGEL ONLINE. War 2009 noch das Jahr, in dem die Mitteilungsfreudigkeit von Jugendlichen stark angestiegen war, zeichnet sich 2010 eine Wende ab: Persönliche Informationen wie Hobbys geben nur noch 76 Prozent der jungen Nutzer an (2009: 83 Prozent). Auch beim Hochladen von Fotos und Filmen ist die Zurückhaltung gewachsen: 64 Prozent der Jugendlichen laden eigenes Material hoch (2009: 69 Prozent), Fotos und Filme von Freunden oder Familie werden nur von 41 Prozent ins Netz gestellt. 2009 waren es noch 51 Prozent.

Viel vorsichtiger sind die Jugendlichen bei der Angabe direkter Kontaktmöglichkeiten geworden: Ihre Instant-Messenger-Kennung nennen nur noch 26 Prozent (2009: 35 Prozent). Kaum Veränderungen gibt es bei der Preisgabe der Festnetz- oder Handynummer: Hier handeln Jugendliche seit längerem äußerst bedacht, nur vier Prozent geben diese Information heraus (2009: fünf Prozent).

„Die Eigenverantwortung der Jugendlichen ist gefragt“

Zu der neuen Vorsicht dürften mehrere Faktoren beigetragen haben. „Jugendliche lernen voneinander“, sagt Thomas Rathgeb. „Wenn einer schlechte Erfahrungen damit gemacht hat, persönliche Daten preiszugeben, spricht sich das im Freundeskreis herum und die Jugendlichen ändern ihr Verhalten.“ Je länger der Boom der Social Networks anhält, desto erfahrener und vorsichtiger werden die Nutzer.

Aber auch unter Lehrern und Eltern ist das Problembewusstsein gestiegen. Daten- und Verbraucherschutz im Internet wird mittlerweile häufiger im Unterricht und zu Hause diskutiert, was ebenfalls zu mehr Besonnenheit bei Jugendlichen beitragen dürfte.

Positiv beurteilt Rathgeb darüber hinaus auch die Selbstverpflichtung mehrerer deutscher Anbieter von Social Networks:
In einem freiwilligen Verhaltenskodex hatten sich unter anderem die VZnet Netzwerke, Lokalisten und Wer-kennt-wen zu umfassendem Jugend- und Datenschutz bekannt. Diese Netzwerke weisen von sich aus auf ihre „Privacy Option“ hin oder haben sie als Standard-Einstellung festgelegt. So lässt sich auch der große Anstieg bei der Nutzung der „Privacy Option“ erklären: 2010 geben zwei Drittel der jungen Nutzer von Social Networks an, von diesen Kontrollmöglichkeiten Gebrauch zu machen. Im Vorjahr war es nur knapp die Hälfte.

Allerdings haben sich zu dem Verhaltenskodex nur deutsche Anbieter verpflichtet – und die verlieren laut JIM-Studie unter deutschen Jugendlichen an Attraktivität. SchülerVZ kann sich zwar als Marktführer behaupten: 53 Prozent aller Nutzer sind hier angemeldet (2009: 59 Prozent). Doch Facebook gewinnt explosionsartig an jungen Mitgliedern: 2009 waren nur sechs Prozent aller Jugendlichen bei dem US-amerikanischen Anbieter, 2010 sind es bereits 37 Prozent.

Was die Intensität der Nutzung angeht, macht Facebook SchülerVZ ebenfalls Konkurrenz: Nur rund ein Drittel der User nutzt das deutsche Angebot noch am häufigsten (2009: 42 Prozent). Die Beliebtheit von Facebook wurde im Vorjahr in der JIM-Studie noch nicht abgefragt, 2010 kommt das US-Netzwerk deshalb aus dem Stand auf 19 Prozent.

Da Facebook deutlich nachlässiger mit Nutzerdaten umgeht als die deutschen Anbieter, wird sich das Problem des Jugend- und Datenschutzes im Internet in der Zukunft wohl in neuer Form wieder stellen. „Globale Anbieter nehmen natürlich keine Rücksicht auf die Diskussionen in Deutschland“, sagt Thomas Rathgeb von der MPFS. „Hier ist die Eigenverantwortung der Jugendlichen gefragt.“


Siehe auch:
„Kernergebnisse der JIM-Studie 2010 – Jugendliche sind Kommunikations-Junkies“

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Schreie, die keiner hört

Es war ein lichtdurchfluteter, warmer Sommertag, als es für Laura nicht mehr hell wurde. Die Sommerferien hatten gerade erst begonnen, eigentlich die schönste Zeit für Jugendliche, Zeit für Freunde und Freiheit, den ersten Flirt.

Aber Laura, 14, die immer sportlich gewesen war, schaffte es kaum noch aufzustehen. Ihre Eltern und Freunde glaubten an eine Laune, eine Phase, wer hat die denn nicht, in der Pubertät? Warum auch sollten sie sich sorgen? Das Mädchen lebte in einer intakten Familie im gut situierten Berliner Westen, keine Geldsorgen, keine größeren Schulprobleme, kein Liebeskummer. Und doch wollte es für Laura nicht mehr hell werden. Das Licht wurde fast ihr Feind.

Laura verdunkelte ihr Zimmer, schaltete das Handy ab, löschte ihr Foto auf der Facebook-Seite, als wollte sie verschwinden, und blieb tagelang einfach zu Hause, meist im Bett. Sie lebte innerlich und äußerlich in einer Dunkelkammer, zu der niemand Zutritt hatte und aus der sie selbst nicht herausfand. Worte findet sie dafür immer noch nicht, auch jetzt nicht, obwohl es ihr wieder besser geht, seitdem sie und ihre Eltern wenigstens wissen, welchen Feind sie da zu bekämpfen haben, seitdem Lauras Dunkelheit einen Namen hat:
Depression.

„Das Schlimmste war diese Stille“

Für Laura war die Diagnose der erste Schritt zur Genesung, für ihre Eltern war sie ein Schock. Ihre Mutter Martina hatte eine Ahnung, „aber wer will das schon glauben, wer will das schön hören: Ihr Kind ist depressiv!“ Also ließen sie die Tochter anfangs in Ruhe, doch als Laura nach den Ferien auch in der Schule abrutschte, ihren früher so geliebten Tanzkurs schwänzte und am liebsten nur noch schwarze T-Shirts tragen wollte, griffen die Eltern ein. Erst versuchten sie es selbst, mit Motivation, mit Druck, aber je stärker sie auf Laura zugingen, umso weiter zog sie sich zurück. „Wenn sie wenigstens geschrien, geklaut oder auf mich eingeprügelt hätte“, sagt ihre Mutter. Das Schlimmste, erinnert sie sich, „war diese Stille“.

Depressionen bei Jugendlichen sind eine „leise“ Krankheit, werden sie doch in ihren unterschiedlichen Ausdrucksformen häufig als Pubertätswirren missdeutet. Das macht sie so gefährlich, so unheimlich, so unfassbar. Lange war die Diagnose Depression für Erwachsene reserviert. Inzwischen finden Fachärzte depressive Störungen sogar schon bei Vierjährigen, Schätzungen zufolge werden bis zu 20 Prozent der Jugendlichen im Lauf des Heranwachsens mindestens einmal von der Finsternis verfolgt, die ihr Gemüt verklebt. Ohne Behandlung laufen sie Gefahr, dass ihre Krankheit chronisch wird.

Erhöht ist das Risiko für Mädchen und für Kinder, deren Eltern an einer depressiven Störung erkrankt waren; Armut gilt neuerdings ebenfalls als wichtiger Faktor. Ausgelöst werden kann eine Depression von einem starken Stresserlebnis, etwa einem Todesfall oder massiven Familienkonflikten. Doch auch Gewalt und chronische Vernachlässigung können eine Rolle spielen, ebenso
Mobbing und anhaltender Druck in der Schule. Und manchmal ist die Ursache, wie bei Laura, einfach unbekannt.

Bleibt eine Depression bei Kindern und Jugendlichen unentdeckt, wächst die Gefahr, dass sich andere psychische Erkrankungen einschleichen, eine Sucht zum Beispiel oder eine Essstörung.

Das Problem bei Depressionen im Kindheits- und Jugendalter: Die Symptome sind oft sehr unspezifisch. Wenn ein Kind traurig ist, häufig über Bauchschmerzen klagt, sich zurückzieht oder Angst hat, kann das auf alle möglichen psychischen Störungen hindeuten. Es kann aber auch völlig normal sein und wieder vergehen, nur eine dieser berühmten Phasen sein, über die Eltern so gern stöhnen.

Kinder dürfen traurig sein. Wenn ein Haustier gestorben ist, ist es völlig normal, wenn ein Kind mal zwei Wochen lang trauert. Wenn aber aus den Wochen Monate werden oder keine klare Ursache für die Düsternis erkennbar ist, dann sollten sich die Eltern Hilfe holen und das erste große Hindernis überwinden: ihre Scheu vor einem Besuch beim Psychologen.

Die Kinderpsychiaterin Laura Prager vom Massachusetts General Hospital in Boston empfiehlt in der Fachzeitschrift „Pediatrics in Review“, bei der Diagnose vor allem die jeweilige Entwicklungsphase zu beachten. Was für ein Kind eines bestimmten Alters einen akuten Stressauslöser darstelle, könne sich bei einem älteren Kind weniger stark auswirken. Zudem sollten Kinderpsychiater den sozialen Hintergrund der Familie und die medizinische Geschichte der Betroffenen berücksichtigen. Wichtig sei auch, das Selbstmordrisiko der jungen Patienten einzuschätzen. Gedanken an einen Suizid sollten Eltern, Lehrer oder andere Bezugspersonen in jedem Fall ernst nehmen: Bei jungen Menschen ist Selbstmord die zweithäufigste Todesursache nach Unfällen.

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