Weniger Kalorien, längeres Leben: Diät verlangsamt das Altern


Die Altersuhr eines Menschen beginnt bei der Geburt an zu ticken – unaufhörlich. Doch er kann sie beeinflussen. Forscher präsentieren neue Erkenntnisse, wie sich das Altern verlangsamen lässt. Wie funktioniert der „positive Anti-Aging-Effekt“?

Der Takt der biologischen Uhr lässt sich durch eine Diät verlangsamen. Dies haben Forscher mit einer Analyse spezieller Veränderungen am Erbgut belegt. Das Team um Shinji Maegawa von der Temple University in Philadelphia setzte für die Studie Affen auf eine Diät. Dabei wurde die Zusammensetzung des Futters nicht verändert, sondern nur weniger von einer normalen Mahlzeit gegeben.

Dann untersuchten sie mithilfe von Blutproben sogenannte epigenetische Veränderungen im Erbgut der Tiere. Dabei lagern sich kleine Substanzen an die DNA an und blockieren das Ablesen des Gens und damit die Genaktivität.

„Biomarker für das Alter gefunden“

Je schneller die Uhr

„Die Forscher haben damit einen Biomarker für das Alter in einem der nächsten Verwandten des Menschen gefunden“, sagte Oliver Hahn vom Max-Planck-Institut für Biologie des Alterns in Köln. Der Doktorand in der Arbeitgruppe von Linda Partridge hat selbst bereits Anfang des Jahres eine ähnliche, unabhängige Studie mit Mäusen im Journal „Genome Biology“ veröffentlicht.

Je mehr epigenetische Veränderungen sich auf der DNA ansammeln, desto schneller „tickt“ diese epigenetische Uhr. Je schneller die Uhr „tickt“, desto geringer ist die Lebenserwartung für ein Lebewesen. „Es ist die erste Studie, die sich systematisch in Mäusen, Affen und dem Menschen mit der Frage beschäftigt, wie die Ernährung die Geschwindigkeit des Alterns beeinflussen kann“, erläuterte Holger Bierhoff, Leiter der Arbeitsgruppe „Epigenetik des Alterns“ an der Universität Jena.

Die Epigenetik beschäftigt sich mit der Frage, wie die Umwelt die Ausprägung unserer Erbinformation beeinflusst, ohne die Abfolge der Buchstaben der DNA zu verändern. Denn die Umwelt, zu der auch die Ernährung gehört, kann ein Stück weit bestimmen, welche Gene auf der DNA vom Körper abgelesen werden, und welche nicht. Im Laufe des Lebens haften sich kleine chemische Moleküle, sogenannte Methylgruppen, an die DNA. Sie können Gene blockieren, so dass sie nicht mehr abgelesen werden. „Wenn man das Altern als das Ablaufen einer Uhr sieht, dann kann man die epigenetischen Veränderungen als das Ziffernblatt verstehen“, erklärt Hahn.

Messung des biologischen Alters

Hunger und Not: niederländische Frauen auf der Flucht vor dem Krieg, Kerkrade 1944.

Das Team aus Philadelphia untersuchte auch Tiere, die sich normal ernährten. Die Forscher entnahmen in verschiedenen Lebensphasen Blutproben für eine DNA-Analyse, um das biologische Alter zu messen. Je älter die Tiere wurden, desto mehr epigenetische Veränderungen habe ihr Genom, schreiben die Wissenschaftler im Journal „Nature Communications“.

Eine mögliche Vererbung von epigenetischen Veränderungen zeigt der niederländische Hungerwinter 1944 auf. Es herrschten Krieg und Hunger in den Niederlanden. Viele Menschen aßen weniger als 400 Kalorien am Tag – statt der üblichen 2000. Frauen, die zu dieser Zeit schwanger waren, brachten ungewöhnlich viele untergewichtige Kinder zur Welt. Und auch diese bekamen später häufiger solche Kinder – obwohl die Hungersnot schon längst vorbei war. Das Extrem-Ereignis der Hungersnot hatte einen vererbbaren Einfluss darauf, wie der Körper bestimmte Gene ablesen konnte.

Positiver 'Anti-Aging'-Effekt

Es ist schon seit Längerem bekannt, dass von den Forschern als „kalorische Restriktionen“ bezeichnete Diäten zu einer höheren Lebenserwartung führen können – solange die Reduktion eine gewisse Grenze nicht unterschreitet. „Es gibt immer mehr Hinweise, dass die Reduzierung von Kalorien auch im Menschen einen positiven 'Anti-Aging'-Effekt hat“, erzählt Bierhoff.

Allerdings ist das Einsparen von Kalorien eher ein grobes Werkzeug, um für ein langes Leben zu sorgen. Um das Ticken der Uhr zu verlangsamen kann man auch die Zusammensetzung der Ernährung umstellen, etwa weniger Einfach-Zucker dafür aber mehr komplexe Kohlenhydrate zu sich nehmen. Epigenetiker Steve Horvath von der University of California in Los Angeles rät zu Gemüse, Fisch und nicht zu viel Alkohol.

Auch kurzzeitiges Fasten erfolgreich

Als erfolgreich hat sich nach Angaben von Bierhoff auch kurzzeitiges Fasten erwiesen. Dabei nimmt man 16 Stunden am Tag keine Nahrung auf. „Kurzzeitiges Fasten hat die gleiche positive Wirkung wie lange Fastenkuren“, meint er.

Forscher suchen schon seit längerer Zeit nach biologischen Markern, um die Lebenserwartung eines Menschen bestimmen zu können. Die epigenetische Uhr liefert ihnen nun eine neue Messmethode.

Die Studie könne den Unterschied zwischen dem Alter auf dem Ausweis und der eigentlichen Fitness des Körpers erklären, sagte Hahn. „Die Untersuchung epigenetischer Veränderungen kann man wie Altersringe an einem Baum verstehen.“ Das könne bei der Entwicklung von Medikamenten helfen, die das Altern aufhalten sollen. Direkt nach dem Verabreichen der Medikamente können Forscher nun testen, ob die epigenetische Uhr langsamer tickt – das Medikament somit wirkt. Die Forschung kann laut Hahn auch bald in der Forensik angewandt werden, um das Alter eines Täters bei einem Kriminalfall aufzudecken.



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