„Mirror, Mirror“: kein Modelbuch: Das Teenie-Trauma der Cara Delevingne


Wer war schon gerne Teenager? Eben. Jugend fühlt sich oft mies an und lässt sich erst retrospektiv zur besten Zeit des Lebens stilisieren. Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen. Ihr nähert sich Supermodel Cara Delevingne in ihrem Debütroman „Mirror, Mirror“.

Ein Model schreibt ein Buch – ohne kalorienreduzierte 5-Minuten-Rezepte, ohne Einrichtungstipps. Die Erwartungen könnten kaum geringer sein. Das Model ist Cara Delevingne, eine der meistfotografierten Frauen unserer Zeit. Und eine von den Promi-Damen, die sich mühen, zu beweisen, dass sie mehr sind als ein hübsches Gesicht. Delevingne musste dazu erst einmal der Modebranche den Rücken kehren. Seit 2015 nennt sie sich Schauspielerin. Sie war der Star eines Teenie-Mystery-Streifens, die Schurkin in einem Superhelden-Film, eine Prostituierte im Tulpenfieber und schließlich das Gesicht eines Weltraum-Epos. Im vergangenen Jahr veröffentlichte sie ihre erste Single „I Feel Everything“. Nun also ein Buch.

Ein bisschen will man „Mirror, Mirror“ belächeln. Doch allzu einfach macht es Delevingne einem damit nicht. Los geht es schon bei der Autorenschaft. Während der Titel des Buchs auf dessen Cover hinter Delevingnes Namen verschwindet, tut der ihrer Ko-Autorin während der Promo-Arbeit für „Mirror, Mirror“ nicht. Delevingne hat die britische Bestseller-Schreiberin Rowan Coleman engagiert, ihren Gedanken Form zu geben und das, was sie sich unbedarft überlegt hat, lesbar zu gestalten. Ein Geheimnis hat sie daraus nicht gemacht. Sie allein hätte sich selbstverständlich nie zugetraut, einen Roman zu verfassen, erzählt Delevingne in Interviews – schon allein wegen ihrer miesen Schulnoten damals.

Von Emojis bis Dark Net

Delevingne hat ihre Jugend nicht nur einmal öffentlich zum Thema gemacht. Sie hat davon gesprochen, wie es war, mit einer süchtigen Mutter aufzuwachsen, und davon, wie es sich anfühlt, wenn man selbst nicht mehr leben will. Als sie eine Frau liebte und die Welt ihr so gern ein Label aufgedrückt hätte, berichtete sie davon, wie man sie schon als Kind nicht hatte zuordnen können – und wie sehr sie darunter gelitten hatte. Jüngst ging auch sie mit einer Geschichte über Harvey Weinstein an die Öffentlichkeit, den mit ihr Dutzende Frauen sexueller Übergriffe beschuldigen. Auch wenn „Mirror, Mirror“ nicht autobiografisch sein will, man liest ganz viel Delevingne heraus.

Das Herz der Geschichte bildet die Band, die dem Buch ihren Namen gibt. „Mirror, Mirror“ droht auseinanderzubrechen, als ein Mitglied verschwindet. Während die jugendlichen Außenseitertypen ihre sexuellen Identitäten verhandeln und die eigenen Eltern verkraften, müssen sie nun außerdem noch ihre Freundin finden. Je länger sie fortbleibt, desto deutlicher wird: Etwas Furchtbares muss passiert sein. Die Kombination aus Kriminalfall und jugendlichen Emotionen ist in der Teenie-Literatur populär. Wenig ist wirklich gut, vieles gefällt. Deutlich positiv sticht bei „Mirror, Mirror“ heraus, wie selbstverständlich Gegenwartskultur von Emojis bis Netflix in die Geschichte eingewoben ist. Da traut sich jemand, den Plot ins Dark Net zu führen – ein Unort, den die meisten Erwachsenen bis heute nicht begriffen haben.

Klare Botschaft: „Liebe dich selbst“

Für „Mirror, Mirror“ spricht außerdem die Härte, mit denen der Plot seinem Leser die Schlechtigkeit der Welt um die Ohren haut. Es soll gar nicht erst der Verdacht aufkommen, es handle sich um Teenie-Sorgen, die die Zeit in Form von Reife einmal zerstreuen wird. Es geht um Sex, Drogen und Misshandlung. Um familiäre Traumata, die zu verdauen ein Leben kaum reicht. Der jugendliche Leser wird ernst genommen, der erwachsene aufgeklärt. Vieles dabei ist Pose. Delevingne will aufklären über psychische Krankheiten und denjenigen Mut machen, die sich um ihren Platz im Leben sorgen. So hat sie das erklärt. Statt wirklich streitbarer Charaktere bedeutet das immer wieder Parolen à la „Liebe dich selbst“ und „Du bist perfekt, so wie du bist“. Das muss einem nicht gefallen, jedenfalls aber muss man anerkennen, dass sich solche Slogans nicht zufällig eingeschlichen haben und es sich dabei um eine gezielte Prioritätensetzung Delevingnes handelt.

Delevingne hat mit maximal viel Authentizität Millionen Fans hinter sich versammelt und so in mehr als einer Branche Fuß gefasst, die für gewöhnlich unter dem Vorwurf der Künstlichkeit ächzt. Die Literaturwelt wird sie nicht im Sturm erobern. Dafür fehlt es „Mirror, Mirror“ nicht zuletzt am ausgefeilten Spannungsbogen. Es braucht so circa 150 Seiten, bis die Geschichte einen erfasst, dann aber tut sie es – überraschend heftig und ungestüm. Jedenfalls stört es kaum mehr, dass sich die große Auflösung der Geschichte bereits deutlich vor der letzten Seite abzeichnete.

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