Kategorie -Jugendliche

Psychologische Angebote fehlen: Ethikrat warnt vor Benachteiligung junger Menschen

Sowohl die Corona-Krise als auch der Ukraine-Krieg bereiten vielen Menschen große Sorgen. Während der Pandemie mündeten diese nicht selten in Depressionen. Vor allem die junge Generation drohe dabei in Vergessenheit zu geraten, warnt der Ethikrat.

Der Deutsche Ethikrat fordert als Lehre aus schweren Belastungen in der Corona-Pandemie ein deutlich größeres Augenmerk auf die Belange junger Menschen in gesellschaftlichen Krisen. Die Vorsitzende Alena Buyx sagte in Berlin, es sollte eine Regel sein: „Wie schützen wir die jungen Generationen, und wie können wir dafür sorgen, dass wir ihnen nicht zu viel aufbürden.“ Dies betreffe angesichts sich „stapelnder“ Krisen mit dem Ukraine-Krieg, Inflation und Klimaveränderung nicht allein die Gesundheitspolitik.

Buyx erläuterte, jüngere Generationen seien inzwischen Minderheiten in der Gesellschaft geworden. Dies führe zu der Gefahr, dass sie bei der Krisenbewältigung ins Hintertreffen geraten. „Das darf nicht passieren.“ Konkret könne dies beispielsweise auch Vorhaben des Wirtschafts- oder Umweltministeriums betreffen. Mit Blick auf die Solidarität junger Menschen in der Corona-Krise sagte Buyx: „Wir schulden als Gesellschaft Kindern, Jugendlichen und jungen Erwachsenen nicht nur Dank und Respekt, sondern konkretes Handeln.“

Depressionen und Angst durch Corona

Der Ethikrat als beratendes Gremium fordert in seiner Empfehlung unter anderem einen flächendeckenden Ausbau psychologischer und anderer Hilfsangebote. Buyx wies erneut darauf hin, es sei nicht ausreichend gewürdigt worden, welchen Belastungen junge Menschen ausgesetzt gewesen seien – durch die Pandemie als existenzielle Erfahrung einer langgezogenen, bedrohlichen Krise an sich, aber auch durch Eindämmungsmaßnahmen. Jüngere, die dadurch selbst in Notlagen gerieten, hätten nicht zuverlässig die erforderliche Beachtung und Unterstützung erhalten.

Allein die Corona-Pandemie hatte große Auswirkungen auf die Psyche von vielen Menschen aller Altersgruppen. Zwischen Dezember 2020 und Juni 2021 befragte das Institut für Prävention und Arbeitsmedizin der DGUV mehr als 1500 Beschäftigte aus öffentlichem Dienst, Finanzsektor, Einzelhandel, öffentlichem Personennahverkehr und der Industrie zu dem Thema.

Laut der Studie gaben sechs Prozent der Befragten an, in der ersten Welle der Corona-Pandemie unter schweren Symptomen von Depression oder Angst gelitten zu haben. Gar 16 Prozent gaben an, dass die Symptome bei Ihnen beträchtlich waren. Beide Anteile verdoppelten sich der Studie zufolge nahezu in der zweiten und dritten Corona-Welle.

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Als junge Polin in Deutschland


Mariola Reszka kam als zwei Monate altes Kind mit ihrer Familie von Polen nach Deutschland. Ihre Eltern hatten Verwandte in Frankfurt am Main. Als ihre Großeltern nach Deutschland auswandern wollten, entschied sich auch Mariolas Familie für die Auswanderung. Heute lebt die 29-Jährige mit ihren Kindern, einem siebenjährigen Jungen und einem dreijährigen Mädchen, in einer gemütlichen Drei-Zimmer-Dachgeschoss-Wohnung in der Wiesbadener Innenstadt. Von dem Kindsvater hat sie sich vor zwei Jahren getrennt, seitdem besteht kein Kontakt mehr zu ihm. Im Wohnzimmer stehen ein blaues Sofa und ein kleiner Esstisch. Es gibt einen Flachbildfernseher, an den Wänden hängen Familienbilder, auf denen sie lachend mit ihren Kindern zu sehen ist. Es gibt Pierogi, ein traditionelles polnisches Gericht, das an Maultaschen erinnert. Pierogi haben eine Füllung aus Kartoffelbrei, Speck und Quark.

Besser als ihre Muttersprache

Mariola Reszka spricht fließend Deutsch, als wäre es ihre Muttersprache. Sie sagt, dass sie Deutsch mittlerweile besser spricht als Polnisch. Stolz trägt sie Hausschuhe, die ihr ihre polnische Oma beim letzten Besuch gestickt hat. Sie erzählt, dass ihre Oma nur selten nach Deutschland kommt und dass sie durch das Tragen der Hausschuhe einen näheren Kontakt zu ihrer Familie in Polen verspürt. Urlaub in Polen könne sie als alleinerziehende Mutter nicht machen.

Obwohl sie ihr Geburtsland schon seit ihrem sechzehnten Lebensjahr nicht mehr besucht hat, erinnert sie sich gerne an ihre Urlaube in Polen, wenngleich nicht alles für sie erfreulich war. Ihre Zeit verbrachte sie meistens in dem Dorf Wyszkow Slaskie in der Nähe ihrer Geburtsstadt Nysa. Dorthin hat sie noch immer Kontakt zu ihren Freunden. Doch mit der Zeit veränderte sich etwas bei ihren Urlaubsbesuchen. Freunde sagten ihr ab, wollten sie nicht mehr treffen, schließlich bekam sie auch eine Begründung: „Sorry, mit dir rede ich nicht, weil du ein Nazi bist.“ Zu diesem Zeitpunkt, sagt sie, war sie etwa vierzehn. Sie konnte sich nicht erklären, warum sie so bezeichnet wurde und war völlig schockiert. Am nächsten Tag beim Dorffest wollte sie sich zu ihren Freunden setzen, doch diese schickten sie weg, da sie ,,deutsch und somit Nazi‘‘ sei. Wenn sie heute daran denkt, sagt sie, dass das ihr bisher schlimmstes Erlebnis in ihrem ganzen Leben gewesen ist.

Auch Monika wurde ausgegrenzt

Sie verbrachte den ganzen Tag am Tisch ihrer Familie, bis am späten Abend ihre heutige Freundin Monika zu ihr kam und sie zur Tanzfläche mitnahm. Monikas Verhalten überraschte sie, da sie sich nicht wirklich kannten und bisher nur einige wenige Male gegrüßt hatten. Mariola Reszka bewundert sie immer noch für ihren Mut, da Monika ebenfalls ausgegrenzt hätte werden können, sie aber dieses Risiko in Kauf genommen hat. Sie haben bis Mitternacht getanzt, allerdings ohne miteinander zu reden. Dennoch fühlte sich das Mädchen damals ,,befreit und war glücklich‘‘, da sie nicht mehr allein war. Am Morgen nach dem Dorffest machte sie sich Vorwürfe, weil sie zu schüchtern gewesen war, um mit ihrer neuen Freundin zu sprechen und sich zu verabreden. Doch Monika kam sie besuchen, sie gingen an einen See ein wenig außerhalb von Wyszkow. Dort erzählte Monika, dass sie in Italien lebte und dass sie dort ebenfalls Anschuldigungen ertragen musste, da man ihr vorwarf, sie würde als Polin klauen. Wichtig sei, sich nicht unterkriegen zu lassen und nur das Gute in seiner Herkunft zu sehen, da es nichts Schlechtes an ihr gebe.

Viele Menschen haben sich erfolgreich integriert

Diesen Rat lebt Mariola Reszka fünfzehn Jahre später immer noch. Sie sagt, dass ihre Freunde in Polen mit der Zeit aus ihren Fehlern gelernt haben. Sie ist glücklich und stolz auf ihre deutsche und polnische Herkunft, da sie die Möglichkeiten erhalten hat, die andere sich erst einmal erarbeiten müssen. Sie liebt polnische Gerichte wie Bigos und Zapiekanka. Bigos ist ein Eintopf, der aus Sauerkraut und verschiedenen Fleischsorten besteht. Zapiekanka ist eine Art Baguette mit einem Belag aus Käse und Champignons. Sie sagt, dass sie diese Gerichte wohl nie kennenlernen würde, weil es in Wiesbaden keine polnischen Restaurants gibt. Deswegen freut sie sich, dass sie sich und ihren Kindern diese Gerichte zubereiten kann. Gerade in Deutschland haben sich ihrer Meinung nach viele Menschen mit verschiedenen Herkünften erfolgreich integriert. Sie sagt, dass man sich nicht für ein Land entscheiden muss, da wahre Freunde einen auch lieben und akzeptieren, wenn man anderer Herkunft ist.

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Wissenschaftliche Erkenntnisse: Lauterbach: Studie soll Cannabislegalisierung absichern

Die Ampel will die Legalisierung von Cannabis vorantreiben. Da die Hürden vor allem in EU-Institutionen hoch sind, soll eine Studie helfen, die Argumente des Bundes zu belegen. Der Schwarzmarkt soll zurückgedrängt werden, der Konsum nicht steigen und Kinder- und Jugendliche besser geschützt werden.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach will die Pläne für eine kontrollierte Legalisierung von Cannabis mit einem Gutachten absichern. In vertraulichen Gesprächen mit der EU-Kommission zeige sich, dass „sehr gute Argumente“ benötigt würden, um sie vom eingeschlagenen Weg zu überzeugen, sagte der SPD-Politiker in Berlin.

Neben den Gesetzesvorbereitungen solle daher ein wissenschaftliches Gutachten in Auftrag gegeben werden. Deutlich gemacht werden solle die Erreichbarkeit der Ziele, den Schwarzmarkt zurückzudrängen und zugleich den Konsum insgesamt nicht auszudehnen sowie einen besseren Kinder- und Jugendschutz zu erreichen. Lauterbach sagte, er sei fest davon überzeugt, dass dies auf der Basis des Gutachtens dargestellt werden könne. Verzögerungen dadurch werde es nicht geben. Der Gesetzentwurf dürfte voraussichtlich bis Ende des ersten Quartals 2023 fertig sein. Wenn es gut laufe, könne er dann in der zweiten Hälfte des Jahres in den Bundestag kommen.

Das Kabinett hatte Ende Oktober Eckpunkte für die von der Koalition geplante kontrollierte Abgabe beschlossen. Cannabis und der Wirkstoff Tetrahydrocannabinol (THC) sollen demnach rechtlich nicht mehr als Betäubungsmittel eingestuft werden. Erwerb und Besitz von bis zu 30 Gramm Cannabis sollen straffrei, privater Eigenanbau in begrenztem Umfang erlaubt und ein Verkauf an Erwachsene in „lizenzierten Fachgeschäften“ und möglicherweise auch Apotheken möglich werden. Ein Gesetz will Lauterbach aber nur auf den Weg bringen, wenn die Pläne einer europa- und völkerrechtlichen Prüfung in Brüssel standhalten.

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Bundeswehrsoldat im Porträt


Er hatte mir noch davon abgeraten.“ Der große 33-Jährige kommt zur Wohnungstür. Auf dem Arm hält er seinen Sohn. Martin Flader arbeitete nach einer Ausbildung zum Bürokaufmann elf Jahre lang bei der Bundeswehr. Heute lebt er mit seiner Ehefrau und drei Kindern in Berlin. Seit fünf Jahren arbeitet er in Teilzeit als selbständiger Versicherungs- und Finanzmakler und macht an der Hochschule für Wirtschaft und Recht seinen Masterabschluss in Recht für die öffentliche Verwaltung. Danach will er wieder für die Bundeswehr arbeiten und einige Verwaltungsabläufe verbessern. Sein Vater habe ihm vor dem Dienstantritt davon abgeraten, zur Bundeswehr zu gehen, da er in der DDR schlechte Erfahrungen bei der Nationalen Volksarmee gemacht hatte. Flader entschied sich dennoch dafür: „Ich kann nicht für immer am Schreibtisch sitzen“, habe er im zweiten Jahr seiner Büro-Ausbildung gedacht und sich, „jung und naiv“, für zwölf Jahre als Zeitsoldat verpflichtet. Er hatte auch überlegt, zur Feuerwehr oder Polizei zu gehen. „Ich wollte irgendwas für alle tun.“

Bis zu 18 Stunden Dienst am Tag

In der Küche hängt ein voller Kalender. Martin Flader hat auch heute wenig Freizeit. „In der Grundausbildung gab es keinen Alltag.“ In diesen drei Monaten hatten er und seine Kameraden bis zu 18 Stunden Dienst am Tag. „Jeden Tag neue Lerninhalte, jeden Tag ganz fremde Sachen.“ Unter anderem lernen junge Soldaten Grundkenntnisse im Sanitätsdienst, erreichen körperliche Fitness und machen erste Schießübungen. „Waffen hat man ja höchstens mal in einem Computerspiel gesehen.“ 2008 begann er seinen Dienst im niedersächsischen Munster und kam kurz nach der Grundausbildung zu der Heeresflugabwehrtruppe, einer Kampfunterstützungstruppe der Bundeswehr. Diese war unter anderem damit beauftragt, die Truppen am Boden vor feindlichen Flugkörpern zu schützen.

Zu den Zielen zählten Flugzeuge, Drohnen und Raketen. Hier war der Alltag für ihn etwas entspannter: „Du wusstest schon, was morgen passiert und nächste Woche oder nächsten Monat.“ Heute ist sein Alltag mit Beruf, Studium und Kindern durchgeplant und klar strukturiert. 2012 wurde die Heeresflugabwehrtruppe geschlossen, und die Aufgaben wurden an die Luftwaffe übertragen. Flader wurde zu den Panzergrenadieren versetzt. Die Soldaten dieser Truppe können vom Panzer aus oder als Fußsoldaten kämpfen. Laut Angaben der Bundeswehr wiegt die Ausrüstung eines Panzergrenadiers, zu der auch eine Panzerfaust und ein Sturmgewehr gehören, zwischen 20 und 30 Kilogramm. Wieder folgte eine Eingewöhnungsphase, es gab „neue Waffen, neue Menschen“. Bei dieser Einheit blieb er bis zum Ende seiner Dienstzeit.

Er hätte gerne einen weiteren Auslandseinsatz gemacht

Insgesamt war er an den Vorbereitungen zu drei Außeneinsätzen beteiligt und nahm 2015 an einem teil, der ihn in den Kosovo führte. Seit der UN-Sicherheitsrat 1999 die Resolution 1244 verabschiedet hat, sind Soldaten aus 28 Staaten im Kosovo stationiert, zurzeit 80 von insgesamt 3400 Soldaten aus Deutschland. Auch nach der 2008 unterschriebenen Unabhängigkeitserklärung blieben weiterhin internationale Truppen dort, um den Frieden und die Sicherheit zu festigen. Vor sieben Jahren kam Fladers Einheit dorthin. „Das war eine sehr interessante Zeit, wo man das erste Mal gesehen hat, wofür man Soldat ist“, erinnert er sich. Seine Einheit bestand aus rund 40 Mann. Zu fünf Leuten hat er engen Kontakt, „ein paar Seelenverwandte trifft man ja in jedem Beruf“. Sich auf Kollegen verlassen zu können sei in wenigen Berufen so wichtig wie im Soldatenberuf. Er habe das Gefühl gehabt, sich auf 95 Prozent voll und ganz verlassen zu können: „Fünf Prozent sind halt die, die es in meinen Augen nicht ernst genug genommen haben.“ Insgesamt erinnert er sich gerne an den Einsatz. „Ich hätte gerne einen Auslandseinsatz mehr gemacht, weil das eine sehr prägende Erfahrung war.“ Auch andere Dinge aus seinem Dienst prägen ihn bis heute: „Dass ich gerne vorbereitet sein möchte.“

Vor fünf Jahren machte sich Flader in seiner Freizeit als Versicherungs- und Finanzmakler selbständig, „einfach, weil ich selbst niemanden gefunden habe, dem ich selbst mein Geld und meine Versicherungen anvertrauen konnte“. 2019 beendete er seinen Dienst aus familiären Gründen. Über den Berufsförderungsdienst der Bundeswehr holte er sein Fachabitur nach und machte seinen Bachelor in Wirtschaft und Recht. Nach seinem Master möchte er wieder bei der Bundeswehr in der Verwaltung arbeiten: „In der Bundeswehr war es stellenweise so, dass Verwaltungsabläufe nicht gestimmt haben, beispielsweise haben Bestellvorgänge viel zu lange gedauert, weil vieles einfach komplizierter gemacht wurde, als es eigentlich war. Und da möchte ich halt ran und etwas verbessern.“ Der Wechsel vom Soldaten zum Finanzmakler fiel ihm leicht. Die Umstellung von einem praktischen zu einem sehr theoretischen Beruf „ist die logische Fortsetzung meiner Dienstzeit“.

Etwas Sinnvolles für unsere Gesellschaft tun

Er denkt nicht, dass jeder Soldat zu einem Helden wird. „Die reine Entscheidung für einen Beruf ist für mich nicht heldenhaft. Das individuelle Handeln und Tun macht das Heldenhafte aus.“ Allerdings hält er einige seiner ehemaligen Kollegen für Helden, weiß aber, „die haben gehandelt, weil sie mussten“. An der Tür hängt ein selbst gemaltes Bild von einer Sonne. „Have a nice day“, steht darunter. Wie sein Vater will Martin Flader seinen Kindern nicht allzu viel über seine Dienstzeit erzählen. Sollte eines von ihnen später zur Bundeswehr gehen wollen, hätte er nichts dagegen, wird es aber auch nicht aktiv anregen. „Alle meine Kinder sollen irgendwas Sinnvolles für unsere Gesellschaft machen.“

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„Unschuld“ von Takis Würger: „Die Rolle als Außenseiter kenne ich“

Takis Würger ist auf Lesereise. Mit seinem neuen Roman „Unschuld“ füllt er die Räume und verleitet die Zuhörenden, ihm in die Welt der Schönen und Reichen zu folgen. Und in die Welt von Molly. Molly ist wahrscheinlich auch schön, aber sie sieht das nicht, und reich ist sie schon gar nicht. Molly hat 28 Tage Zeit, die Unschuld ihres Vaters zu beweisen, der hingerichtet werden soll für einen Mord, den er sehr wahrscheinlich nicht begangen hat. Mit ntv.de trifft Takis Würger sich in Berlin-Kreuzberg und erzählt von Radtouren mit seinem Vater, die anders verlaufen als geplant, Shitstorms, die unter die Gürtellinie gehen und vom Gefühl, ein Außenseiter zu sein, das aber nicht schlimm zu finden. Für sein Debüt „Der Club“ hochgelobt, für „Stella“ in der Luft zerrissen, insgesamt sehr erfolgreich, weiß Takis Würger inzwischen gut mit Kritik umzugehen. Und die gibt es für „Unschuld“ ganz bestimmt auch, aber vielleicht gibt es ja auch eine Anfrage für eine Verfilmung des Stoffs. Das Potenzial ist auf jeden Fall vorhanden.

ntv.de: Ich habe einen Moment gebraucht, um reinzukommen, und am Schluss hätte das Buch dann gern länger sein können.

Takis Würger: (lacht) Das ist doch gut. Ich habe schon mal gehört, dass meine Bücher zu kurz sind, vielleicht sollte ich das ändern.

Wie bist du auf die Story gekommen?

Ich bin mit dem Fahrrad durch Rosendale gefahren. Also durch den Ort, der auch in meinem Roman eine zentrale Rolle spielt. Alle wichtigen Bauten an der US-Ostküste bestehen aus Rosendale-Zement: die Brooklyn Bridge, der Sockel der Freiheitsstatue, das Kapitol. Das ist ein 1500-Seelen-Ort mit bunt angestrichenen Häusern, eine Hauptstraße, und man sieht von der großen Zeit dieses Ortes vor circa 150 Jahren eigentlich nichts mehr. Das fand ich faszinierend. Und dann sind in meinem Kopf irgendwann „die Rosendales“ entstanden, eine Familie, die mit Zement reich geworden ist.

Eher das Thema „Wohlstandsverwahrlosung“. Mein erster Roman „Der Club“ spielt ja bereits in der englischen Upper Class. Für die Recherche zu „Unschuld“ bin ich deswegen für zwei Monate nach Rosendale gezogen.

Und warum nochmal bist du mit dem Fahrrad durch Rosendale gefahren?

Der Lebenstraum meines Vaters war immer, eine Fahrradtour durch die USA zu machen. Ich war zu der Zeit Fellow an der New York University, ich war als Schriftsteller dort eingeladen, war also eh in Manhattan. Aber letzten Endes sind mein Vater und ich nur durch den Staat New York geradelt statt durch die kompletten Vereinigten Staaten. Und dieses Hudson Valley ist einfach eine wunderbare, malerische und magische Gegend, mit diesen sanften Hügeln und dem großen Fluss.

Die Leute hinter der fetten, weißen Mauer im Roman – wo holst du die her?

Seit ich zum ersten Mal mit reichen Menschen in der Uni in England zu tun hatte, die in dem Gefühl aufwachsen, dass sie nie in ihrem Leben arbeiten müssen, hatte ich das Gefühl, dass ich mir diese Leute mal genauer angucken müsste. Ich selbst komme aus einer Arbeiterfamilie, meine Vorfahren waren Fischer aus Cuxhaven, meine Familie hat immer gearbeitet. Statt Ziele zu entwickeln, die Menschen wie du oder ich haben, geben sich die Superreichen in „Unschuld“ der Wohlstandsverwahrlosung hin. Sie richten sich ein in ihrer bräsigen Langeweile. Und sie engagieren sich für die Waffenlobby.

Es ist allerdings eine elegante Form der Verwahrlosung, immerhin fährt man in einem Bugatti-Cabrio vor und trägt einen Maßanzug. Verwerflich ist es dennoch. Es ist aber etwas, worauf die wenigsten – und das ist meine Beobachtung aus der Wirklichkeit – herabschauen. Die Wohlstandsverwahrlosten werden überall besser behandelt als die Armen. Denn das ist ja immer noch so, dass denen keine Chancen eröffnet werden, der Armut zu entkommen.

Wie bist du nun mit ihnen umgegangen, mit den Reichen, die du ja sehr kritisch auseinanderpflückst?

Als Schriftsteller hatte ich das Glück, im Rahmen meines Aufenthaltes in New York ein paar wohlhabende Menschen kennenzulernen – was in Manhattan nicht so schwierig ist, weil da ja eigentlich alle reich sind. Und die haben mich auf eine selbstverständliche Art mitgenommen in ihre Welt. Ich schreibe nicht über die, die ich kennengelernt habe, aber ich war auf Festen eingeladen, wie ich sie im Buch auch beschreibe. Und zuerst sieht das für jemanden wie mich ganz normal aus, denn da arbeiten dann eben Leute, die Essen und Drinks servieren – nur mit dem Unterschied, dass die da auf den Anwesen immer arbeiten und nicht nur für ein Event angestellt sind, denn es sind „Bedienstete“. Natürlich will ich damit nicht sagen, dass es per se verwerflich ist, Personal zu haben oder reich zu sein. Auf diesen Festen habe ich auch freundliche und kluge Menschen kennengelernt, die eine 50.000-Dollar-Patek-Philippe-Uhr am Handgelenk tragen.

Und die von dir erfundenen Rosendales …

… sind die Verdichtung vieler Figuren. Einen, der sich komplett so benimmt wie Jonathan Rosendale, habe ich nie kennengelernt. Rosendale hat viel von Menschen, die ich in meiner Zeit als Journalist in Texas getroffen habe. Das waren Leute, die sich vollkommen offen und begeistert zu Waffen bekannt haben. Die es lieben, damit rumzuschießen, einfach so. Die Arbeit als Schriftsteller heißt in Momenten der Konzeption für mich oft, das Erlebte, die Recherchen und die Fantasie zu neuen Figuren zu verdichten.

Die Trailerpark-Seite, wie hast du die kennengelernt?

Das ist einfacher gewesen. Da geht man hin und sagt: „Hallo, ich bin Schriftsteller aus Deutschland“, und die sagen, „ach super“ und trinken ein Bier mit dir und erklären dir die Lage. Und trotz aller Missstände, die in so einem Trailerpark herrschen – ich meine, das sind keine kleinen Häuser, sondern Wohnwagen – finden manche der Menschen das okay, wie sie wohnen, und haben auch eine gewisse Form von Stolz. Für mich – und das zieht sich mehr oder weniger durch mein ganzes Buch – ist das an vielen Stellen aber auch traurig: Die Menschen, die von Lebensmittelmarken leben und weil das Leben in den Staaten so durchkapitalisiert ist, haben kaum eine Möglichkeit, da auszubrechen. Die sind wirklich arm dran. Und so eine Person ist Molly.

Die Hauptfigur, die Außenseiterin.

Ja, ich kann mich mit Molly identifizieren. Ich weiß, wie das ist, wenn man kämpfen muss – natürlich auf einem ganz anderen, viel kleineren Level als sie, aber ich weiß, wie es ist, wenn man denkt, dass man keine Chance hat.

Molly hat es viel härter als ich. Ich glaube, dass es eigentlich jeder kennt, wenn man einen Kampf beginnt und schon von Anfang an weiß: „Eigentlich habe ich keine Chance“. Für die wenigsten von uns ist das ja zum Glück so dramatisch wie im Roman, wo eine Tochter um ihren Vater im Todestrakt kämpft. Aber wir kennen das Gefühl, um eine Ehe oder einen Partner, eine Freundschaft zu kämpfen, einen Job, auch, wenn es keinen Sinn ergibt. Literatur dient für mich auch der Verdichtung dieser Sehnsucht, dieses Hoffens, und im Grunde genommen zeigt uns Molly eine Art von Heldenmut, den ich selbst gern hätte.

Was hat dich an der Figur der Molly besonders gereizt?

Dass sie eine Heldin ist, die nicht besonders davon überzeugt ist, dass sie zur Heldin taugt. Schreiben ist ein rätselhafter Vorgang. Es ist nicht alles immer total logisch, was man als Autor macht. Das Lustige an der Arbeit ist, dass man sich dann hinterher völlig logische Antworten auf die völlig logischen Fragen von Journalistinnen einstellen muss (lacht) und nicht zwingend sofort eine Antwort weiß. Molly habe ich als Anti-These zu den Rosendales entwickelt, und habe mich gefragt: Für wen wäre es besonders schwierig, sich in diese Familie einzuschleichen und ein Verbrechen aufzuklären? Und so ist diese junge Frau auf die Welt gekommen, die zu den Ärmeren gehört und die aufgrund ihres Stotterns sowieso schon belastet ist. Dazu kommt, dass sie eine sehr kurze Lunte hat, was ihre Interaktion mit den Rosendales wirklich schwierig macht, weil sie so schnell ausflippt.

Du hast vorhin gesagt, du kannst dich mit ihr identifizieren – warum?

Diese Rolle als Außenseiter kenne ich, wenn auch in viel kleinerem Ausmaß. Mit 16 bin ich in die USA gegangen als Austauschschüler. Der Campus war so groß wie das Dorf, aus dem ich komme. Ich hatte ein ganzes Jahr lang das Gefühl, dass ich nicht dazu gehöre, und habe mich nicht getraut, in die Cafeteria zu gehen.

In einer solchen Situation ist man ja auch ein Außenseiter, aber ein Jahr ist schon krass …

Mit 16 war ich noch ein Kind. Ich hatte schlimmes Heimweh. Aber so klein und unbedeutend so ein Austauschjahr ist gemessen an den Problemen, die andere Menschen bewältigen müssen, habe ich dort gemerkt, dass es sich manchmal lohnt, etwas auszuhalten, was anfangs hart ist und was kaum zu bewältigen wirkt. Ich habe damals nach fünf Tagen meine Eltern angefleht, nach Hause kommen zu dürfen, und sie haben gesagt, komm, noch diese Woche, die nächste Woche, den nächsten Monat.

Ich bin jetzt 37 und die ersten Leute um mich herum gehen jetzt verloren. Wir haben uns mal unsterblich gefühlt und jetzt gehen die Ehen kaputt, die Väter sind genervt von ihren Kindern, sie kriegen Depressionen, Alkohol spielt eine Rolle, und wir merken: Manche unserer Träume werden sich wahrscheinlich nicht mehr erfüllen. Ich habe das Gefühl, das haben viele um mich herum. Aber manche schütteln sich und gehen weiter, und manche knicken ein.

Du kennst dieses Gefühl bereits aus deiner Jugend und weißt: Schütteln, nicht einknicken …

Manchmal schüttele ich mich, manchmal knicke ich ein.

Du warst Journalist, jetzt bist du Schriftsteller, hast deinen Job gekündigt und schreibst Romane. Also Hauptsache schreiben?

Ich liebe es, zu schreiben. „Nur“ Schriftsteller sein zu dürfen war mein Traum! Es war für mich immer die Vorstellung maximaler Freiheit: morgens surfen, nachmittags schreiben (lacht). Deswegen ist „Unschuld“ zum Teil auch in Südafrika entstanden, denn da konnte ich für eine Weile die maximale Freiheit leben. Und ich bin einfach auch gern allein.

Was uns wieder zum Status des Außenseiters führt …

Ja, irgendwie schon. Ich war auf der Journalistenschule der Jüngste und der Einzige ohne Studium, dann bin ich später nach Cambridge an die Uni gegangen, und da war ich dann der Älteste. Auch im Literaturbetrieb und bei meinen Hobbys fühle ich mich irgendwie in manchen Momenten als Außenseiter. Deswegen interessieren mich diese Figuren wie Molly, eine sehr scheue junge Frau. Scheu und jung ist ein Gefühl, das ich kenne.

Ich habe mir Molly wie Kristen Stewart vorgestellt …

Guter Vergleich! Und ich stelle mir immer vor, dass Molly mich gar nicht mögen würde, wenn sie auf mich träfe (lacht). Ich wäre ihr zu laut. Sie aber würde mich faszinieren, sie ist fein und rau zugleich. Sie hat einen bestimmten Blick auf die Welt, eine spezielle Ästhetik, die ich interessant finde. Ich stelle mir vor, dass Molly eine schöne Frau ist, die versucht, auf keinen Fall schön zu sein!

Das stellt auch Jonathan Rosendale fest, der Patriarch, der auf seine perfide Art und Weise ja auch wieder ganz nett ist.

Sabine Oelmann ist gern Journalistin und gern in Gesellschaft – beruflich wie privat – und schreibt seit fast 25 Jahren bei ntv.de über die Dinge des Lebens. Aber auch das, was anfällt, zum Beispiel in der Rubrik „Der Tag“. Ihre neue Samstag-Kolumne „Eine für alle“ liegt ihr sehr am Herzen.

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Ich mag diese Figuren, die Antagonisten sind und bei denen man gleichzeitig denkt, dass man mit denen jetzt auch mal ein Bier trinken könnte. Dass der Abend sogar ganz lustig werden könnte. Weil so ein Rosendale einem zum Schluss die Hand auf die Schulter legen und das Gefühl geben würde, dass das ein netter Abend war. So einer ist es gewohnt, dass alles so läuft, wie er es will.

Aber auch so ein bisschen passiv-aggressiv.

Das musste ich mal googeln, als mir jemand vorgeworfen hat, so zu sein (lacht).

Ich dachte immer, nur Mütter können passiv-aggressiv sein …

Mit Takis Würger sprach Sabine Oelmann


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Balletttänzerin Elisabeth Rehm


Ich hab ’nen Apfelbaum, ich hab ’nen Birnenbaum, aber Äpfel und Birnen sind nicht dran“, singt Elisabeth Rehm mit einem großen Lachen im Gesicht. Ihre Leidenschaft zu ihrer ehemaligen Tätigkeit als Balletttänzerin ist nicht zu übersehen, als sie sich in ihrem mit Fotos ihrer Kinder und Enkelkinder geschmückten Esszimmer an die alten Lieder und Tänze zurückerinnert. Von 1948 bis zum Mauerbau tanzte sie als Profi an der Berliner Staatsoper. Trotz der schwierigen gesellschaftlichen und politischen Bedingungen erzählt die 88 Jahre alte Frau mit Begeisterung von ihrer Vergangenheit.

Schon im Kindesalter hatte sie riesigen Spaß am Tanzen: „Ich möchte Profitänzerin werden“, hörten ihre Eltern schon kurze Zeit später, nachdem sie 1942 bei einem Kinderballett mit dem Tanzen begonnen hatte. So gelangte sie bald darauf zu einer bekannten russischen Ballettmeisterin, die ihr ihren Traum erfüllen konnte. Durch ihre Hilfe kam Elisabeth Rehm zur Berliner Staatsoper, und 1948 durfte sie schon eine kleine Rolle im Ballett „Romeo und Julia“ tanzen. Zu dieser Zeit war das Gebäude der Staatsoper allerdings von den Auswirkungen des Krieges in Mitleidenschaft gezogen und wurde erst 1955 wieder eröffnet, weswegen die Tänzer und Tänzerinnen vorübergehend im Admiralspalast in Berlin tanzten.

„Der Erste, der Einzige, mein Idol“

Ein paar Jahre später, nachdem sie sich „hochgedient“ hatte, wurde sie von der Staatsoper unter Vertrag genommen, wodurch sie offiziell Solotänzerin der Oper wurde. Mit 15 Jahren lernte sie ihren inzwischen verstorbenen Mann Kurt Rehm kennen, mit dem sie später zwei Kinder bekam. Deswegen freut sie sich am meisten über ihre Entscheidung, Profitänzerin zu werden. „Ich habe Glück gehabt, er war der Erste, der Einzige, mein Idol“, sagt sie lächelnd. „Den hab ich nur kennengelernt, weil ich so schlimme Ohren hatte und Tänzerin geworden bin.“ Eine Masernerkrankung im Kindesalter mit folgender Ohrenentzündung führte zu mehreren Operationen, weswegen sie als Kind „klein und spillerig“ war. Der Kinderarzt empfahl ihrer Mutter deswegen, sie zu einer Sportart anzumelden, woraufhin sie zum Kinderballett geschickt wurde und ihre Karriere ihren Lauf nahm.

Ihr Mann war an der Staatsoper als Bariton-Solist tätig, nachdem er als Soldat aus dem Krieg zurückgekehrt war. An ihre erste Begegnung in der Silvesternacht von 1949 erinnert sie sich noch genau, als sie ihn vor ihrem Auftritt in „Shakespeares Sommernachtstraum“ als Komparsin darum bat, ihre Ringe festzuhalten, die abzulegen sie vergessen hatte. Als Komparsin verdiente Elisabeth Rehm je Auftritt fünf Mark, „da habe ich mir immer entweder eine Bockwurst gekauft oder ein Schweineohr. Dann war meine Gage aufgegessen“, erzählt sie fröhlich. Später bekam sie 100 Mark im Monat – immer noch ein riesiger Unterschied im Vergleich zum heutigen Gehalt einer professionellen Tänzerin, das in der Berliner Staatsoper bei weit über 2000 Euro monatlich liegt.

„Tanzen ist ein wahnsinniger Disziplinberuf“

„Ich hatte ja einen sehr strengen Beruf, das prägt ja dann und diszipliniert“, sagt sie. „Tanzen ist ein wahnsinniger Disziplinberuf, da kannst du auch Soldat werden, nur musst du eben nicht schießen.“ Doch Disziplin zu lernen und sich einzuordnen hätte ihr auch schon viel geholfen. So half ihr dies beispielsweise bei der Kindererziehung, weswegen ihre Tochter im Jugendalter immer pünktlich zu Hause sein musste. „Ich war eine sehr strenge Mutter.“

Nach dem Bau der Berliner Mauer blieb ihr Mann, den sie 1954 heiratete, an der Staatsoper. Sie selbst war allerdings nicht mehr erwünscht, da sie in Westberlin wohnte und es genug gute Tänzerinnen aus dem Osten gab, die bei der Auswahl bevorzugt wurden. Daraufhin meldete sich Elisabeth Rehm erst ein halbes Jahr beim Arbeitsamt als arbeitslos und lehnte einige Jobangebote als Tänzerin ab, um sich um ihre Kinder kümmern zu können, da der Zeitplan mit zwei vollbeschäftigten Eltern ohnehin eng war. 1954 kaufte das Ehepaar ein Haus im Berliner Bezirk Steglitz-Zehlendorf, das sie allerdings erst zwei Jahre nach dem Kauf beziehen konnten, da es noch von Amerikanern besetzt war.

Heute findet sie vieles unpesönlicher

Das Aufblühen der Kultur in diesem Bereich sei nicht mit dem Aufblühen nach Corona vergleichbar, denn „heute ist die Theaterführung ganz anders“, sagt Rehm. Früher verfügte jede Oper über ein festes Ensemble, in dem alle monatlich bezahlt wurden und eine bestimmte Anzahl an Aufführungen hatten. Inzwischen hat sich das etwas verändert, jetzt werden die bekanntesten internationalen Solisten über ihre Manager engagiert, indem die Intendanten der Opernhäuser bei den Managern anfragen, ob der Künstler oder die Künstlerin für eine bestimmte Aufführung frei ist. Doch vor allem das Zusammensein, das ein familiäres Umfeld bringt, ist das, was Elisabeth Rehm vermisst. Diese Gemeinschaft lässt sich auch mit den Folgen des Krieges begründen, da seinerzeit niemand wirklich wohlhabend war. „An sich war die Zeit schön, weil aufgebaut wurde“, findet sie. Die Künstler haben bei den Opernhäusern angefragt und durften dann eventuell zu einem Vortanzen oder Vorsingen kommen.

Heute sei dies wesentlich unpersönlicher. Sie würde deswegen keinem mehr dazu raten, Tänzerin zu werden. „Nach dem Krieg hat jeder klein angefangen“, jeder musste sich von Grund auf alles selbst erarbeiten. So erinnert sie sich noch daran, wie sie nach langem Ansparen endlich ihren ersten Schrank kaufen konnte. „Ich bin zu Möbel-Hübner gegangen und habe mir einen Schrank in Grün und Gelb ausgesucht, 2,5 Meter lang und so hoch wie die Stube, das war ein Traum für mich.“

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Der Sport-Tag: „Würde die Jugend inspirieren“: Saudi-Arabien baggert an Ronaldo

Saudi-Arabiens Sportminister hofft auf ein Engagement von Fußball-Superstar Cristiano Ronaldo in der Liga des Golfstaates. „Alles ist möglich, ich würde ihn gerne in der saudischen Liga spielen sehen“, sagte Prinz Abdulaziz bin Turki Al-Faisal über den Portugiesen. Dessen Vertrag beim englischen Spitzenklub Manchester United war vor wenigen Tagen aufgelöst worden.

  • „Es wäre gut für die Liga, das ganze Land und würde die Jugend inspirieren“, führte Al-Faisal aus. Ronaldo sei ein Vorbild für viele Kinder und habe in Saudi-Arabien eine große Fangemeinde.
  • Der fünfmalige Weltfußballer hatte allerdings vor wenigen Tagen erklärt, bereits ein hochdotiertes Angebot eines saudischen Vereins abgelehnt zu haben.

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Inklusionsbeauftragter Schorndorf


Der Marktplatz in Schorndorf ist von Fachwerkhäusern umgeben, passend dazu Kopfsteinpflaster, um ein altertümliches Flair zu schaffen. Optisch ist das gelungen, aber für Rollstuhlfahrer nicht – für sie ist bereits das Passieren mit großen Schwierigkeiten verbunden. Und nicht nur das: Zwischen den Kopfsteinpflastern klemmen oft Scherben, die die Reifen eines Rollstuhls zerstören. Das ist nicht nur ärgerlich, sondern auch teuer. „Im Januar habe ich mir drei Reifen durch Scherben kaputt gefahren, und das kostet dann schnell mal 800 Euro“, sagt Kai Käfer verärgert. Denn, ein Rollstuhlfahrer kann nicht eben mal aussteigen und schieben, ihm bleibt nichts anderes übrig, als mit dem platten Reifen nach Hause zu fahren, was den Schaden deutlich erhöht. Käfer ist 34 Jahre alt, lebt mit seiner Frau und den beiden kleinen Kindern in Schorndorf. Er sitzt im Rollstuhl und ist ehrenamtlicher Inklusionsbeauftragter der südschwäbischen Kleinstadt Schorndorf, neben dieser Tätigkeit ist er nicht beruflich tätig, weil er in seinen gelernten Berufen heute nicht mehr arbeiten kann, weder als Koch noch als Friseur.

Schaukeln für Rollstuhlfahrer

Eines seiner Projekte als Inklusionsberater ist die Arbeit mit Schulklassen, um auf die Bedürfnisse von Eingeschränkten aufmerksam zu machen und an den Schulen selbst auf Inklusionsbarrieren hinzuweisen. Käfer hat kurze, braune Haare und trägt eine Cap auf dem Kopf. Er hat Handschuhe an, Radfahrerhandschuhe, damit ihm das Anschieben des Rollstuhls leichter fällt. Sein ganzes Outfit wirkt sportlich. Er arbeitet viel mit den Händen. So will er dynamisch und agil seine Ausdrucksweise unterstützen, obwohl er sich nicht von der Stelle bewegen kann. Er erzählt von seinen Projekten, wie Schaukeln für Rollstuhlfahrer an öffentlichen Plätzen zu installieren. Schaukeln ist für ihn ein Synonym für Freiheit und Fliegen, für ein kleines Abenteuer im Alltag. „Viele Menschen haben noch nie in ihrem Leben geschaukelt“, sagt er, und man merkt, wie viel Bedeutung kleine Dinge im Leben haben können. Kai Käfer berichtet ebenfalls von Einkaufswagen für Rollstuhlfahrer, er erklärt, wie eine App per Abfrage Behördenbesuche für Beeinträchtigte plant und möglich macht. „Das kann man ausbauen, mit wenig Aufwand auch für Läden, Schulen und andere Orte.“ Käfer hat viele Pläne, er will mehr Hürden beseitigen, mehr Integration schaffen.

Hohe Preise in der Gegend um Stuttgart

Und bei all diesen Plänen erzählt er auch von sich, von den eigenen vier Wänden, die ein wichtiger Rückzugsort sind, an dem man sich wohlfühlt. Doch ihm selbst wird es bei diesem Gedanken eher unwohl, da er mit seiner Familie nicht mehr lange in der aktuellen Wohnung leben kann. Als er eingezogen ist, ging es ihm gesundheitlich noch deutlich besser, jetzt kann er die Treppen nicht mehr bewältigen. Deshalb muss er in eine kleine behindertengerechte Wohnung ziehen, getrennt von Frau und Kindern, da für sie dort kein Platz ist. „Vorübergehend, bis wir zusammen eine geeignete Wohnung finden“, meint er. Viele Treppen, enge Innenräume und schlecht begehbare Eingänge machen ihm in der jetzigen Wohnung das Leben schwer. Der Mangel an barrierefreie Wohnungen und die hohen Preise in der Gegend um Stuttgart erschweren seine Wohnungssuche. Denn auch die als barrierefrei geltenden Wohnungen seien das oft nicht wirklich und wiesen Mängel auf, berichtet er frus­triert. Beispielsweise muss man, um auf den Balkon zu gelangen, eine Stufe überwinden, oder die engen Eingangsbereiche hätten in Sachen Barrierefreiheit noch viel Luft nach oben.

Nur mit engem Radstand beweglich

Es gibt zwar Rollstühle, die speziell für enge Räume konstruiert sind, diese kosten allerdings zwischen 9000 und 10 000 Euro. Die Krankenkasse übernimmt nur die Kosten eines Rollstuhls. „Rollstühle sind aber wie Schuhe, man braucht spezifische, und sie nutzen sich ab“, erklärt Kai Käfer. So wie wir Hausschuhe und Schuhe für draußen haben, braucht auch er Rollstühle für verschiedene Anforderungen und Gegebenheiten. Käfer kommt mit einem grünen Rollstuhl zum Interview in die Johann-Philipp-Palm-Schule, der hat einen engen Radstand, damit es leichter ist, sich im Innenraum fortzubewegen und den in älteren Schulen meist engen Aufzug nutzen zu können. Dennoch kann Käfer nicht alle Mängel in der Barrierefreiheit von öffentlichen Gebäuden mit einem passenden Rollstuhl überwinden. Kai Käfer lacht, „da bräuchte ich mehrere“. Denn gerade die prestigeträchtigen Altbauten von Schulen oder Universitäten sind im Hinblick auf Barrierefreiheit ein Problem, und diese machen einen Großteil der Bildungseinrichtungen aus. Die meisten Schulen sind nicht barrierefrei. Das führt zu ungewollten Ausgrenzungen. Kai Käfer sagt: „Ich weiß nicht, wie ich in der Schule meiner Kinder am Elternabend teilnehmen soll.“ Die Aufzüge sind nicht groß genug, und die Rampen, wenn überhaupt vorhanden, zu steil. Eine Rampe gilt als barrierefrei, wenn sie eine maximale Steigung von 6 Prozent aufweist und mindestens 90 Zentimeter breit ist. Und das bedarf mehr als eines kleinen Umbaus, meist muss der gesamte Eingangsbereich verändert werden. Eine verbindliche Norm und Beratung durch Insider kann Abhilfe schaffen, sonst scheitert der Inklusionsgedanke an baulichen Barrieren. Auch hier versucht Käfer sich einzubringen als unbezahlter Inklusionsbeauftragter.

Erfolge mit dem Instagram-Account

Kai Käfer hat viele Ideen, die Inklusion in seiner Stadt und in Deutschland voranzubringen. Erste kleine Erfolge konnte er mit seinem Instagram-Account und verschiedenen Blogs schon verbuchen. Er sagt selbst in Sachen Barrierefreiheit: „Andere Länder sind weiter als Deutschland“, und nutzt dies als Ansporn, etwas zu bewegen. Jeder müsse seinen Teil dazu leisten, um die Barrierefreiheit zu verbessern. Deswegen besucht er Schulklassen und motiviert dort zur Aufmerksamkeit anderen gegenüber. Sein Motto lautet: „Deutschland schafft Inklusion gemeinsam, nicht einsam.“

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Studie: Inflation größte Sorge: Jeder fünfte junge Mensch ist verschuldet

Halbjährlich befragen Jugendforscher 14- bis 29-Jährige zu ihren Ängsten, Erwartungen, politischen Einschätzungen und ihrer finanziellen Situation. Der aktuelle Befund: Die junge Generation hat Sorgen, viele scheinen sich aber auch an den „Dauerkrisenmodus“ zu gewöhnen.

Jeder fünfte junge Mensch in Deutschland hat einer Umfrage zufolge Schulden, viele 14- bis 29-Jährige sparen Energie und machen sich Sorgen wegen Inflation und Krieg. Dennoch zeigt sich die junge Generation mit ihrer persönlichen Situation weiterhin relativ zufrieden, auch wenn die Befürchtung wächst, dass die Wohlstandsjahre vorbei sind. Das sind Ergebnisse einer Studie der Jugendforscher Simon Schnetzer und Klaus Hurrelmann. Für die halbjährlich durchgeführte Trendstudie „Jugend in Deutschland“ wurden im Oktober 1027 Jugendliche und junge Erwachsene online befragt.

Wesentlicher Bestandteil ist die Abfrage der größten Sorgen dieser Altersgruppe. Momentan steht die Inflation (71 Prozent) ganz vorn, gefolgt vom Krieg in Europa (64) und dem Klimawandel (55). 20 Prozent der Jugendlichen und jungen Erwachsenen stimmten in der Befragung der Aussage zu: „Ich habe Schulden.“ Mehr als die Hälfte (55 Prozent) gab an, wegen der Inflation Energie zu sparen, zum Beispiel durch weniger Heizen und kaltes Duschen, und mehr preisreduzierte Waren zu kaufen (51 Prozent). Ein Viertel hat nach eigenen Angaben den Kauf von Bio-Produkten eingeschränkt.

Ängste, Sorgen und Resilienz

Der Krieg in der Ukraine macht vielen jungen Menschen weiterhin große Sorgen. Bei 38 Prozent ist die Angst „sehr groß“ oder „eher groß“, dass er sich auf ganz Europa ausweiten wird. 27 Prozent haben davor keine oder eher geringe Angst. 35 Prozent sagen weder noch. Deutlich mehr junge Menschen als noch im Frühjahr (54 Prozent (+25)) machen sich jetzt Sorgen wegen der Inflation. Viele junge Menschen klagen weiterhin über psychische Belastungen wie Stress oder Antriebslosigkeit. Hier haben sich einige Umfragewerte aber auch entspannt.

Der Anteil derjenigen, die lernten, ohne psychische Belastungen mit dem „Dauerkrisenmodus“ umzugehen, habe sich leicht vergrößert, heißt es in der Studie, „weil eine gewisse Routine im Umgang mit Ausnahmesituationen eingetreten ist und sich Widerstandskräfte (‚Resilienz‘) gebildet haben“. Dennoch weisen die Autoren darauf hin, dass sich bei einer „erschreckend großen Minderheit“ psychische Sorgen verfestigt und verdichtet hätten, sodass dringende Unterstützung notwendig sei. So berichteten 16 Prozent von Hilflosigkeit und 10 Prozent (+3) von Suizidgedanken. Das sei ein „dringendes Warnsignal“.

Die politische, wirtschaftliche und gesellschaftliche Entwicklung im Land und die Lebensqualität bewerten junge Menschen jetzt schlechter als noch vor einem halben Jahr. Sie blicken in diesen Bereichen auch skeptischer in die Zukunft. Gespiegelt werde hier die Befürchtung der jungen Generation in Deutschland, dass sich das Ende der Wohlstandsjahre abzeichne, heißt es. Die eigene Lage (Berufschancen, soziale Anerkennung, finanzielle Situation, psychische und körperliche Gesundheit) wird zwar überwiegend positiv bewertet, allerdings haben sich auch hier Werte verschlechtert. „Alles in allem“ sind die meisten aber weiterhin mit ihrem Leben zufrieden.

Jugendforscher fordern Finanzbildung in Schulen

„Das lässt darauf schließen, dass trotz der Verschlechterung immer noch eine solide Basis für eine grundsätzlich positive persönliche Stimmungslage besteht.“ Dass jeder Fünfte Schulden habe, sei aber eine „erschreckende Erkenntnis“, heißt es in der Studie. Die Autoren beobachten nach eigenen Angaben „vermehrt den Trend sogenannter Klarna-Schulden“. Über die Firma Klarna werden Zahlungen bei Online-Bestellungen abgewickelt, dabei kann auch auf Rechnung gekauft und später bezahlt werden.

„Besonders anfällig für Konsum auf Pump scheinen junge Menschen bei Markenkleidung und anderen Identifikationsobjekten zu sein, die in ihrem Umfeld mit Anerkennung oder sozialem Status verknüpft sind“, schreiben die Jugendforscher. Häufig würden außerdem Schulden beim Computerspielen mit sogenannten In-Game-Käufen gemacht. Appelliert wird deshalb an die Entscheidungsträger in Bildung und Politik, Finanzbildung für Jugendliche „dringend in Lehrplänen zu berücksichtigen“.

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Appenzeller Landsgemeinde


Die Stimmung knistert, Tausende Hände schnellen in die Höhe, Rufe hallen durch den ganzen Ort, und antike Waffen werden getragen: Seit dem 14. Jahrhundert findet die Landsgemeinde in Appenzell im Kanton Appenzell-Innerrhoden Jahr für Jahr statt. Dass die politische Souveränität in der Schweiz direkt beim Volk liegt, zeigt die Landsgemeinde auf ihre ganz eigene Art: Am letzten Sonntag im April versammeln sich rund 4000 Stimmberechtigte des Kantons auf dem Landsgemeindeplatz des Örtchens Appenzell, um über ihre politischen Fragen in direkter, offener Abstimmung zu entscheiden. Inmitten des Platzes ragt ein Lindenbaum hervor. Der Platz wurde um ihn herumgebaut, da die Linde als Sitz Gottes gesehen wird. Dort, an der Seite Gottes, soll das politische Engagement stattfinden. Die stimmberechtigten Einwohner nehmen einerseits Wahlen auf kantonaler Ebene vor, wie etwa die Wahl der Regierung und des Gerichts. Andererseits entscheiden sie über alle während des Jahres angefallenen Traktanden, wie Finanzbeschlüsse oder Initiativen. Das Spektakel findet bei jedem Wetter unter freiem Himmel statt und wird mit einem zeremoniellen Fest vollendet. Diese ernsthafte politische Veranstaltung ist ein bunter Mix aus Tradition und Modernität. Sie beinhaltet urtümliche Rituale, da auch heute noch das offene Handmehr gilt, um eine endgültige Entscheidung zu fällen. Hierbei schätzt der Landamman, vorne auf seinem Podest stehend, die Mehrheit der gehobenen Hände der Stimmberechtigten ab. Ist der Wille der Bevölkerung nach erneutem Händeheben nicht eindeutig erkennbar, so wird eine Zählung durchgeführt. In diesem Falle muss jede einzelne Person, die im Ring der Stimmberechtigten steht, durch ein Törchen gehen, einmal um den Ring spazieren und am anderen Ende die Arena wieder betreten. Eine solche Zählung kann 60 Minuten beanspruchen.

Zwischen Tracht und politischer Willensbildung

„Glücklicherweise kommen solche Auszählungen jedoch eher selten vor. Wenn man mehrere Stunden stehen muss, werden dir schnell die Füße schwer“, erzählt Alois Dobler, ein rund fünfzigjähriger Mann, der als Berater in den Bereichen Organisation und IT arbeitet. Er trägt einen edlen Anzug inklusive einer Waffe, ist gebürtiger Appenzeller und freut sich Jahr für Jahr auf die Landsgemeinde in Appenzell.

Das offene Handmehr ist ein häufig zitierter Kritikpunkt der Funktionsweise der Landsgemeinde, da es nicht mehr den heutigen Normen der Abstimmungsfreiheit und politischen Gleichheit entspricht. Die aktiv sichtbare sowie spürbare Bürgernähe und Unmittelbarkeit der Beratungen machen diesen Mangel durchaus wett. „Die Landsgemeinde wirkt zwar oft archaisch, verändert sich jedoch stetig und passt sich somit der Aktualität an. Dies zeigt, dass die Landsgemeinde so lebensfähig ist, dass sie auch in 50 Jahren noch eine zeitgemäße Form ist, um Politik zu machen“, sagt Landesarchivar Sandro Frefel. „Demokratie zu sehen und zu leben ist heutzutage gar keine Selbstverständlichkeit mehr. Mit dem Ukrainekonflikt wird man sich dessen wieder viel bewusster“, meint Yvonne Jud, die Begleiterin von Alois Dobler, eine schöne Tracht tragend. Ähnliche Haltungen werden hier überall vertreten. Egal ob jung oder alt, alle sind sich einig, dass die Landsgemeinde in Appenzell die Vergangenheit wie die Gegenwart, aber auch die Zukunft der politischen Willensbildung sein soll.

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