Kategorie -Jugendliche

Streit um sexuelle Aufklärung: Lasst die Kinder fragen!

Die einen fordern sexuelle Vielfalt im Unterricht, die anderen warnen vor “Übersexualisierung”. Die Debatte um die Aufklärung von Schülern erregt die Gemüter: Welche Themen darf man dem Nachwuchs zumuten? Und in welchem Alter? Eltern, Kinderschützer, Kirchenvertreter, Journalisten und vor allem Politiker aus unterschiedlichen Lagern haben sich dazu Meinungen gebildet. Sollte es bei einem so wichtigen Thema wie Sexualität aber nicht um die Meinungen und Fragen der Kinder und Jugendlichen selbst gehen?

“Je nachdem, wie die Jugendlichen aufwachsen, welche Medien und Menschen sie bevorzugen, bekommen sie ihre Informationen über Sexualität aus ganz unterschiedlichen Quellen”, sagt Diplompädagoge und Sexualpädagoge Michael Hummert vom Institut für Sexualpädagogik im Gespräch mit t-online.de.
 
Sexuelle Aufklärung findet in einer Art Aufgabenteilung statt. Was Hummert befürwortet, schließlich sei Sexualität ein sehr komplexes Thema. “Es gibt Dinge, die wollen Jugendliche nur mit Gleichaltrigen besprechen. Die Eltern jedoch sollten den Kindern Orientierung geben, ihnen beibringen, die eigene Meinung zu sagen, eine gewisse Begleitung gewährleisten”, so Hummert.
 
Die Schule hingegen solle Sachinformationen und biologisches Fachwissen zur Verfügung stellen, da vielen Eltern dazu die Kompetenz fehle. Dieser Aufgabe kommen Schulen in Deutschland seit Jahrzehnten nach – wie weit sie dabei gehen dürfen, uferte nun in einem heftigen Streit aus.

“Pornografisierung der Schule” – Debatte schaukelt sich hoch

Die “Akzeptanz sexueller Vielfalt” als Ziel sollte im Bildungsplan 2015 festgeschrieben werden. Mit diesem Vorhaben der grün-roten Landesregierung von Baden-Württemberg ging es los. Es folgten unzählige homophobe Äußerungen und eine Petition aufgebrachter Bürger, bis der FAZ-Artikel “Unter dem Deckmantel der Vielfalt” von Antje Schmelcher die Diskussion um eine neue Dimension erweiterte.
 
“Die sexuelle Aufklärung missachtet Grenzen”, schreibt Schmelcher und macht dafür die “Gesellschaft für Sexualpädagogik” (GSP) und deren Mitarbeiter mitverantwortlich. Das im FAZ-Artikel scharf kritisierte GSP-Standardwerk “Sexualpädagogik der Vielfalt”, das unter anderem von Pro Familia empfohlen wird, richtet sich mit praktischen Übungen an Pädagogen und Jugendarbeiter. Übungen, die sich auch explizit mit verschiedenen Sexualpraktiken beschäftigen und die laut Buch für Kinder unter 15 Jahren geeignet seien. Wirklich ein Skandal? Für Bernd Saur, Vorsitzender des Philologenverbands Baden-Württemberg, offensichtlich ja.

Saur griff das Thema in einem Gastbeitrag im “Focus” auf. Er warnt vor den Folgen für die Kinder: “Diese Übersexualisierung, ja Pornografisierung der Schule entspräche einem Anschlag auf ihr natürliches und überaus schützenswertes Empfinden, einer eklatanten Verletzung der Schamgrenze.”

Im Leben von Jugendlichen geht es nun einmal um Sex

“Kann man Jugendliche überhaupt ‘übersexualisieren’?”, fragt sich Experte Hummert. Schließlich gehe es für Teenager in jeder Generation vor allem darum, sich selbst als sexuelles Wesen zu entdecken und Sexualität in die eigene Identität zu integrieren, ob das nun in der Schule oder im Elternhaus besprochen werde oder nicht: “Das ist wahrscheinlich das zentrale Thema im Leben eines 15-Jährigen.”
 
Worüber Politiker streiten, kennt Hummert aus der Praxis. Häufig laden ihn Schulen als externen Referenten ein. Während sich eine Kollegin mit den Mädchen auseinandersetzt, übernimmt er die männlichen Teenies, deren Wissensdurst groß ist. “Die Jungs wollen besonders das Spektakuläre hören, also das, was sie niemals ihren Lehrer oder die Eltern fragen würden”, erläutert Hummert. Was denn die “geilste Stellung” wäre, sei eine typische Frage. Auf diese Weise kommt Hummert mit den Jugendlichen ins Gespräch, bekommt die Gelegenheit, auch die Emotionalität und Verantwortung zu vermitteln, die mit Sex verbunden ist.

Jemand muss die Fragen der Kinder beantworten

Die Schulen betreiben Sexualaufklärung, um ungewollte Schwangerschaften und Geschlechtskrankheiten zu verhindern. Für einen Pubertierenden selbst habe das aber nicht oberste Priorität. “Den interessiert eher: Ist mein Körper normal? Wird mein Partner mich schön finden? Ist es ekelhaft, dass meine Brüste nicht gleich groß sind? Sind meine Hoden komisch?”, sagt Hummert. “Und wenn man von solchen Fragen bedrängt und abgelenkt wird, kriegt man das mit der Verhütung bestimmt nicht hin.” Deshalb sei es wichtig darüber zu sprechen und den Jugendlichen Sicherheit und Risikobewusstsein zu vermitteln, ohne ihnen Angst zu machen – “denn Panik lähmt.”

Demnach sind es idealerweise die Fragen und Unsicherheiten der Kinder und Jugendlichen selbst, die vorgeben, über welche Inhalte zu welchem Zeitpunkt aufgeklärt wird. Trotzdem weiß Hummert, dass die Wissensvermittlung auch einem allgemeinen Zeitplan folgen muss: “Wir wissen heute ungefähr, wann Jugendliche ihr erstes Mal haben und dann sollten sie schon wissen, was für Verhütungsmittel es gibt und auch, ob man beispielsweise von Oralverkehr schwanger werden kann.”

Wie es sich auswirkt, wenn solche Themen in der Schule verschwiegen werden, zeigte die “No-Sex-Until-Marriage”-Kampagne während der Amtszeit von George W. Bush in den USA. Jungen Menschen wurde nahelegt, mit dem ersten Sex bis zur Ehe zu warten, was in einigen US-Staaten auch praktiziert wurde. Dort fand dann kaum Sexualkundeunterricht statt. “Das Ergebnis war, dass die jungen Leute tatsächlich ihr erstes Mal später hatten, dann die Quoten für ungewollte Schwangerschaften aber extrem hoch waren, weil sie eben nicht Bescheid wussten”, erzählt Hummert.

Die frühe Kindheit ist entscheidend

Aller Diskussion um schulische Sexualaufklärung zum Trotz sind sich Experten aus der Sexualforschung sicher, dass die Grundlagen für die Entwicklung von Sexualität bereits in der frühen Kindheit gelegt werden: Wie wird über den Körper kommuniziert? Wie erlebt man die Beziehung der Eltern? Welche Rückmeldung bekommt man zu seinem Geschlecht? Diese Dinge prägen von Anfang an. “Körper, Geschlecht, Beziehung, Bedürfnisse: An diesen vier Eckpunkten entwickle ich, wie ich mein Leben gestalte, und das wird dann in der Jugend sexuell aufgeladen”, so Hummert.

Eltern, die ein entspanntes Verhältnis zu ihren jugendlichen Kindern haben, könnten Hummert zufolge beruhigt sein: “In der Regel haben sie ihren Kindern schon früh sehr viel mitgeben.”

Dass dies hierzulande relativ vielen Eltern gelingt, zeigen Statistiken. Hat 1980 noch etwa jeder Fünfte beim ersten Geschlechtsverkehr nicht verhütet, gilt das laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung heute nur noch für acht Prozent. Zudem gibt es im internationalen Vergleich nur wenige Länder, in denen die Quote der Teenagerschwangerschaften niedriger ist als in Deutschland.

Romantik statt verantwortungsloser Sex

“Acht Prozent beim ersten Mal ohne Verhütung ist noch immer eine zu hohe Zahl”, sagt Hummert dazu. “Trotzdem bemerke ich in Gesprächen mit Jugendlichen immer wieder, wie verantwortungsvoll sie das Thema Sex behandeln, wie wichtig ihnen Treue ist, wie viel wert sie darauf legen, dass der erste Sexualpartner auch der richtige ist.”

Die Studie “Partner 4” der Hochschule Merseburg unterstreicht diesen Eindruck: Mehr als Dreiviertel der Jugendlichen haben ihr erstes Mal überwiegend in einer festen Beziehung. Daneben heißt es in der Untersuchung, dass heute zwar weniger Jugendliche in einer festen Beziehung seien als früher, diese jedoch deutlich intensiver erleben. 69 Prozent der weiblichen und 61 Prozent der männlichen Teenager gaben in der Befragung an, dass sie ihren aktuellen Partner “über alle Maßen” lieben. 1990 waren es nur 49 beziehungsweise 35 Prozent.

Während sich Erwachsene seit Jahren über den Einfluss von Pornografie und aktuell über “gefährliche” Schulinhalte streiten, sieht es fast so aus, als ob die Jugendlichen abseits dieser Schauplätze ihren eigenen Weg gefunden haben, den sie verantwortungsbewusst gehen. “Es scheint zurzeit eher eine Romantisierung bei Jugendlichen zu geben”, vermutet Hummert. “Die meisten Eltern können nicht so viel falsch gemacht haben.”

 

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PTBS: Eine neue Therapie hilft traumatisierten Jugendlichen

Kinder und Jugendliche, die sexuellen Missbrauch oder Gewaltübergriffe erfahren mussten, sind psychisch schwer gezeichnet. Ihr Leben mündet häufig in eine posttraumatische Belastungsstörung, für die es bislang vor allem bei der Altersgruppe zwischen 14 und 21 noch keine spezifische Therapieform gab. Eine neue Methode bietet nun eine altersangepasste Behandlung an, die traumatisierten Jugendlichen schnell und wirksam helfen kann. Eine Expertin erklärt das Modell.

Die Wahrscheinlichkeit, sexuelle oder physische Gewalt während der Kindheit und Jugend erleben zu müssen, ist statistisch gesehen relativ hoch. Internationale Untersuchungen haben gezeigt, dass etwa zwanzig Prozent der Frauen und acht Prozent der Männer noch vor dem 18. Lebensjahr ungewollte sexuelle Erfahrungen machen mussten und vier beziehungsweise 16 Prozent physische Gewalt erlitten haben. Doch die Dunkelziffer liegt wahrscheinlich wesentlich höher.

Psychisch krank nach Missbrauchs- und Gewaltübergriffen

Die Folgen solcher Übergriffe sind neben körperlichen Verletzungen auch seelische, die sich noch über lange Zeit auswirken können. So haben Opfer von sexueller und körperlicher Gewalt ein wesentlich höheres Risiko psychisch zu erkranken. Dabei tritt besonders häufig eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) auf, unter der laut Studien 37 bis 52 Prozent der sexuell missbrauchten Kinder und Jugendlichen leiden.

Neue Trauma-Therapie für Jugendliche

Auch die 16-jährige Pia (Name geändert) wurde im Alter von zwölf bis 14 Jahren von ihrem Onkel sexuell missbraucht und kämpfte regelmäßig mit belastenden Bildern und Erinnerungen, die immer wiederkehrten. Schlechte Träume verfolgten sie und tagsüber war sie reizbar und unkonzentriert, so dass auch ihre Leistungen in der Schule nachließen.

Pia ist eine der Patientinnen mit PTBS, die im Rahmen einer neuen ambulanten, speziell auf Teenager und junge Erwachsene zugeschnittenen Therapie behandelt wurde. Diese wird noch bis 2016 an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, an der Goethe Universität Frankfurt und an der Freien Universität Berlin mit jeweils 30 Patienten erprobt. “E-KVT” (entwicklungsangepasste kognitive Verhaltenstherapie) heißt das Projekt, das angewendet wird, wenn eindeutige Symptome der Störung diagnostiziert werden.

Symptome sind zahlreich

“Jugendlichen, die nach sexuellem Missbrauch oder körperlichen Gewaltattacken unter einer PTBS leiden, geht es oft schon jahrelang schlecht”, erklärt die Psychologin Rita Rosner von der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt, die federführend bei der Entwicklung der Therapie war. “Obwohl jeder Fall anders ist, gibt es dennoch ganz bestimmte charakteristische Merkmale, die für diese Störung typisch sind, zum Beispiel immer wiederkehrende Nachhallerlebnisse, wie etwa die Szenen der Vergewaltigung, die der Patient vor seinem inneren Auge sieht, oder den Schweiß- beziehungsweise Alkoholgeruch des Täters.”

Typisch für PTBS ist auch das Vermeidungsverhalten, bei dem die traumatisierten Jugendlichen versuchen, Aktivitäten oder Situationen aus dem Weg zu gehen, die eine Erinnerung an das zurückliegende Geschehen wachrufen, wie zum Beispiel beim Sport möglichst nicht außer Atmen zu geraten, weil dann das heftig pulsierende Herz das Erlebte wieder wachruft.

Aber auch ein Gefühl der emotionalen Taubheit, Panikattacken, Schreckhaftigkeit, erhöhte Wachsamkeit, Übererregung, aggressives Verhalten, Schlafstörungen und Konzentrationsprobleme sind bezeichnend für diese Störung.

“Hinzu kommt, dass sich die Patienten oft schmutzig und wertlos fühlen oder sich sogar selbst die Schuld für das Erlebte geben”, ergänzt die Expertin. Einhergehen würde diese negative Selbstwahrnehmung häufig mit einem großen Misstrauen gegenüber der Welt, die als unsicherer Ort empfunden werde.

Übersichtliche und kompakte Therapie hilft den Jugendlichen

Junge Patienten finden meist durch die Initiative von Familienmitgliedern, Lehrern, Schulpsychologen oder durch Bezugspersonen in Jugendeinrichtungen den Weg zur Therapie. Um sie altersgerecht behandeln zu können, müssen die Therapeuten aber nicht nur die psychischen Problem im Blick haben, sondern auch die besondere Lebensphase der Pubertät mit ihren Anforderungen berücksichtigen.

“Das ganze Paket ist eine große, fragile Baustelle, zumal die Patienten nicht selten zusätzliche Instabilität durch zerrüttete Familienverhältnisse oder durch ein Leben im Heim erfahren”, so Rosner. Die fokussierte und überschaubare Therapie mit circa 30 Stunden mache es den Jugendlichen einfach leichter, sich auf das Ganze einzulassen und dabei zu bleiben. Auch die Behandlung in den jeweiligen Universitäts-Ambulanzen hat im Vergleich zu einer stationären Trauma-Therapie Vorteile, denn so werden die Jugendlichen nicht aus ihrem gewohnten Alltag gerissen.

Vier Therapiephasen bauen aufeinander auf

Die Struktur der Therapie funktioniert ähnlich wie ein Baukastensystem und ist in vier Phasen eingeteilt: In den ersten Sitzungen geht es vor allem darum, ein Vertrauensverhältnis zwischen Therapeut und Patient aufzubauen. Außerdem soll die Motivation des Jugendlichen gefestigt werden, um so die Chancen zu verbessern, bis zum Schluss durchzuhalten.

In der zweiten Phase gilt es, die eigenen Emotionen steuern und regulieren zu lernen. Dies sei auch deshalb wichtig, so Rosner, weil die Jugendlichen häufig auf die traumatischen Erlebnisse und Erinnerungen mit Selbstverletzungen wie etwa Schneiden, Ritzen oder Drogenkonsum reagierten.

Durch sogenannte Skills, in diesem Fall Ersatzhandlungen, könnten sie jedoch die Fähigkeit erwerben, aus der Spirale negativer beziehungsweise selbstaggressiver Empfindungen herauszukommen. Dabei wird zum Beispiel das Zerbeißen einer scharfen Chilischote, das Eintauchen der Hand in kaltes Wasser oder die Erinnerung an positive Erfahrungen zum hilfreichen Ventil.

“Wir trauen uns das Trauma direkt anzupacken”

Die dritte Therapieabschnitt ist der umfangreichste und intensivste. Hier steht die gezielte Trauma-Aufarbeitung im Vordergrund. Dabei sollen sich die Jugendlichen durch das Aufschreiben des Erlebten und den damit verknüpften Gedanken und Gefühlen bewusst mit dem Missbrauch beziehungsweise der Gewalttat auseinandersetzen, anstatt die Erinnerungen zu unterdrücken. Außerdem sollen Kompetenzen vermittelt werden, die helfen ausgeglichener und gelassener auf stressige Ereignisse oder schwierige zwischenmenschliche Begegnungen zu reagieren.

“Wir trauen uns im Gegensatz zu anderen Methoden, das Trauma direkt anzupacken und den Jugendlichen in der geschützten Therapieatmosphäre und nach dem Erlernen der Stressreduktionsfertigkeiten damit zu konfrontieren. Das erzählende Element spielt dabei eine wichtige Rolle: Dinge müssen einfach ausgesprochen werden. Das ist wie ein Steinbruch, den man Stück für Stück freilegt”, erklärt die Expertin.

Um die Jugendlichen weiterhin vor Gewaltübergriffen oder Missbrauch zu schützen, rückt am Schluss der Behandlung die Prävention in den Mittelpunkt. Hier geht es zum Beispiel auch darum, zu lernen, riskanten Situationen vorzubeugen, indem man potenziell gefährliche Verhaltensmuster rechtzeitig erkennt und durchschaut.

“Mit der neuen Therapie fördern wir letztendlich nicht nur die Selbstheilung der jungen Patienten. Sie bekommen auch für die Zeit danach Instrumente an die Hand, die sie in die Lage versetzen, bei Stress und psychischen Belastungen wieder allein zurechtzukommen. Wir stabilisieren die Jugendlichen also nicht nur, wir helfen ihnen nachhaltig. Das beweisen die erfolgreichen Behandlungen”, resümiert Rosner. “Wir machen also nicht nur etwas, von dem wir denken, dass es gut tut. Wir wissen, dass es gut tut!”

Weitere Informationen unter: http://www.traumatherapie-jugendliche.de/

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WhatsApp-Slang verbessert die Schreibkompetenz bei Jugendlichen

Grunzende Laute, unvollständige Sätze, keine Kommas, keine Grammatik – egal. Auf dem Smartphone und im Internet herrscht Rechtschreibe-Anarchie. Entsetzte Sprachpuristen und Eltern befürchten, dass Chatten, Bloggen und Twittern die Sprache ihrer Kinder verdirbt. Doch Experten geben Entwarnung: Die digitale Kommunikation kann die Sprachgewandtheit sogar fördern.

A: “Was machste we?”, B: “gehn essen, nom nom”, B: “jip!”, A: “späta party?”, B: “yup, bin dabei. bäm!”. So oder so ähnlich könnte es aussehen, wenn sich zwei junge Leute über Facebook oder WhatsApp fürs Wochenende verabreden.

Gefühle werden in Laute gepackt

SMS, E-Mail, Chat und soziale Netzwerke – ständig tippen Jugendliche, aber auch Erwachsene irgendwelche Nachrichten. Statt mit der besten Freundin zu telefonieren, schicken wir schnell ein paar Kurznachrichten hin und her. Mit der Folge, dass wir schreiben wie wir sprechen: in Wortsplittern und Satzfragmenten, die Rechtschreibung und Grammatik völlig missachten.

Wir schreiben We statt Wochenende, Jip statt Jippie. Präpositionen und Pronomen werden weggelassen oder verschmelzen mit anderen Wörtern. Dazu kommt eine Fülle von emotionalen Ausdrücken wie haha, gähn, seufz, mmmh und nom nom für lecker oder bäm für totale Begeisterung. Denn wo Gesichtsausdruck und Stimmlage fehlten, müssten Worte Gefühle vermitteln, sagt der Sprachwissenschaftler Volker Schlobinsk aus Hannover.

Nerd-Slang wird zum allgemeinen Sprachgebrauch

Forscher beobachten diese Abwandlung von Sprache schon seit vielen Jahren. Während früher vor allem Computer-Nerds Begriffe wie lol (Bezeichnung für laut lachen) oder omg (Abkürzung für Oh, mein Gott!) nutzten, sind diese heute für viele selbstverständlich. Die Webseite Buzzfeed hat zum Beispiel ihre Rubriken teilweise so benannt.

Auch die Kommentare zu Wikipedia-Einträgen oder auf Facebook-Seiten seriöser Unternehmen wie der Deutschen Bahn zeigen einen lockeren Umgang mit Sprache. “Die Texte werden immer informeller”, hat die Linguistin Christa Dürscheid von der Universität Zürich festgestellt. Dazu beigetragen haben besonders WhatsApp und ähnliche Kurznachrichtendienste. Denn dort kommt es auf schnelle Antworten an. Sprachliche Schönheit? Egal.

Thomas Mann oder Twitter – Schüler differenzieren

Sprachbewahrer sehen angesichts dieser Entwicklung schwarz. Ihre Befürchtung: Gerade junge Leute, bei denen Rechtschreibung und Grammatik noch nicht gefestigt sind, könnten gar kein korrektes Deutsch mehr lernen. Schlobinski sieht da jedoch keine Gefahr. “Es macht keinen Sinn so zu schreiben wie Thomas Mann, wenn ich einen Tweet auf Twitter mit 140 Zeichen verfasse.” Trotzdem seien Jugendliche noch in der Lage, ordentliche Schulaufsätze zu schreiben.

Diese Einschätzung stützt auch eine Studie von Christa Dürscheid in der Schweiz. Sie hatte vor vier Jahren untersucht, wie sich E-Mail, Chat und SMS auf das Schreiben von Jugendlichen in der Schule auswirkt. Ihr Ergebnis: Die meisten Schüler können unterscheiden, ob sie eine SMS oder einen Aufsatz schreiben.

“Die Schreibkompetenz hat nicht nachgelassen – im Gegenteil. Sie ist breiter geworden”, meint Dürscheid, denn eine einheitliche Websprache gibt es nicht. In einer E-Mail schreibt man anders als im Chat. Jedes Forum und jede Clique hat ein eigenes Vokabular. Da ist viel Sprachgefühl gefragt.

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Das Jugendwort des Jahres 2014 ist gekürt

Das Jugendwort des Jahres 2014 steht fest. Eine vom Wörterbuch-Verlag Langenscheidt zusammengestellte Jury, bestehend aus aus Jugendlichen, Journalisten und Sprachwissenschaftlern, hat sich für den Satz “Läuft bei dir” entschieden. Der Ausdruck bedeutet so viel wie “Du hast es drauf” oder einfach nur “cool”.

Der Ausdruck setzte sich durch gegen “Gönn Dir!” (frei übersetzt “Viel Spaß dabei”) und das aus dem Türkischen stammende “Hayvan!” (eigentlich „”Tier”, abgewandelt zu “Freund”, “Muskelpaket”, aber auch “triebgesteuert”). Auch im Rennen waren das  allgegenwärtige “Selfie” (Selbstporträt) und “Senfautomat” (“Klugscheißer”).

Aber reden Jugendliche in Deutschland wirklich so? Die 15-jährige Mira, derzeit Schülerpraktikantin in der Redaktion von t-online.de, hat die Begriffe einem Realitäts-Check unterzogen.

Mal wieder eine deutsche Redewendung

“Läuft bei Dir” ist nach drei Jahren mal wieder eine deutsche Redewendung, die sich durchsetzt. 2011 machten “Swag” (deutsch: prahlen, stolzieren), 2012 “Yolo” (deutsch: Man lebt nur einmal”) das Rennen.

2013 hatte die Jury “Babo” (aus dem Bosnischen, bedeutet “Vater” oder “Boss”, “Chef” oder “Anführer”) gewählt. Das Wort war vorher im deutschsprachigen Raum durch den Song “Chabos wissen wer der Babo ist” (sinngemäß: “die Jungs wissen, wer ihr Boss ist”) des Rappers Haftbefehl bekannt geworden.

Jugendliche können jedes Jahr Vorschläge über das Internet beim Langenscheid-Verlag einreichen, der dann eine Auswahl für die Wahl trifft.

 

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Illegale Downloads: So vermeiden Eltern die Tauschbörsenfalle

Eltern können sich leicht vor Abmahnungen wegen illegaler Downloads schützen. Oft hilft es schon, einen Internetvertrag mit den Kindern abzuschließen und sie auf legale Alternativen aufmerksam zu machen.

Ein Klick auf den Download-Button und schon landet die CD auf der eigenen Festplatte. Mit Pech kassieren Eltern dafür eine Abmahnung wegen illegalen Downloads. Das kann teuer werden: Pro Musikalbum oder Film fordern die Abmahnkanzleien zwischen 800 und 900 Euro. Auch der eigene Anwalt kostet viel Geld: zwischen 300 und 600 Euro, schätzt Christian Solmecke, Rechtsanwalt für Internetrecht in Köln. Vor Abmahnungen wegen Urheberrechtsverletzungen können sich Eltern aber schützen. Diese sechs Vereinbarungen sollten sie mit ihren Kindern absprechen.

Internetvertrag abschließen

Der beste Schutz vor einer Abmahnung ist, gar nicht erst illegale Tauschbörsen zu nutzen. Das sollten Eltern ihren Kindern frühzeitig erklären, sagt Thomas Hollweck, Anwalt für Verbraucherrecht in Berlin. Solmecke rät Eltern, mit ihren Kindern eine Art Internetvertrag abschließen. Darin protokollieren sie, dass sie die Kinder beispielsweise belehrt haben, keine Filesharing-Programme zu nutzen.

Legale Alternativen nutzen

Auch wenn Musikstücke, Filme, Hörbücher, E-Books, Rezepte und Spiele scheinbar kostenlos auf Internetseiten heruntergeladen werden können, laute die Grundregel: “Wenn etwas normalerweise Geld kostet, sollte man skeptisch sein, da niemand etwas zu verschenken hat”, sagt Alexander Krolzik von der Verbraucherzentrale Hamburg. Alternativen sind laut der EU-Initiative Klicksafe die Nutzung legaler Online-Shops und kostenloser Streamingdienste oder das Mitschneiden von Musik über das Internetradio. Besonders für Musik gibt es bereits eine Vielzahl an legalen Angeboten im Internet wie Spotify, Simfy und Youtube.

Softwareinstallation einschränken

Jüngeren Kindern sollten Eltern keine Administrationsrechte am Computer einräumen, rät Solmecke. So können sie die Installation von Tauschbörsen-Software verhindern.

Keine Streaming-Software herunterladen

Generell sollten sich Jugendliche und Eltern vor dem Herunterladen einer Software mit deren Hintergrund beschäftigen, erklärt Solmecke. Er warnt vor der neuen, illegalen Video-Streaming-Software Popcorn Time. Durch die Nutzung der Plattform sei die Anzahl der Abmahnungen in den vergangenen Monaten wieder gestiegen. Popcorn Time sieht wie ein Streaming-Dienst für Filme und Serien aus, ist in Wirklichkeit aber eine Maske, die auf eine Tauschbörse aufgesetzt wurde.

WLAN-Router sichern

Um den Internetanschluss vor unberechtigtem Zugriff zu sichern, sollten Eltern den WLAN-Router verschlüsseln und nur für angemeldete Geräte freigeben, sagt Hollweck.

Computer schützen

Den Computer schützen Eltern durch ein umfassendes Anti-Virenprogrammm, das Schadsoftware entdecken kann.

Weitere Informationen:

Internetvertrag zwischen Eltern und Kindern: http://wbs.is/internet-vertrag

Broschüre von Klicksafe: Runterladen ohne Reinfall

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Diabetes-Risiko: Schon Grundschüler haben krankhaft veränderte Fettzellen

Starkes Übergewicht bei Kindern ist nicht harmlos. Schon im Grundschulalter zeigen sich krankhafte Veränderungen am Fettgewebe und die Kinder haben ein erhöhtes Risiko, an Diabetes vom Typ 2 zu erkranken. Deshalb raten Wissenschaftler, früh gegenzusteuern, wenn Kinder übergewichtig sind.

Fettzellen sind ein wichtiger Indikator. Eine Arbeitsgruppe des Integrierten Forschungs- und Behandlungszentrums (IFB) Adipositas-Erkrankungen am Uniklinikum Leipzig untersuchte das Fettgewebe von Mädchen und Jungen unter 18 Jahren. Schon bei Sechsjährigen mit Übergewicht waren deutliche Veränderungen feststellbar. Übergewichtige Kinder und Jugendliche hatten fast doppelt so viele und deutlich größere Fettzellen wie normalgewichtige.

Außerdem war die Zahl der Makrophagen erhöht. Das deuten die Wissenschaftler als Anzeichen für eine Entzündungsreaktion im Fettgewebe. Makrophagen sind “Fresszellen”, die erkrankte und abgestorbene Gewebezellen identifizieren und beseitigen. Es zeigten sich auch Veränderungen bei der Bildung von Botenstoffen, die das Hungergefühl beeinflussen. Bereits bei jungen Studienteilnehmern mit Übergewicht war die Menge dieser Hormone verändert.

Mit dieser Studie konnten die Forscher erstmals einen Zusammenhang zwischen vergrößerten Fettzellen und beginnender Insulinresistenz nachweisen. Diese Stoffwechselstörung ist eine Vorstufe zum Typ 2 Diabetes. Das Hormon Insulin hat eine wichtige Funktion im Zuckerstoffwechsel des Köpers, denn es senkt den Blutzuckerspiegel. Bei Diabetes kommt es zu einer Überzuckerung des Blutes, die langfristig schwere Gewebeschäden verursachen kann.

Täglich 60 bis 90 Minuten Bewegung

Gegen Übergewicht bei Kindern gibt es eine einfache Formel: weniger Glotze und Fast-Food, mehr Bewegung. Viele Kinder nehmen zu, wenn sie vom Kindergarten in die Schule wechseln. Der Grund dafür ist, dass sie dort stundenlang stillsitzen. Die Deutsche Gesellschaft für Sportmedizin und Prävention erklärt, dass Schüler täglich 60 bis 90 Minuten bewegen brauchen. Ein Beitrag dazu ist, dass sie den Schulweg mit dem Fahrrad oder zu Fuß zurücklegen. Außerdem sollten Eltern den Medienkonsum der Kinder einschränken oder sogar einen Tag in der Woche ganz ohne Computer und Fernseher gestalten.

 

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Felix Finkbeiner will die Welt retten

Mit neun Jahren pflanzte Felix Finkbeiner seinen ersten Baum. Wenig später gründete er die mittlerweile weltweit aktive Kinder- und Jugendinitiative Plant-for-the-Planet. Heute gehört der siebzehnjährige Schüler aus Bayern zu den prominentesten Klimaschützern, findet sogar vor der UNO Gehör. Jetzt fordert er gemeinsam mit anderen Jugendlichen das Wahlrecht für Kinder mit dem Ziel, der jungen Generation mehr Mitspracherecht in der Politik zu verschaffen. Ein ungewöhnlicher junger Mann mit Visionen, der aber dennoch ziemlich bodenständig geblieben ist.

Wie tausende andere Jugendliche hat Felix an seiner Schule, der “Munich International School” in Starnberg, gerade ziemlich viel zu tun. Klassenarbeiten werden geschrieben, wichtige Prüfungen müssen am Jahresende abgelegt werden. Soweit unterscheidet sich der Siebzehnjährige, der mit seinen Eltern und seinen beiden Schwestern in der kleinen bayrischen Gemeinde Uffing lebt, nur wenig von gleichaltrigen Gymnasiasten – wenn da nicht sein leidenschaftlicher Einsatz für das Weltklima und die Zukunft der Kinder wäre.

Bäume pflanzen für eine bessere Welt

Begonnen hat alles vor über sieben Jahren in der Schule. Da war Felix neun Jahre alt: “Ich musste ein Referat über die Klimakrise halten”, erzählt er im Bayrischen Rundfunk. “Damals hab ich von Wangari Maathai erfahren, einer Friedensnobelpreisträgerin aus Kenia, die in 30 Jahren 30 Millionen Bäume gepflanzt hat, zusammen mit ganz vielen anderen Frauen. Dadurch kam die Idee, dass wir auch Bäume pflanzen können.”

Den Anfang macht einen kleiner, von den Schülern finanzierter Zierapfelbaum vor dem Schulgebäude. Nicht viel später gründete Felix mit Unterstützung seines Vaters die Initiative Plant-for-the-Planet mit dem Slogan: “Wir pflanzen Bäume für eine bessere Welt. Hilf uns Kindern unsere Zukunft zu retten”.

Sie traten eine Lawine los. Die Resonanz war riesig, was sicherlich auch damit zusammenhing, dass der Initiator so jung war. Mittlerweile sind zwischen Japan und Südamerika fast 13 Milliarden weitere Bäume dazugekommen. Rund 30.000 junge Mitstreiter aus 44 Ländern, die in Plant-for-the-Planet Akademien ausgebildet wurden, unterstützen das Projekt. Bis 2020 sollen eine Billion (1000 Milliarden) Bäume neu gepflanzt werden.

“Wir sind die Generation, die das Problem ausbaden muss”

So wurde Felix innerhalb kurzer Zeit zum Repräsentanten einer mehrheitlich von Kindern getragenen Initiative, die durch ihre Pflanzaktionen nicht nur sensibilisieren, sondern dazu beigetragen will, eine drohende Klimakatastrophe abzuwenden. “Sich um die Klimakrise zu kümmern, ist auch deshalb so wichtig”, erklärt der junge Zukunftsaktivist im Gespräch mit t-online.de, “weil wir die Generation sein werden, die das Problem ausbaden muss. Denn die Natur braucht etwa 25 Jahre, um auf Veränderungen wie auf den wachsenden CO2-Ausstoß zu reagieren. Deswegen ist unser Engagement auch eine Art Egoismus.”

Besonders stört Felix, dass die Mächtigen der Welt zwar seit langem die Probleme kennen, aber nicht genug dagegen unternehmen. “Auf den vielen Umweltkonferenzen seit 1992 – das ist länger, als die meisten von uns alt sind – diskutieren alle Verantwortlichen immer nur”, beklagt er sich. “Dann werden aufgrund von kurzfristigen wirtschaftlichen Interessen Entscheidungen, die die Erderwärmung bremsen könnten, wieder und wieder verschoben, ohne eine länderübergreifende Einigung zu erzielen.”

Auf der ganzen Welt wirbt der “Klimaretter” für seine Ziele

Mit dieser kritischen Botschaft wird der mittlerweile altgediente Jung-Aktivist nun seit Jahren weltweit zu Vorträgen eingeladen. So fehlte er in den letzten Jahren öfter in der Schule, was seinen guten Noten jedoch bisher nicht schadete. In dieser Zeit durfte er Erfahrungen machen, die für einen Heranwachsenden seines Alters eher untypisch sind: Über seine wichtige Mission sprach er bereits auf Klimakonferenzen, vor dem Europäischen Parlament und sogar vor der UN-Vollversammlung – immer perfekt vorbereitet und im allerbesten Englisch.

Aber Felix‘ Zeit ist begrenzt. Damit er nicht zu viele Fehltage in der Schule ansammelt, übernehmen nun mehr und mehr Botschafter von Plant-for-the-Planet angefragte Vorträge. Außerdem ist es ihm ein Anliegen, seinen CO2-Fußabdruck so gering wie möglich zu halten. Daher versucht Felix, gerade bei Anfragen aus dem Ausland, die Forderungen von Plant-for-the-Planet per Videobotschaft oder Liveschaltung zu vermitteln.

Wahlrecht für Kinder und Jugendliche

Für Felix sind diese Anerkennung und das öffentliche Interesse an ihm kein Grund, abzuheben und sich auf seinen Erfolgen auszuruhen. Obwohl der junge Bayer mehr als ausgelastet ist, treiben ihn gerade neue Ideen um. Zusammen mit andere Kindern und Jugendlichen will er vor dem Bundesverfassungsgericht durchsetzen, dass das Wahlalter in Deutschland gesenkt wird.

“Unser Anliegen ist deshalb von großer Bedeutung”, betont Felix, “weil junge Menschen so nicht mehr von politischen Entscheidungen ausgeschlossen wären. Bisher wird vor allem für die zunehmende Anzahl der über 55-jährigen Wähler Politik gemacht. Das hat zur Folge, dass es für diese große Altersgruppe Wahlgeschenke gibt, wie jetzt etwa die Rentenreform, deren Finanzierung aber leider auf Kosten der jüngeren Generation geht.”

In der Praxis schwebt Finkbeiner folgendes Wahlmodell vor: Jeder Mensch sollt sein Wahlrecht ausüben dürfen, sobald er selbst es kann und möchte – unabhängig vom Geburtstag. Es könnte also eine reguläre Altersgrenze von 16 oder 14 geben, ab der man offiziell zur Wahl geladen wird. Wer aber schon vorher seine Stimme abgeben möchte, um so die eigene Zukunft frühzeitig mitgestalten zu können, kann sich im Rathaus seines Wohnortes ins Wählerverzeichnis eintragen. Wann die Richter in Karlsruhe über diese Forderungen entscheiden werden, ist noch unklar.  

“Wir müssen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen”

Ginge es nach Felix Finkbeiner und seinen Altersgenossen, müssten Politiker dem globalen Gerechtigkeits- und Armutsproblem genauso wie der Rettung des Weltklimas einen viel höheren Stellenwert einräumen. Immerhin verhungerten auf der Erde täglich 30.000 Menschen. Und rund eine Milliarde Erdenbewohner müssten mit nur einem Dollar am Tag auskommen.

“Wir können die Dinge nur in weltweiter Zusammenarbeit lösen, auch weil wir durch die Globalisierung immer mehr zu einer einzigen großen Gesellschaft werden. Deshalb wünsche ich mir, dass es eines Tages eine weltumspannende, demokratische Ordnung gibt, bei der auch Kinder und Jugendliche ein Mitspracherecht haben. Wir müssen unsere Zukunft selbst in die Hand nehmen. Und das das Tollste dabei ist, dass jeder seinen Beitrag dazu leisten kann, den konkreten Problemen und Bedrohungen entgegenzuwirken. Zum Beispiel durch Bäume pflanzen.”

Die nächste größere Herausforderung, die auf Felix Finkbeiner zukommt, sind nächstes Jahr die Abiturprüfungen. Gemessen an dem, was er sonst schon bewegt hat und vielleicht noch bewegen wird, dürfte das aber einer seiner leichteren Übungen sein.

Weitere Informationen unterhttp://www.plant-for-the-planet.org

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Hausarbeit: Eltern haben die Pflicht, Kindern Pflichten zu übertragen

Den Müll rausbringen, das eigene Zimmer aufräumen, Blumen gießen, Tisch decken und kleine Besorgungen erledigen – das sind die typischen Kinderaufgaben im Familienverbund. Ist der Nachwuchs noch klein, ist er meist mit Begeisterung bei der Sache. Je älter Kinder aber werden, desto eher versuchen sie, sich zu drücken. Doch Eltern dürfen ohne schlechtes Gewissen die Mithilfe einfordern.

Jugendliche können sehr vielfältige und teils auch sehr kreative Verweigerungsstrategien an den Tag legen, wenn es um das Thema Mithilfe im Haushalt geht. Doch was will man anderes erwarten? Viele Teenager befinden sich in einem Zustand “erlernter Hilflosigkeit”, meint der Entwicklungsexperte Ralph Dawirs. “Haben sie doch über die zurückliegende lange Zeit ihrer behüteten Entwicklung vom Kleinkind bis zu den ersten Pickeln günstigenfalls erfahren dürfen, dass Mama und Papa für alles Nötige sorgen. Und das nicht schlecht, vor allem sehr verlässlich. Warum sollte sich das plötzlich ändern? Kann man sich doch auf das alte bewährte Bodenpersonal prima verlassen.”

Mit Erziehung an sich kommt man hier nicht mehr weit. Denn mit der Pubertät endet die Kindheit und damit der Erziehungsauftrag. Ab sofort gilt also die Hausordnung.

Eltern haben die Pflicht, ihren Kindern Pflichten zu übertragen

Theoretisch haben Eltern gesetzliche Rückendeckung, wenn es um die Mithilfe im Haushalt geht. Denn in Paragraf 1619 des Bürgerlichen Gesetzbuches steht, dass ein Kind, solange es dem elterlichen Hausstand angehört und von den Eltern erzogen oder unterhalten wird, verpflichtet ist, in einer seinen Kräften und seiner Lebensstellung entsprechenden Weise den Eltern in ihrem Hauswesen und Geschäft Dienste zu leisten. Übersetzt heißt das, dass Kinder zur Mitarbeit im Haushalt verpflichtet sind – und zwar, solange sie die Füße unter den elterlichen Tisch stellen.

Wobei sich Art und Umfang der zu erbringenden Pflichten nach der Reife und den Kräften des Kindes richten müssen, und das Recht auf die freie Gestaltung einer Ausbildung nicht eingeschränkt werden darf. Andersherum ist es, per Gesetz, sogar die Pflicht der Eltern, ihr Kind an die Übernahme eigener Verantwortlichkeiten und Pflichten heranzuführen, beschrieben im Paragraf 1626 unter dem Stichwort “Elterliche Sorge”.

Kann ich mein Kind auf Mithilfe im Haushalt verklagen?

Für ein Kind ab 14 seien sieben Stunden pro Woche angemessen, findet der Bundesgerichtshof. Bei jüngeren entsprechend weniger. Sind die Eltern krank, beide berufstätig oder alleinerziehend oder besteht gar ein familiärer Notfall, kann sich die Pflicht zur Mithilfe noch erhöhen. Doch wie, werden sich jetzt viele Eltern fragen, soll ich das durchsetzen? Wo doch sowohl der Unterhaltsanspruch als auch das Recht auf Taschengeld auf der Seite der Faulenzer stehen? Soll ich vielleicht einen Prozess gegen mein in seinem Zimmer herumlungerndes Kind führen? Geht das überhaupt?

“Von so einem Prozess habe ich noch nie gehört”, erklärt der Dresdner Rechtsanwalt Ulrich Nolte. “Er macht auch keinen Sinn. Denn zum einen ist er gegen minderjährige Kinder schwer durchführbar und zum anderen wäre ein Urteil im Wege der Zwangsvollstreckung nicht durchsetzbar. Dafür würde man bei keinem Gericht Verständnis finden, die Belastung für die Familie wäre viel zu hoch und der Paragraf ist so auch gar nicht gedacht, sondern wird höchstens im Rahmen von Schadenersatzansprüchen in ganz anderen Fällen verwendet.”

Das Recht auf Mithilfe der Kinder im Haushalt fällt damit unter die Rechte, die zwar aus dem Gesetz ableitbar sind, im Zweifel aber nur auf dem Papier stehen und abbilden, was gesellschaftlich erwünscht ist.

Kinder im Kindergartenalter helfen noch spielerisch

Kinder zwischen drei und fünf Jahren kann unter Mithilfe der Eltern das Aufräumen ihres Zimmers durchaus zugemutet werden, genauso wie ein Helfen beim Tischdecken, beim Blätterzusammenfegen, beim Wäscheaufhängen oder zum Beispiel auch beim Backen. Wobei Kinder in diesem Alter Gefahren noch nicht selbst erkennen können, gerade im Umgang mit Küchengeräten also besondere Vorsicht geboten ist. Aber ein Ei in die Schüssel schlagen oder dem Teig das Mehl hinzufügen, das geht prima.

Natürlich läuft im Kindergartenalter alles noch spielerisch ab. Eine Entlastung darf man hier nicht erwarten. Manchmal dauert einiges sogar länger oder macht zusätzliche Unordnung, weil viele Tätigkeiten für die Kinder motorisch noch schwierig sind. Aber der Zeitaufwand lohnt sich. Er ist sozusagen eine Investition in die Zukunft.

Selbstständigkeit fördern

Wirklich regelmäßig zu erledigende Aufgaben zu verteilen, macht frühestens im letzten Kindergartenjahr Sinn. Erst im Grundschulalter können diese dann auch komplexer werden. Dazu kann zum Beispiel schon das Kochen erster, einfacher Gerichte gehören. Oder auch das Versorgen eines Haustieres. Das fördert die Selbstständigkeit, aber vor allem auch das Selbstwertgefühl. Und das Kind lernt, dass Hausarbeit viel Arbeit ist, die regelmäßig gemacht werden muss und die man sich in einer Familie teilt.

“Mein Sohn ist seit seinem dritten Jahr der Herr über unsere Spülmaschine”, berichtet Frauke. “Sie ist vollautomatisch, mit Touchscreen und tollen Lichtern, das hat ihn schon immer fasziniert. Früher hat er sie immer gemeinsam mit mir eingeschaltet und dann gespannt auf das rote Laserlicht am Fußboden gewartet. Heute, mit sieben, räumt er die Spülmaschine auch aus. Und irgendwann, so hoffe ich, auch mal ein”, schmunzelt die 45-jährige Münchnerin.

Die Diskussionen kosten mich den letzten Nerv”

Die Aufgabenverteilung richtet sich, genau wie die Art der Aufgaben, nach dem Entwicklungsstand des Kindes. “Unser Fünfjähriger sortiert jeden Tag die Schuhe im Flur, die zwölfjährige Tochter dagegen weiß, dass das Bad immer sonntags von ihr geputzt sein muss – wann sie es macht und ob sie sich die Aufgaben einteilt oder alles auf einmal übernimmt, ist ihr überlassen.” Die dreifache Mama Melanie ist selbst sehr ordentlich und ihre Kinder haben das von ihr übernommen.

Nur der Große streikt seit einigen Wochen, erledigt die ihm übertragenen Aufgaben nur noch sporadisch oder gar nicht. Er ist genervt von den dauernden Bitten und Befehlen. Das geht seiner Mutter auch nicht anders: “Das Hinterhergerenne und die dauernden Diskussionen kosten mich den letzten Nerv. Wenn ich ihn dann gefühlte 100 Mal gebeten habe, etwas zu tun, mach’ ich es dann doch selbst. Ich kann nun mal nicht bis übermorgen warten, wenn kein Wasser mehr im Haus ist.”

“Ich mach’s gleich”, spricht der Nachwuchs und nichts geschieht

Die Wörter “Gleich” und “Später” sind wohl die typischen Antworten älterer Kinder auf die elterliche Bitte um Mithilfe. Die einzige Chance dagegen anzukommen, sind eine große Portion Konsequenz und Geduld, gepaart mit klaren Ansagen. Statt mehrmals zu fragen, ob der Nachwuchs denn gewillt wäre, heute noch den Rasen zu mähen, sei es einfacher, deutlich zu formulieren, raten Erziehungsexperten.

Der Arzt und fünffache Vater Werner Bartens beschreibt in seinem Buch “Glückliche Kinder”, warum es für die heutige Elterngeneration so schwer ist, ihren Kindern mit einem freundlichen, aber bestimmten Basta zu signalisieren, dass jetzt Schluss ist mit der Diskutiererei. Der Grund sei, dass viele Eltern selbst in einem Umfeld aufgewachsen sind, das aus schier endlosen Diskussionsrunden bestand. Klare Ansagen seien daher eine neue Erfahrung, ein Lernprozess und vor allem eine ungeliebte Hürde.

Vorlieben nutzen

Das eine Kind hat Freude an der Arbeit im Garten, ein anderes kann Stunden damit verbringen, die Duschkabine mit Essig zu wienern und wieder ein anderes geht lieber einkaufen oder passt auf die kleineren Geschwister auf. Wenn man solche Vorlieben für die Aufgabenverteilung nutzt, gibt es weniger Diskussionen. Vor allem dann, wenn die Kinder größer werden, und zwar wie Erwachsene behandelt werden wollen, von erwachsenem Verhalten aber noch meilenweit entfernt sind. Was wohl auch an ihrer etwas anders gearteten Toleranzschwelle bezüglich Dreck und Unordnung liegen könnte.

Schlechte Vorbilder machen Erziehung schwer

Zum Ende der Grundschule hin steigt nicht nur das Pensum dessen, was das Kind schulisch und in Form von Sport- oder anderen Freizeitaktivitäten zu bewältigen hat, es sinkt proportional dazu auch die Motivation zu helfen. Man mogelt sich gern um seine Aufgaben herum. Hat das Kind früh gelernt, dass mithelfen selbstverständlich ist, dann ist es einfacher. Gibt es aber zum Beispiel andere Familienmitglieder, die sich eher bedienen lassen, als selbst den Finger zu rühren, zum Beispiel größere Geschwister oder auch der Partner, dann stößt man auch beim Nachwuchs auf weniger Verständnis. Erziehung lebt nun mal vom Vorbild, leider auch vom schlechten.

Selbstständige Kinder dürfen trotzdem mal verwöhnt werden

Wenn Jugendliche die Mithilfe im Haushalt verweigern, dann sitzen sie sowieso meistens am längeren Hebel, das müssen Eltern akzeptieren, meint der Erziehungsexperte Andreas Engel. “Manchmal besteht aber die Gelegenheit, sein Kind die Erfahrung der natürlichen Folgen machen zu lassen. Schließlich ist Mama jetzt nicht mehr für alles zuständig.” Engel ist wie Dawirs auch der Ansicht, dass Verantwortung übernehmen in unserer Kultur regelrecht ferngehalten wird von Teenagern. “Manchmal kann da die Einberufung einer Familienkonferenz gute Ergebnisse bringen, da der Jugendliche dann selbst an der Suche nach von allen akzeptierten Absprachen mitbeteiligt ist.”

Denn natürlich ist es schön, wenn man auch mit 15 noch ein liebevoll zubereitetes Brot mit in die Schule bekommt. Wenn man aber nicht möchte, dass der Nachwuchs einem mit 30 immer noch die Dreckwäsche bringt, dann sollte man frühzeitig dafür sorgen, dass er selbst in der Lage ist, eine Waschmaschine oder ein Bügeleisen zu bedienen.

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Überfall auf 14-Jährige: Jugendliche zu Haftstrafen verurteilt

Nach der brutalen Misshandlung eines Mädchens sind zwei zum Tatzeitpunkt 17-Jährige zu Jugendstrafen von drei Jahren Haft verurteilt worden. Die große Jugendkammer des Oldenburger Landgerichts sah es als erwiesen an, dass der Junge und das Mädchen die 14-Jährige im Mai in Wilhelmshaven massiv ins Gesicht geschlagen und getreten hatten, als diese am Boden lag.

Die Tat hatte bundesweit für Aufsehen gesorgt. Andere Jugendliche hatten den Überfall mit Handys gefilmt, waren aber nicht eingeschritten. Die Videos tauchten später im Internet auf. Daraufhin verabredeten sich etwa 40 junge Leute über soziale Netzwerke, um einen der Verdächtigen in seinem Haus aufzusuchen. Die Polizei musste die Versammlung auflösen.

Gegen neun Zuschauer der brutalen Misshandlungen wurden Ermittlungen eingeleitet. Oberstaatsanwältin Frauke Wilken sagte, es werde noch geprüft, ob sie sich möglicherweise wegen unterlassener Hilfeleistung strafbar gemacht hätten oder ob sie gar an der Tat beteiligt gewesen seien. Möglicherweise werde es weitere Anklagen geben. Gewalttaten von Jugendlichen wurden in der Vergangenheit immer wieder gefilmt und ins Internet gestellt – meist von den Tätern selbst.

Tötungsabsicht nicht nachzuweisen

Das Opfer hatte nach dem Angriff im Krankenhaus behandelt werden müssen. Nach Auffassung des Vorsitzenden Richters hätte die Gewalteinwirkung lebensgefährlich sein können. Nur durch Zufall habe das Opfer keine schwereren Folgen davongetragen. Eine Tötungsabsicht habe den Tätern aber nicht nachgewiesen werden können, sagte ein Gerichtssprecher nach der nichtöffentlichen Urteilsverkündung.

Verurteilt wurde das Duo deshalb wegen gefährlicher Körperverletzung, angeklagt war es wegen versuchten Totschlags. Die Haftbefehle wurden unter Auflagen zunächst außer Vollzug gesetzt. Die beiden Verurteilten kamen deshalb zunächst auf freien Fuß.

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Als Lehrerin im Knast: Wo Schläger und Diebe zur Schule gehen

Autorität hat nichts mit Körpergröße zu tun. Nichts damit, wie laut man spricht oder wie stark man ist. Carmen Scheithauer ist 1,58 Meter groß, und Kampfsport macht sie nicht. Die Jungs folgen trotzdem. Seit 16 Jahren unterrichtet Scheithauer Straftäter in der Justizvollzugsanstalt Adelsheim in Baden-Württemberg.

Sie bereitet sie auf den Hauptschulkurs vor. Immer acht Jungs, drei Monate lang. “Es macht mir Spaß”, sagt die 49-Jährige in Jeans, grauem Wollpulli und roten Turnschuhen. “Wenn ich denen Wertschätzung und Empathie entgegenbringe, kommt es zu 99 Prozent zurück.”

Im August eskalierte im Jugendgefängnis Adelsheim eine Schlägerei beim Hofgang: 50 Jugendliche prügelten sich, gingen auch auf Beamte los und verletzten sechs von ihnen. Doch Scheithauer sagt: “Ich habe keine Angst. Wenn ich Angst hätte, dürfte ich nicht in Adelsheim arbeiten.” Beim Kochunterricht ist sie allein mit den Schülern. Die Messer zum Petersilie- oder Zwiebelschneiden sind scharf.

Die Küche liegt im Untergeschoss der Schule mitten auf dem Gefängnisgelände. Daniel steht am Herd und wendet die Frikadellen, Jefferson schneidet die grünen Peperoni klein, Nory zerbricht die Schokolade für den Nachtisch, Yakup blickt ratlos auf den Teig vor sich. “Stell dich nicht so an. Mach einfach”, sagt Scheithauer. Yakup packt das Nudelholz und rollt den Teig aus. “Wie meine Mutter”, sagt Nory und lacht. Zehn Minuten später steht das Essen auf dem Tisch.

“Wenn die Hälfte es schafft, dann ist es schon viel”

Die jungen Männer sind 17 bis 19 Jahre alt. Sie haben versucht, Menschen umzubringen, sie niedergeschlagen, ausgeraubt. Beim Kochen sind sie hilfsbereit und höflich. In den 16 Jahren in Adelsheim sei ihr nie etwas passiert, sagt Scheithauer. Selbst den Notfallknopf an ihrem Handy musste sie nie drücken. Die Jacken dürfen die Schüler nicht mit in die Küche nehmen, um einen möglichen Messerklau zu erschweren.

Scheithauer stammt aus Mosbach, wo sie heute noch lebt. Als sie in Heidelberg Grund- und Hauptschullehramt studierte, absolvierte sie ein Praktikum in Adelsheim. Ihre Examensarbeit schrieb sie über die Zukunftschancen der Jugendlichen. “Wenn es von meinen acht Schülern die Hälfte schafft, dann ist es schon viel”, sagt die Lehrerin. Studien verweisen auf eine Rückfallquote von rund zwei Dritteln.

Anstaltsleiterin Katja Fritsche hält die Schule für sehr wichtig, auch weil sie Möglichkeiten für eigene Erfolge bietet. “Wenn du zufrieden bist mit dir, bist du im Zweifel weniger aggressiv”, sagt Fritsche. Bei den Schülern gebe es weniger Meldungen und Disziplinarmaßnahmen als bei den anderen Insassen.

Eine ganz normale Schule – aber ohne Frontalunterricht

Scheithauer hat sich bewusst gegen eine normale Schule entschieden, weil sie dort so viele Schüler hätte betreuen müssen. “Ich habe gesagt, ich habe lieber acht Schüler und kann pädagogisch mit denen arbeiten.” In ihren Klassen sitzen Jugendliche vom Niveau eines Viertklässlers bis zum Niveau eines Neuntklässlers. “Ich mache so gut wie nie Frontalunterricht”, sagt Scheithauer. “Ich betreue die einzeln.” Das Prinzip der Gemeinschaftsschule im Knast.

Das Klassenzimmer sieht aus wie in anderen Schulen: eine Tafel, eine Karte mit den “Staaten Europas”, ein großes Fenster, keine Gitter. Die Jugendlichen sitzen an Einzeltischen. Jeder bearbeitet seinen Stoff in seinen Heften: Mathe, Deutsch, Erdkunde oder Biologie. Scheithauer wandert mit ihrem Stuhl von Tisch zu Tisch. “Was ist 48 geteilt durch 6?” “7?”, fragt Daniel. “8!”. “Oh Alter”, der junge Mann seufzt. Scheithauer kontrolliert die Hausaufgaben einzeln – und schätzt, wie viel Zeit die Schüler dafür gebraucht haben. Schließlich sind drei Stunden Hausaufgaben pro Tag Pflicht in der Ganztagsschule.

Wer mitarbeitet, verdient Geld

Wer sein Soll erfüllt, hat die Chance auf den Tagessatz von 11,94 Euro für den Schulbesuch – oder mehr. Die Jugendlichen bekommen genau so viel, wie wenn sie eine Ausbildung im Gefängnis machen würden, und mehr als die ungelernten Arbeiter. Einen Großteil des Geldes müssen sie zurücklegen, den Rest dürfen sie im Gefängnis-Laden ausgeben.

Scheithauer bietet den Jugendlichen Kunstkurse an, eine Schreibwerkstatt, Lesestoff. Einige lesen hier das erste Buch ihres Lebens. “Meine Schüler lernen die Freiheit in der Unfreiheit. Sie lernen das Denken”, sagt Scheithauer. Manche Schüler schaffen hier mit Anfang 20 den Schulabschluss, den sie draußen nie erreicht hätten. Manche Schüler schaffen sich hier selbst eine Chance.

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