Kategorie -Jugendliche

Auffrischung für Jugendliche: STIKO empfiehlt Booster ab 12 Jahren

Auch bei jungen Menschen lässt die Wirkung der Corona-Impfung nach wenigen Monaten spürbar nach. Gesundheitsminister Lauterbach bitte die STIKO daher, die Möglichkeit eines Boosters für sie zu prüfen. Die Kommission reagiert zügig.

Auch Jugendliche können sich ab sofort ihre Booster-Impfung abholen. Angesichts der Omikron-Variante hat die Ständige Impfkommission (STIKO) Booster-Impfungen für Minderjährige zwischen 12 und 17 Jahren empfohlen. Der starke Anstieg der Neuinfektionen mache „eine Ausweitung der Impfkampagne erforderlich“, schreibt sie in einem Statement. Für die Auffrischimpfung empfiehlt die Kommission den mRNA-Impfstoff von Biontech und einen Mindestabstand von mindestens drei Monaten zur vorangegangenen Impfung.

Bisher hatte die STIKO einen Booster nur für Erwachsene ab 18 Jahren empfohlen. Für ihre Empfehlung nennt sie zwei Gründe: Auch bei Jugendlichen nimmt die Wirksamkeit der Doppel-Impfung nach einigen Monaten ab. Außerdem sei der Impfschutz bei der hoch ansteckenden Omikron-Variante ohnehin reduziert.

„Durch eine Auffrischimpfung – Dritt-Impfung – wird der Impfschutz wieder verbessert und auch die Übertragungswahrscheinlichkeit von Sars-CoV-2-Infektionen reduziert“, schreibt die STIKO. Das Risiko für schwere Impfnebenwirkungen sei „als sehr gering“ einzuschätzen.

Auch für Jugendliche, die als Erstimpfung den Einmal-Impfstoff von Johnson & Johnson erhalten haben, empfiehlt die STIKO eine Auffrischung. Zuerst sollte eine zweite Dosis mit einem mRNA-Impfstoff verabreicht und dann nach weiteren drei Monaten eine Booster-Impfung.

Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach begrüßt die Empfehlung. „Jetzt haben alle Jugendlichen und ihre Eltern Gewissheit: Auch bei 12- bis 17-Jährigen ist Boostern empfehlenswert“, sagte der SPD-Politiker. „Gut, dass die Impfkommission so schnell reagiert hat“. Er hatte die STIKO gebeten, eine Empfehlung für Booster-Impfungen von Jugendlichen auszuarbeiten.

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Erinnerung an die Augsburger Familie Bernheimer

Erinnerung an die Augsburger Familie Bernheimer

Standort Friedberger Straße 9 in Augsburg: Ein unscheinbarer, grauer Garagenhof, umgeben von einer zwei Meter hohen Mauer. Nicht schön, nicht hässlich. Funktionell. Keine Spur, nichts weist darauf hin, dass hier noch vor 76 Jahren eine prächtige Villa gestanden haben soll. „Wer wohnte hier? Wer lebte, arbeitete, existierte hier? Und was ist hier geschehen? Was ist mit den Menschen passiert, die aus dieser Straße ausziehen mussten?“ Diese grundsätzlichen Fragen stellen sich unvermeidlich, als die Schülerinnen an der Garagenmauer stehen und auf das Foto einer Villa blicken, das ihnen der Stadtarchivar Mario Felkl mitgegeben hatte. Die kleine Gruppe, Rebekka Graf, Hannah Lehmann, Maya Müller, Leonie Weise und Ornella Vargiu, damals Schülerinnen der Klasse 9a am Maria-Ward-Gymnasium und heute in der zehnten Klasse, nimmt gemeinsam mit ihrer Geschichtslehrerin Joanna Linse die Herausforderung an.

Villa in der Friedberger Straße

Sie begibt sich auf eine spannende Reise durch die Geschichte, bei der sie entdeckt, dass hinter diesem Haus eine besondere und tragische Geschichte steckt. Die Geschichte der Villa in der Friedberger Straße 9 beginnt 1910, als Louis Bernheimer (1875 bis 1942), ein erfolgreicher jüdischer Unternehmer, das Grundstück erwirbt, um den Sitz seiner sich rasch entwickelnden Firma dorthin zu verlegen. Schon im Jahre 1911 lässt er an der Stelle ein Haus erbauen, das die Räumlichkeiten der Firma beherbergt und auch viel Platz zum Wohnen bietet. Die Firma „Louis Bernheimer, Ingenieurbüro und Tiefbauunternehmen mit Installationsgeschäft“, in die auch Louis’ Bruder Alfred (1877 bis 1947) als Teilhaber einsteigt, erfreut sich in Augsburg eines guten Rufes.

„Innerlich sehr berührt“

Die Familie behält aber nicht nur das Geschäft im Auge. Beide Brüder, begeistert von der Idee Herzls, eine jüdische Heimstätte in Palästina zu errichten, unterstützen angesichts der wachsenden Bedrohung viele junge Menschen auf dem Weg zur Auswanderung. In dem Haus in der Friedberger Straße 9, dem sogenannten Beth Chaluz, Haus der Pioniere, leben und lernen viele jüdische Auszubildende, bis sie nach Palästina auswandern dürfen. Die wachsende Überwachung und Gewalt gegenüber den jüdischen Mitbürgern, die sich seit der Machtübernahme der Nationalsozialisten wie eine Flut über Deutschland ausbreitet, verleitet Alfred Bernheimer dazu, alles aufzugeben und in ein fernes Land zu fliehen. Er und seine Familie können in den Vereinigten Staaten überleben. Louis Bernheimer, der womöglich zu lange an der Heimat, an seinem Unternehmen hängt und nicht diesen Mut hat, weiter als nach Frankreich zu gehen, ereilt das Schicksal der im Holocaust ermordeten Juden. Er und seine Frau Paula werden 1942 aus dem französischen Drancy nach Auschwitz deportiert und höchstwahrscheinlich gleich nach ihrer Ankunft vergast. „Die Geschichte der Familie hat uns innerlich sehr berührt“, sagt Ornella Vargiu, die das Schicksal der Familie in Zeichnungen verarbeitet, „wir haben mit ihnen gefeiert, gehofft und gelitten“. Ihre Mitschülerin Maya Müller ergänzt: „Und jetzt werden sie nicht mehr vergessen, weil wir durch unsere Recherchen das Leben und Leiden von Louis Bernheimer zusammentragen und im Online-Gedenkbuch der Stadt Augsburg veröffentlichen konnten. Außerdem wollen wir ein Erinnerungsband für ihn und seine Frau errichten. So kann jeder, der an der Friedberger Straße 9 vorbeigeht, die Geschichte des Ehepaares Bernheimer erfahren.“

Festakt im Jüdischen Museum Berlin

Die Mädchen möchten vor allem aber eines: Alle dazu ermutigen, mit wachen Augen durch die Welt zu gehen. Das Schicksal von so vielen jüdisch-deutschen Menschen lässt sich zwar in der Vergangenheit verorten – es wirkt aber in die Gegenwart, dies ist deutlich spürbar und wichtig. Es genügt schon, sich ein Stück von dem Schulgebäude wegzubewegen, um auf Erinnerungsorte zu stoßen, in denen vor weniger als hundert Jahren Menschen gelebt haben, die das grausamste Schicksal erleiden mussten. Für das Projekt Jewish Traces sind die Augsburger Schülerinnen mit dem ersten Preis beim Rolf-Joseph-Wettbewerb ausgezeichnet worden, der ihnen während eines Festakts im Jüdischen Museum Berlin verliehen wurde. Während des Aufenthalts in Berlin ist den Preisträgerinnen bewusst geworden, dass Juden auch heute noch extremem Hass ausgesetzt sind und dass Antisemitismus nicht nur ein Thema der Vergangenheit ist, sondern leider immer noch aktuell.

Ein Schweigen wäre gefährlich, Verstummen fatal

„Wie kann man anderen Menschen so etwas antun?“, eine Frage von Rebekka Graf gestellt, wird durch Leonie Weise ergänzt: „Weshalb werden noch immer Jüdinnen und Juden in Deutschland nicht akzeptiert?“ Ist Antisemitismus eine Krankheit, eine Seuche, ein Virus, der immer wieder aufflammt, um sich greift und deshalb immer wieder bekämpft werden muss, Jahr für Jahr, Epoche für Epoche, ein immerwährender Kampf – gegen das Vergessen, gegen die Boshaftigkeit, gegen die Sturheit . . . Auch ohne klare Antwort versucht die kleine Gruppe aus der Geschichte zu lernen und gibt die Erkenntnisse weiter, an die, die sich interessieren und an dem Projekt weiterarbeiten, und hoffentlich auch an jene, welche sich noch nicht interessiert haben; ein Schweigen wäre gefährlich, ein Verstummen wäre fatal. Zurück in Augsburg. Ein unscheinbarer Garagenhof, mit einer hohen Mauer. Nicht schön. Nicht hässlich. Wie man sich doch täuschen kann.

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US-Daten zu Impfnebenwirkungen: Kaum Herzmuskelentzündungen bei Kindern

Herzmuskelentzündungen gelten als eine mögliche Nebenwirkung der Corona-Impfung auch bei Kindern und Jugendlichen. In den USA wird nun ausgewertet, wie häufig dieses Phänomen auftritt. Die Zahlen sind für Eltern und Kinder beruhigend.

Eine der tatsächlich beobachteten Nebenwirkungen der Corona-Impfung sind Herzmuskelentzündungen. Studien haben bereits gezeigt, dass sie deutlich seltener nach einer Impfung auftreten, als bei einer durch das Coronavirus ausgelösten Covid-19-Erkrankung. Da aber besonders junge Leute als gefährdet galten, machten sich Eltern im Zusammenhang mit der Impfung Sorgen.

Nun liegen Daten vor, die es ermöglichen, die Gefahr einer Herzmuskelentzündung bei Kindern besser einzuordnen. Dafür wertete die US-Gesundheitsbehörde CDC Angaben zu Impfnebenwirkungen aus, die über das Meldesystem „Vaers“ registriert wurden. Demnach entwickelten bei insgesamt rund 8,7 Millionen an Fünf- bis Elfjährigen verimpften Dosen des Coronaimpfstoffs von Biontech/Pfizer nur zwölf Kinder in den USA eine Herzmuskelentzündung.

Die Impfungen fanden zwischen dem 3. November und dem 19. Dezember 2021 statt. Keines dieser Kinder musste wegen einer Myokarditis im Krankenhaus behandelt werden. Bei acht von ihnen ist die Entzündung laut CDC bereits wieder ausgeheilt.

Kaum Beschwerden

Bei 98 Prozent der gemeldeten Nebenwirkungen habe es sich der CDC zufolge um leichte Reaktionen wie Schwindel oder Kopfschmerzen gehandelt. Fieber und Erbrechen seien die häufigsten schwereren Nebenwirkungen gewesen. 16 Kinder mussten den Angaben zufolge im Krankenhaus behandelt werden.

Nach der Impfung starben zwei Mädchen im Alter von fünf und sechs Jahren. Ein Zusammenhang mit der Impfung konnte nicht bestätigt werden. Beide litten laut CDC an schweren Vorerkrankungen.

Auch für Jugendliche im Alter von zwölf bis 15 Jahren wurden die Nebenwirkungen untersucht. In dieser Altersgruppe entwickelten 265 Kinder auf 18,7 Millionen Impfdosen eine Herzmuskelentzündung. 251 von ihnen mussten im Krankenhaus behandelt werden. Auffällig ist: 90 Prozent der Fälle traten dabei bei Jungen auf.

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Beth-Elieser-Heim Israel

Beth-Elieser-Heim Israel

Inmitten eines beschaulichen Wohngebiets führt eine Einfahrt zu zwei hellgelben Gebäuden. Rechts steht ein längliches mit Flachdach, links ein mehrstöckiges Haus mit roten Ziegeln. Es gibt viele Olivenbäume, Palmen und pinke Bougainvilleen. Ungewöhnlich wird es, wenn man sich mit dem beschäftigt, was hier in Ma’alot, einer Stadt im Norden Israels, seit 1984 aufgebaut wurde. Der christliche, in Maisenbach bei Bad Liebenzell ansässige Verein Zedakah e. V. gründete damals in Israel ein Pflegeheim für Juden, die den Nationalsozialismus überlebt haben. Zedakah ist das hebräische Wort für Wohltat. Damit definieren die Verantwortlichen ihr Anliegen. Als Christen und Deutsche, als die „größten Feinde von Israel und den Juden in der Geschichte“, sähen sie aus ihrer religiösen Überzeugung heraus den Auftrag, dort Gutes zu tun, erklärt der stellvertretende Vorsitzende Frank Clesle.

„Gott ist meine Hilfe“

An einem normalen Arbeitstag unterscheidet das Beth Elieser, was so viel wie Haus „Gott ist meine Hilfe“ bedeutet, nichts von gewöhnlichen Pflegeheimen. So gehören zu den alltäglichen Aufgaben von Renate Hirrle die Pflege der Bewohner mit Waschen und Duschen, Medikamentenverteilung und Hilfe beim Essen, die Organisation und das Putzen. Die 39-jährige deutsche Krankenschwester arbeitet seit fünf Jahren hier und hat auch die israelische Anerkennung zur Krankenpflegerin. Als Langzeitmitarbeiterin ist Renate Hirrle auch für die restlichen Mitarbeiter der Station zuständig. Die meisten von ihnen sind keine Fachkräfte, denn ein Großteil der Arbeit von Zedakah wird von freiwilligen Mitarbeitern getragen.

Nach einer ausführlichen Bewerbungs- und Vorbereitungsphase kommen diese meist für ein Jahr nach Ma’alot. Dort leben alle Mitarbeiter, Festangestellte und Freiwillige, in einer engen Gemeinschaft. Diese Lebens-, Glaubens- und Dienstgemeinschaft ist für Renate Hirrle ein wesentliches Kennzeichen von Zedakah. Gemeinsame Mahlzeiten, Wohnen im Doppelzimmer und Andachten gehören genauso wie der praktische Dienst zu einem Freiwilligeneinsatz. Ein Muss sind unter normalen Umständen auch Ausflüge durch ganz Israel, um Land und Leute kennenzulernen. Wenn sich die Volontäre am richtigen Platz fühlen, entscheiden manche, ihren Dienst länger einzubringen. So auch die 26-jährige Friederike Gehring, die aufgrund der Mitarbeiternot durch die Corona-Krise ein halbes Jahr länger als geplant blieb. In der schwierigen Corona-Situation wurde die Krankenpflegerin stark eingespannt und berichtet, sie habe nicht erwartet, dass sie so an ihre Grenzen kommen und herausgefordert werden würde.

Ein Stück weit Versöhnung und Heilung

Trotz solcher Schwierigkeiten und Rückschläge haben die Mitarbeiter im Vertrauen auf ihren Glauben einen besonderen Ort aufgebaut – in einer Umgebung, wo nachts die Schakale heulen und der Bunker unter der Erde zum Schutz vor Luftangriffen aus dem nahen Libanon eine Selbstverständlichkeit ist. Für die Mitarbeiter ist es das Wichtigste, egal unter welchen Umständen, die Bewohner im Beth Elieser als wertvolle, individuelle Menschen zu betrachten und zu behandeln. Dadurch entwickeln sich teilweise tiefe persönliche Beziehungen. Auch wenn manche der Pflegebedürftigen zunächst abweisend reagieren. Renate Hirrle erzählt von einer Frau, die sich zuerst ablehnend verhielt und sagte, sie spreche nicht die Sprache von Hitler. Heute haben die beiden eine besonders gute Beziehung. Die Mitarbeiter spüren, wie ein Stück weit Versöhnung und Heilung für die Überlebenden möglich sind. Laut Renate Hirrle können die tiefen Wunden nicht durch die Zeit geheilt werden, höchstens durch Liebe, wie sie sie im Pflegeheim zu leben versucht.

Die Wertschätzung für die Heimbewohner zeigt sich in vielen Elementen der Tagesgestaltung: Vom Beschäftigungsprogramm über die Feier zum Sabbat-Eingang am Freitagabend bis zu großen Festen an jüdischen Feiertagen gibt es einige Lichtblicke. Am Freitagabend feiern jüdische Bewohner, überwiegend christliche Mitarbeiter und ihre Kinder sowie Gäste zusammen mit Festessen und Gesang. Die großen Feiertage werden mit den Angehörigen im gepflegten Garten unter Granatapfel- und Grapefruitbäumen gefeiert. Volontärin Friederike Gehring berichtet, wie die Bewohner bei der festlichen Atmosphäre der Feiern aufleben. Zedakah hat die klare Einstellung, niemanden zu missionieren. Die Bewohner leben ihren jüdischen Glauben und ihre Traditionen Dazu gehört natürlich auch eine Küche, die unter der Kontrolle eines Rabbiners koscheres Essen zubereitet.

Von Träumen geplagt

Aber es ist ein Altenheim für Überlebende des Nationalsozialismus. So zählen für Clesle herausfordernde Begegnungen mit schweren Schicksalen dazu. Wenn die Bewohner von Träumen geplagt werden, sieht Renate Hirrle sich immer wieder hilflos danebenstehen. Den Mitarbeitern merkt man die Hingabe für die Arbeit an. In Israel leben mehr als 160 000 Überlebende der Shoah. Zedakah plant einen Erweiterungsbau: anstatt der jetzigen 24 Betten noch 48 für neue Bewohner. Ein Ort, so sagt Frank Clesle, „wo sie statt Hass Liebe erfahren sollen, statt Verachtung Wertschätzung, statt Ablehnung Annahme“.

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Kindheit in Extremsituation: Wenn die Eltern süchtig sind

Mehr als drei Millionen Kinder und Jugendliche wachsen mit alkohol- oder drogenabhängigen Eltern auf. Manche zerbrechen daran. Eine Caritas-Beraterin berichtet von drastischen Schicksalen. Und eine Schülerin erzählt, wie sie es trotzdem schafft.

Als sie 13 Jahre alt ist, fügt sich Amelie immer wieder Schnittverletzungen an den Beinen zu. Der Kinderarzt wird aufmerksam. Ihre Mutter sucht Hilfe, findet einen Kinderpsychologen. Amelies Vater ist schwer alkoholabhängig. Er trinkt schon, als seine Tochter zur Welt kommt. Zweimal ist er lange in einer Entzugsklinik. Es hört aber nicht auf. „Es ging mir sehr schlecht. In der Schule habe ich total abgebaut“, erzählt die heute 17-Jährige aus Neuss. „Ein Jahr lang war ich komplett zerbrochen, habe mich von der sozialen Welt isoliert.“ Der Vater schlägt Amelies Mutter. Auch ihre jüngere Schwester leidet, hat Angst. Eine extreme Lage.

Mehr als drei Millionen Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene werden in suchtbelasteten Familien groß, schätzt die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen. Die Dunkelziffer sei noch viel höher. Die meisten haben alkoholkranke Eltern, oft ist es auch Drogenabhängigkeit. Die Kinder sind permanent überfordert, es kommt häufig zu psychischen oder sozialen Störungen. Viele haben später selbst Alkohol- oder Drogenprobleme.

Amelie wirkt überraschend ruhig, reflektiert. Sie macht gerade ihren Realschulabschluss nach und zugleich eine Ausbildung als Sozialassistentin – alles andere als selbstverständlich. Denn die Alkoholsucht ihres Vaters zieht sich durch ihr ganzes Leben. Als sie noch klein war, flüchtete ihre Mutter mit ihr monatelang zu den Großeltern, sagt die 17-Jährige. Beim ersten Entzug des Vaters ging Amelie noch zur Grundschule. Fast vier Jahre lang – bis Mitte 2020 – wird sie unterstützt von Kids im Zentrum (KiZ) der Caritas in Neuss. Wie auch viele andere Jungen und Mädchen mit süchtigen Eltern.

Kindheit ohne Kindsein

„Der Suchtkranke kreist nur um sich selbst und hat die Kinder nicht im Blick“, schildert KiZ-Mitarbeiterin Susanne Ricken. „Kinder übernehmen Eltern-Verantwortung, sie dürfen keine Kinder sein, ihre Gefühle nicht ausleben und sie sind häufig sehr einsam.“ Bei KiZ können sich die Jungen und Mädchen in einer Gruppe austauschen, spielen, toben, es gibt Ausflüge und Freizeiten. „Bei uns lernt man auch, über die Situation zu sprechen. Wir bieten feste Ansprechpartner und stabile Beziehungen“, sagt Ricken.

Amelie hat viel zu tragen. Wenn der Vater durchdreht, die Mutter flüchtet, ist es Amelie, die versucht, den Vater zu beruhigen. Doch immer wieder packt die Mutter ihre Kinder und schlüpft bei einer Freundin unter. Die Kinder tastet der Vater nicht an. Amelie kümmert sich als große Schwester um die Jüngere, lenkt sie ab, kocht.

Inzwischen sei es besser geworden, meint sie. Vielleicht ist Amelie aber auch nach externer Hilfe gefestigter. Der Vater trinkt weiter abends Bier und Korn, versteckt den Alkohol. „Wir erkennen sofort, ob er betrunken ist oder nicht.“ Ihre Schwester ist jetzt zwölf. „Wenn mein Vater trinkt, hat er keine Kontrolle.“ Aber er werde nicht mehr handgreiflich gegen die Mutter. „Weil er Angst hat, dass wir sonst alle weg sind.“

Schuldgefühle und Schande

Wie viele Kinder suchtkranker Eltern fühlte sich Amelie schuldig. „Früher habe ich alles auf mich geschoben. Ich dachte, er trinkt wegen mir, weil er erst 24 war, als ich auf die Welt kam.“ Heute weiß sie: „Er ist krank, süchtig nach Alkohol.“ Ihre Mutter habe manchmal „einen Hass“ auf ihn und schlaflose Nächte, die Kinder aber immer nach Kräften unterstützt. Habe der Vater keinen Alkohol intus, könne man prima mit ihm auskommen.

„Auch suchtkranke Eltern wollen gute Eltern sein“, betont Ricken. Zum KiZ kommen Kinder ab sechs Jahre, der Bedarf ist enorm. Sexueller Missbrauch und Vernachlässigung sind nicht selten. Manchmal wird mit anderen Fachstellen für eine sichere Unterbringung im Heim gesorgt. Den Kindern fehlt Anregung, sie haben viele Defizite, Lernschwächen, fallen in der schulischen Leistung ab. „Es gibt es viele Kinder, denen man helfen könnte. Verarbeitet man das Thema nicht, holt es einen später ein, so etwas geht niemals spurlos an einem Menschen vorbei.“ Dennoch gebe es zu wenig Hilfsangebote, die Finanzierung sei schlecht.

Auch Spielsucht habe erhebliche Auswirkungen auf die ganze Familie. „Wenn das gesamte Hab und Gut verspielt wird, bleibt nichts mehr übrig für die Kinder“, erläutert Ricken. Weil Sucht als Schande gelte, versuchten in der Regel alle Familienmitglieder, Probleme zu verheimlichen. Amelies Familie habe man nach außen nichts angemerkt. „Aber wir wussten, wie sehr die Kinder gelitten haben.“

Amelie ist auf einem guten Weg. Mit 16 hat sie ihren Hauptschulabschluss gemacht. „Ich hätte mehr schaffen können.“ Das holt sie nach, strebt im zweiten Schritt eine Ausbildung zur Erzieherin an. Ihr Blick auf den Vater ist milde: Er habe eine furchtbare Kindheit gehabt, mit Alkohol, Gewalt, mehreren Pflegefamilien. Sie selbst ist dankbar für die Hilfe. „Mir würde es viel schlechter gehen sonst. Die Ausbildung hätte ich nie angefangen.“

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„Meet a Jew“


Einige Schüler der 11. Klassenstufe des Goethe-Gymnasiums Ludwigsburg sitzen in einem Stuhlkreis und stellen einer jungen Frau interessiert Fragen. Sie besuchen den Seminarkurs „Gegen das Vergessen des Holocaust“, in den Hanna Veiler, die ehrenamtlich für das Projekt des Zentralrats der Juden „Meet a Jew“ arbeitet, eingeladen worden ist. Die schwarzhaarige 23-Jährige, die Kunstgeschichte und Französisch studiert, wurde in Weißrussland als Tochter jüdischer Eltern geboren und wanderte im Jahr 2005 mit ihrer Familie nach Deutschland aus.

„Ich war schon länger sehr aktiv in jüdischen Organisationen und habe zum Beispiel Ferienlager eines jüdischen Jugendzentrums betreut. Als dann das Projekt ‚Likrat‘, heute ‚Meet a Jew‘, wieder ins Leben gerufen wurde, hatte ich gerade mein Auslandsjahr in Israel beendet und wollte mich sehr gerne daran beteiligen“, sagt Hanna. Nebenbei ist sie Vizepräsidentin der jüdischen Studierendenunion Deutschlands und beteiligt sich an weiteren Projekten. „Ich bringe manchmal den Witz, dass ich bei der Deutschen Bahn Miete zahlen muss, weil ich so viel unterwegs bin. Viel Freizeit habe ich durch die zahlreichen Engagements nicht. Da man heutzutage per Handy oder Laptop ständig erreichbar ist, finden manchmal auch spontane Onlinemeetings statt.“

350 Ehrenamtliche machen mit

Das Projekt „Meet a Jew“ hat bundesweit rund 350 Ehrenamtliche und ging aus den Vorgängerprojekten „Likrat“ und „Rent a Jew“ hervor. Es steht unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und wird im Rahmen des Bundesprogramms „Demokratie leben!“ gefördert. Dabei mitmachen können jüdische Jugendliche und junge Erwachsene ab 14 Jahren. Sie werden an verschiedene nichtjüdische Einrichtungen wie Schulen, Sportvereine oder Universitäten vermittelt, berichten dort von ihrem Alltag als Juden in Deutschland und beantworten in einer ungezwungenen Gesprächsatmosphäre Fragen. „Ich persönlich gehe sehr gerne an Universitäten und rede dort mit Studierenden, weil ich mich mit den Leuten dort auf einer Augenhöhe fühle. Meiner Meinung nach ist es am sinnvollsten, wenn beide Parteien möglichst gleich alt sind“, sagt Hanna.

Bevor die Freiwilligen eingesetzt werden, müssen sie Seminare besuchen, in denen ihr Wissen über das Judentum ergänzt wird und ihre kommunikativen Fähigkeiten gestärkt werden. „Man sollte eine Art von aktivem jüdischen Leben führen, falls man daran teilnehmen will. Auf den Seminaren wird das religiöse Wissen aufgefrischt, und man lernt, dies pädagogisch gut zu vermitteln. Wichtig ist auch, seine eigene Position zu kontroversen Themen, die immer wieder aufkommen, zu finden, um auf jegliche Fragen antworten zu können“, betont Hanna. Dabei müsse einem unter anderem klar werden, warum man sich dafür engagiere. „Ich selbst lebe meinen Glauben hauptsächlich mit einer Gemeinschaft beziehungsweise mit Freunden oder Bekannten aus. Meine Familie ist allerdings überhaupt nicht religiös, weswegen ich mit denen nicht feiern kann.“

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Der Tag: Mann geht auf feiernde Jugendliche mit Axt los

Ein Mann soll mit einer Axt am frühen Neujahrsmorgen eine Gruppe feiernder Jugendlicher in Laage bei Rostock angegriffen haben. Wie ein Polizeisprecher sagte, wurde ein junger Mann durch einen Schlag mit einer stumpfen Axtseite gegen den Kopf kurzzeitig bewusstlos. Es bestehe der Verdacht der gefährlichen Körperverletzung.

Der 66-Jährige fühlte sich nach Angaben von Zeugen anscheinend durch Lärm und Pyrotechnik aus der Gruppe gestört. Nach bisherigen Ermittlungen ist der Mann, ohne etwas zu sagen, auf die Gruppe zugegangen und nach dem Schlag auch wortlos wieder gegangen. Sein Opfer soll nach kurzer Zeit wieder zu sich gekommen sein. Der junge Mann wurde als leicht verletzt eingestuft und in eine Klinik gebracht.

Der Verdächtige wurde am Neujahrstag zu Hause vernommen, ein Beil als mutmaßliche Tatwaffe beschlagnahmt.

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Die Zwergenküche in Rheinhausen setzt auf regionale Zutaten


Ein würzig-fruchtiger Duft von frisch gekochter Tomatensoße durchzieht die Zwergenküche, Gelächter und schwungvolle Radiomusik sind in der Kantinenküche zu hören. Das Team der Zwergenküche, das aus acht Frauen besteht, kocht in Rheinhausen, einer kleinen Gemeinde zwischen Offenburg und Freiburg, zusammen regionales wie auch saisonales Essen für bis zu 37 Einrichtungen rund um den Kaiserstuhl, vorwiegend für Kindertagesstätten. Heute auf dem Speiseplan stehen Vollkorn-Spaghetti mit Bolognese, dazu ein kleiner Salat. „Das ist ein Klassiker, welcher bei den Kids besonders beliebt ist“, schmunzelt Maren Huth, die Chefin der Zwergenküche. Während ein paar Mitarbeiterinnen verschiedene Gemüse mit der Hand zerkleinern, rührt eine Köchin mit einem großen Holzlöffel die Bolognese um. Neben ihr steht ein weiterer Topf mit vegetarischer Soße. Während die Köchinnen Gemüse putzen und schneiden, die Soßen fertig zubereiten und abschmecken, kommen verschiedene Landwirte mit großen Kisten mit frischem Gemüse in die Küche und werden von Maren Huth in Empfang genommen.

Im Supermarkt wird das nicht verkauft

„Vom Acker direkt auf den Teller. Es soll schmecken wie bei Mama daheim“: Auf diesem Grundsatz baut die Philosophie der Zwergenküche auf. Alles begann 2008 mit der Gründung des Zwergenstübles, einer Einrichtung in Endingen, die für die Betreuung von Kindern im Kindergartenalter zuständig war. Im Zwergenstüble gab es auch ein Essensangebot. So wurde zunächst nur für diese Kinder gekocht, schnell kam die Idee auf, die Küche auszubauen, um auch für andere Kindergärten zu kochen. Die Leiterin der Einrichtung Sabine Joseph gründete zusammen mit Maren Huth, die mit dem Zwergenstüble durch ihren ersten Sohn in Berührung kam, die Zwergenküche.

„So etwas wird im Supermarkt nicht verkauft“, lacht Maren Huth, als sie eine große, wenig gleichförmig gewachsene Kohlrabiknolle aus der Kiste herausholt, die ein Landwirt eben gebracht hat. „Wir benutzen gerne auch unschönes Gemüse. Nichts soll weggeworfen werden, was noch verwertbar ist.“ Weil das Konzept der Zwergenküche darin besteht, auf vorwiegend regionale und saisonale Zutaten zurückzugreifen, steht das Team in persönlichem Kontakt zu Landwirten und Erzeugern. Hierbei wird die klassische Idee des „support your locals“ verfolgt, kleine Unternehmen und Betriebe aus umliegenden Ortschaften werden bevorzugt, nicht die konventionellen Großhändler. Dabei setzt die Zwergenküche auf lockere Beziehungen mit ihren Partnern, so gibt es beispielsweise keine Lieferverträge. „Das klingt jetzt ein wenig romantisch, aber im Biogeschäft, da zählt das Wort noch was“, schwärmt Maren Huth, während sie Kohlrabistreifen behutsam in kochendes Wasser fallen lässt.

Ein Fuchs im Hühnermobil

Ihr ist es wichtig zu wissen, woher die Produkte stammen und vor allem, unter welchen Bedingungen diese gewachsen sind, damit durch kurze Transportwege CO2 eingespart werden kann. „Für manche Gerichte benötigen wir Zutaten, die es so nicht in der Region gibt, wie Kakao für einen Nachtisch. Aber auch hier achten wir darauf, dass diese Produkte umweltbewusst und unter fairen Löhnen hergestellt wurden.“ Huth achtet auch darauf, dass sie Produkte beziehen, bei denen die Bewirtschaftung der Böden verantwortungsvoll und die Tierhaltung artgerecht erfolgt. Ein Teil der Gemüsereste wird wieder auf den Bauernhof gebracht, um damit zum Beispiel die Hühner zu füttern. In alle Einrichtungen wird das Essen in großen wiederverwendbaren Behältern geliefert, woraus am Tisch direkt geschöpft werden kann. Gerade bei der Kooperation mit kleinen und regional ausgerichteten Unternehmen können unvorhersehbare Erschwernisse auftreten. „Bei unserem Eierlieferanten war einmal ein Fuchs im Hühnermobil, in solchen Situationen ist dann eben Kreativität und Spontanität gefragt“, fügt Maren Huth hinzu. „Wir kochen für die kommende Generation, deswegen sollte auch an die kommende Generation gedacht werden. Es ist sinnlos, den Kindern etwas zu liefern und dabei nicht nachhaltig zu agieren.“

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Tödlicher Unfall in Niederlanden: Zwölfjähriger stirbt bei Silvesterknallerei

Die Silvesternacht gilt unter Medizinern üblicherweise als gefährlichste Nacht des Jahres. Um Krankenhäuser während der Corona-Pandemie zu entlasten, verhängen die Niederlande daher wie Deutschland ein Böllerverbot. Stunden vor dem Jahreswechsel stirbt dennoch ein Jugendlicher beim Knallen.

Bei einer Silvesterknallerei ist in den Niederlanden ein zwölfjähriger Junge ums Leben gekommen. Ein weiterer Junge erlitt in der Gemeinde Haaksbergen unweit von Enschede nach Angaben der Nachrichtenagentur ANP schwere Verletzungen.

Örtlichen Berichten zufolge haben die Kinder nicht selbst Feuerwerkskörper gezündet, sondern zugeschaut, wie ein Mann mit einem „Klaphamer“ herumhantierte. Mit diesem auch als „Knallhammer“ bezeichneten Werkzeug wollte er demnach Magnesiumpulver zur Explosion bringen. Anwohner melden, dass sie um 11 Uhr von einem lauten Knall erschreckt wurden.

Wie sich das Unglück genau abgespielt hat, kann die Polizei derzeit noch nicht sagen. Bekannt ist nur, dass Anwohner und Rettungsdienste versuchten, den zwölfjährigen Jungen wiederzubeleben. Der Mann, der mit dem „Knallhammer“ hantiert hatte, wurde festgenommen.

In den Niederlanden gilt wie in Deutschland eigentlich ein landesweites Böllerverbot. Die Regierung hatte das Verbot das zweite Jahr in Folge verhängt, um Krankenhäuser und Rettungsdienste in der Corona-Pandemie nicht zusätzlich zu belasten.

Gefährlichste Nacht des Jahres

Auch in Deutschland gilt die Silvesternacht unter Medizinern üblicherweise als gefährlichste Nacht des Jahres. In großstädtischen Krankenhäusern müssen Chirurgen nach Angaben der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) jedes Jahr rund 50 bis 60 schwere Handverletzungen behandeln. Typisch sind demnach abgetrennte Finger, Verbrennungen und Brüche sowie Verletzungen im Gesicht und an den Augen.

Im Jahr 2019, vor der Corona-Pandemie, zählten die Niederlande landesweit noch mehr als 1300 Verletzungen durch Feuerwerkskörper. Im Jahr 2020 sank die Zahl der Behandlungen infolge des Böllerverbots um 70 Prozent.

Problematisch sind der DGOU zufolge aber nicht nur gefährliche, nicht-zertifizierte Feuerwerkskörper, sondern auch unvorsichtige Menschen. Bei den meisten Patienten handelt es sich demnach um junge Männer zwischen 15 und 30 Jahren, eine weitere Risikogruppe bilden 50- bis 60-jährige Männer. Besonders unter Alkoholeinfluss missachten viele beim Zünden von Böllern und Raketen die Sicherheitsvorschriften. Gegner der Silvesterknallerei verweisen auch auf erhebliche Müllmengen sowie auf Belastungen für Wild- und Haustiere und die Natur.

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Fadosängerin Patricia Costa

Fadosängerin Patricia Costa

Fado ist Musik, aber in Wirklichkeit ist es eine Art Lebensbewältigung und drückt Gefühle und Erfahrungen des Lebens aus“, sagt die Sängerin und Fado-Lehrerin Patricia Costa. Fado ist eine traditionelle portugiesische Musik, die seit zehn Jahren UNESCO-Weltkulturerbe ist. In verschiedenen Regionen Portugals gibt es verschiedene Fado-Arten, wie zum Beispiel den studentischen Fado in Coimbra oder den Fado aus der Alfama, einem Stadtteil Lissabons. Fado wird von einem Ensemble gespielt, das mindestens aus zwei Instrumentalisten und einem Sänger besteht. Die Hauptperson dieses Musikstils ist der Fado-Sänger, „Fadista“, der von einer portugiesischen Gitarre, einer „Viola de Fado“ und manchmal von einer akustischen Bassgitarre begleitet wird. Die „Viola de Fado“ ist ein Instrument, das einer klassischen Gitarre ähnelt, aber dessen sechs Saiten alle aus Stahl sind. Die portugiesische Gitarre dagegen ist ein birnenförmiges, zwölfsaitiges Zupfinstrument. Sie hat wie eine Gitarre sechs Saiten, doch jede dieser Saiten ist doppelt bespannt. Fado kann unter anderem an seiner typischen Begleitung, seinem arabischen Einfluss und an den langen, hohen, leidvoll in Bruststimme gesungenen Noten erkannt werden.

Mit neun Jahren aufs Konservatorium

Das Wort „Fado“ bedeutet auf Portugiesisch „Schicksal“ und ist oft mit dem Wort „Saudade“ assoziiert, dieses Wort bedeutet Wehmut oder Weltschmerz. Mehrere Fados handeln von den Portugiesen, ihren Sitten und Gefühlen der Traurigkeit und „Saudade“. Ein Fado, der die „Saudade“ näher bespricht, ist beispielsweise Marizas „Chuva“: „As coisas vulgares que há na vida/ Não deixam saudades/ Só as lembranças que doem/ Ou fazem sorrir.“ „Die gewöhnlichen Dinge des Lebens/ hinterlassen keine Wehmut,/ sondern nur die Erinnerungen, die weh tun/ oder zum Lachen bringen.“ Ein Fado, der das Volk und seine Traurigkeit zum Thema hat, ist Marizas „Gente da minha terra“, dessen Refrain lautet: „Ó gente da minha terra/ Agora é que eu percebi/ Esta tristeza que trago/ Foi de vós que a recebi.“ „Oh Menschen meiner Heimat!/ Nur jetzt habe ich verstanden./ Diese Traurigkeit, die ich in mir trage,/ habe ich von Euch geerbt.“

Ein Freund von Costas Vater hat die portugiesische Gitarre auf Familienfesten gespielt. So kam sie zum Fado. Mit acht Jahren sang sie auf einem Fest des lokalen Radiosenders in Guimarães, was ihr viel Aufmerksamkeit einbrachte und die ersten Interviews. Mit neun Jahren ging sie auf das Musikkonservatorium in Caldinhas, 35 Kilometer nordöstlich von Porto. Dort lernte sie Gesang, Klavier, klassische Gitarre, Musiktheorie, Kompositionslehre und vieles mehr. Nach dem Abschluss des Konservatoriums studierte sie bis 2007 an einer Universität, um Krankenschwester zu werden, entschied sich aber dann, zum Fado zurückzukehren. Seit 2009 ist sie eine der Künstlerinnen im Fado-Haus „O Fado“ in Porto und gibt Fado-Unterricht an einer privaten Musikschule.

Singen, essen, trinken und rauchen

„Ich habe andere Musikrichtungen ausprobiert, dabei aber immer das Gefühl gehabt, nicht ganz so viel von mir geben zu können, wie wenn ich Fado singe“, sagt Patricia Costa. Fado fasziniert sie durch den besonderen Wert, den der Fado auf die Worte legt; durch die minimalistische Darbietung und die Reflexion über das Leben. „Die Erfahrungen von Fado-Nächten, die ich hatte, waren immer sehr mystisch.“ Früher gingen diese Nächte bis drei Uhr morgens. Man konnte bis tief in die Nacht singen, essen, trinken und rauchen. Doch jetzt enden die Fado-Nächte meistens um Mitternacht, weil Fado zu einer Touristenattraktion geworden ist und die meisten Touristen nicht gewohnt sind, so spät zu essen. Geraucht wird auch nicht mehr.

Laut Costa sind heutzutage 95 Prozent der Zuhörer im „O Fado“ ausländische Touristen. Das hat den Ablauf und die Auswahl der Lieder nicht verändert. „Manchmal kommen sie mit Wünschen und bitten um bestimmte Stücke, die sie kennen, aber die nicht unbedingt Fado-Lieder sind.“ Der Boom der „World Music“ in den 90er-Jahren hat den Fado weltweit bekannt gemacht, obwohl die bedeutendste Fado-Sängerin, Amália Rodrigues, schon in den 50ern und 60ern in Europa berühmt war. Im vergangenen Jahr ist der Tourismus durch die Corona-Krise eingebrochen. „Seit Anfang der Pandemie im März des letzten Jahres gibt es, mit ein paar Ausnahmen, so gut wie keine Musikaktivitäten mehr.“ Auch keine nächtlichen Auftritte, wo sich Patricia Costa mit ihrem Publikum verbindet. „Denn das Ziel des Fados ist es, dass der Zuhörer in diese Energie eintritt, ohne zu singen oder zu spielen, aber indem er diese Erfahrung teilt.“

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