Brieftaubenzüchter Werner Piecha

Brieftaubenzüchter Werner Piecha

Es ist früh morgens, der Dunst der Nacht hängt noch in den Wäldern und auf den Feldern. Zwischen Karlsruhe und Rastatt liegt eine kleine Gemeinde mit rund 12 000 Einwohnern. Daneben gelegen befindet sich ein Brieftaubenverein. Im Taubenschlag von Werner Piecha beginnt das Training der Tauben. Sie werden in sogenannten Körben von ihrem Taubenschlag entfernt. Dort werden die Körbe geöffnet, nacheinander kommen die Tauben heraus. In der Luft warten sie aufeinander und fliegen dann gemeinsam zurück zu ihrem Schlag. Dort sind sie nach Jungtauben, Alttauben und Zuchttauben aufgeteilt, während eine Auf­teilung nach Geschlecht nur selten stattfindet. Jungtauben sind die Tauben, die in diesem Frühjahr nach 17 bis 18 Ta­gen Brutzeit geschlüpft sind. Dieses Jahr hat der Hobbyzüchter rund 50 Jung­tau­ben. Jeweils die älteste und jüngste Taube der Brut bekommt einen Ring an ihr linkes Bein. Das sind die Tauben, die als Erstes beziehungsweise Letztes abgesetzt wurden. Als Absetzen bezeichnet man den Zeitpunkt vier Wochen nach dem Schlüpfen.

Bildschirm im Inneren des Schlags

Im Frühjahr gibt es dreimal eine Brut, und jede bekommt ihre eigene Farbe, manchmal gibt es auch noch Nachzügler, diese bekommen dann eine vierte Farbe. Am rechten Bein tragen alle Tauben einen Ring, auf dem der Name und die Telefonnummer des Besitzers vermerkt sind. Die Farbe des Rings legt sich auch durch das Geburtsjahr fest. Tauben, die 2016 geboren wurden, tragen einen blauen, Tauben aus dem Jahr 2018 einen grünen, aus 2019 einen gelben und 2020 einen weiß-silbernen Ring. Die Farben wiederholen sich alle fünf Jahre. Außerdem befindet sich noch ein Chip am Ring, der von einem Scanner am Taubenschlag gescannt wird, wenn die Taube „nach Hause kommt“. Im Inneren des Schlags befindet sich ein Bildschirm, auf dem man dann sehen kann, welche Taube zu welchem Zeitpunkt angekommen ist. Hier sieht Werner Piecha, wie lange die Tauben für die Strecke benötigt haben.

Beim Training starten die Jungtauben mit Flügen von Strecken von 1 bis zu 20 Kilometern, die Alttauben fliegen bis zu mehreren Hundert Kilometern. Mit sieben bis acht Jahren gehen sie „in Rente“. Ihre durchschnittliche Lebenserwartung liegt bei 20 Jahren. Bei Wettkämpfen fliegen sie meist zwischen 300 und 600 Kilometer. Langstreckentauben können sogar 1000 Kilometer zurücklegen. Das sind Prak­tiken, gegen die Tierschützer seit Langem protestieren.

Ein Sport mit Wurzeln bis in die Antike

Die Wettkämpfe der Jung- und Alt­tauben finden zu unterschiedlichen Zeiten statt. Zwischen April und Juli fliegen die Tauben, die bis zum 1. Mai im Vorjahr ge­schlüpft sind. Zwischen August und September fliegen dann die Tauben, die ab An­fang Januar des Jahres geschlüpft sind. Erfolgreiche und bekannte Tauben werden nach Rennfahrern, Sportlern oder anderen Persönlichkeiten benannt. So gibt es Tauben mit den Namen Schumacher, Vettel, Bolt, Messi oder Ronaldo. Ein populäres Taubenpaar trägt den Namen „das goldene Paar“.

Der Taubensport fand seinen Ursprung in der Antike, da die Tiere durch au­ßer­gewöhnlich guten Orientierungssinn auf­fielen. Sie orientieren sich erstrangig am Magnetfeld der Erde, wie an der Sonne, Wolken, Straßen oder Gerüchen. Ihr größerer Feind als das Verfliegen sind Raubvögel, in Deutschland vor allem der Milan und Wanderfalke. „Manchmal kommen An­­wohner aus der Nachbarschaft mit einer verletzten Taube zu uns, die sie gefunden haben“, sagt Piecha. Manchmal übersehen die Tauben auch Stromleitungen. Diese sind gefährlich für die Tiere, da sie diese nicht richtig sehen können. In der Neuzeit wurden Tauben ebenfalls zur Nachrichtenübermittlung eingesetzt, doch eher zu militärischen Zwecken. Einige Tauben erhielten Auszeichnungen wie zum Beispiel das „Croix de guerre“ oder die „Dickin Medal“, da durch sie Hunderte von Menschenleben gerettet wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Taubenpost von modernen Kommunikationsmitteln verdrängt.

Eine Stadttaube lebt ein anderes Leben

Dem Verband deutscher Brieftaubenzüchter e. V. gehören rund 28 000 aktive Taubenzüchter an. Vor zehn Jahren waren es noch 45 000 Mitglieder bundesweit. Im­mer weniger junge Menschen interessieren sich für das zeitaufwendige Hobby. „So wie die Leistungssportler muss man mit den Tauben trainieren“, erklärt Werner Piecha. Doch nicht nur das spielt eine Rolle, wie Wohnraumengpässe gibt es Haltungsengpässe: Taubenschläge sind meist nur in äl­teren Dörfern, die früher schon Taubensport betrieben haben, erlaubt. Im Winter kümmert sich Piecha alle zwei Tage um die Tauben, im Frühling und Herbst täglich mehrere Stunden. Das be­deutet nicht, dass die Tauben im Winter weniger zu fressen bekommen. Sie bekommen auch Heizplatten, die über eine Zeitschaltuhr geschaltet werden. In der Hauptsaison, im Sommer, werden die Tauben zweimal täglich für vier bis fünf Stunden trainiert. Für viele Züchter ist Erfolg nicht das Ziel. Sie kümmern sich gern um die Tiere, geben ihnen Erdnüsse und Sonnenblumenkerne. Stadttauben leben ein komplett anderes Leben. Sie fliegen meist nur sehr kurze Strecken und suchen sich dann Fensterbänke, Balkone oder Dächer. Sporttauben erleichtern sich meist in ihrem Taubenschlag, Stadttauben hingegen haben dafür keinen festgelegten Ort. Für den Taubensport interessierte sich Werner Piecha bereits als Kind. Sein On­kel hatte Tauben. Zu seinen aktuellen Erfolgen gehört Taube „Saphira“, sie ge­wann einen Regionalflug, an dem 3237 Tau­ben teilnahmen und den ersten Konkurs in der RV Rastatt gegen 683 Tauben. In der Kreisvereinigung wurden die ersten vier Plätze von Werner Piechas Tauben be­legt, im Regionalverband sogar die ersten fünf Plätze.

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