Discord-Leaks zum Ukraine-Krieg: Ein Kleinstadt-Kid blamiert die USA

Ein Jahr lang gibt ein junger Nationalgardist Geheimdokumente an eine Chatgruppe weiter, die zum größten Teil aus Jugendlichen besteht. Besonders geschickt stellt er sich dabei offenbar nicht an. Nun drohen ihm mehrere Jahre Haft.

Hunderte von geleakten Geheiminformationen, einige davon aus Sicht der USA hochgradig sensibel, aber nur ein Verdächtiger: Ein 21-Jähriger soll verantwortlich dafür sein, dass die globale Öffentlichkeit sich ansehen kann, wie die USA den Krieg in der Ukraine einschätzen oder was sie über Waffenlieferungen aus China an Russland wissen.

Da in den USA, anders als in Deutschland, die volle Nennung des Namens von Verdächtigen üblich ist, sind Identität und Herkunft des jungen Mannes bekannt: Es handelt sich um einen Nationalgardisten namens Jack Teixeira, der zuletzt als IT-Spezialist auf einem Militärflugplatz der Nationalgarde auf der Halbinsel Cape Cod in Massachusetts stationiert war. Dort hat auch eine Aufklärungsabteilung der Nationalgarde ihren Sitz, die „102nd Intelligence Wing“, deren Auftrag ihrer Webseite zufolge darin besteht, „weltweite Präzisionsaufklärung“ zur Verfügung zu stellen und „für die Unterstützung von Kampfeinsätzen und die innere Sicherheit“ zu sorgen.

Teixeira wurde am Donnerstag festgenommen. Aufnahmen zeigen ihn, wie er an seinem Wohnort in Dighton, einer Kleinstadt in Massachusetts, in roten Shorts von FBI-Mitarbeitern abgeführt wird.

An diesem Freitag wurde der junge Mann in Boston einem Bundesrichter vorgeführt. Demnach wird Teixeira wegen des Besitzes von Geheimdokumenten, die die nationale Sicherheit betreffen, und der Aufbewahrung und Weitergabe von Informationen über die nationale Verteidigung angeklagt. Berichten zufolge drohen ihm bei einer Verurteilung bis zu 15 Jahre Haft.

„Original Gangster“

Auf den von US-Medien veröffentlichten Fotos von Teixeira ist ein harmlos wirkender junger Mann zu sehen. Im Netz firmierte der 21-Jährige unter „jackthedripper“, „excalibureffect“ oder „OG“, kurz für „Original Gangster“. So nannte er sich auf der Plattform Discord, wo er einen Kanal mit dem Namen „Thug Shaker Central“ gründete, dem sich etwa zwei Dutzend Personen anschlossen, darunter viele Jugendliche.

Die „Washington Post“ zitiert einen Freund des Verdächtigen mit den Worten, Teixeira sei patriotisch, ein gläubiger Katholik und ein Libertärer, der sich für Waffen interessiere und an der Zukunft der USA zweifele; „libertär“ beschreibt nach den gängigen politischen Kategorien der USA eine radikale Ablehnung staatlicher Macht, die nicht immer, aber häufig mit extrem rechten Positionen verbunden wird. Die Weitergabe der Geheimnisse habe das Ziel gehabt, „Menschen zu informieren, die er für seine Freunde hielt und denen er vertrauen konnte“, so der Freund weiter. „Es war ziemlich widerlich, wie Vorstadt-Kids über einen Konflikt debattierten, der einen Ozean entfernt war.“

„Ein Katholik, der auf Waffen steht“

Dem Freund zufolge fing Teixeira alias „OG“ im Februar 2022 damit an, geheime Informationen auf Discord zu teilen, zu Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine. Die anderen Teilnehmer des Kanals hätten versichert, die Dokumente nicht weiterzuverbreiten. Das klappte offenbar nicht: Nach Informationen der „Washington Post“ war es nicht Teixeira, der die Dokumente außerhalb der Discord-Gruppe verbreitete, sondern ein anderes Mitglied.

Andere Mitglieder des Discord-Kanals zeigten der „Washington Post“ Videos, auf denen Teixeira rassistische und antisemitische Parolen ruft und ein Gewehr abfeuert. Allerdings scheint unklar zu sein, inwieweit es dabei vorrangig um Provokationen und Ironie ging. Der Freund sagte, Teixeira sei letztlich nur ein „ziemlich normaler Katholik, der auf Waffen stand“.

Fotos in der Küche

Besonders professionell stellte sich Teixeira nicht an: Um ausgedruckte Dokumente auf Discord hochladen zu können, fotografierte er sie in der Küche seines Elternhauses. Auf einem Bild, das eines der Geheimdokumente zeigt, ist am Rande eine Küchenplatte und ein Fußboden zu erkennen, die beide auch auf einem Bild zu sehen sind, das ein Angehöriger oder eine Angehörige von Teixeira in sozialen Medien gepostet hatte, wie die „New York Times“ schreibt.

Die von Teixeira verbreiteten Informationen umfassen eine Vielzahl von Bereichen und dürften aus Sicht der US-Geheimdienste peinlich bis gefährlich sein. Teilweise vermitteln sie eine pessimistische Sicht des US-Verteidigungsministeriums auf die geplante Gegenoffensive der Ukraine. Zugleich gibt es in den Dokumenten Hinweise darauf, dass die US-Geheimdienste das russische Militär in erheblichem Maße infiltriert haben. So konnten die USA die Ukraine vor bevorstehenden Angriffen der Russen warnen. In den Dokumenten ist auch von internen Planungen des russischen Geheimdienstes GRU und der Söldnergruppe Wagner die Rede, was darauf hindeuten könnte, dass die US-Geheimdienste Quellen in diesen Organisationen haben.

Ein Dokument enthält Informationen, die offenbar durch das Abhören des russischen Auslandsgeheimdienstes durch die USA erlangt wurden. Darin heißt es, dass China die „Bereitstellung tödlicher Hilfe“ für Russland schon Anfang dieses Jahres genehmigt habe. Militärische Güter sollen demnach als zivile Exportartikel getarnt werden.

„Das nennt man militärische Disziplin“

Berichten zufolge hatte der Verdächtige Zugang zu einem internen Computernetz des Verteidigungsministeriums, dem „Joint Worldwide Intelligence Communications System“. Darauf befinden sich auch streng geheime Informationen. Dass ein 21-Jähriger an so brisante Informationen kommt, ist offenbar weniger überraschend, als man annehmen könnte: Nach Angaben von US-Beamten und Experten haben Tausende Beschäftigte von US-Armee und -Regierung Zugang zu Geheiminformationen wie denen, die Teixeira verbreitet haben soll.

Ähnlich äußerte sich ein Sprecher des Pentagon, Brigadegeneral Patrick Ryder. „Wir übertragen unseren Mitgliedern schon in jungen Jahren eine große Verantwortung“, sagte Ryder, ohne auf den konkreten Fall einzugehen. „Denken Sie nur an einen jungen Platoon-Sergeant und die Verantwortung und das Vertrauen, das wir in diese Personen setzen, um Truppen in den Kampf zu führen.“ Von diesen Menschen werde erwartet, „dass sie sich an Regeln, Vorschriften und Verantwortung halten. Das nennt man militärische Disziplin.“ Die Regeln seien klar, „und jeder, der eine Sicherheitsfreigabe hat, weiß das“.

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