Eine wie keine

Sie ziehen die gleichen T-Shirts an, benutzen den gleichen Nagellack und gewöhnen sich sogar die gleiche Gestik an, den gleichen Gang oder die gleichen Macken, manchmal bis hin zum gemeinsamen Nägelkauen. Und so ähnlich wie viele beste Freundinnen nach außen auftreten, so ähnlich ticken sie auch innerlich – oder zumindest wünschen sie sich diese exklusive Vertrautheit dringend.

Die Freundschaft zur besten Freundin – genannt: die allerbeste Freundin, kurz: die ABF – ist in keiner Hinsicht gewöhnlich. Sie ist so vertraut wie zu keiner anderen, sie ist für viele Mädchen die erste enge Beziehung außerhalb der eigenen Familie, und sie gründet auf einem Pakt: “Wir beide gegen den Rest der Welt.” Beste Freundinnen sind jederzeit füreinander da, sie fühlen sich füreinander verantwortlich und möchten am liebsten alles miteinander teilen. Für immer.

Warum haben Mädchen und Frauen dieses Bedürfnis? Warum sind sie trotzdem so häufig enttäuscht von ihrer ABF? Und was passiert, wenn die Freundschaft zerbricht? Hier erzählen Leonie, Lisa und Alina, welchen Stellenwert sie ihrer ABF einräumen, und wie sie ihre Freundschaft erleben.

Leonie, 14: “Sie würde niemals etwas weitertratschen”

  Leonie geht in die 9. Klasse: "Kimi kann extrem gut zuhören"

“Meine beste Freundin und ich, wir haben einen Traum: eines Tages in unserem eigenen Gestüt leben, in dem wir Pferde ausbilden. Kimi kenne ich vom Reiten, unsere Pferde standen in demselben Stall. Zuerst konnten wir uns nicht so gut leiden, aber dann trafen wir uns immer öfter – und eines Tages waren wir beste Freundinnen. Das war vor drei Jahren.

Davor wohnte ich mit meiner Familie in der Schweiz und hatte dort eine ABF. Als wir zurück nach Deutschland zogen, wollte ich die Freundschaft auf keinen Fall aufgeben. Aber irgendwann hatte ich keine Lust mehr, ihr ständig hinterherzutelefonieren. Zu akzeptieren, dass es mit meiner ABF auseinandergeht, hat richtig wehgetan. Ich habe eine Zeitlang sehr darunter gelitten, weil ich wirklich gedacht hatte, das hält für immer.

Bei Kimi glaube ich das schon eher, denn wir sind jetzt älter und können Probleme anders lösen. Zum Beispiel gibt bei Streit eine von uns auch mal nach. Wenn man jünger ist, ist das nicht selbstverständlich. Kimi und ich zoffen uns aber eigentlich nur, wenn ich ihr eine SMS oder Mail schreibe und nichts von ihr zurückkommt. Das kann ich nicht leiden. Oder wenn sie arrogant ist. Manchmal denkt Kimi, sie sei die Größte, das lasse ich nicht auf mir sitzen.

Ansonsten ist bei uns alles ziemlich harmonisch. Wir übernachten beieinander, gehen ins Kino, unterhalten uns über Pferde. Und wenn wir shoppen gehen, blödeln wir herum. Als bei uns in der Stadt ein ‘Abercrombie & Fitch’ eröffnete, standen wir stundenlang davor und trauten uns nicht, uns mit den Models fotografieren zu lassen. Und die ABF weiß natürlich als erstes, wenn man verknallt ist oder Liebeskummer hat.

Was Kimi noch als meine beste Freundin auszeichnet? Sie kann extrem gut zuhören. Kimi weiß einfach alles über mich, meine Geheimnisse und Träume, meine Zweifel und Ängste. Und ich weiß zu 100 Prozent, dass sie niemals etwas weitertratschen würde. Kimi und ich gehen nicht auf dieselbe Schule. Das finde ich gar nicht so schlecht. Denn so ist es immer etwas Besonderes, wenn wir uns sehen.”

Lisa, 17: “Wir haben uns in sechs Jahren nie gestritten”

  Lisa besucht die 11. Klasse: "Wir denken einfach zu ähnlich"

“Sabrina ist der ehrlichste Mensch, den ich kenne. Wenn mein Outfit daneben ist, sagt sie es mir. Das schätze ich sehr an ihr, denn gerade Mädchen sind oft hintenherum. Wir haben uns in der fünften Klasse auf der Realschule für Mädchen kennengelernt. Nach und nach haben wir gespürt, dass wir uns richtig gut leiden können. Da ist eine Art Seelenverwandtschaft zwischen uns, wir haben eine richtige Beziehung zueinander. Seit sechs Jahren sind wir jeden Tag zusammen. In der Schule teilen wir uns eine Bank, am Wochenende oder in den Ferien treffen wir uns zum Kochen oder Backen, und wir gehen auch gerne ins Kino oder übernachten beieinander.

Es klingt unglaublich, aber Sabrina und ich haben uns in den sechs Jahren unserer Freundschaft noch nie gestritten. Ich wundere mich selbst darüber. Wir sind halt nicht wie andere Mädchen, die sich anzicken und ständig überzogen emotional sind. Unser Geheimrezept ist, dass wir uns Freiheiten lassen und nicht über die andere bestimmen wollen. Jede hat auch ihre eigenen Freunde, da gibt es keine Eifersucht. Sabrina hat seit zwei Jahren einen festen Freund, ich bin Single. Aber auch das hat nie zu Spannungen geführt. Wir denken einfach zu ähnlich, um uns von der anderen angegriffen oder nicht verstanden zu fühlen.

Ohne eine beste Freundin würde das Leben keinen Spaß machen. Ich will mich ständig mit Sabrina austauschen, auch wenn es nur um ganz banale Dinge geht. Neben ihrer ehrlichen Art liebe ich an meiner besten Freundin, wie zuverlässig sie ist. Ich weiß, dass ich sie nachts um drei anrufen kann. Sie ist immer für mich da. Und wenn ich ihr von Problemen erzähle, hört sie in Ruhe zu und wertet mich nicht. Bei ihr kann ich sein wie ich bin und muss mich nicht verstellen.

Ich weiß instinktiv, dass wir immer befreundet sein werden. Was soll auch zwischen uns kommen? Aber natürlich habe ich ganz tief in mir die Angst, dass unsere Freundschaft vielleicht nicht halten wird. Das wäre für mich das Schlimmste.”

Alina, 14: “Sie ist so etwas wie ein persönlicher Kümmerer”

  Alina geht in die 8. Klasse: "Wenn ich keine Zeit für Hannah habe, ist sie eingeschnappt"

“Wenn meine Eltern sich streiten, wenn ich eine schlechte Note geschrieben habe oder einfach mies drauf bin, dann kann mich niemand so gut beruhigen wie meine beste Freundin Hannah. Letztes Jahr haben wir uns zufällig auf einer Geburtstagsparty kennengelernt und gleich gemocht, vorher kannten wir uns nur vom Sehen aus der Schule. Ein paar Wochen später waren wir zehn Tage zusammen im Frankreich-Austausch. Ich hatte ziemliches Heimweh, Hannah hat mich getröstet und aufgemuntert. Diese Zeit schweißt uns noch heute zusammen.

Seit Anfang des Schuljahres sind Hannah und ich in einer Klasse. Jeden Morgen vor der Schule schreiben wir uns über What’sApp und abends sagen wir uns so ‘Gute Nacht’. Am liebsten gehen wir zusammen bummeln oder schauen ‘Shopping Queen’ und ‘Gossip Girls’. Und klar reden wir auch über Jungs. Obwohl wir beste Freundinnen sind, streiten wir oft. Meistens deshalb, weil Hannah gern mehr Zeit mit mir verbringen würde. Ich kann aber nicht so oft, weil ich vier Mal die Woche Tanzunterricht habe, dann spiele ich noch Klavier, und für die Schule muss ich auch viel lernen. Wenn ich keine Zeit für sie habe, ist sie eingeschnappt und sauer. Manchmal trifft sie sich dann mit anderen Leuten. Mir tut das ein bisschen weh, weil ich mich ausgetauscht fühle. Aber dann sprechen wir uns aus, und es ist wieder okay.

Vor Hannah hatte ich eine andere beste Freundin. Aber seitdem wir nicht mehr in dieselbe Klasse gehen, haben sich unsere Wege getrennt. Mir ist es nämlich wichtig, dass ich meine beste Freundin täglich sehe und dass wir dasselbe Umfeld haben. Sonst versteht sie mich ja gar nicht, wenn ich ein Problem habe. Klar bin ich manchmal ein bisschen traurig, mit meiner alten ABF nicht mehr so viel zu tun zu haben. Aber so ist das Leben halt. Sie hat ja auch eine neue ABF.

Ich hoffe, immer eine beste Freundin zu haben. Egal ob später in der Uni oder bei der Arbeit – denn eine beste Freundin ist so etwas wie ein persönlicher Kümmerer, der für einen zuständig ist. Ohne eine ABF würde man sich auf der Welt total allein fühlen.”

Protokolle: Kira Brück

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