Länderspiel gegen Kolumbien: Ilkay Güdogan und sein Spezialauftrag in der Heimatstadt

Die generelle Sorge spürte auch Bundestrainer Hansi Flick, als ihn auf der Pressekonferenz auf dem DFB-Campus in Frankfurt ein kleiner Junge aus der ersten Reihe befragte. Ob er nicht lieber weiter den FC Bayern München coachen würde? Der 58-Jährige lächelte leicht gequält und antwortete: „Ich mag den Job als Bundestrainer. Mir macht es sehr viel Spaß, es ist alles wunderbar.“

Der Stürmer des FC Liverpool ist der große Star im Trikot der kolumbianischen Nationalelf. Er stammt aus einer bettelarmen Kohleregion, wo sie ihn verehren.

Ob diese Zustandsbeschreibung über die Sommerpause gilt, hängt ein bisschen auch vom Auftritt der DFB-Auswahl auf Schalke ab, aber weshalb hat denn Gündogan eine Einsatzgarantie erhalten? Der Kapitän von Manchester City mit der besten Saison aller Nationalspieler und dem Triple als Auszeichnung soll den Stimmungsumschwung orchestrieren. „Ich glaube, dass ich aufgrund der letzten Wochen viel positive Energie einbringen kann“, sagte der 32-Jährige. Nur als Heilsbringer „sehe ich mich nicht“. Aber als Lokalmatador taugt er wie die Ex-Schalker Leroy Sané oder Malick Thiaw allemal.

Seine Wurzeln beim SV Gelsenkirchen-Hessler in der „Pampers-Liga“ (O-Ton) hat Gündogan nicht vergessen. „Seit dem dritten Lebensjahr bin ich dem Ball hinterhergejagt, ich habe den Menschen dort viel zu verdanken.“ Deshalb hatte er auch seinem Heimatverein ein Public Viewing zum Champions-League-Finale spendiert. So konnten hier alle sehen, wie der begabte Kicker aus einer türkischstämmigen Familie mit der typischen Gastarbeiter-Vita des Ruhrgebiets eine imponierende Saison mit dem ersehnten Champions-League-Triumph krönte.

Bei der Busparade danach im Regen seien „Momente für die Ewigkeit“ entstanden, erzählte Gündogan mit leuchtenden Augen. Den Henkelpott „ausgerechnet auch noch in Istanbul“ zu empfangen habe sich wie eine Erlösung angefühlt, „weil mich dieser Pokal zehn Jahre lang verfolgt hat“. 2013 stand Gündogan mit Borussia Dortmund nach dem Finale in Wembley auf der Seite des deutschen Verlierers. Nach seinem Wechsel nach Manchester 2016 setzten sich die vergeblichen Anläufe fort. Dass er nun vergangene Woche im Teamhotel vor den Toren Frankfurt von den Mitspielern mit Applaus begrüßt wurde, war ihm nach eigenem Bekunden „unangenehm“. Im Mittelpunkt steht er nicht so gern. „Ich kenne meine Stärken, mache kein großes Tamtam daraus.“

Auffällig war die vergangenen Tage, wie oft Flick den Mittelfeldspieler lobte, obwohl er ihn erst jetzt einsetzt. „Wir freuen uns wahnsinnig über den Erfolg von Ilkay, er hat eine herausragende Saison abgeschlossen. Er ist ein exzellenter Fußballer und ein total sympathischer Mensch. Er ist ein Leader, vielleicht der anderen Art.“ Einer, der mit Ruhe und Abgeklärtheit, mit dem Gespür für Raum und Zeit auf dem Platz die Dinge mit dem Ball regelt. Oft ästhetisch anspruchsvoll.

Und doch war der neuerdings auch torgefährlichere Instinktfußballer in der deutschen Nationalelf selten gesetzt. Vielleicht waren die Leistungen des 66-fachen Nationalspielers im DFB-Dress auch deshalb größeren Schwankungen ausgesetzt als im Trikot der Cityzens. Und es fehlt auch noch ein Fußabdruck bei einem großen Turnier. Bei der EM 2012 war er zwar im Kader, spielte aber keine Minute. Die WM 2014 und EM 2016 verpasste er wegen Verletzungen – und damit den Höhepunkt der Ära Joachim Löw. Die WM 2018 und 2022 führten ins Fiasko, Gündogan spielte glücklos, ohne Zutrauen ins eigene Können.

Er habe eigentlich vor der WM in Katar „kein schlechtes Gefühl gehabt“. Aber dann habe die Niederlage im Auftaktspiel gegen Japan (1:2) viel kaputtgemacht. Nichtsdestotrotz ist er für die EM 2024 zuversichtlich: „Es ist unsere Verantwortung, die Qualität wieder zu erarbeiten.“ Und sein Part? Er sieht sich in den vergangenen ein, zwei Jahren am stärksten als „Achter, Zehner mit Drang nach vorne“. Diese Rolle bei Pep Guardiola im 4-3-3-System sei ihm auf den Leib geschneidert.

Nicht umsonst buhlt der ehemalige Guardiola-Club FC Barcelona um seine Dienste. Wobei der ablösefreie Weltklassemann Spekulationen über einen Wechsel zu den Katalanen nicht befeuerte. Was er zu seiner Zukunft nur verriet: dass sein Berater zwar mit BVB-Sportdirektor Sebastian Kehl Kontakt gehabt hatte, aber eine Rückkehr nach Dortmund trotz aller Verbundenheit nicht infrage komme. Aktuell sei die deutsche Bundesliga für ihn nämlich kein Karriereziel.

 

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