Tod eines Elternteils: Wie man Kindern mit der Trauer hilft

In Deutschland leben rund 800.000 Kinder, die einen Elternteil oder beide Eltern verloren haben. Auf diesen Verlust reagieren Kinder sehr unterschiedlich, brauchen aber immer besondere Zuwendung, um den Tod gut zu verarbeiten. Sonst kann es zu psychischen Problemen kommen.

Den 10. April 2010 wird Ursula P. nie vergessen: Nach der Heimfahrt aus dem Osterurlaub mit ihren drei Kindern kam Papa Andreas nie zuhause an. Andreas war mit dem Motorrad gefahren, während Ursula und die Kinder das Auto nahmen. Ein Autofahrer hatte Andreas die Vorfahrt genommen. Der erst 42-jährige Familienvater starb noch am Unfallort in Italien.

„Wir waren gerade daheim angekommen, als die Polizei eintraf“, erinnert sich Ursula. „Die Beamten wollten mit mir alleine sprechen. Das wollte ich erst nicht – mein Impuls war, die Zeit anzuhalten, die schreckliche Nachricht hinauszuzögern. Die Todesnachricht war ein gewaltiger Schock, eine völlig unwirkliche Situation, alles stürzte in sich zusammen.“

Ehrlichkeit ist wichtig

Obwohl die Mutter durch die furchtbare Nachricht komplett überfordert war, verhielt sie sich gegenüber ihren Kindern genau richtig: Sie sagte ihnen direkt, dass ihr Papa ums Leben gekommen sei. „Franziska war damals sieben. Sie sah ja die Polizisten und dass ich außer mir war – wollte also wissen, was passiert ist. Unsere Zwillinge Leni und Xaver waren erst eineinhalb Jahre alt, aber sie spürten, dass etwas nicht in Ordnung ist und weinten vor Angst. Ich habe den Kindern erklärt, dass die Polizei da ist, um uns zu sagen, dass der Papa einen schlimmen Unfall mit seinem Motorrad hatte und dabei getötet wurde. Ich habe ihnen gesagt, dass der Papa deshalb nicht heimkommen wird.“

Die Pädagogin Lana Reb ist auf Trauerbegleitung für Kinder und Jugendliche spezialisiert. Sie rät, selbst in einer solch dramatischen Situation Kindern möglichst ihre Fragen ehrlich zu beantworten. „Ehrlichkeit ist immens wichtig. Als Erwachsene möchten wir Kinder vor der Wahrheit schützen, das ist verständlich. Unsere Erfahrung ist jedoch, dass Kinder Fantasien entwickeln können, die sie sehr ängstigen können, wenn ihre Fragen nicht in angemessener Weise beantwortet werden. Erklärt man ihnen die Realität des Todes nicht, also dass er endgültig ist, so entwickeln Kinder möglicherweise die Hoffnung, der geliebte Mensch könne wiederkommen“, sagt die Leiterin des Kinder- und Jugendbereichs der Münchner Nicolaidis Youngwings Stiftung, eine bundesweite Anlaufstelle für Trauernde bis zum Alter von 49 Jahren.

„Ab einem Alter von etwa zehn bis zwölf Jahren ist das Wissen von Kindern über Tod und Sterben dem der Erwachsenen nahezu gleich. Kleineren Kindern muss man das anhand von Alltäglichem erklären: Papa atmet jetzt nicht mehr, er braucht nicht mehr zu essen, er kann nicht mehr bei uns sein, er wird dich nicht wieder vom Kindergarten abholen können… Es ist die schwere Aufgabe der Erwachsenen, den Kindern dabei zu helfen, zu begreifen, was es bedeutet, wenn ein geliebter Mensch gestorben ist.“

Durchs Abschiednehmen den Tod begreifen

Am nächsten Morgen fuhr Ursula gemeinsam mit den Eltern ihres Mannes und ein paar engen Freunden nach Italien. Andreas war dort in einer Kapelle aufgebahrt. „Franziska wollte unbedingt mit. Sie war sehr klar in ihren Bedürfnissen: Sie wollte Andi sehen und ihm etwas von uns mitbringen: ein Foto und ein Geschenk, das sie ihm gebastelt hatte – damit Papa etwas von ihr hat, dort, wo er jetzt ist.“ Um ihrer Tochter den Tod des Vaters zu erklären, bediente Ursula sich des Bildes, dass Andi im Himmel ist: „Dort ist er irgendwo und ich möchte glauben, dass er mitbekommt, was wir machen.“

Es ist wichtig, Kindern zu signalisieren, dass jeder seine eigene Vorstellung davon haben darf, was nach dem Tod kommt beziehungsweise wo der Verstorbene ist. „Um mit dem Kind im Gespräch über diese Fragen zu bleiben, kann es deshalb hilfreich sein, von den eigenen Vorstellungen zu sprechen und es gleichzeitig zu ermuntern, von seinen Ideen zu erzählen“, so Reb.

Eltern fühlen sich oftmals verunsichert mit diesen Themen, sorgen sich, das Kind zu überfordern oder tun sich schwer, passende Worte zu finden. „Kinder brauchen aber dringend die Unterstützung von Erwachsenen, um Strategien zu finden, mit dem schweren Verlust umzugehen: Ich denke da an eine Fünfjährige, die dabei war, als ihre Mutter starb und auch, als sie beerdigt wurde. Da ihr aber kein Erwachsener erklärt hatte, was dies bedeutet, hat sie ewig darauf gehofft, dass ihre Mama wiederkommt.“

Die Frage, ob ein Kind mit zur Beerdigung eines geliebten Menschen kommen sollte, beschäftigt gerade den zurückgebliebenen Elternteil schwer: „Oft möchte man Kindern diesen Anlass ersparen“, sagt Reb. „Das Abschiednehmen kann für Kinder aber eine sehr hilfreiche Erfahrung sein, um den Tod zu begreifen. Kinder möchten meistens auch eine Form der Verabschiedung finden, die für sie passend ist. Manche bemalen gemeinsam mit der Familie den Sarg oder geben einen Brief oder ein Kuscheltier mit ins Grab.“

Ab etwa fünf Jahren haben Kinder ein gutes Gespür dafür, ob sie mit zur Bestattung möchten oder den aufgebahrten Leichnam sehen wollen. „Allerdings muss man dem Kind erklären, was es erwartet“, sagt die Pädagogin. „Und wenn es sich dafür entscheidet, sollte es sich dennoch jederzeit umentscheiden dürfen.“ Daher ist es wichtig, dass der verwitwete Elternteil begleitet wird von einer Person, die dem Kind vertraut ist und sich kümmern kann, falls es plötzlich aus der Situation raus möchte.

Trauer äußert sich ganz individuell

Trauer kann sich in Tränen, aber auch in Wut, Aggression gegen andere oder sich selbst, Rückzug oder Überaktivität äußern. „Es gibt kein Richtig oder Falsch: In Trauer ist alles erlaubt“, sagt Reb. Wichtig sei jedoch, dass Hinterbliebene die Möglichkeit bekommen, ihre Gefühle zuzulassen und dem Schmerz so Ausdruck zu geben. „Kinder und Jugendliche ‚dosieren‘ ihre Trauer, sie können in einem Moment sehr betroffen sein und sich im anderen Moment wieder mit etwas anderem beschäftigen. Das ist eine unbewusste, gesunde Strategie, mit der sie gerade so viel Schmerz zulassen, wie sie bewältigen können“, erläutert die Expertin.

Kurz nach einem Todesfall akzeptiert die Gesellschaft, dass der Trauernde von verschiedensten Gefühlen übermannt wird. Einige Zeit nach dem Verlust wird jedoch meist erwartet, dass der Betroffene wieder normal funktioniert. „Dabei ist der frühe Verlust eines Elternteils ein lebenslanges Thema“, weiß Reb.

Jugendliche bauen oft Parallelwelten auf

„Gerade Jugendliche neigen schon nach kurzer Zeit dazu, sich Parallelwelten aufzubauen: Sie möchten keine Sonderrolle einnehmen, verbergen ihre Gefühle und schämen sich sogar häufig dafür, dass der Tod in ihr Leben Einzug gehalten hat. Tod und Verlust stehen ja im totalen Gegensatz zu ihrem jungen, prallen Leben. Jugendliche in Trauer entwickeln daher schnell Schuldgefühle: Sie fragen sich, ob sie nicht genug oder nicht richtig trauern, wenn sie mal wieder Spaß haben. Dabei ist es wichtig, dass sie sich dem Leben wieder öffnen dürfen“, sagt Reb.

Denn Trauer ist ein dynamischer Prozess: Betroffene pendeln zwischen dem Bedürfnis, den Schmerz zuzulassen und all die Dinge zu tun, die mit dem Verstorbenen in Verbindung stehen – wie zum Beispiel das Grab zu besuchen oder Fotos anzuschauen – und dem Versuch, sich ein Leben ohne ihn einzurichten. Wenn Kinder und Jugendliche sich ablenken wollen, so ist das durchaus eine hilfreiche Strategie.

Hilfe bei der Trauerbewältigung

Das Hin und Her der Gefühle verunsichert viele Trauernde. Auch Ursula fragte sich: „Ist das normal, was da bei mir alles innerlich passiert?“ Und so schloss sie sich sechs Wochen nach Andreas Tod einer Selbsthilfegruppe der Nicolaidis Youngwings Stiftung an. „Es war unglaublich tröstlich, mit Menschen zu sprechen, die ebenfalls ihre große Liebe verloren haben. Hier habe ich gesehen: Du kannst das überleben, es ist zu schaffen.“

Großen Halt gab der jungen Witwe die Stiftung auch, weil sie Kindergruppen anbietet – für Kleine ab drei Jahren, bis hin zu Selbsthilfe für erwachsene Halb- oder Vollwaisen von 18 bis 27 Jahren. „Für Franziska war es wichtig zu sehen, dass es auch andere Kinder gibt, die ihren Papa, die Mama oder gar beide verloren haben. Da waren Kinder und auch erwachsene Betreuungspersonen, die ihre Gefühle verstanden. Zudem war es für mich entlastend, zu wissen, dass da nun noch jemand anderes im Blick hat, wie Franziska den Verlust ihres Vaters verkraftet.“

Bei einem Erholungswochenende für trauernde Familien lassen Betroffene und Mitarbeiter der Nicolaidis Youngwings Stiftung auf einer Wiese Luftballons steigen. (Quelle: Nicolaidis Youngwings Stiftung)Bei einem Erholungswochenende für trauernde Familien lassen Betroffene und Mitarbeiter der Nicolaidis Youngwings Stiftung auf einer Wiese Luftballons steigen. (Quelle: Nicolaidis Youngwings Stiftung)

Bleibt die Trauerbearbeitung aus, kann dies ein Risikofaktor für spätere psychische Erkrankungen sein. „Warnsignale, dass die Kinder mehr Unterstützung brauchen, sind etwa langfristiger Rückzug von Freunden und Hobbys sowie anhaltende Leistungseinbrüche in der Schule“, sagt Reb. Aber auch wenn sie vermeintlich gar nicht reagieren und so weitermachen, als sei nichts passiert, brauchen sie dringend Hilfe bei der Bewältigung.

„Man sollte sich Rückmeldungen von Schule oder Kindergarten holen, wie sich das Kind dort verhält“, rät Reb. „Vielleicht gibt es seinen Gefühlen vor dem zurückgebliebenen Elternteil kaum Ausdruck, da es ihn schonen will“, gibt die Pädagogin zu bedenken. „Es ist viel geholfen, wenn man Kindern signalisiert, dass sie jederzeit über alles sprechen dürfen: Also ich darf nachfragen, wo Papa jetzt ist oder wie es sich wohl im Grab anfühlt.“

Kinder an der eigenen Trauer teilhaben lassen

Traurige Themen dürfen nicht zum Tabu werden. Sonst sind Kinder auf sich allein gestellt und einsam mit ihren Gefühlen. Gemeinsame Trauer und Gespräche über den Verstorbenen sind wichtig, um den Verlust zu verarbeiten. „Allerdings ist das eine Gratwanderung“, betont Reb. „Für Elternteile ist es eine Herausforderung, einerseits den eigenen Schmerz zu zeigen und das Kind andererseits nicht damit zu überfordern. Es entspricht nicht der Schwere des Verlusts, wenn das Kind nie sieht, wie schlimm für mich, als zurückgelassenen Elternteil, der Tod meines Partners ist.“

Ursula schaffte diese Gratwanderung mit Hilfe der Trauerbegleitung gut: „Ich habe gelernt zu erkennen, wann es zu viel ist für Franziska. Sie hat ja sehr intensiven Austausch mit mir gesucht, wollte mich auch trösten. Sie ist durch den frühen Tod ihres Vaters schneller groß geworden, und um mir zu helfen, will sie oft viel Verantwortung übernehmen. Dann sage ich ihr: Der Papa fehlt uns an ganz vielen Stellen, aber ich kann jetzt zuständig sein, dass hier alles läuft. Ich bin zwar manchmal noch sehr traurig, aber ich schaffe das!“

Damit auch die kleinen Zwillinge realisierten konnten, was es bedeutet, dass der Papa tot ist, musste Ursula ihnen am Anfang immer wieder erklären, dass Andreas nicht wiederkommt: „In der ersten Zeit nach dem Unfall riefen sie bei jedem Motorradfahrer ‚Papa, Papa!‘ Wenn es klingelte, liefen sie zur Haustür, weil Sie dachten jetzt kommt der Papa heim“, erinnert sich Ursula. „Dann musste ich ihnen sagen, dass er dies nicht sein kann, weil er jetzt im Himmel ist – und so nahmen diese Reaktionen mit der Zeit ab.“

Erinnerungsbrücken bauen

Bei der Todesbewältigung helfen auch Orte der Erinnerung sowie Rituale: Der Verstorbene darf so einen Platz im Leben des Kindes behalten. „Wir haben einen kleinen Tisch mit Fotos meines Mannes. Dort können die Kinder Selbstgebasteltes hinstellen, wenn dies im Kindergarten oder der Schule etwa zum Vatertag gemacht wird“, erzählt Ursula. „Ich zünde dort hin und wieder eine Kerze an oder stelle frische Blumen auf. Dieser feste Platz für die Erinnerung an Andi in der Mitte unseres Alltags ist für uns sehr wichtig.“

Auch sonst findet sich im Haushalt noch viel von Andreas: „Er ist noch sehr präsent“, sagt Ursula. „Wenn wir zum Beispiel seine Werkzeuge hernehmen, dann freuen wir uns, dass er an alles gedacht hat, was wir brauchen. Die Kinder ziehen auch noch seine T-Shirts zum Schlafen an, wir feiern jedes Jahr seinen Geburtstag mit Freunden und können bei lustigen Erinnerungen an Andi zusammen lachen. Ich kann mittlerweile akzeptieren, dass sein früher Tod Teil unserer Geschichte ist. Mein Mann war ein sehr positiver, lebenslustiger Mensch“, resümiert Ursula. „Er hätte gewollt, dass wir wieder glücklich werden: Das ist wie ein innerer Auftrag für mich.“

Weitere Infos:

Trauernde Kinder und Jugendliche können sich Hilfe holen bei der Münchner Nicolaidis Youngwings Stiftung: www.nicolaidis-youngwings.de. 

Verschiedene andere Anlaufstellen gibt es in vielen Wohnorten. Unter www.malteser.de, bei „Leben ohne Dich“ oder bei den Johannitern kann man sich beispielsweise informieren. Manche Schulen können örtliche Kinder- oder Jugend-Trauergruppen nennen. Auch Tabea e.V. in Berlin nennt Partner und Anlaufstellen. Dies sind nur einige Beispiele.

Unter der Rufnummer 0700 – 70400400 hat die Hilfsorganisation „Lebensquelle Trauer“ in Haan ein bundesweites Trauertelefon eingerichtet. Anrufer können mit ausgebildeten Trauerbegleitern reden. Der Service informiert auch über Selbsthilfegruppen. Anrufern entstehen außer den Telefongebühren keine weiteren Kosten.

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