Wörter kommen, gehen und bleiben: „Jugendliche sind der Motor der Sprachentwicklung“

Sie schlummern gerne? Manche Dinge sind ihnen echt schnuppe? Und sie vertreten sich gerne die Beine? Jugendliche beleben Wörter wieder, die schon in Vergessenheit geraten waren. Das ist echt töfte, so verstehen sich alle, ohne dass es cringe oder unkommod wird.

Sprache ist lebendig und verbreitet sich schnell in unserem Alltag. Wir sprechen, schreiben und hören tagtäglich, aber nehmen wir das anders wahr als Jugendliche? Sprachexperte Dr. Nils Bahlo, Dozent an der Universität Münster, spricht mit ntv.de über die Auswirkungen des Sprachgebrauchs von Jugendlichen auf die deutsche Sprache und den Alltag.

ntv.de: Inwiefern verändert sich die Sprache durch Jugendliche?

Nils Bahlo: Jugendliche haben schon einen Einfluss auf unseren Sprachgebrauch, da sie am Zahn der Zeit agieren. Ganz häufig bringen sie Innovationen mit, die sich in der Sprache manifestieren. Jugendliche sind sozusagen der Motor der Sprachentwicklung. Was nicht heißt, dass nur Jugendliche für einen Sprachwandel verantwortlich sind. Ein ganz bekannter Anthropologe aus Nordamerika hat mal gesagt: „The youth are lingustic movers and shakers.“ Also sie rütteln die Sprache auf und passen sie an. Das machen sie auch wesentlich flexibler als alte Menschen, weil bei denen im Vergleich zu Jugendlichen kaum etwas Neues im Alltag passiert.

Der Gebrauch von alten und neuen Ausdrücken wechselt ständig, spricht man dann trotzdem von einem Verlust?

Das deutsche Lexikon schwindet ja nicht. Wir haben ein riesiges Lexikon mit etwa drei Millionen Wörtern. Von daher kann von einem Schwund nicht die Rede sein, sondern eher von einem Wandel. Klar, verblassen manche Wörter, aber letztendlich können wir nicht ständig drei Millionen Vokabeln benutzen.

Ist die deutsche Sprache von Jugendwörtern oder -sprache bedroht?

Das hängt ein bisschen von der Sichtweise ab. Als Sprachwissenschaftler sehe ich keinen Sprachwandel als Verlust oder Bedrohung. Ich beschreibe Sprache, wie sie sich verändert und entwickelt. Privat hätte ich eine bestimmte Meinung mit Wertung. Ich könnte sagen, dass früher alles besser war und die Sprache Verluste erlitten hat. Aber ich bin Sprachwissenschaftler und ich sehe das nicht so. Ganz im Gegenteil: Im Zeichen jeder aktiven Sprachgemeinschaft entsteht ein Wandel, in dem sprach-ökonomische Prozesse stattfinden oder Sprache eben kompliziert wird. Wenn wir von Verlust sprechen, müssten wir auch erstmal identifizieren, wann die Sprache in Ordnung war. Da kommt das große Problem: Selbst zu Goethes und Schillers Zeiten wurden ihre Werke in bestimmten Kreisen als Schundliteratur bezeichnet. Aus unserer heutigen Sicht ist ihre Zeit der Höhepunkt der deutschen Dichtung. Es ist schon interessant, wie sich die Sichtweise über die Zeit ändert.

Viele alte Redewendungen oder Wörter haben ein regelrechtes Comeback, wie „sich sputen“ oder „die Beine vertreten“. Wie lässt sich das erklären?

Es gibt Wörter, die überdauern, und andere, die erhalten eine Renovierung. Eine Art Recycling könnte man schon sagen. Jugendliche aus den 90ern oder 2000ern haben die Redensart „lass uns mal losstratzen“ benutzt. „Stratzen“ ist ein mittelhoch deutsches Verb, das so viel heißt, wie lässig dahinzuschlendern. Die haben wahrscheinlich im Gymnasium den Stricker – mittelhochdeutsche Literatur – gelesen. Die Jugendlichen fanden es cool und dann ist das durch verschiedene Peer Groups gegangen. Und dann taucht es in den Medien auf. Besonders Wörter, die prominent oder funktional sind, setzen sich gut durch. Das kann man auch gut am Wörtchen „geil“ sehen. Wobei sich das Wort auch in der Bedeutung verändert und auch erweitert hat. Bestimmte alte Wörter setzen sich einfach durch und werden in ihrer Konnotation renoviert. Wenn man sich das Wort „nichtsdestotrotz“ anschaut, das eindeutig Jugendsprache gewesen ist. Es war ein „Verarschungswort“ im 18. Jahrhundert. Heute benutzt es jeder Schüler in seinem Aufsatz.

Warum kommen einige Wörter wieder oder bleiben im Wortgebrauch sitzen?

Peergroups sind alle unterschiedlich, genauso wie ihr Wortgebrauch, deshalb kann man auch von Jugendsprachen sprechen. Im Kern ist der Sprachgebrauch aber gleich. Wenn sich die ganz populären Elemente länger halten – von Jugendgruppe zu Jugendgruppe, wie auch von Generation zu Generation – ist die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Wort auch überdauert. Noch höher ist die Wahrscheinlichkeit, wenn die Wörter eine nützliche Funktion erfüllen. Das meint, wenn es im Kontext gut passt.

Gibt es jemanden oder etwas Bestimmtes, der den Wort-Trend setzt?

Ja, es gibt bestimmte Geber-Domains. Die sind seit Jahrhunderten schon immer gleich. Das ist im Bereich des Hobbys, der Schule, des Alkohol- oder Drogenkonsums, des Duellierens, der Wettstreit, der Freunde und Freundinnen und der Musik. Heute kommen noch die großen Influencer aus den sozialen Medien dazu.

Wie kann man als Außenstehender die Jugendsprache verstehen?

Wenn man davon ausgeht, dass Jugendsprache wie eine Art Fachsprache mit stark umgeformten, umgangssprachlichen Anteilen ist. Umgangssprache per se verstehe ich erstmal grundsätzlich. Die Sprache bleibt ja Deutsch. Trotzdem gibt es einen Teil der Jugendsprache, der sich sehr fachspezifisch ausprägt. Als meine Stieftochter letztens über TikTok gesprochen hat, musste ich als Experte für Jugendsprache auch erstmal überlegen, was sie meint. Ich kann es jetzt nicht einmal wiedergeben. Manche Teile sind verständlich oder ableitbar, aber andere zum Nase runzeln und nicht zu entschlüsseln – oft ist es auch nicht zum Entschlüsseln gedacht.

Ist es peinlich, wenn Ältere jung klingen wollen?

Da gibt es tatsächlich eine Studie zu, in der ganz klar herausgekommen ist, dass Jugendliche es absolut peinlich finden, wenn Erwachsene jugendlich klingen wollen. Das hängt ein bisschen damit zusammen, dass man gewisse Rollenerwartungen an sein Gegenüber hat. Wenn ich eine ältere Person sehe, erwarte ich, dass sie sich ihrer Rolle entsprechend ausdrückt und verhält. Wir haben in uns die Vorstellung einer gewissen sozialen Ordnung und einen Scanner dafür. Wenn da etwas aus der Reihe tanzt, kann man das als komisch und abwertend verstehen. Es gibt aber besondere Kontexte, in denen das in Ordnung ist.

Tamara Kutanoski ist angehende Journalistin. Ihren Blick auf die Welt und vor allem das Leben lesbar zu machen, ist ihr wichtig – denn durchs Lesen lernt man anders, findet sie. Deshalb schnuppert sie auch bei ntv.de in das Ressort Gesellschaft hinein und führt privat ihren eigenen Blog.

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Ich glaube, dass Deutsch später eine Mischung aus dem Deutschen, wie wir es kennen, und aus der anpassungsfähigen Jugendsprache sein wird, wodurch wir später alle alles verstehen können.

Dem ersten Teil stimme ich zu, denn unsere heutige Umgangssprache ist zum größten Teil „geronnene“ Jugendsprache. Die verfestigt sich irgendwann im Sprachgebrauch. Jugendsprache selbst ist ja ein Stil – mehr oder weniger eine Verformung von unserer deutschen Sprache. Dieser Stil wird sich irgendwann in der Umgangssprache manifestieren. Dem zweiten Teil kann ich nicht zustimmen, weil immer neue Generationen nachkommen, die ihren eigenen Stil entwickeln, womit sie das Lexikon anreichern.

Nils Bahlo sprach mit Tamara Kutanoski

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