Kategorie -Jugendliche

Studie zeigt: Baby-Puppe sorgt für mehr Schwangerschaften

Nach Essen und frischer Windel schreiende Babysimulator-Puppen sollten Mädchen im Teenager-Alter abschrecken, schwanger zu werden. Der Gedanke scheint einleuchtend: Wer weiß, was alles auf ihn zukommt, passt bei der Verhütung besser auf. Doch das Gegenteil ist eingetreten: Forscher fanden heraus, dass es stattdessen mehr Teenager-Schwangerschaften gibt.

Babysimulator-Puppen werden in vielen Projekten zur Verhinderung von Teenager-Schwangerschaften eingesetzt. Doch die Puppen können auch den gegenteiligen Effekt haben, ermittelten Forscher des australischen Programms VIP (Virtual Infant Parenting).

Doppelt so viele Mädchen mit Puppe wurden schwanger 

Das Team um Sally Brinkman von der University of Western Australia in Adelaide hatte Daten von knapp 3000 Schülerinnen analysiert. Über mehrere Jahre hinweg habe sich das Risiko von Teenager-Schwangerschaften nicht verringert, schreiben die Autoren im Magazin „The Lancet“. Mehr noch: „Verglichen mit den Mädchen in der Kontrollgruppe, gab es bei den Mädchen im VIP-Programm eine größere Häufigkeit von Schwangerschaften und Abtreibungen.“

So gebaren acht Prozent der Mädchen in der Interventionsgruppe zumindest ein Kind, verglichen mit vier Prozent in der Kontrollgruppe. Zudem hatten neun Prozent der Teilnehmerinnen in der Gruppe mit den Baby-Simulatoren eine Abtreibung. In der Kontrollgruppe waren es nur sechs Prozent.

„Unsere Studie zeigt, dass das Programm zur Schwangerschaftsverhütung in Westaustralien, das einen Babysimulator verwendet, das Risiko einer Schwangerschaft bei Teenagern nicht verringert. Im Gegenteil, das Risiko ist sogar höher, verglichen mit Mädchen, die nicht daran teilnahmen“, sagte Studienautorin Brinkman.

Puppe speichert Daten über „Mutter-Qualitäten“

Das australische Programm VIP basiert auf dem US-Programm „RealityWorks“. In Schulen werden Teenager über wichtige Aspekte wie Rauchen und Trinken in der Schwangerschaft, Ernährung, sexuelle Gesundheit oder Verhütung informiert. Sie sehen eine Videodokumentation über eine Teenager-Mutter und müssen sich ein Wochenende lang um eine Simulator-Puppe kümmern. Die Babypuppe weint, wenn sie gefüttert, gewickelt oder in den Schlaf gewiegt werden muss und speichert, wie gut die „Mutter“ den Bedürfnissen nachgekommen ist.

Kritik an dem Programm

In einem Kommentar in „The Lancet“ schreibt Julie Quinlivan von der University of Notre Dame Australia in Fremantle, es gehöre mehr dazu, Teenager von Schwangerschaften abzuhalten, als ein solches Projekt. „Wir müssen uns an beide richten: Väter und Mütter.“ Zudem sollten die Programme schon in der Kindheit starten, da Teenagerschwangerschaften oft das Ergebnis von Ereignissen zu dieser Zeit seien. Es müsse darin investiert werden, besonders gefährdete Kinder vom Weg zur frühen Elternschaft abzulenken.

Zudem bekämen Teenager, die sich gut um ihren Baby-Simulator kümmerten, positives Feedback von Gleichaltrigen und Familie – gerade zu einer Zeit, in der sie sich danach sehnten, meint Quinlivan. Die kurze Zeit mit einer Puppe könne für sie zur Idealisierung der Elternschaft führen.

Ergebnis nicht auf Deutschland übertragbar

Auf Deutschland sei das Ergebnis nicht zu übertragen, kritisiert die Gesellschaft „Babybedenkzeit“ in einer Gegendarstellung. Sie hat das „Elternpraktikum“ mit den Babysimulatorpuppen in Deutschland eingeführt und wendet sich damit gleichermaßen an junge Frauen und Männer – in Australien wurden nur Mädchen angesprochen.

„Das australische Programm setzt auf Abschreckung vor Schwangerschaft im Teenageralter und ist damit schon vom Grundsatz anders konzipiert als das Elternpraktikum, das in Deutschland zum Einsatz kommt – aufklärend und ergebnisoffen“, heißt es in einer schriftlichen Erklärung.

In Deutschland seien Teenagerschwangerschaften rückläufig. In Australien habe der Staat im Jahr 2004 eine Babyprämie eingeführt und für die Geburt eines Kindes bis zu 5000 Australische Dollar (rund 3400 Euro) an die Eltern ausgezahlt. Daraufhin sei die Zahl der Teenagerschwangerschaften – nach Jahren des Rückgangs – wieder stark gestiegen. Dieser wichtige Einflussfaktor werde aber in der australischen Studie nicht erwähnt. 

In Deutschland erhalte „Babybedenkzeit“ seit 16 Jahren durchweg positive Rückmeldungen von Einrichtungen und Schulen. Die häufigste Antwort von Teenagern, die das Programm durchlaufen haben, sei „Ich möchte gerne Kinder haben, aber noch nicht jetzt.“

Kein eindeutiges Ergebnis wegen zu geringer Teilnahme 

An der Studie waren 57 Schulen in Australien beteiligt – 1267 Schülerinnen nahmen am VIP-Programm teil, 1567 erhielten den Standard-Unterricht zum Thema Gesundheit und Schwangerschaft. Die Schülerinnen waren zu Studienbeginn zwischen 13 und 15 Jahre alt und wurden von den Autoren bis 20 begleitet. Die Autoren holten Daten aus Krankenhäusern und Abtreibungskliniken über Schwangerschaften der Teilnehmerinnen ein.

Die Forscher gaben zu bedenken, dass die Teilnahmerate an der Studie in den Schulen gering war (45 Prozent in den Kontrollschulen und 58 Prozent bei VIP-Schulen). Die Studie lasse keine Rückschlüsse über Teenager zu, die sich dafür entschieden hatten, nicht teilzunehmen.

Nach Angaben von „Realityworks“ wird dessen Programm mit Babysimulatoren in über 89 Ländern eingesetzt. 

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Früher Heulsuse, heute Vorbild: Der neue Star bei „Tote Mädchen lügen nicht“


In „Tote Mädchen lügen nicht“ spielt Alisha Boe die Freundin der jungen Frau, die sich das Leben nimmt. Nach deren Tod steht sie im Mittelpunkt. Aufgrund der Handlung, aber auch wegen ihrer herausragenden schauspielerischen Leistung wird sie zum Star der zweiten Staffel. n-tv.de erzählt die 21-Jährige von ihrer eigenen Teenagerzeit und der Verantwortung gegenüber jungen Fans, die Rat bei ihr suchen.

n-tv.de: Wenige Serien wurden im vergangenen Jahr so heftig diskutiert wie „Tote Mädchen lügen nicht“. Das ist ein Erfolg. Haben Sie damit gerechnet?

Alisha Boe: Damit, dass es dieses Ausmaß annehmen würde? Nein. Aber uns war schon vorher klar, dass wir eine gewisse Anhängerschaft finden würden. Die Romanvorlage hatte bereits viele Fans. Und der Name Selena Gomez in der Funktion eines Executive Producers zieht natürlich.

Wie beurteilen Sie den Einfluss, den die Serie gehabt hat?

Eine Party verändert für Jessica alles in

Als Schauspieler möchte man Geschichten erzählen, zu denen die Menschen Bezug haben. „Tote Mädchen lügen nicht“ ist manchmal ganz schön harter Tobak. Ich kann gar nicht beschreiben, wie sich das anfühlt, junge Menschen zu treffen, die mir erzählen, ihnen sei das Gleiche passiert wie meiner Figur Jessica. Nachdem sie „Tote Mädchen lügen nicht“ geguckt hätten, hätten sie den Mut gehabt, sich jemandem anzuvertrauen.

Jessica wird auf einer Party vergewaltigt. Sie ist betrunken und kaum mehr bei Bewusstsein und schafft es daher nicht, sich zu wehren.

Menschen mit meiner Arbeit nicht nur nahezugehen, sondern tatsächlich helfen zu können, hat mir nochmal extra Rückenwind verschafft. Wir machen mit „Tote Mädchen lügen nicht“ echt was Gutes!

Empfinden Sie Druck, eine Vorbildrolle für Ihre oftmals jungen Fans einzunehmen?

Mit dieser Frage hadere ich ständig. Ich bin nicht Jessica. Ich kann machen, was ich will – theoretisch. Letztes Jahr hatte ich auf Instagram quasi gar keine Follower. Da waren es nur meine Freunde, die interessiert hat, was ich so mache. Jetzt sind da plötzlich all diese Leute …

Genau. Und mir ist natürlich bewusst, wie jung die Leute sind, die mir zum Beispiel auf Instagram folgen. Aber ich muss selbst noch herausfinden, wer ich bin! Ich wünsche mir, dass man mich als Person wahrnimmt, die im Grunde gut ist. Social Media ist für mich kein Job, ich nutze die Kanäle wie eine Privatperson. Wenn ich nicht sicher bin, ob ein Post zu gewagt ist, denke ich einfach daran, wie meine Mutter das finden würde. Die folgt mir nämlich auch!

Viele Follower bedeuten auch viele Kommentare – nicht alle davon sind nett. Wie kommen Sie damit klar?

Ich fühle mich schlecht. Es ist total ätzend! Die Leute weisen einen auf Sachen hin, aufgrund derer man sich ohnehin schon unsicher fühlt. Ich weiß, was ich an mir hasse. Ich brauche echt niemanden, der mich daran erinnert. Eine Zeit lang habe ich davon schlimme Panikattacken bekommen. Ich habe mich andauernd von allen Seiten beobachtet gefühlt. Die Leute stellen sich Berühmtsein immer aufregender vor, als es ist. Oft ist es traurig. Ich muss mich immer wieder daran erinnern, dass da nur Fremde schreiben, die auf einen Bildschirm starren und ganz eigene Probleme haben. Darüber vergessen sie manchmal, dass wir nicht nur Schauspieler sind, sondern auch Menschen.

Suchen Menschen online Hilfe bei Ihnen, auch aufgrund Ihrer Rolle?

Ja, oft. Als ich die ersten dieser Nachrichten bekommen habe, habe ich noch versucht, jede einzelne zu beantworten. Das geht mittlerweile nicht mehr. Ich lese sie noch manchmal. Und es berührt mich, zu hören, welchen Einfluss „Tote Mädchen lügen nicht“ hat. Aber ich bin Schauspielerin. Ich denke, wer sich wirklich schlecht fühlt, sollte Hilfe bei einem Angehörigen suchen, bei einem Freund oder bei einer entsprechenden Institution. Das sage ich auch immer wieder ganz deutlich.

Haben Sie während Ihrer Pubertät viel gehadert?

Die Erinnerungen an ihre eigene Schulzeit findet Alisha Boe nicht allzu schlimm.

Ich hatte es alles in allem ziemlich gut. Meine Freunde von damals sind bis heute meine wichtigsten Bezugspersonen, eine Gruppe Mädchen. Wir kennen uns, seit wir 11 Jahre alt sind. Sie waren immer ein gutes Auffangnetz für mich, wenn die Dinge mal nicht so gut liefen. Allerdings muss ich erwähnen, dass ich nicht die ganze Highschool-Zeit erlebt habe. Seit ich 16 war, wurde ich zu Hause unterrichtet.

Welche Musik spielt, wenn Sie an diese Zeit denken?

Die erste Band, die ich so richtig vergöttert habe, war The Doors. Jim Morrison ist mein Gott! Er ist unglaublich.

Und welche Serie läuft?

„Skins“, in der britischen Version! Ich hatte gehofft, „Tote Mädchen lügen nicht“ würde irgendwie so ähnlich werden. Deswegen wollte ich unbedingt dabei sein.

Was erinnert Sie sonst an Ihre Teenagerjahre?

Ich war die ultimative Drama-Queen! Ich habe mich ständig in meinem Zimmer eingeschlossen, in mein Tagebuch geschrieben und geweint. Ich habe mich da richtig reingesteigert. Wenn die Tränen nicht kommen wollten, habe ich in den Spiegel geguckt und irgendwann ging es dann. Oder ich habe dramatische Filme geguckt und mir vorgestellt, ich sei die Hauptdarstellerin und würde das alles selbst erleben. Grundlos weinen war mein Ding. (lacht) Ich habe es geliebt. Weinen kann befreiend sein.

Mit Alisha Boe sprach Anna Meinecke

„Tote Mädchen lügen nicht“ ist seit dem 18. Mai abrufbar über Netflix.



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Wlan, Billardtisch, Sofas und Grün

Kernen im RemstalWlan, Billardtisch, Sofas und Grün

Die  frei gewordene  Anlage der  „Römer“ Kleintierzüchter soll zum Jugendhaus werden. Foto: lin

Rommelshausen – Noch säumen hohe Zäune und zahlreiche Gitter die Fläche neben dem Haus, das einst die Kleintierzüchter in Rommelshausen ihr Eigen nennen durften. Aus der frei gewordenen Anlage soll ein Jugendhaus werden. Für Konzept und Planung sind auch die Wünsche de Jugendlichen gefragt, die bei einem Forum am Samstag gesammelt wurden.

Gut 80 Jugendliche hatten sich für die Diskussion eingefunden

„Das ist jetzt euer Jugendhaus. Ihr dürft nun sagen, was ihr hierfür wollt und wie das Ganze nachher aussehen soll“, sagte Kernens Bürgermeister Stefan Altenberger und eröffnete damit die Diskussionsrunde zum Umbau des ehemaligen Vereinsheims. Gut 80 Jugendliche hatten sich hierzu in den Räumlichkeiten eingefunden, umgeschaut und auch sehr schnell zu Hause gefühlt. Vorschläge, was man gerne in den Räumen vorfinden würde, und wie es auch draußen auf den Freiflächen aussehen sollte, hatten die Jugendlichen ebenfalls parat.

„Einen Billardtisch“, wünschten sich die einen, „gemütliche Sofas“ die anderen. Wünsche, die Stefan Altenberger noch direkt vor Ort versprach, umzusetzen. „Das ist kein großer Unterschied zu früher“, meinte der Bürgermeister mit Blick auf einstige Jugendzeiten. Anders sieht es natürlich aus beim Wlan, das auch auf der Wunschliste steht. „Das gab’s damals nicht“, sagte er, wollte die Umsetzung aber nicht ausschließen.

Von dem Wunsch nach Spielkonsolen war Bürgermeister Altenberger nicht begeistert

Als dann jedoch Namen von diversen Spielekonsolen und weiteren Elektronikgeräten fielen, zeigte sich Bürgermeister Altenberger nicht gerade begeistert: „Das wird jetzt etwas teuer, und ihr sollt ja auch nicht zum Fernsehen hier herkommen.“

Ein Musik- und/oder Partyraum, ein Trampolin im Freien, einen Platz zum Kicken, einen Basketballkorb und einen Kletterbaum wurden als weitere Anliegen genannt. Auch einen Pool würden die meisten gerne im Garten sehen. Doch das bleibt wohl ein Wunschtraum.

Bei den Arbeiten sollen die Jugendlichen selbst mit anpacken

„Und was ist mit Farbe?“, fragte ein Mädchen nach. Auf einen neuen Anstrich müssen die Jugendlichen nicht verzichten. „Farbe und Pinsel stellen wir euch kostenlos, wenn es soweit ist“, kündigte Stefan Altenberger an. Denn zunächst einmal muss die Anlage außen geräumt und gesäubert werden. Zudem soll das Gebäude neue Fenster erhalten. Bei den anstehenden Arbeiten sollen die Jugendlichen in Zusammenarbeit mit der Mobilen Jugendarbeit selbst mit anpacken.

Die ersten Arbeitseinsätze finden gleich in den ersten Tagen der Osterferien statt. Ein Treffen dazu wird es am Freitag, 11. April, um 17 Uhr geben.

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Schöne heile Welt: Zeigen Fernsehfamilien ein reales Bild?

Familie im Fernsehen gab es schon immer. Beim Blick in das Leben anderer können wir ganz wunderbar vergleichen, urteilen, mitfühlen oder uns fremdschämen. Und beruhigt feststellen, dass es so schlimm bei der eigenen Familie ja doch nicht ist.

Die Familie Schölermann hat 1954 das Genre der Familienserie in Deutschland eingeläutet. Der Vater ist kaufmännischer Angestellter, die Mutter Hausfrau. „Das Menschenherz, die Erde schwankt, die Seele, die Gesellschaft krankt. Nur eins steht fest in Sturm und Graus: die Familie – das Zuhaus!“, fasste es der Herr Papa anno dazumal zusammen.

Heile Welt, autoritäre Erziehung, klassische Rollenverteilung – auch bei Familie Hesselbach in den Sechzigern hatte der Vater noch das Sagen. Die Frau wollte geheiratet werden. Auch, wenn Frauen und Kinder langsam begannen sich aufzulehnen, so kamen die großen Konflikte doch von außerhalb.

Dröge, aber aus der eigenen Erfahrungswelt

Der Regensburger Medienwissenschaftler Herbert Schwaab hat sich mit dem Thema Familie im Fernsehen beschäftigt: „Die Hesselbachs und die Schölermanns waren zwar nicht unbedingt realistisch, aber sie haben das eingelöst, was häufig mit dem Fernsehen verbunden wird: Alltagsnähe, ein Interesse für kleine Dramen und Verwicklungen und nicht die großen Dramen, die eher im Spielfilm beheimatet sind.“ Diese Serien seien eher etwas dröge und langweilig, passten aber zum häuslichen Umfeld der Zuschauenden – den Familien etwa, die gemeinsam fernsahen.

Das Abbild von Familie im Fernsehen sollte das Gesellschaftssystem legitimieren und auf lange Zeit absichern – so könnte man die Serien der 50er, 60er und der 70er aufs Einfachste reduzieren. Auch wenn sich in den 70ern die Rolle der Frau zu verändern begann. Ein Beruf wurde ihr zugestanden, Scheidung auch. 

Die Wissenschaft begann sich kritisch mit der Fernsehfamilie zu beschäftigen. Die Familie gilt – das zeigen die „Drombuschs“ oder „Die Wicherts von nebenan“ – als Rückzugsort, als Garant für Zufriedenheit und finanzielle Sicherheit.

"Diese Drombuschs" - heile Familienwelt im Jahr 1986.  (Quelle: imago/teutopress)„Diese Drombuschs“ – heile Familienwelt im Jahr 1986. (Quelle: teutopress/imago)

Demgegenüber stehen Serien wie die Lindenstraße – deutlich kritischer und trotzdem immer mit dem Wunschgedanken der heilen Familie. Vater-Mutter-Kind ist und bleibt das Ideal. Andere Formen sind möglich, aber irgendwie doch nicht erwünscht.

Bei vielen Serien ist die Familie nur der Rahmen

„Reine Familiengeschichten werden in aktuellen deutschen Fernsehserien kaum noch erzählt. Die Lindenstraße gehört zu den wenigen Serien, wo das Zusammenleben von Menschen in einem Haus im Mittelpunkt der Erzählung steht. Dort werden auch politische Themen wie die Toleranz gegenüber Homosexuellen, die Flüchtlingsfrage oder der Umweltschutz thematisiert“, sagt Christian Schicha, Professor für Medienethik am Institut für Theater- und Medienwissenschaft der Universität Erlangen. 

„Bei den meisten Serien stehen die Berufe der Protagonisten im Mittelpunkt. Besonders beliebt sind Ärzteserien. Hier werden auch familiäre Themen und Konflikte thematisiert, aber am Rande.“ Das Ziel sei Unterhaltung und Identifikation und damit hohe Einschaltquoten.

Sitcoms wollen alltagsnah sein

Aus den USA kam mit der Sitcom ein Format, das sich damals wie heute sehr stark auf die Familie bezieht. Zunächst verklärend und konservativ, aber trotzdem alltagsnah. Später auch mit moderneren Familienmodellen.

„Interessant ist, dass mit der Bezeichnung ‚modern‘ auch eine dokumentarisch anmutende, neue Sitcom-Ästhetik gekoppelt ist, die noch mehr den Eindruck erweckt, ein soziologisches Protokoll moderner Familienverhältnisse zu sein“, meint Schwaab. „In deutschen Sitcoms finden sich ähnliche Familienkonstellationen, vor allem in ‚Türkisch für Anfänger‘, in der eine crosskulturelle Familie zusammengeführt wird. Hier zeigt sich das immer noch bestehende Interesse des Fernsehens für die Familie, und es wird auch versucht, veränderten Lebensbedingungen Rechnung zu tragen.“

Der Fernsehfilm als Abbild eines Wunschtraums

Das zeigt sich auch beim deutschen Fernsehfilm: Die klassische Kernfamilie scheint ausgedient zu haben, vor allem die mit Kleinkindern. Vorherrschend sind entweder großstädtische Singles oder die Alleinerziehenden. In der Regel patente, multitaskingfähige, gut aussehende Frauen, die durch einen glücklichen Zufall auf ihren Traumprinzen treffen – natürlich auf einen, der auch von ihren Kindern ziemlich schnell voll akzeptiert wird.

„Eine gut funktionierende Beziehung ist der Wunsch vieler Menschen. Dass diese aber nicht der Alltag ist, das zeigen die Daten. Solche Filme haben also eine Art Fluchtfunktion. Sie symbolisieren den Wunsch nach der heilen Welt und dem Happy-End“, sagt Uli Gleich von der Universität Koblenz-Landau im Gespräch mit t-online.de.

Heute werden oft Familienfragmente gezeigt

Vor rund zehn Jahren kam eine Studie des Grimme-Instituts zu dem Ergebnis, im deutschen Fernsehen kämen Themen wie Vereinbarkeit von Familie und Beruf, Bildungsniveau und Erziehungskompetenz zu selten zur Sprache. Und zwar sowohl in fiktionalen als auch in Informationsformaten.

Heute hat sich das geändert, sagt Schicha. „In Informationssendungen werden Themen wie die Vereinbarkeit zwischen Familie und Beruf durchaus thematisiert, sofern zum Beispiel die Notwendigkeit der flächendeckenden Einrichtung von Kindertagesstätten erörtert wird.“

Umstrittene Formate wie die ‚Supernanny‘, ‚Erwachsen auf Probe‘ oder die ‚Die strengsten Eltern der Welt‘ zeigten nur eine angebliche Erziehungskompetenz. „Hier geht es meines Erachtens weniger um echte Lebenshilfe, sondern um das Vorführen von Konflikten, um das Unterhaltungsbedürfnis der Zuschauer zu befriedigen.“

Eine Mutter sieht sich mit ihrem Sohn die RTL-Sendung "Erwachsen auf Probe" an. In der umstrittenen Sendung aus dem Jahr 2009 sollten Teenagerpaare das Elternsein ausprobieren, dazu stellten andere Eltern ihre Babys und Kleinkinder zur Verfügung.  (Quelle: dpa)Eine Mutter sieht sich mit ihrem Sohn die RTL-Sendung „Erwachsen auf Probe“ an. In der umstrittenen Sendung aus dem Jahr 2009 sollten Teenagerpaare das Elternsein ausprobieren, dazu stellten andere Eltern ihre Babys und Kleinkinder zur Verfügung. (Quelle: dpa)

Ist die heutige Familiendarstellung angemessen?

Die wenigsten Serien beschäftigen sich heute noch langfristig mit einer Familie. Stattdessen werden Teilelemente herausgegriffen und Familienphasen beleuchtet. Richter müssen schlichten, Pädagogen helfend eingreifen. Streit und Probleme sind an der Tagesordnung, Familien werden in zerrütteter Form gezeigt, frei nach dem Motto ‚Harmonie bringt keine Quote‘.

„Diese Formate mögen sehr realistisch sein oder erscheinen, aber sie interessieren sich nicht für die Durchschnittsfamilie oder einen Familienalltag, der nicht ständig im Ausnahmezustand ist“, so Schwaab. Erschwerend kommt hinzu, dass diese vermeintlichen Doku-Soaps in Wahrheit einem Drehbuch folgen mit dem Ziel, möglichst viele Emotionen hervorzurufen. Sie sind inszeniert – man nennt das „Scripted Reality“.

Julia Niemann von der Hochschule für Musik, Theater und Medien in Hannover hat gemeinsam mit anderen Wissenschaftlern eine Studie zum Thema durchgeführt: „Vermittelt wird vielfach ein Bild von einfachen, aber redlichen Personen. Es ist ein bisschen wie im Märchen: Dabei wird deutlich zwischen Gut und Böse getrennt. Natürlich ist die Darstellung auch bisweilen überzogen bis absurd komisch. Der Grund dafür ist einfach: Die Überdramatisierung – beispielsweise mittels gewalthaltiger Streits und Fäkalsprache oder die absurden Geschichten – all das dient der Unterhaltung.“

Junge Zuschauer könnten diese Familien für real halten

Scripted Reality dient einem sozialen Vergleich, der gar keine Basis hat. „Wenn man solche schlimmen Alltagsgeschichten von anderen ansieht, vor allem, wenn man selbst Probleme hat, dann kann man sich zurücklehnen und sagen: Was sind das nur für Menschen? Das, was denen passiert, würde mir nie passieren. Ich bekomme mein Leben besser auf die Reihe. Da kann man sich in seinem Selbstwert durchaus besser fühlen“, erklärt Medienpsychologe Gleich.

Dass damit vor allem Jugendlichen eine Familienwahrheit vorgegaukelt wird, die mit der Realität wenig zu tun hat, ist aus psychologischer Sicht allerdings ziemlich bedenklich. Immerhin knapp ein Viertel der Zuschauer zwischen zehn und zwanzig Jahren hat Schwierigkeiten, den fiktionalen Charakter von Scripted-Reality-Formaten eindeutig zu identifizieren. Niemann sagt dazu: „Tendenziell erkennen jüngere Jugendliche und solche mit niedrigerer formaler Bildung den Inszenierungsgrad etwas schlechter, beziehungsweise sie denken, dass in dem Gezeigten schon ein Körnchen Wahrheit steckt.“

Gleich befürchtet, dass es zu einer veränderten Realitätswahrnehmung kommen kann. Und damit zu einer Vorstellung von dem Begriff Familie, die mit der Wirklichkeit nicht mehr viel gemeinsam hat. 

 

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Die Stille bekommt eine Performance

Aufführung in S-MitteDie Stille bekommt eine Performance

Durch den Tanz lassen sich Stimmungen besonders gut ausdrücken. Foto: Sybille Neth

Aufführung – Die Stille hat viele Spielarten. Sie kann unheimlich, bockig, traurig, einfühlsam oder grausam sein. Elf Jugendliche haben sich im Rahmen des mlab Kreativlabors unter der Leitung der Künstler Antje Jetsky (Tanz) und Ulrich Wedlich mehrere Wochen damit auseinandergesetzt. Gemeinsam haben sie die Dramaturgie und Choreografie ihrer Performance zusammen gestellt und eine eigene Band für dieses Projekt gegründet. Die Partituren, komponiert von Wedlich, sehen aus wie Notenblätter von Stockhausen – auch die Stille kommt darin zum Ausdruck. „Die Idee ist es, die Jugendlichen mit Musik zu konfrontieren, mit der sie sonst nicht in Berührung kommen“, erklärt der Musikpädagoge.

Das Gleiche gilt für die tänzerische Bearbeitung des Themas. Veronika Schlosser und Vera Bohsung, zwei der Tänzerinnen, sehen es pragmatisch: „Tanz macht einfach Spaß“, sagen die beiden 16-Jährigen. Sie sehen darin auch den sportlichen Aspekt und als Kinder haben sie schon Pliés an der Stange beim Ballett geübt. Zehn Samstage haben die Jugendlichen an der Konzeption und Inszenierung der Performance gearbeitet, die sie am Sonntag im Robert-Bosch-Saal im Treffpunkt Rotebühlplatz vor Publikum aufgeführt haben.

Der Aufwand hat sich gelohnt, findet Jonas Bayh: „Es ist die Leidenschaft für die Musik, die mich dafür motiviert hat.“ Zum mlab Kreativprojekt ist der 16-Jährige durch seinen Gitarrenlehrer Wedlich gekommen, ebenso wie Tobias Grüble. Er bereitet sich auf die Aufnahmeprüfung an der Musikhochschule vor und der 19-Jährige schätzt an dem Projekt vor allem, dass er dabei Bühnenpräsenz lernt.

Zur Aufführung waren vor allem Multiplikatoren aus den Schulen, sowie der mobilen und kirchlichen Jugendarbeit eingeladen, denn es wird auch weitere Auflagen der mlab Kreativwerkstatt geben, kündigt Tanzpädagogin Antje Jetsky an. Eigentlich wendet sich das vom Bund geförderte Projekt an Jugendliche, die von Haus aus keine Möglichkeit haben, sich mit Tanz und Musik aktiv auseinander zu setzen. „Wir haben es noch nicht geschafft , die Zielgruppe zu motivieren. Es sind dieses Mal alles Leute mit Vorbildung“, sagt Jetsky. In Schulen, kirchlichen Einrichtungen und bei der mobilen Jugendarbeit haben sie und Wedlich Werbung gemacht, leider mit mäßigem Erfolg. Das soll sich nach der Präsentation des Ergebnisses ändern.

„Wir stellen immer wieder fest, dass es nicht einfach ist, die jungen Leute hierher zu kriegen. Wenn sie aber mal da sind, wollen sie gar nicht mehr aufhören“, schildert Jetsky ihre Erfahrungen aus vielen Jahren vielfältiger Projektarbeit in Schulen und in der Jugendarbeit.

Für Jugendliche, die selbst Musik machen und tanzen wollen, beginnt demnächst der zweite von den insgesamt sieben Workshops bis 2015.

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Ganz klar Laurel – oder Yanny?: Audiodatei spaltet Internet-Gemeinde


Sprache polarisiert: Das jüngste Beispiel dafür liefert ein Jugendlicher in den USA. Er lädt eine Audiodatei mit einem Wort aus zwei Silben von einer Vokabelseite herunter. Was als Schulprojekt startet, endet in einer Massendebatte im weltweiten Netz.

Ein Wort aus zwei Silben spaltet die Internet-Gemeinde. In einer sechs Sekunden langen Audiodatei hören die einen „Yanny“, die anderen „Laurel“. Wie die „New York Times“ berichtete, postete ein Gymnasiast aus Georgia die Datei zunächst ins Online-Netzwerk Reddit. Der 18-jährige Roland Szabo erklärte, er habe die Datei für ein Schulprojekt von einer Vokabelseite heruntergeladen. Er spielte sie seinen Freunden vor und stellte fest, dass ein Teil von ihnen deutlich „Yanny“, der andere „Laurel“ verstand.

Irritiert schickte Szabo die Datei an einen Freund, der sie wiederum auf der Online-Plattform Instagram veröffentlichte. Von da aus war es dann nicht mehr weit zu einer Massendebatte im weltweiten Netz. Auch Prominente schalteten sich ein. Der Horror-Romanautor Stephen King ordnete sich bei Twitter dem „Yanny“-Lager zu. Für Supermodel Chrissy Teigen stand dagegen fest: „Es ist ganz klar Laurel. Mir unverständlich, dass jemand Yanny hören kann.“

Eine schlüssige Erklärung für das akustische Phänomen lag zunächst nicht vor. Eine Blitzumfrage bei AFP in Washington ergab 17 für „Yanny“ und 14 für „Laurel“. Nur drei Menschen hörten zunächst das eine, beim nochmaligen Vorspielen das andere Wort oder einen Mix aus beiden Wörtern.

Die Kontroverse erinnert an diejenige aus dem Jahr 2015, als es im Internet eine erhitzte Debatte darüber gab, ob ein auf einem Foto abgebildetes Kleid weiß und gold oder blau und schwarz sei. Auch damals beteiligten sich Prominente am Rätselraten, ein Konsens konnte in der Internetgemeinde bis zum Schluss nicht gefunden werden. Forscher aus Deutschland und England ermittelten schließlich: Es handelte sich um ein königsblaues Kleid mit schwarzer Spitze.



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Hasssprache nimmt zu – Lehrer schlagen Alarm

Lehrer beklagen grassierende „Hasssprache“ und sehen die Ursache in schlechten Vorbildern im Elternhaus und in der Politik. Der Ton auf den Schulhöfen werde immer aggressiver. Verkommen die Umgangsformen in unserer Gesellschaft?

Auch nach 40 Jahren im Schuldienst hat die Lehrerin so etwas noch nicht erlebt. Als sie morgens zur Arbeit in einem kleinen Ort irgendwo in Bayern kommt, liest sie am Eingang zur Dorfschule eine Schmiererei: „Drecksschule! Fickt euch, ihr Lehrergesindel, ihr Untermenschen.“ Ein Einzelfall sei das nicht, sagt die Präsidentin des Bayerischen Lehrerverbandes, Simone Fleischmann, die aus einer E-Mail der Lehrerin zitiert. Auf den Schulhöfen verbreite sich zunehmend eine aggressive, hasserfüllte Sprache.

Lehrer schlagen Alarm

Die Lehrer haben darum ein Manifest geschrieben, das der Verband in München präsentierte. „Wir beobachten mit größter Sorge, wie sich die Stimmung, die Kommunikation in den sozialen Netzwerken und die alltäglichen Umgangsformen in unserer Gesellschaft verändern“, heißt es in dem Manifest mit dem Titel „Haltung zählt“.

„Diese Verrohung des Umgangs wirkt sich auch auf unsere Kinder und Jugendlichen aus.“ Und: „Extreme Gruppierungen und Personen, insbesondere Repräsentanten der Rechtspopulisten und Rechtsextremen, tragen zu dieser Verrohung des Umgangs maßgeblich bei.“

Entwicklung ist bundesweit erkennbar

Lehrer beobachteten bei ihren Schülern inzwischen eine „zunehmende Aggressivität gegenüber Andersdenkenden, Ausländern und Flüchtlingen“, sagt Fleischmann – das gelte nicht nur in Bayern, sondern bundesweit. Nach Einschätzung des Deutschen Lehrerverbandes hat nicht nur die verbale Gewaltbereitschaft auf dem Schulhof zugenommen.

„Wenn Gewalt ausgeübt wird, ist sie auch roher geworden“, sagt Verbandspräsident Josef Kraus. Sprachliche Verrohung beginne schon ganz früh. „Sie hören heute schon von Acht- oder Neunjährigen Begriffe wie ‚Hure‘, ‚Spasti‘, ‚Asylant‘.“

Der Ton politischer Debatten ist schuld

Der Neurologe und Psychotherapeut Joachim Bauer von der Uniklinik Freiburg macht für diese Entwicklungebenfalls den Ton aktueller politischer Debatten verantwortlich. Wenn Politiker offen darüber reden, als Ultima Ratio auf Flüchtlinge zu schießen, sei das gefährlich. Auch Begriffe wie „Flüchtlingsflut“ seien sehr problematisch. „Eine Flut bedeutet für Kinder Gefahr“, sagt Fleischmann. „Die verbinden damit, dass Menschen sterben.“

Auch Facebook und Twitter haben Einfluss

Durch Twitter und Facebook beeinflusse inzwischen eine informelle Diskurskultur die öffentliche Debatte, meint der Leiter des Institutes für Deutsche Sprache in Mannheim, Ludwig Eichinger: „Es ist nicht die Sprache, die verroht. Es ist der Sprachgebrauch.“ Aufgabe der Schule sei es, Alternativen zu dieser Art der Kommunikation aufzuzeigen.

Neurologe Bauer sieht zwischen aggressiver Sprache und aggressivem Verhalten einen engen Zusammenhang. Es sei beunruhigend, „wie in den sozialen Netzwerken Hass kultiviert wird“. Denn: „Ich kann mit Sprache auf das Gehirn anderer Menschen einwirken.“ Beschimpfungen und Demütigungen lösten im Gehirn erst einen Schmerz und dann Aggression aus, sagt Bauer. „Hasssprache erhöht die Bereitschaft, selbst gewaltbereit zu handeln.“

Hasssprache fördert Gewaltbereitschaft

Dass Schüler in ihren Äußerungen ab und an über das Ziel hinausschießen, sei nicht das Problem, sagt Bauer. Problematisch werde es, wenn Eltern es tolerierten, wenn ihr Kind verbal um sich schlage oder wenn sie selbst am Frühstückstisch rassistische Hassparolen von sich gäben. „Wir brauchen einen Konsens, dass bestimmte Dinge einfach nicht gehen.“ Lehrerverbands-Chefin Fleischmann betont: „In der Schule von heute sitzt die Gesellschaft von morgen.“

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Schlägerduo verbreitet Schrecken

FellbachSchlägerduo verbreitet Schrecken

Der Angeklagte Tarek B. schlägt gerne mit der Faust zu. Foto: dpa

Fellbach/Waiblingen – Um an Geld und Drogen zu kommen, schreckte Tarek B. (alle Namen geändert) vor nichts zurück. Selbst frühere Kumpels bedrohte, schlug und erpresste er. Als Verstärkung hatte er Demir K. an seiner Seite. Dieser posierte bis vor kurzem noch mit einem Schlagring auf seinem Facebook-Profilbild.

Das Opfer erleidet einen Schädelbasisbruch

Der Fall, der kürzlich vor dem Jugendschöffengericht in Waiblingen verhandelt wurde, nahm am späten Abend des 30. Oktober vergangenen Jahres seinen Anfang. Tarek B. traf in Fellbach-Schmiden auf drei ehemalige Kumpels. Zur Begrüßung gab es für Rudi S. und Paul T. eine saftige Ohrfeige. Für Tom P. endete das Wiedersehen weitaus schlimmer. Tarek B. versetzte ihm einen so harten Faustschlag ins Gesicht, dass das 19-jährige Opfer einen Bruch des Jochbeins und einen Schädelbasisbruch erlitt.

„Die ganze Geschichte geht um Gras“, sagte Tom P. vor Gericht. Der Zeuge wirkte sichtlich eingeschüchtert, weil Tarek B. und Demir K. nur wenige Meter von ihm entfernt auf der Anklagebank saßen. Und die beiden hatten ihm in der Vergangenheit wiederholt gedroht, er solle seine Aussage zurücknehmen. „Einmal sagten sie zu mir, dass sie mich sonst zerstückelt in den Neckar werfen“, sagte Tom P.

Die beiden Angeklagten mussten sich vor Gericht wegen gefährlicher Körperverletzung, versuchter Nötigung, gemeinschaftlichen Raubes sowie gemeinschaftlich versuchter räuberischer Erpressung verantworten. Dass sie gleich zu Beginn des Prozesses ein uneingeschränktes Geständnis abgelegt hatten, honorierte der Richter Luippold. Er folgte dem Plädoyer des Staatsanwaltes und verurteilte den zur Tatzeit 17-jährigen Tarek B. zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und sechs Monaten, die auf zwei Jahre zur Bewährung ausgesetzt wurde.

Das milde Urteil verdankte Tarek B. vor allem seinem sozialpädagogischem Betreuer, der ihm eine positive Prognose attestierte. Weil Demir K. gegen seine Bewährung verstoßen hatte, wurde der 23-Jährige nach Erwachsenenstrafrecht zu einer Gesamtfreiheitsstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt. Im Gefängnis soll er sich um eine Drogentherapie bemühen.

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Gymnasium probt Geschlechtertrennung in Physik

Hat es Vorteile, wenn Jungen und Mädchen in bestimmten Fächern getrennt unterrichtet werden? Ein Gymnasium in der Pfalz hat es ausprobiert.

Am Anfang stand für Michael Scheffe eine simple Beobachtung. „In unserem Physik-Leistungskurs in der Oberstufe sitzen 17 Jungs und gerade mal ein Mädchen. Das Mädchengymnasium nebenan bekommt jedes Jahr einen Kurs mit mindestens zehn Schülerinnen zusammen“, erzählt der Physiklehrer am Hofenfels-Gymnasium in Zweibrücken. Dabei seien die Physiknoten der Mädchen in der Mittelstufe nicht schlechter als die der Jungen. Trotzdem wählte kaum eines den Leistungskurs. „Das hat uns gewundert.“

In Physik gibt es getrennten Unterricht

Scheffe hat deshalb ein Projekt initiiert, bei dem Jungen und Mädchen in getrennten Klassen in Physik unterrichtet werden. Zwei siebte Klassen wurden zu Beginn des vergangenen Schuljahrs erst zusammengelegt und für den Physikunterricht in eine je 25 Jugendliche umfassende Mädchen- und eine Jungengruppe geteilt.

Zwei weitere Klassen sollen die Kontrollgruppe des Versuchs bilden. „Es geht nicht darum, dass die Mädchen besser werden – die sind schon gut“, erklärt Scheffe. Sie sollten Spaß an dem Fach gewinnen, wenn sie nicht mehr das Gefühl hätten, hinter den Jungs zurückstecken zu müssen.

Begeisterung der Mädchen hält sich in Grenzen

Und funktioniert es? Nach dem ersten Jahr ist Scheffe skeptisch. „Mein erster Eindruck ist, dass kaum ein Unterschied zu spüren ist.“ Darauf deuteten auch erste Befragungen der Hochschule Kaiserslautern hin, die das Projekt wissenschaftlich begleitet. Zu Beginn und zum Ende des Schuljahrs wurden beide Gruppen – die getrennte und die gemischte – zu ihrer Motivation für Physik befragt. Ergebnis laut Scheffe: Die Mädchen sind deutlich weniger interessiert als die Jungs, egal in welcher Gruppe sie unterrichtet werden.

Versuch läuft noch drei Jahre

Katharina Weisel von der Hochschule Kaiserslautern betont, dass es für wissenschaftlich belegbare Ergebnisse noch zu früh sei. „Wir müssen die weiteren Erhebungen abwarten.“ Das Projekt ist noch auf drei weitere Jahre angesetzt. Generell biete getrennter Unterricht Mädchen die Möglichkeit, sich unabhängig von Geschlechterstereotypen mit dem Fach anzufreunden.

„Hier werden sie stärker gefordert, selbst aktiv zu werden. Jungen den Vortritt zu lassen, beispielsweise bei Versuchsdurchführungen, ist in diesem Kontext gar nicht erst möglich“, sagt Weisel.

Kritik vom Bildungsforscher

Getrennter Unterricht ist kein neues Thema. Der Flensburger Bildungsforscher Jürgen Budde hat mehrere Untersuchungen durchgeführt. Er sieht die Trennung von Jungen und Mädchen eher kritisch: „Mit der Geschlechtertrennung schraubt man an einem sehr unterrichtsfernen Kriterium.“

Entscheidender sei die Veränderung des Unterrichts selbst. „Wichtig ist ein differenzierter Unterricht der auf unterschiedliche Schüler unterschiedlich eingeht“, meint Budde. Für die begrenzten Effekte der Geschlechtertrennung lohne sich der Organisationsaufwand nicht.

Stereotype werden sogar noch gefestigt

Eine Gefahr sieht Budde darin, dass die Trennung von Mädchen und Jungen bestimmte Rollenbilder und Stereotype sogar festigen könne. Der Forscher nennt ein Beispiel: Teilt man eine Deutschklasse und liest mit den Jungen ein Buch über Fußball, trifft man zwar das Interesse vieler Jungen. „Aber denen, die es nicht interessiert, wird damit suggeriert, du musst dich aber für Fußball interessieren, weil du ein Junge bist“, sagt Budde. Im Fall des getrennten Physikunterrichts könne bei den Mädchen das Signal ankommen: Ihr seid einfach nicht gut genug und braucht eine Extraklasse.

„Wir machen kein Physik light“

Physiklehrer Scheffe legt deshalb Wert darauf, dass es beim Niveau des Unterrichts keinen Unterschied zwischen den Gruppen gibt. „Wir machen kein Physik light für Mädchen.“ Zu Beginn des Projekts hätten sich Schülerinnen über den getrennten Unterricht beschwert. Da habe noch die Meinung vorgeherrscht: Physik macht ohnehin keinen Spaß, ob mit oder ohne Jungen. Inzwischen hätten alle die Intention verstanden. Scheffe sagt: „Ich bin der Meinung, es läuft gut.“

„Rollentypisches Verhalten wird verstärkt“

Die Landesschülervertretung lehnt das Projekt dagegen ab. „Gerade in der Schule und besonders zur Zeit der Pubertät in der Mittelstufe entwickeln Jungen und Mädchen rollentypisches Verhalten, was durch geschlechtergetrennten Unterricht nur verstärkt wird“, sagte Vorstandsmitglied Mona Kaczun.

„Wir sind einfach nur neugierig“

Scheffe hält die Gefahr sich verfestigender Rollenbilder aber für beherrschbar. „Wenn einem bewusst ist, dass es Gefahren gibt, kann man sich davor hüten.“ Er halte die Geschlechtertrennung auch nicht für ein Allheilmittel. „Wir verfolgen keine Ideologie, wir sind einfach nur neugierig.“

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Kinderschutz nach Kassenlage: Jugendämter sind häufig überfordert


Jugendämter sollen Eltern unterstützen und vor allem Schaden von Kindern abwenden. Das ist jedoch leichter gesagt als getan. Eine Studie zeigt, die Arbeitsbedingungen in Jugendämtern sind so schlecht, dass der Kinderschutz leidet.

Ein Kind stirbt nach Misshandlungen durch die Eltern, ein anderes wird monatelang missbraucht, obwohl das Jugendamt bereits mit dem Fall betraut ist. Bei einem Polizeieinsatz werden Kinder in einer völlig verwahrlosten Wohnung angetroffen. Das alles sind Fälle, die jeden Tag mitten in Deutschland passieren.

Meist wird dann nach der Verantwortlichkeit des zuständigen Jugendamts gefragt. Der Vorwurf lautet, die Fachleute hätten die Notlage der Kinder erkennen und einschreiten müssen. Doch viele Jugendämter in Deutschland können ihren Aufgaben beim Kinderschutz nur unzureichend nachkommen. Das weist die Sozial- und Politikwissenschaftlerin Kathinka Beckmann von der Hochschule Koblenz in einer repräsentativen Studie nach.

Demnach bearbeiten die rund 13.300 Mitarbeiter im Allgemeinen Sozialen Dienst (ASD) mehr als eine Million Fälle. Das ergaben Befragungen von rund 650 Fachkräften aus 175 Jugendämtern via Fragebogen. Bundesweit gibt es rund 560 Jugendämter. Die meisten Sozialarbeiter betreuen laut der Studie zwischen 50 und 100 laufende Fälle. Die Bundesarbeitsgemeinschaft Allgemeiner Sozialer Dienst fordert seit Jahren, dass sich eine Vollzeitkraft zeitgleich um maximal 35 Fälle kümmern soll. Aber nur 68 Prozent der Jugendämter erreichen diesen Schlüssel.

Tausende Fälle

2016 wurden dem Statistischen Bundesamt zufolge rund 22.000 Fälle erfasst, in denen Kinder und Jugendliche von Familienmitgliedern misshandelt wurden. Das können psychische Misshandlungen sein, aber auch körperliche oder sexuelle Übergriffe. Die Art der Verletzungen erschüttert Experten immer wieder. Die Rede ist von Fesselungen, Knochenbrüchen, Verätzungen, Verbrühungen oder Verbrennungen. 143 Kinder starben 2017 nach solchen Vorfällen. Auch wenn die gewaltfreie Erziehung von Kindern seit 18 Jahren im Gesetz steht, ist sie längst noch nicht in allen Familien angekommen.

Allein das wäre ein großes Aufgabenfeld für Jugendämter: überforderte Eltern zu unterstützen. Das Fallaufkommen und die Personalsituation hätten in den vergangenen Jahren aber oftmals nur das Einschreiten im Akutfall erlaubt, sagt die Leiterin des Jugendamts Berlin-Mitte, Monika Goral, bei der Vorstellung der Studie. Nötig sei aber proaktives Handeln, etwa wenn eine Kindes-Gefährdung zunächst unklar ist.

Für die wirkliche Arbeit mit den Familien bleibt auch deshalb so wenig Zeit, weil 63 Prozent der Arbeitszeit in die Dokumentation fließt. Dabei geht es vor allem um die rechtliche Absicherung der ASD-Mitarbeiter. Aber selbst das schaffen viele Sozialarbeiter kaum. 58 Prozent der Befragten brauchen mindestens eine Woche, um die für Fallübergaben und Verfahren wichtigen Gesprächsprotokolle auszufüllen. Nur jeder fünfte kann das noch am gleichen Tag erledigen.

Betriebswirtschaftliche Entscheidungen?

Angesichts dieser Umstände wird schnell der Ruf nach mehr und möglichst gut ausgebildeten Mitarbeitern in den Jugendämtern laut. Aber auch das ist leichter gesagt als getan. Wegen der schon vorhandenen hohen Belastung bleibt kaum Zeit für die Einarbeitung neuer Sozialarbeiter. Beckmann nennt die Einarbeitungssituation „desolat“. Vor allem für Berufsanfänger sei dies jedoch unabdingbar, denn häufig müssten sie innerhalb kurzer Zeit bereits entscheiden, ob ein Kind aus einer Familie genommen werden muss oder sie einen Verbleib verantworten können.

Viele Jugendamtsmitarbeiter können sich ihre Arbeit aus all diesen Gründen dauerhaft nicht vorstellen. Die Fluktuation ist groß, mit jedem Wechsel gehen Erfahrungen verloren, aber auch Wissen über die bearbeiteten Fälle. In nur 20 Prozent der Fälle wechselt die Zuständigkeit für eine Familie nicht. Bei den meisten ist der Wechsel die Regel, mehr als 50 Prozent der Familien werden sogar mehr als einmal „weitergereicht“.

„Die Sozialarbeiter im ASD werden durch die Strukturen behindert, wirklich professionelle pädagogische Arbeit so zu leisten, wie das Kinder- und Jugendhilfegesetz es sich 1991 auf die Fahnen geschrieben hat“, sagt Kathinka Beckmann. Der Vorsitzende des Deutschen Kinderhilfsbundes, Rainer Becker, warnt davor, „sozialpädagogisch gebotene Entscheidungen allein oder vorrangig unter Berücksichtigung betriebswirtschaftlicher Aspekte“ zu treffen.



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