Kategorie -Jugendliche

Komasaufen: Keine Trendwende beim „Rauschtrinken“

Beim sogenannten Rauschtrinken von Jugendlichen gibt es einer neuen Studie zufolge „keine Trendwende“. Etwa 17 Prozent der Zwölf- bis 17-Jährigen in Deutschland trinken sich mindestens einmal im Monat in einen Rausch, wie aus einer Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hervorgeht. Das sind in etwa genau so viele wie im Jahr 2010 (18 Prozent).

Überproportional häufig greifen junge Männer regelmäßig zu Bier, Schnaps und Wein. Mehr als 26.000 Mal wurden im vergangenen Jahr Jugendliche wegen einer Alkoholvergiftung ins Krankenhaus gebracht – zugleich steigt die Zahl derjenigen, die keinen Tropfen anrühren.

„Prävention und Aufklärung von Anfang an“

Die Bundesdrogenbeauftragte Marlene Mortler (CSU) zeigte sich dennoch zurückhaltend, Jugendliche etwa über eine Verteuerung von Alkohol vom Trinken abzuhalten. Ihr Ziel sei „Prävention und Aufklärung von Anfang an“.

Jungs trinken öfter als Mädchen

Der Anteil der 12- bis 17-jährigen regelmäßigen Rauschtrinker sank binnen zwei Jahren nur leicht von 18,2 auf 17,4 Prozent im Jahr 2012. Besonders viele Betroffene gab es 2007, als sich fast jeder dritte Junge in dem Alter mindestens einmal im Monat betrank. Ungebrochen greifen die Jungen öfter zum Glas als die Mädchen. So betranken sich etwa 43,9 Prozent der 16- und 17-jährigen Jungen 2012 mindestens einmal pro Monat.

Gesundheitsrisiko bis hin zur Lebensgefahr

Mortler sprach von einem erheblichen Gesundheitsrisiko bis hin zu zur Lebensgefahr – auch mit Blick auf die vielen Fälle von Klinikeinweisungen wegen Alkohols. Nach offizieller Definition tranken 5,1 Prozent der Jugendlichen öfter riskant viel. Im Alter ab 16 gehen die Zahlen deutlich nach oben. Fast jeder dritte trinkt hier mindestens einmal pro Woche. Vier Prozent der 12- bis 17-Jährigen betrinken sich sogar viermal oder öfter im Monat.

30 Prozent der Jugendlichen trinken gar nicht

Immer mehr Jugendliche verzichten aber auch komplett: Mehr als 30 Prozent gaben an, noch nie Alkohol zu sich genommen zu haben. Vor zehn Jahren waren es nur 13 Prozent.

Die jungen Erwachsenen von 18 bis 25 Jahren trinken noch einmal mehr als die Jugendlichen: 44,1 Prozent von ihnen hatten zuletzt mindestens einmal im Monat in einen Rausch, 38,4 Prozent sogar noch häufiger.

Alle gesellschaftlichen Schichten sind betroffen

Die Direktorin der Bundeszentrale BZgA, Elisabeth Pott, wies darauf hin, dass alle gesellschaftlichen Schichten gleichermaßen betroffen seien. Der Direktor des Verbands der privaten Krankenversicherung (PKV), Volker Leienbach, erläuterte: „An Hauptschule und Gymnasium wird annähernd gleich viel getrunken.“ Die PKV finanziert eine Kampagne gegen Alkoholmissbrauch bei Jugendlichen mit.

Diskussion über strengere Gesetze

Zögerlich zeigte sich die Drogenbeauftragte Mortler auch hinsichtlich strengerer Gesetze mit dem Ziel, die Verfügbarkeit von Alkohol bei Jugendlichen einzudämmen. Zu möglichen Alkohol-Werbeverboten sagte sie: „Ich bin hier offen für Diskussionen.“ Allerdings sei dies nur möglich, wenn ein Abstimmungsprozess der Bundesregierung in diese Richtung weise. Sie wies darauf hin, dass der Verkauf etwa von Bier und Wein an Jugendliche unter 16 bereits sanktioniert werden könne.

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Führerschein mit 17 ist ein Erfolgsmodell

17-Jährige ans Steuer eines Autos lassen, kann das gut gehen? Der Widerstand war groß. Aber heute sind auch die Kritiker froh, dass es ihn gibt: „Der Führerschein mit 17 ist sehr erfolgreich“, sagt Hannelore Herlan von der Deutschen Verkehrswacht.

Vor zehn Jahren führte Niedersachsen als erstes Bundesland den Führerschein mit 17 in einem Modellversuch ein, und seit 2011 ist er im Bundesrecht verankert. Jugendliche können eine Führerscheinausbildung inklusive Prüfung machen, bevor sie 18 Jahre alt sind. Ab 17 dürfen sie in Begleitung eines Erwachsenen Autofahren. Nach der Fahrprüfung bekommen sie noch keinen Führerschein, sondern eine Prüfungsbescheinigung, auf der die Begleitpersonen vermerkt sind.

Unfallrisiko bei Fahranafängern sinkt

Studien belegen den positiven Effekt des Führerscheins mit 17: Das Unfallrisiko in den ersten beiden Jahren des selbstständigen Fahrens verringert sich um 20 Prozent, wenn junge Autofahrer nach ihrer Fahrprüfung nicht sofort alleine im Auto sitzen, sondern noch viele Monate von einem erfahrenen Erwachsenen begleitet werden, der Tipps und Hinweise geben kann. „Das ist also eine Art Coaching durch die Eltern,“ erklärt Herlan. Damit sei das begleitete Fahren die wirksamste aller Sicherheitsmaßnahme für Fahranfänger, heißt es aus der Bundesanstalt für Straßenwesen.

Verkehrsclubs halten des Modell für ungerecht

Zum Start des niedersächsischen Modellversuchs gab es durchaus heftige Kritik. Der ADAC befürchtete zum Beispiel einen rasanten Anstieg der Unfälle unter Fahranfängern. Inzwischen – nach den positiven Ergebnissen – ist auch der Münchner Autoclub auf die Seite der Befürworter gewechselt. „Wir haben dazugelernt“, sagt ADAC-Sprecher Andreas Hölzel. Aber dennoch sehen der ADAC und auch andere noch Potenzial für Verbesserungen. „Es kann nicht jeder mitmachen, das ist das Ungerechte daran“, sagt Hölzel.

Denn nicht in jeder Familie gibt es ein Auto für die Jugendlichen, geschweige denn Zeit der Erwachsenen, immer als Begleiter zur Verfügung zu stehen. Es sei daher wichtig, das begleitete Fahren auch für Leute zugänglich zu machen, deren Familien die Voraussetzungen nicht mitbringen, sagt Rainer Hillgärtner, Sprecher beim Auto Club Europa (ACE).

ADAC fordert verkehrspsychologische Seminare für junge Autofahrer

Der ADAC setzt sich sogar für eine Reform der Führerscheinausbildung mit zwei Stufen ein. „Wir sind der Ansicht, dass es eine zweite Phase braucht, die weiter geht, etwa mit verkehrspsychologischen Seminaren oder speziellen Trainingsangeboten“, sagt Hölzel. Denn auch trotz solcher Angebote wie dem begleiteten Fahren baut die Altersgruppe von 18 bis 25 Jahren immer noch die meisten Unfälle.

Der Konkurrenzclub ACE widerspricht. Seminare oder Schulungen auf Trainingsplätzen machten keinen Sinn. „Das muss im öffentlichen Verkehrsraum geübt werden“, fordert Hillgärtner. Ein Fahrlehrer könne beispielsweise Tipps geben, wenn es mit dem Schulterblick noch nicht so richtig klappt. Vor allem müsse der Führerschein bezahlbar bleiben. Mindestens 1500 Euro koste heute schon die Fahrausbildung.

Führerschein mit 17 wird rege genutzt

Bundesweit nutzen rund 40 Prozent der Fahranfänger die Möglichkeit, schon mit 17 den Führerschein zu machen und begleitet zu fahren. Die Begleitpersonen müssen mindestens 30 Jahre alt sein, seit mindestens fünf Jahren einen Pkw-Führerschein besitzen und dürfen höchstens drei Punkte in der Flensburger Verkehrssünderkartei haben. Mit dem 18. Geburtstag kann der Fahranfänger auf der Führerscheinstelle seine Prüfungsbescheinigung gegen einen richtigen Führerschein eintauschen.

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Bewerbung Ferienjob: Was ist zu beachten?

Die meisten Schüler und Studenten müssen oder wollen ihre Finanzen aufbessern. Was liegt da näher, als eine Bewerbung für einen Ferienjob zu schreiben. Auch wenn es nur um eine kurze Arbeitsdauer handelt, sollten Sie eine ordentliche Bewerbung schreiben, um Ihre Chancen zu wahren. Hier finden Sie wertvolle Tipps!

Bewerbung Ferienjob: Welche gesetzlichen Bestimmungen gibt es?

Im Jugendarbeitsschutzgesetz sind die Grenzen für Ferienjobs festgelegt. Diese Vorschriften sollen verhindern, dass Jugendliche durch zu frühe und zu schwere Arbeit geschädigt werden. Schüler müssen 15 Jahre alt sein, die maximale Jahresarbeitszeit beträgt 20 Arbeitstage, die Arbeitszeit pro Tag darf 8 Stunden nicht überschreiten und zwischen 20 Uhr und 6 Uhr darf nicht gearbeitet werden.

Bewerbung Ferienjob: Wo finden Sie Jobs?

Durchsuchen Sie die Kleinanzeigen der Zeitungen und Anzeigenblätter nach Ferienjobs. Viele Stellen werden im Internet über Jobbörsen und auf den Homepages der Unternehmen veröffentlicht.

Bewerben Sie sich nur bei Unternehmen, die auch Ferienjobs zu vergeben haben. Zu einer ordentlichen Bewerbung für einen Ferienjob gehören ein Anschreiben, ein tabellarischer Lebenslauf und eventuell Anlagen.

Bewerbung Ferienjob: Welche Punkte sind zu beachten?

Name, Anschrift, ein Bewerbungsfoto und ein tabellarischer Lebenslauf gehören zu der Bewerbung. Wenn vorhanden, erwähnen Sie absolvierte Praktika. Die letzten Schulzeugnisse und eventuelle Praktikumszeugnisse sollten Sie der Bewerbung für den Ferienjob beifügen.

Zwar werden zahlreiche Ferienjobs in vielen Branchen angeboten, doch ist die Konkurrenz entsprechend groß. Auch greifen Unternehmen gerne auf bekannte und bewährte Bewerber für den Ferienjob zurück. Das macht die Bewerbung für Anfänger schwieriger.

Bewerbung Ferienjob – Achtung vor schwarzen Schafen

Vorsicht ist geboten, wenn Jobangebote zu viel Geld für wenig Arbeit versprechen. Seien Sie vorsichtig, wenn die Firma nicht klar benannt oder die Tätigkeit nur vage erklärt wird. Auf jeden Fall sollte Sie ablehnen, wenn vorher Geld oder Leistungen verlangt werden.

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Jugendarbeitsschutzgesetz im Überblick

Zum Schutze der Jugend hat der deutsche Gesetzgeber das Jugendarbeitsschutzgesetz, kurz JArbSchG, verfasst. Es regelt die Arbeitsbedingungen für Personen, die noch keine 18 Jahre alt sind. Hierbei differenziert das Gesetz maßgeblich zwischen Kindern und Jugendlichen. Die Kindheitsphase geht bis zum vollendeten 14. Lebensjahr, die Jugendphase bis zur Vollendung des 18. Lebensjahres. Informieren Sie sich hier über weitere Unterscheidungen und Regelungen zum Thema!

Grundsatz: keine Arbeit unter 15 Jahren

Unter dem Alter von 15 Jahren darf ein Kind nicht beschäftigt werden; dies normiert § 2 Abs. 1 im Jugendarbeitsschutzgesetz. Dieser Grundsatz erfährt jedoch eine bedeutsame Ausnahme: Wer zwischen 13 und 15 Jahren alt ist, darf mit der Zustimmung seiner Eltern arbeiten, sofern die Beschäftigung eine leichte ist.

Eine leichte Beschäftigung ist gemäß dem Jugendarbeitsschutzgesetz anzunehmen, wenn die Sicherheit, Gesundheit und Entwicklung des Kindes, der Schulbesuch und die Fähigkeit, dem Unterricht mit Nutzen zu folgen nicht durch die Arbeit nachteilig beeinflusst werden. Die Arbeit darf zudem zwei Stunden (bei landwirtschaftlichen Betrieben gilt eine zeitliche Grenze von drei Stunden) nicht überschreiten. Des Weiteren darf laut dem Jugendarbeitsschutzgesetz nicht nach 18 Uhr und in den Schulferien gearbeitet werden.

Großzügigere Regelungen für Jugendliche

Wer Jugendlicher ist, darf grundsätzlich bis zu acht Stunden pro Tag beziehungsweise 40 Stunden pro Woche tätig sein. Dies klingt viel, wird aber durch eine Bestimmung im Jugendarbeitsschutzgesetz eingeschränkt: Als Schulpflichtiger findet der Abschnitt für Kinder entsprechende Anwendung, sodass die maximale Arbeitszeit für Schulpflichtige auf die für Kinder reduziert wird.

Eine Ausnahme gilt nach dem Jugendarbeitsschutzgesetz in den Schulferien: Hier kann die Erwerbstätigkeit erhöht werden. Zudem dürfen Jugendliche grundsätzlich nicht freitags und samstags arbeiten, es sei denn, es handelt sich um offene Verkaufsstellen wie Bäckereien, um Gaststätten, Sportveranstaltungen oder Reparaturwerkstätten.

Wer unter 16 Jahren alt ist, dem ist erlaubt, zwischen sechs und 20 Uhr arbeiten. Wer über 16 Jahre alt ist, darf im Gaststättengewerbe bis 22 Uhr und in mehrschichtigen Betrieben bis 23 Uhr arbeiten.

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Vater im Gefängnis – die Familie wird unschuldig mitbestraft

Allein in Deutschland gibt es rund 100.000 Kinder, die damit leben müssen, dass ein Elternteil im Gefängnis sitzt. Bei über 80 Prozent ist es der Vater. Welche Auswirkungen eine solche Situation auf die betroffenen Kinder hat, wurde lange Zeit außer Acht gelassen. Dabei hat eine erstmals kindzentrierte europaweite Studie jetzt gezeigt, dass es notwendig ist, genauer hinzusehen. Denn rund 75 Prozent dieser Kinder zeigen seelische und körperliche Auffälligkeiten. Sie leiden unter dem Gefängnisaufenthalt, so wie Julia und Celine. Die beiden waren drei und fünf Jahre alt, als ihr Vater verhaftet wurde.

„Das Erste, was ich gesagt habe, war: Stecken Sie doch bitte die Waffen weg, die Kinder sind doch noch so klein!“ Die Erinnerung an den Tag, an dem plötzlich mehrere Polizeibeamte in der Tür standen, nimmt Cornelia M. heute noch mit. Dass ihr Mann, wie sie sagt, „Dreck am Stecken“ hatte, hat sie geahnt. Aber nicht in welchem Umfang. Cornelia hat sich auf ihren Sascha verlassen, ihm geglaubt, dass keine Gefahr besteht. Plötzlich saß er in U-Haft, die Wohnung der Familie wurde durchsucht. Der Vorwurf: Schmuggel im großen Stil, Bandenkriminalität, Steuerhinterziehung. „Das war der totale Schock. Da steht man plötzlich mit zwei kleinen Kindern da und der Mann ist weg. Sitzt im Knast.“ Nach dem Schock kam die Wut. Und mit ihr die Frage, warum er ihnen das angetan hat.

Unterstützung für Angehörige deutschlandweit noch selten

„Hier ist es wichtig zu wissen, dass man nicht alleine ist“, erklärt Christel Brendle, Bereichsleiterin der Beratungsstelle für Angehörige von Inhaftierten beim Verein Treffpunkt in Nürnberg. Seit über 20 Jahren kümmert sie sich gemeinsam mit ihren Kolleginnen um Menschen, die ein Familienmitglied im Gefängnis haben. „Die Frauen, die den Weg zu uns und zu unseren Gesprächsgruppen finden, leiden sehr unter der Inhaftierung ihres Mannes, haben viele Fragen und brauchen Unterstützung.“ Sie haben das Gefühl, das System bestraft sie und ihre Kinder unschuldig mit. Angst und Unsicherheit sind groß. Wovon werden wir in Zukunft leben? Wann darf ich meinen Mann sehen? Wie viel darf nach außen dringen? Wie schütze ich meine Kinder vor sozialer Ablehnung? Und wie sage ich ihnen überhaupt, dass der Papa im Gefängnis ist?

Papa hat einen Fehler gemacht, dafür muss er grade stehen

„Kinder bekommen viel mehr mit, als man manchmal denkt“, erklärt die Familientherapeutin.  „Es ist daher wichtig, dass man kindgerecht mit dem Thema umgeht. Kein Familiengeheimnis daraus macht und Fragen beantwortet. Jede Frau hat da ihren eigenen Weg.“ „Ich habe sofort Kindergarten und Schule informiert, damit sie die Kinder auffangen können, wenn etwas sein sollte“, erinnert sich Cornelia. „Und ich habe es meinen Mädchen schon in der ersten Woche gesagt.“

Dabei war ihr wichtig, den Kindern zu vermitteln, dass der Papa zwar etwas falsch gemacht hat und dafür bestraft wird. Dass er aber niemandem wehgetan hat. „Ich habe sie mitgenommen ins Gefängnis, damit sie sich kein falsches, möglicherweise noch bedrückenderes Bild machen. Ich finde das besser, als den Kindern zu erzählen, der Papa sei auf Montage oder müsse so viel arbeiten, dass er keine Zeit habe, sie mal anzurufen, so wie andere das machen.“

So oft es ging, hat Cornelia ihren Mann gemeinsam mit den Kindern besucht. Und wenn es nur für eine halbe Stunde war. „Das mit den Mädchen hat ihm schon sehr wehgetan.“ Sascha hat die Einschulung seiner Großen verpasst, hat nicht miterlebt, wie die kleine Tochter das erste Mal allein Fahrrad fuhr. „Auch bei den Besuchen ist es grausam: Da sitzt man da in dieser Umgebung, die alles andere als kindgerecht ist, zwischen sich so eine Glasscheibe, und die Kinder dürfen nicht einmal auf den Schoß ihres Papas. Da gab es viele Tränen.“

Die Familie wird mitbestraft

Dass eine solche Situation für die Kinder seelisch sehr belastend ist, rückt langsam in den Fokus der Wissenschaft. Nicht zuletzt aufgrund der Coping-Studie, die sich mit den europaweit rund 800.000 Kindern von Inhaftierten beschäftigt hat: sie zeigt, welche Auswirkungen es haben kann, wenn man hier die Bedürfnisse der betroffenen Kinder außen vor lässt. „Manche Mütter glauben, ihr Kind bekäme nichts mit und dann malt es plötzlich Gitterstäbe“, so die Sozialwissenschaftlerin. „Andere Kinder reagieren mit extremen Verlustängsten. Wir haben Frauen hier, die dürfen nicht einmal ohne ihre Kinder auf die Toilette. Vor lauter Angst, die Mutter könne auch plötzlich aus ihrem Leben gerissen werden.“

Auch Julia und Celine leiden noch heute, sie können nicht mehr alleine ein- und durchschlafen. Ein eigenes Zimmer wollen sie gar nicht, die Angst sitzt tief. Emotionale Schwierigkeiten, Verhaltensstörungen, Einnässen, Albträume, Konzentrationsschwierigkeiten, Depressionssymptome – all das können Folgen der Situation sein. Und doch gibt es auch Kinder, die die Haft als Erleichterung empfinden. Dann allerdings sind häufig Suchtprobleme und vor allem körperliche beziehungsweise seelische Gewalt im Spiel.

Sozialpädagogisch betreute Vater-Kind-Gruppen stärken die Beziehung

Um es betroffenen Kindern etwas einfacher zu machen, engagieren sich manche Städte bereits dafür, zumindest das Treffen in der Haft zwischen Vater und Kind besser zu gestalten. Denn man hat inzwischen erkannt, dass es hier nicht um Hafterleichterung geht, sondern um das Recht unschuldiger Kinder auf ihren Vater. „Wir haben hier zum Beispiel gemeinsam mit der JVA Nürnberg eine Vater-Kind-Gruppe eingerichtet, in der Inhaftierte ihre Kinder in einer ungezwungeneren Umgebung sehen können. Hier kann man kuscheln, spielen und reden. Ohne Trennscheibe und ohne Beamte“, erklärt Brendle.

„Ich bin gewachsen und er ist kleiner geworden!“

Cornelia M. hat jedes Angebot dankbar angenommen, zunächst gegen den Willen ihres Mannes. „Er dachte, das würde alles noch mehr hochkochen.“ Allerdings ist die 35-Jährige der Meinung, es müsste noch viel mehr getan werden für Familien in einer solchen Situation – auch und gerade in der Zeit nach dem Gefängnisaufenthalt. Denn dann fangen die Probleme oft erst so richtig an. „Ich bin in der Zeit, in der er im Knast war, gewachsen, stärker geworden. Im Gegensatz zu ihm. Und dann kommt er heim und glaubt, alles ist wie früher. Irgendwie ist es, wie wenn man in einem ICE sitzt und der Mann versucht, einfach so aufzuspringen.“ Dass die Männer nach einem Gefängnisaufenthalt alle einen „Knacks weg“ haben, da ist sich Cornelia sicher. Und dass Eifersucht für viele Paare ein großes Problem ist. Sie ist überzeugt davon, dass die Familien dann noch einmal Hilfe von außen bräuchten, um wieder richtig zueinander zu finden.

Jugendliche tun sich mit der Situation besonders schwer

Für die kleineren Kinder ist es oft einfach schön, dass der Papa jetzt wieder da ist. „Wenn die Beziehung vorher gut war und die Kinder ihren Vater regelmäßig gesehen haben, dann wächst die Familie oft noch mehr zusammen“, bestätigt Brendle. Größere Kinder aber, vor allem Jugendliche, machen es dem Entlassenen nicht immer einfach. „Unsere Große ist jetzt 14 und kritisieren lässt sie sich von ihrem Vater schon mal gar nicht. Sie haut ihm dann um die Ohren, dass er ja wohl auch nicht fehlerlos sei, denn sonst hätte er ja nicht sitzen müssen. Das geht ihm dann schon sehr nah, damit hat er zu kämpfen.“

Brendle sieht hier eine weitere Gefahr: „Manche Kinder und vor allem Jugendliche entwickeln aufgrund der Inhaftierung ihres Vaters einen Hass auf die Polizei und die Justiz und das gibt eine falsche Richtung vor. Hier ist es wichtig, dass die Mütter den Kindern vermitteln, dass es Regeln gibt, die man einhalten muss. Und der Vater selbst für seine Taten verantwortlich ist. Nicht das System.“

Das Umfeld spielt eine große Rolle

Cornelia hatte Glück im Unglück. Ihre Familie und die ihres Mannes halfen, wo es ging. Und: Ihre Kinder gingen nicht am Wohnort in Kindergarten und Schule, sondern mehrere Kilometer entfernt. „Dadurch ist auch den anderen Eltern gar nicht aufgefallen, dass er nicht da war. Wir sind erst später in diese Gegend gezogen und konnten so einen unauffälligen Neuanfang starten.“

Dieser Neuanfang enthält auch ein weiteres Kind: Jonas. Der Kleine ist heute vier und noch weiß er nicht, dass sein Papa mal gesessen hat. Wenn er es erfahren soll, wird Cornelia sich Rat holen. Bei Christel Brendle und ihren Kolleginnen.

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Tochter ist lesbisch: der richtige Umgang

In Deutschland gibt es zwischen vier und acht Millionen Homosexuelle. Untersuchungen haben gezeigt, dass sich sogar 30 Prozent aller Jugendlichen teilweise und immerhin jeder Zehnte ausschließlich lesbisch oder schwul verhalten. Bis zum 25. Lebensjahr halbieren sich diese Zahlen in etwa. Outet sich die eigene Tochter also als lesbisch, könnte es eine Phase sein. Es als solche abzutun ist allerdings heikel, denn so kann schnell das Vertrauensverhältnis zwischen Eltern und Kind zerstört werden. Die Teenager fühlen sich nicht ernst genommen – zu Recht.

„Kampflesben“ sind die Ausnahme, nicht die Regel

Lesbische Mädchen fallen zunächst deutlich weniger auf als schwule Jungs. Was schon allein daran liegt, dass man es in unserer Gesellschaft gewöhnt ist, dass Mädels dauernd zusammenglucken, Händchen halten, Arm in Arm laufen oder sich zur Begrüßung küssen. Zudem ist es ein Vorurteil, dass lesbische Mädchen grundsätzlich so genannte „Mannsweiber“ sind. Also kommt es häufig vor, dass das Outing der Tochter extrem überraschend kommt und die Anzeichen für die Homosexualität des Mädchens vorher nicht erkannt oder falsch interpretiert wurden.

Vererbt oder durch die Umwelt beeinflusst?

Drei bis zehn Prozent der Bevölkerung machen im Laufe ihres Lebens homosexuelle Erfahrungen. Warum das so ist, darüber streiten sich die Geister. Es gibt keine wissenschaftlich fundierte Studie, die eindeutig beweist, wo die Neigung zur Homosexualität herkommt. Ist sie vererbbar? Welche Rolle spielt die Schwangerschaft und welche die Umwelt? Kommt jeder von uns bisexuell zur Welt und richtet sich je nach Erfahrung und persönlicher Situation in die eine oder andere Richtung aus? Oder liegt es doch, wie Freud vermutete, daran, dass es sich um eine normale Phase bei Jugendlichen handelt, in der man aufgrund psychischer Probleme stecken bleiben kann? Alles möglich. Manches davon allerdings nicht sehr wahrscheinlich. Was man aber inzwischen mit ziemlicher Sicherheit ausschließt, ist die immer wiederkehrende Vermutung, dass Homosexualität etwas mit Erziehung zu tun hätte. Dass die Eltern sozusagen etwas „falsch gemacht“ haben.

Die Frage nach der „Schuld“

Doch genau das befürchten viele. So wie Elvira: „Das Gefühl der Schuld bin ich lange nicht losgeworden. Ich war selbst sehr aktiv in der Frauenbewegung, ich war geschieden und manches Mal auch aggressiv, wenn es um das Thema Männer ging. Da hätte ja ein Zusammenhang sein können. Emanze und Lesbe, das wurde doch damals grundsätzlich über einen Kamm geschert.“ Dabei wollte die Tochter bereits als kleines Mädchen nie Vater-Mutter-Kind spielen und wenn, waren die Kinder adoptiert. Auch von der Hochzeit im weißen Kleid träumte Kati, die ihre Homosexualität selbst erst mit knapp 20 entdeckt hat, nicht. Ganz anders als die heute 42-jährige Tochter von Birgit Schenker-Rietmann, Vizepräsidentin von FELS – Freundinnen, Freunde, Eltern von Lesben und Schwulen in der Schweiz. Ihre Tochter Mirjam wollte unbedingt Kinder haben, schon immer. Letztendlich fiel es ihr sogar fast schwerer, sich mit der Homosexualität abzufinden als der Mutter.

Angst vor den Reaktionen der Umwelt

„Ich habe vier Kinder großgezogen und nur eines ist homosexuell. Ich bin also überzeugt davon, dass es nichts mit Erziehung zu tun haben kann. Aber klar, mein erster Gedanke waren schon die Enkelkinder“, so Schenker-Rietmann. Bereits nach kurzer Zeit begann die Schweizerin sich zu engagieren, sich für Schwule und Lesben einzusetzen. Damals vor zwanzig Jahren, als Homosexualität noch lange nicht selbstverständlich war. „Es muss auch heute noch viel getan werden in Sachen Diskriminierung.“

„Ich habe nichts gegen Homosexuelle“: Davon sind die meisten überzeugt. Bekennt sich allerdings das eigene Kind dazu, schwul oder lesbisch zu sein, wird es meist ein bisschen schwierig. Alte Vorurteile stoßen sauer auf, der Gedanke an Aids bekommt eine ganz neue Bedeutung und die Angst vor der Reaktion der Freunde und Bekannten ist groß. „Ich weiß noch genau, wie es mir im Büro ging, wenn man mich nach meinen Mädchen fragte“, erinnert sich die 64-Jährige Elvira, die zwei Töchter hat – eine homo-, die andere heterosexuell. „Ich wollte auf keinen Fall darüber reden, dass Kati lesbisch ist. Ich habe immer nur von der anderen Tochter erzählt. Ich hatte Angst, es könnte heißen: Elvira und ihre Frauenbewegung, das musste ja so kommen.“

Angst vor dummen Sprüchen

Zweifelsohne ist unsere Gesellschaft gegenüber Homosexualität offener geworden. Bürgermeister oder Außenminister, gestandene Journalistin oder Schauspielerin – die Beispiele für Menschen, die in der Öffentlichkeit stehen und sich wie selbstverständlich geoutet haben, sind inzwischen zahlreich. Die gesetzlichen Möglichkeiten zu heiraten oder ein Kind zu adoptieren zeigen zumindest in Deutschland, dass Homosexualität auch gesellschaftlich gesehen immer mehr zu dem wird, was es ist: nicht der Durchschnitt, aber trotzdem normal. Angekommen ist das aber noch nicht überall. Was nicht selten dazu führt, dass lesbische Mädchen ihre Neigung trotzdem verstecken, sich fürchten vor abfälligen Bemerkungen, schäbigen Phantasien und abschätzigen Blicken. Befinden sie sich doch gerade in einer Lebensphase, die sowieso schon stark von Unsicherheit und Identitätsfindung geprägt ist und in der man schnell aus der Bahn geworfen werden kann.

Um zu erkennen, dass man lesbisch ist, braucht es übrigens nicht immer einen sexuellen Kontakt zu einer anderen Frau. Vertraut die jungfräuliche Tochter ihren Eltern ihre Neigung an, sollte man das also unbedingt ernst nehmen. Sprüche wie „Warte mal, bis der Richtige kommt“ helfen garantiert nicht weiter. Die Jugendliche fühlt sich zu Frauen hingezogen und dabei ist der sexuelle Aspekt nur einer von vielen.

Tolerieren, akzeptieren und nicht verdrängen

Sich zu outen fällt niemandem leicht, vor allem den eigenen Eltern gegenüber nicht. Die Angst, sie zu enttäuschen, ist sehr groß. Man sollte daher erst einmal Ruhe bewahren und gut zuhören, was das eigene Kind zu sagen hat. Es ist eine schwierige Situation für alle Beteiligten und man muss aufpassen, dass man nicht durch unfaire oder abwertende Kommentare das Vertrauensverhältnis zerschlägt. Für Eltern, die eine solche Neuigkeit vermittelt bekommen, ist es ganz normal, dass sie überrascht und verwirrt sind. Erst einmal muss die Nachricht verdaut werden, muss man sich weitere Infos holen und sich immer wieder klarmachen, dass die Tochter immer noch die gleiche ist wie vorher. Tolerieren, akzeptieren und vor allem nicht verdrängen lautet der Ratschlag der Beratungsstellen. Es gibt zwar keinen Grund, von nun an jedem die sexuelle Orientierung der Tochter unter die Nase zu reiben, es gibt aber auch keinen, ein Geheimnis daraus zu machen! „Natürlich ist es einfacher, wenn man zum Beispiel in Zürich lebt“, bestätigt Birgit Schenker-Rietmann. „Wir machen am Beratungstelefon häufig die Erfahrung, dass gerade die Menschen, die in kleinen Dörfern in den Bergen wohnen Riesenprobleme haben. Homosexualität ist dort oft noch so gar nicht akzeptiert.“

Umfeld reagiert oft toleranter als man denkt

Viele Eltern macht es sehr traurig, zu wissen, dass der Weg, den die Tochter geht, nicht der Einfachste ist. Der Wunsch, sein Kind vor negativen Erfahrungen zu schützen, ist groß. Genau wie die Angst, dass die Tochter diskriminiert werden könnte. Hier hilft eine positive Betrachtungsweise: Es ist schön, wenn ein Mensch seinen eigenen Weg gefunden hat und dazu auch stehen kann und darf. Uneingeschränkte Unterstützung und Vertrauen sind jetzt wichtig. Schließlich will man doch, dass das eigene Kind glücklich wird und wenn die Tochter lesbisch ist, dann geht das eben nur mit einer anderen Frau. „Ich war schon überrascht darüber, wie tolerant meine Umgebung reagiert hat“, berichtet Schenker-Rietmann. „Klar, erstaunt waren alle. Aber wirklich negativ – das kann man nur von einem Einzigen sagen.“

„Sie lieben anders, wir lieben sie genauso!“

Elvira legt betroffenen Eltern ans Herz, sich an eine Elterngruppe zu wenden. Sie selbst ist seit Jahren bei BEFAH, dem Bundesverband der Eltern, Freunde und Angehörigen von Homosexuellen e.V.: „Natürlich kommen auch Eltern, die denken, man könne „das“ ärztlich irgendwie behandeln. In der Regel aber sind sie einfach verzweifelt, verwirrt und wollen endlich einmal mit jemandem reden, der selbst diese Situation bereits erlebt hat, dieselben Ängste durchgestanden hat.“ Oft sind es auch Probleme mit dem Partner oder den Großeltern des Kindes, die damit nicht umgehen können. „Man ist einfach unter seinesgleichen, jeder weiß Bescheid. Und was ganz wichtig für mich persönlich war: Jede Familie hat eine andere Grundsituation und trotzdem das gleiche Ergebnis.“ Diese Erfahrung hat ihr geholfen, sich von dem Gefühl der Schuld zu befreien.

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USA: Anklage auf vorsätzliche Tötung des Austauschschülers

Der Todesschütze des 17-jährigen Austauschschülers aus Hamburg ist wegen vorsätzlicher Tötung im US-Bundesstaat Montana angeklagt worden. Weil er in den vergangenen Wochen zweimal Opfer von Einbrüchen geworden war, soll der 29-Jährige laut Anklageschrift in seiner Garage ganz gezielt eine Falle aufgestellt haben, um den nächsten Einbrecher anzulocken. Dort erwischte er dann den Deutschen und tötete ihn durch mehrere Schüsse in den Kopf.

Das Tor zu seiner Garage stand rund anderthalb Meter weit geöffnet, als der deutsche Teenager sich in der Nacht zum Sonntag auf das Grundstück in einer ruhigen Wohngegend von Missoula begab.

Handtasche mit Wertgegenständen als Köder

Die Freundin des Mannes hatte eine Handtasche mit persönlichen Gegenständen in die Garage gestellt – „damit sie es nehmen“, sagte sie der Polizei. Das Paar überwachte den Tatort mit Hilfe von Bewegungssensoren, einem Babyfon und einer Live-Videoübertragung aus dem Innenraum der Garage.

Täter wartete mit Gewehr auf Einbrecher

„Ich warte nur darauf, einen verdammten Typen zu erschießen“, soll der Angeklagte einer Zeugin zufolge gesagt haben. Drei Nächte in Folge habe er bereits mit seinem Gewehr gewartet, um die Einbrecher zur Strecke zu bringen.

Er hatte laut Anklageschrift ohne Vorwarnung vier Schüsse in die dunkle Garage abgefeuert, nachdem sein Alarmsystem ihn auf einen Eindringling aufmerksam machte. Seine Partnerin sagte aber aus, ihr Mann habe den Jugendlichen mit „Hey“ angesprochen, und dieser habe geantwortet, bevor die Schüsse fielen.

Der Schütze gab an, er habe hoch gezielt, da er sein Auto nicht treffen wollte, doch laut Anklage zeigen Einschusslöcher ein anderes Bild. Der Jugendliche wurde im Kopf und Arm getroffen und starb später im Krankenhaus.

Dem 29-Jährigen drohen bei einer Verurteilung mindestens zehn Jahre Haft und als Höchststrafe ein Leben hinter Gittern. Der Schütze werde sich nicht schuldig bekennen, da er in Selbstverteidigung gehandelt habe, sagte sein Anwalt Paul Ryan einem Bericht der Lokalzeitung „Ravalli Republic“ zufolge.

Aufenthaltsort des Deutschen gibt Rätsel auf

Was der Teenager bei seinem nächtlichen Gang durch die ruhige Wohngegend Grant Creek beabsichtigte, sei völlig unklar, sagte ein Polizeisprecher. Das Haus lag weit entfernt von der Big Sky High School, wo er seit August die elfte Klasse besuchte.

Ein zweiter Mann habe ihn begleitet, sei aber geflüchtet, als die Schüsse fielen. Der Mann meldete sich später bei der Polizei.

Die Familie des Jugendlichen wurde mit Hilfe des Deutschen Generalkonsulats in San Francisco kontaktiert. Am Dienstag sollte eine Vertreterin des Konsulats in den US-Staat Montana reisen, um die Gastfamilie und die Angehörigen zu unterstützen.

„Das ist in dem Fall wohl notwendig“, sagte ein Sprecher und sprach von besonderen Umständen. Auch der Vater des Jungen werde erwartet, hieß es.

Verteidigung von Grund und Boden mit Waffengewalt rechtens

Bürger Montanas dürfen sich – wie in rund der Hälfte der 50 US-Staaten – notfalls mit Waffengewalt verteidigen. Laut der sogenannten „Castle Doctrine“ (Schloss-Doktrin) ist der Einsatz tödlicher Gewalt gegen Eindringlinge in Haus und Garten in den meisten Fällen erlaubt. In Staaten wie Missouri und Ohio gilt dies sogar für Autos.

Allerdings muss sich der Schütze ernsthaft bedroht fühlen. In diesem Fall sei dies laut Ansicht von Polizei und Staatsanwaltschaft nicht gegeben, berichteten Lokalmedien.

Sein Klient wollte nur sich und seine Familie verteidigen, sagte Anwalt Ryan. „Es handelte sich um Sekundenbruchteile. Es geschah alles sehr schnell und unglücklicherweise hat ein junger Mann dabei sein Leben verloren.“ Das Gericht legte eine Kaution von 30.000 Dollar (21.000 Euro) fest.

Auch die US-Austauschorganisation Council on International Educational Exchange (CIEE), über die der 17-Jährige in die USA gekommen war, schickte Vertreter nach Montana.

Benefizfußballspiel für die Familie des Opfers

Nach Angaben seines Hamburger Fußballvereins stand der Schüler wenige Wochen vor seiner Rückreise nach Deutschland. Der Verein reagierte mit Betroffenheit. „Wir sind alle ein bisschen sprachlos“, sagte Fußball-Abteilungsleiter Kadir Koc. Der Verein plant für diesen Mittwoch ein Benefizspiel zugunsten der Familie.

Von der Hamburger Schulbehörde und von dem Gymnasium, auf das der 17-Jährige ging, gab es am Dienstagmorgen zunächst keine Reaktion auf den Tod des Schülers. Zurzeit sind Ferien in Hamburg.

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Der 15-Jährige Marc braucht ein neues Herz

Fast ein Jahr im Krankenhaus und noch länger auf der Warteliste für Organspende: Der 15-jährige Marc aus Bayern braucht dringend ein neues Herz. Er lebt nur noch dank eines Kunstherzens. Doch vieles geht damit nicht – etwa zur Schule gehen, Sport machen oder einfach mal Freunde treffen.

Marcs zweites Herz ist mehr als zehn Kilo schwer und so groß wie ein kleiner Rollkoffer. Der 15-Jährige muss es überall hin mitnehmen, doch viel machen kann er damit nicht. „Ich würde gern Fahrrad fahren oder Tischtennis spielen. Oder in den Urlaub fahren. Aber das geht nicht“, sagt der Jugendliche. Seit mehr als einem Jahr wartet Marc auf ein Spenderherz.

Marcs Nieren haben Schaden genommen

Sechs größere Operationen am Herzen hat er schon hinter sich. Auch seine Nieren funktionieren nicht mehr richtig, so dass er dreimal in der Woche zur Dialyse muss. Doch der 15-Jährige aus Amberg (Bayern) gibt nicht auf. Während die Geräte neben ihm arbeiten und die Schwestern seine Werte kontrollieren, macht Marc Mathe-Aufgaben. Er will in wenigen Wochen seinen qualifizierenden Hauptschulabschluss machen.

Marc hat eine Kardiomyopathie, eine angeborene Herzmuskelschwäche. Diese ist bei Kindern sehr selten. „Aber es ist die Hauptursache für die Notwendigkeit von Herztransplantationen bei Kindern und Jugendlichen“, sagt Sven Dittrich, Leiter der Kinderkardiologie am Uniklinikum Erlangen. „Kardiomyopathien sind Killer.“ Oft würden die Symptome jedoch zuerst nicht richtig erkannt. „Wer erwartet schon ein Herzproblem bei einem Kind?“ Der weltweite Tag des herzkranken Kindes am 5. Mai will auf die Ausbreitung von Herz- und Kreislauferkrankungen in dieser Altersgruppe aufmerksam machen.

Zunächst half ein Herzschrittmacher

Mit nicht einmal zehn Jahren bekam Marc einen Herzschrittmacher, mit dem er fünf Jahre lang ganz gut klar kam. Doch im November 2012 zeigt sich sein schwaches Herz dann richtig: Bei einem Praktikum in der Firma seines Vaters wird ihm ständig übel. Anfangs halten alle es für Grippe, doch als es ihm immer schlechter geht, untersucht der Kinderarzt sein Herz und schickt ihn danach direkt in die Klinik.

Marcs Mutter Claudia Vales erinnert sich noch gut an die Diagnose. „Die Welt ist damals zusammengebrochen“, sagt die 43-Jährige. Es folgt ein Auf und Ab für Marc und seine Familie. Mehrere Operationen muss der Junge über sich ergehen lassen. Einmal verläuft es richtig schlimm: Mehrere Organe versagen, Leber und Niere setzen aus. Marc läuft am ganzen Körper blau an. Seitdem ist er auf die Dialyse angewiesen.

„Wir haben viermal erfahren, er wird es nicht schaffen“

„Wir haben viermal erfahren, er wird es nicht schaffen und jedes Mal hat er es dann doch wieder geschafft“, erzählt seine Mutter. „Das war ein extremer Verlauf“, betont der Kardiologe Dittrich. Marc wird daher nicht nur ein neues Herz brauchen, sondern irgendwann auch eine Nierentransplantation.

Elf Wochen lang liegt Marc auf der Intensivstation, insgesamt ist er knapp ein Jahr im Krankenhaus. Irgendwann bricht er in Tränen aus und sagt: „Mama, ich will endlich ein Herz haben.“ Mit ihm im Zimmer liegt ein fünfjähriges Mädchen, das auch ein Kunstherz hat. „Da hat er gesehen, dass er nicht alleine ist“, erzählt seine Mutter.

Das Kunstherz als besten Freund und nicht als Handicap sehen

Im Januar 2013 wird Marc dann auf die Warteliste für ein Spenderherz gesetzt. Und er bekommt das neue Kunstherz, mit dem die Zeit bis zur Transplantation überbrückt werden soll. „Ich hab ihm immer gesagt, er muss die Maschine wie einen besten Freund ansehen, denn ohne sie wäre er ja nicht mehr da“, sagt Claudia Vales. Im November darf Marc nach Hause. „Das war der Lichtblick“, sagt seine Mutter. Und sehr ungewöhnlich. „Das gab es noch nie, dass ein Kind mit Kunstherz allein zu Hause ist.“ Der Mediziner Dittrich bestätigt: „Mit Marc haben wir nach langen Diskussionen ein bisschen Neuland betreten.“

Bescheiden sagt Marc: „Momentan geht’s mir wieder gut mit dem Gerät.“ Dabei muss der 15-Jährige mehrmals in der Woche stundenlang ruhig liegen, hat stets ein kompliziertes Gebilde aus Pumpe und Schläuchen an seinem Bauch. Tag und Nacht ist er an die Maschine gebunden. Wegen des Verbands ist Duschen schwierig, an einen Besuch im Freibad nicht zu denken.

„Ich kann mich nicht einfach mal so mit Freunden treffen“, sagt er. Sie müssen stets ihn besuchen kommen. Zur Schule geht Marc seit eineinhalb Jahren auch nicht mehr. Lehrerinnen geben ihm zu Hause und in der Klinik Deutsch-, Mathe- und Englischunterricht. Immer muss Mutter, Vater oder jemand vom Pflegedienst in der Nähe sein. Jeden Tag muss er Medikamente nehmen – „eine ganze Schachtel voll“, wie sein Vater André Vales sagt.

Jeden Abend wartet die Familie auf „den Anruf“

„Man muss sich arrangieren“, sagt der 45-Jährige. Dienstreisen macht der Maschinenbauingenieur keine mehr. Seine Frau hat ihren Beruf vorerst aufgegeben. „Der Alltag ist ein Wahnsinn“, sagt Claudia Vales. Jeden Abend warte ihre Familie „auf den Anruf“, auf die Nachricht, dass Marc endlich ein neues Herz bekommt. „Das Warten ist das Schlimmste.“

Organspenden nach den Skandalen deutlich zurückgegangen

„Das eigentlich Tragische ist, dass er immer noch kein Herz bekommen hat“, sagt Dittrich. Seit den Skandalen um Organtransplantationen seien die Spenden eingebrochen, im vergangenen Jahr sei die Zahl der Transplantationen um rund 40 Prozent zurückgegangen. „Das merken wir deutlich. Die Wartezeiten für neue Organe haben sich dramatisch verlängert – zum Teil bis ins Unerträgliche.“

19 Kinder im Alter bis einschließlich 15 Jahre standen nach Angaben von Eurotransplant am Ende des vergangenen Jahres in Deutschland noch auf der Warteliste für ein Spenderherz. Bis zum 16. Lebensjahr haben sie eine erhöhte Priorität. Ein neues Herz bekommen hatten im Jahresverlauf 32 Kinder. Auch Marc wird nur mit einem Spenderherzen von der Maschine loskommen. Fleißig büffelt er nun für die kommenden Prüfungen. Seine „Quali“ möchte er gut machen – und seinen 16. Geburtstag im Dezember am liebsten schon mit einem gesunden Herzen feiern – ohne die Maschine.

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37 Grad: Im Einsatz für Kinder – Gerichtsmediziner auf Spurensuche

Gerichtsmediziner haben einen Job, der an die Nieren geht. Sie untersuchen nicht nur Tote, sondern werden auch hinzugezogen, wenn Ärzte einen Verdacht auf Kindesmisshandlung hegen. In tausenden Fällen klären sie jedes Jahr ab, ob die Verletzung eines Kindes möglicherweise von den Eltern verursacht wurde. Misshandelte Kinder haben oft einen langen Leidensweg hinter sich, ehe der Missbrauch aufgedeckt wird. In vielen Fällen passiert das gar nicht oder zu spät. Drei Kinder sterben statistisch betrachtet pro Woche an den Folgen von Misshandlung. Die ZDF Reportage „Im Einsatz für Kinder“ aus der Reihe „37 Grad“ zeigt den schwierigen Alltag von Gerichtsmedizinern und Fehler im System, wenn es um den Schutz von Kindern geht.

Ein Krankenhaus am Wochenende, Hektik in der Notaufnahme. Der vier Wochen alte Lukas wird mit lebensgefährlichen Verletzungen eingeliefert. Unfall oder Misshandlung? Die Ärzte sind skeptisch. Lukas wird ein Fall für den Gerichtsmediziner Lars Althaus. Der stellt eine grobe Misshandlung durch die Eltern fest.

2012 wurden 170 Kinder von ihren Eltern getötet

Gewalt gegen Kinder ist alltäglich. Das belegen auch die Statistiken: 2012 haben die Jugendämter rund 40.200 Kinder und Jugendliche wegen Vernachlässigung oder Gewalt aus ihren Familien geholt, 106.600 Strafverfahren wegen Gewalt gegen Kinder wurden eingeleitet, 170 Kinder starben. Und das sind nur die Fälle, die aufgedeckt wurden.

Lukas wurde von seinem Vater geschüttelt

Lars Althaus hat in seinem Berufsleben bereits viele misshandelte Kinder gesehen. So wie Lukas. Althaus hat bei dem Säugling ein Schütteltrauma diagnostiziert. Eine typische Verletzung im Baby- und Kleinkindalter, die entsteht, wenn überforderte Eltern ihr Kind schütteln. Dabei kommt es im Gehirn zu Verletzungen der Blutgefäße, die zu lebenslangen Schäden führen können. Vielleicht wird Lukas nie wieder sehen können, vielleicht wird er für immer behindert sein. Zunächst ist unklar, ob er die Nacht überhaupt überleben wird.

Bei Lukas ist fast jeder Knochen gebrochen

Der Fall Lukas wird an die Kriminalpolizei Duisburg gemeldet. Sigrid Krusenbaum glaubt nicht an die Erklärungen des Vaters, das Kind sei beim Baden aus den Händen gerutscht, wäre dann aufgefangen und nach oben gerissen worden. „Neben den Verletzungen, die ich schon genannt habe, war fast kein Knochen im Körper des Kindes noch heil. Es war fast alles gebrochen. Das kann nur durch massive Gewalteinwirkung passieren.“

Problem der Schweigepflicht

Ein großes Problem für den Nachweis von Kindesmisshandlung ist die ärztliche Schweigepflicht. Krankenhausärzte sind nicht verpflichtet, der Polizei Auskunft zu geben, außer in Fällen akuter Lebensgefahr. Bei unklaren Befunden werden deshalb Rechtsmediziner zu Rate gezogen. Sie arbeiten neutral, ihr Gutachten kann Eltern be- oder entlasten. Ihre Einschätzung ist wichtig für die Polizei, die Staatsanwaltschaft und auch für das Jugendamt, das entscheiden muss, ob ein Kind in seiner Familie bleibt oder nicht.

„Ohrfeigen können zu Hirnblutungen führen“

Seit 2000 regelt ein Gesetz, dass Kinder das Recht auf gewaltfreie Erziehung haben. Die Zahl der getöteten und misshandelten Kinder hat aber seitdem nicht abgenommen. In ihrem Alltag sehen Rechtsmediziner Kinder, die brutal geschlagen wurden, mit Stöcken, mit Werkzeugen, mit Schuhe, aber auch mit den bloßen Händen der Eltern. „Erwachsene unterschätzen oft die Wirkung von Schlägen“, sagt Althaus. „Ohrfeigen können zum Beispiel zu Hirnblutungen führen.“

Dominik wurde als Baby geschüttelt – heute ist er ein Pflegefall

Dominik war ein gesundes Baby, bis er von den Eltern misshandelt wurde. Wie bei Lukas lautete die Diagnose Schütteltrauma. Heute ist Dominik 16 Jahre alt. Dass er überhaupt noch lebt, verdankt er der modernen Medizin und Frau Schulz. Die Krankenschwester arbeitete damals in dem Krankenhaus, in das Dominik eingeliefert wurde und nahm ihn als Pflegekind in ihre Familie auf. Zwölf Schädel-Operationen musste Dominik in den letzten Jahren über sich ergehen lassen. Dennoch ist er ein schwerster Pflegefall, kann nicht gehen, sprechen oder sehen. Er erleidet täglich Spastiken und Anfälle – alles Folgen des Schüttelns im Babyalter.

„Das kann man nicht einfach im Büro lassen“

Wie hält man einen Beruf aus, bei dem man täglich mit solchen Schicksalen zu tun hat? „Es ist schon so, dass Kinder einem besonders nahegehen. Wenn Kinder schwer misshandelt oder getötet werden, das kann man nicht einfach im Büro lassen“, sagt Althaus. Der engagierte Mediziner setzt auf Vorbeugung und Früherkennung. Beim Austausch mit anderen Ärzten ist wieder die Schweigepflicht ein Thema.

Ärzte dürfen sich bei Verdachtsfällen von Kindesmisshandlung nicht ohne Einwilligung der Eltern untereinander über die Befunde des Kindes austauschen. Das führt dazu, dass die Täter oft den Arzt wechseln und es mitunter sehr lange dauert, bis die Misshandlungen erkennbar werden.

„Der Staat muss eingreifen“

Viele Rechtsmediziner fordern deshalb eine Verbesserung des Gesetzes. Saskia Etzold, Rechtsmedizinerin an der Charité Berlin, sagt dazu: „Wir haben in Deutschland weder eine Meldepflicht noch eine Reaktionspflicht. Der Arzt hat vom Gesetzgeber die Möglichkeit, wenn er den Verdacht auf eine Kindesmisshandlung hat, seine Schweigepflicht zu brechen, aber er muss nicht.“ Hier müsse sich der Gesetzgeber klar positionieren.

„In vielen Fällen haben Kinder bereits eine gewisse ‚Karriere‘ hinter sich, sind mehrfach beim Kinderarzt gewesen, sind dem Jugendamt bekannt gewesen oder wurden weiter misshandelt, obwohl das Jugendamt bereits Schutzmaßnahmen ergriffen hatte“, so Etzold.

Dennoch hat der Arzt hat nicht die Pflicht, das Jugendamt zu informieren.“ Etzold findet, Familien seien der beste Ort, an dem Kinder aufwachsen können, aber wenn Kinder dauerhaft gefährdet seien, „muss der Staat eingreifen und darf nicht wegschauen.“

Buch: „Deutschland misshandelt seine Kinder“

Etzold hat zusammen mit ihrem Kollegen Michael Tsokos das Buch „Deutschland misshandelt seine Kinder“ verfasst, dass die Missstände im System der Kinder- und Jugendhilfe aufdecken will. Ein System, das die Kinder schützen soll und in das viel Geld fließt. Mehr als acht Milliarden Euro gab der Staat 2012 für Hilfen zur Erziehung aus. Viele schwer misshandelte oder getötete Kinder sind dem Jugendamt bekannt. Auch Dominik und Lukas wurden schon als Babys vom Jugendamt betreut.

Familie von Lukas wurde intensiv betreut

In Duisburg steht der Vater von Lukas vor Gericht. Wie soll die Gesellschaft mit Hochrisikofamilien wie der von Lukas umgehen? Die Familie wurde intensiv vom Jugendamt betreut. Die Mutter wollte das Kind nicht, bekam ein Kontaktverbot ausgesprochen. Um den Vater zu unterstützen, kam vier mal täglich der Kinderpflegedienst ins Haus, zusätzlich zehn Stunden die Woche eine Sozialarbeiterin. An dem Tag, als Lukas misshandelt wurde, waren sowohl der Kinderpflegedienst als auch die Sozialarbeiterin beim Vater. Dennoch verlor er die Nerven, als er das schreiende Baby nicht beruhigen konnte.

Muss das System Jugendhilfe reformiert werden? Eine weitreichend und schwierige Frage, die die „37 Grad“-Reportage nicht beantworten kann.

Lukas liegt immer noch im Krankenhaus

Lukas hat überlebt, liegt aber immer noch im Krankenhaus. Die Folgen für sein weiteres Leben sind immer noch nicht abschätzbar. Wird er sein gesamtes Leben als Pflegefall verbringen, wie Dominik? Lukas‘ Vater hat vor Gericht die Misshandlung zugegeben. Sein Urteil lautet fünfeinhalb Jahre Haft.

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Mobbing: Schikanen stellen die Freundschaft auf die Probe

Beleidigen, quälen und dumme Sprüche – Mobbing kann nicht nur das Opfer krank machen, sondern ist auch eine harte Probe für das Umfeld. Eltern werden meist nicht oder erst spät informiert. Auch die besten Freunde befinden sich in der Zwickmühle: Sie wollen helfen, haben aber Angst, ebenfalls Opfer zu werden.

Es fing ganz harmlos an, im Matheunterricht an einem Düsseldorfer Gymnasium: Daniela (17) musste an die Tafel und etwas vorrechnen. „Das mag sie nicht und hat sich natürlich direkt verrechnet“, erzählt Jessica (16). Ein Mitschüler hat einen dummen Spruch gerissen, und die ganze Klasse lachte. „Und ich mit“, gibt Jessica zu. „Über meine beste Freundin.“

Der Anfang war harmlos

Die dummen Sprüche hörten nicht mehr auf. Vor jeder Mathestunde kam ein neuer dazu. Das Tuscheln und breite Grinsen dehnte sich auf die anderen Fächer und die Pausen aus. Und schließlich wurde Daniela nur noch mit ihrem neuen ironischen Spitznamen „Matheass“ gerufen.

Wann man von Mobbing spricht

Wenn es nicht bei einmal ärgern bleibt und eine Person über längere Zeit schikaniert wird, spricht man von Mobbing, erklärt Ina Brecheis, Pädagogin bei Klicksafe, einer EU-Initiative für mehr Sicherheit im Netz in Ludwigshafen. Und das Mobbing endet nicht mit Schulschluss. Durch Internet und Smartphones erreichen die Beleidigungen das Opfer rund um die Uhr und überall. „Das hat fatale Folgen für die Psyche. Es gibt keinen geschützten Raum mehr“, sagt Brecheis.

Online ist die Hemmschwelle niedriger

Mobbing und Cybermobbing gehören eng zusammen, eine Grenze lässt sich nur schwer ziehen. Die Gefahr beim Cybermobbing: „Das Mobbing zieht ganz schnell große Kreise“, sagt Rosemarie Hannemann, Diplom-Sozialarbeiterin bei der Jugendberatung Zittau. „Man muss nur mal eben „gefällt mir“ klicken und schon ist es weiter verbreitet.“ Die Hemmschwelle sei online viel niedriger, weil man sein Gegenüber nicht sieht. Aber es gibt auch einen Vorteil: „Cybermobbing ist öffentlich und greifbar“, sagt Hannemann. Es könne nicht geleugnet oder vertuscht werden.

Beleidigungen bei Facebook

Auch Jessica hat erst online mitbekommen, wie ernst die Situation für Daniela ist. „In der Schule waren die Sprüche schon nervig“, erinnert sie sich, „aber die krassen Beleidigungen fingen bei Facebook an.“ Als sie das las, sprach Jessica ihre Freundin darauf an. Daniela hatte ihr vorher nichts gesagt, ging dem Ärger lieber aus dem Weg und zog sich zurück.

Das sind Alarmzeichen für Mobbing

Doch das Zurückziehen war bereits ein Alarmzeichen. „Davon gibt es viele“, sagt Hannemann von der Jugendberatung. „Jemand ist immer krank, bleibt der Schule fern, das Klima in der Klasse verschlechtert sich, oder das Verhalten ändert sich: Man wird aggressiver, oder man zieht sich eben zurück.“

„Mit jemandem auf Augenhöhe reden“

Wenn sich Jugendliche so stark verändern, benötigen sie dringend Hilfe. „Ein offenes Ohr ist das Wichtigste“, erklärt Brecheis von Klicksafe. „Dann kann das Mobbingopfer den ganzen Frust rauslassen und mit jemandem auf Augenhöhe reden.“ Die besten Freunde seien meist die ersten Gesprächspartner. Erst danach wenden sie sich an Eltern, Lehrer oder Schulpsychologen. „Mit Erwachsenen zu reden, ist für viele Jugendliche eine Gefahr. Sie haben Angst, dass sie dann selbst keine Kontrolle mehr über das Problem haben“, sagt die Pädagogin. „Sie könnten Erwachsene allerdings bitten, gemeinsam mit ihnen eine Lösung zu finden und nicht über ihren Kopf hinweg.“

Zivilcourage zeigen

Wer für den gemobbten Jugendlichen da ist und mit ihm darüber spricht, macht schon mal alles richtig. Und Brecheis hat noch einen Tipp: „Zum Mobbing gehören nicht nur Täter und Opfer. Es gibt viele Personen, die drumherum stehen, nichts machen und damit beim Mobbing helfen.“ Es sei eine gute Möglichkeit, wenn der beste Freund und der Gemobbte diese schweigende Mehrheit ansprechen und sie dazu ermutigt, Zivilcourage zu zeigen.

„Sich Verbündete zu suchen, ist der ideale Weg“

In Zittau hat das vor Kurzem gut geklappt. „Mehrere Freundinnen hatten sich zusammengetan und gingen zur Schulsozialarbeiterin. Sie hat das Problem gelöst“, erinnert sich Hannemann. „Sich Verbündete zu suchen, ist der ideale Weg.“

Jessica spricht Mitschüler an

Jessica und Daniela wählten einen ähnlichen Weg. Erwachsene wollten sie nicht ansprechen. Das Vertrauen fehlte. Aber Jessica sprach Mitschüler an, mit denen sie sich gut versteht. „Ich habe sie gefragt, ob sie das Mobbing mitbekommen haben und erklärt, wie schlecht es Daniela damit geht“, sagt sie. „Die meisten wurden erst jetzt wachgerüttelt und verstanden, dass da eine Grenze überschritten wurde.“ Bei den nächsten dummen Sprüchen gaben sich die Mitschüler genervt, rollten die Augen, gingen gelangweilt weg und zeigten Desinteresse. „Ein bisschen hat es gedauert, aber irgendwann war es den Mobbern zu doof weiterzumachen“, sagt Jessica. „Der Fall Daniela war out.“

Täter ansprechen erfordert viel Mut

Die Täter direkt anzusprechen, haben sich die Freundinnen nicht getraut. „Manche machen das“, weiß Hannemann von der Jugendberatung. Dazu sei aber viel Mut und Selbstbewusstsein nötig. Pädagogin Brecheis warnt aber auch: „Für viele Jugendliche kann das gefährlich sein. Sie haben Angst, selbst gemobbt zu werden.“ Das dürfe aber nicht dazu führen, dass man dem gemobbten Freund den Rücken kehrt, um sich selbst zu schützen. Wer Stellung bezieht, ein offenes Ohr hat und hilft, Verbündete zu suchen, macht die Freundschaft sogar noch intensiver.

Die Freundschaft ist noch enger geworden

Jessica und Daniela tat es gut, die schwere Zeit gemeinsam durchzustehen. „Seitdem erzählen wir uns sogar noch viel mehr, sprechen über mehr Probleme, Ängste und Geheimnisse. Das tut gut“, sagt Jessica. Ihre Freundschaft ist noch enger geworden.

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