Kategorie -Jugendliche

Philipp hat Muskelschwund

Philipp ist ein ganz normaler Jugendlicher. Er mag den Youtuber „inscope21“, kann über die „Big Bang Theory“ lachen, und seine Freunde holen ihn regelmäßig ab, um mit ihm Playstation zu spielen oder gemeinsam mit um die Häuser zu ziehen. Der einzige Unterschied: Einer muss Philipp schieben, denn der fast 16-Jährige sitzt seit vielen Jahren im Rollstuhl.

Weder in der Schwangerschaft, noch bei der Geburt gab es Auffälligkeiten. Philipp entwickelte sich zunächst ganz normal. Er saß, krabbelte, stand auf und lief. „Doch dann ist mir aufgefallen, dass er manchmal ohne ersichtlichen Grund einfach hingefallen ist“, erinnert sich Michael Kolodzig. Natürlich wusste der zweifache Vater, dass kleine Kinder in diesem Stadium häufig hinplumpsen, aber sein Bauchgefühl sagte ihm, dass etwas nicht stimmt.

Der Kinderarzt nahm die Sorgen nicht ernst

Als der Gang des Kleinen immer watscheliger wurde, baten die Eltern den Kinderarzt um Hilfe. Doch dieser nahm das Bauchgefühl zunächst nicht ernst. Erst auf Drängen der Eltern überwies er die Familie an das Kinderzentrum in Maulbronn, wo Experten die Nervenleitgeschwindigkeit und die Muskelströme maßen. Die Diagnose war niederschmetternd: SMA – Spinale Muskelatrophie, eine Krankheit, bei der die Muskeln immer schwächer werden.

„Als wäre das nicht schon schlimm genug, hat sich der Kinderarzt auf die Übermittlung dieser Schocknachricht nicht genügend vorbereitet und behauptet, unser gerade mal zweijähriger Sohn hätte eine Lebenserwartung von nur zehn Jahren.“ Noch heute zittert die Stimme von Michael Kolodzig, wenn er daran denkt: „Die Emotionen selbst kommen verzögert. Zunächst hat man Gedanken wie ‚Wird unser Kind je zur Schule gehen?‘ Und wenn ja, könnte man dann über eine schlechte Note überhaupt schimpfen?'“

Es gibt kein Heilmittel gegen SMA

Grit und Michael Kolodzig reagierten, wie es die meisten Eltern tun würden: Sie suchten nach einem Strohhalm. Weil sie sich mit der Diagnose nicht zufrieden geben wollten, recherchierten sie selbst und stellten dabei fest, dass Philipp noch Glück im Unglück hatte: Seine Form der Krankheit nennt man juvenile SMA. Sie schränkt zwar schon früh die Beweglichkeit ein, entgegen der Behauptung des Arztes nicht aber die Lebenserwartung.

Eine  humangenetische Untersuchung bestätigte das. Eine Heilung ist allerdings nicht möglich. „Es macht so traurig, wenn man merkt, dass man seinem Kind nicht helfen kann und zusehen muss, wie es schwächer wird.“

„Wir machen alles, was in unserer Macht steht“

Anfangs ließ sich diese Schwäche noch überbrücken. „Wir haben versucht, das Beste daraus zu machen, ihm zum Beispiel ein kleines Elektroauto gekauft, in dem er mit den anderen Kindern herumkurven konnte. Aber dieses Gefühl, ganz schnell an die Grenzen der Möglichkeiten zu kommen, das treibt einen um.“ Michael Kolodzig wollte sich dieser Hilflosigkeit nicht hingeben, musste etwas unternehmen. Er gründete den Verein „Philipp und Freunde – SMA Deutschland“.

„Ich habe immer gedacht, wenn er mal groß ist, will ich ihm sagen können, dass wir alles getan haben, um ihm zu helfen.“ Die Kontakte zu anderen Betroffenen waren sehr hilfreich. „Es tut gut, wenn man sich austauschen kann. Denn manchmal fällt es einfach schwer, die Probleme anderer mit ihren gesunden Kindern wirklich ernst zu nehmen. Wahrscheinlich geht es jedem so, der ein behindertes Kind hat.“

Philipps Vater kann auch meckern

Doch in einem unterscheidet sich Michael Kolodzig nicht von anderen Vätern. Auch er ärgert sich, wenn sein Sohn schlechte Noten heimbringt. Heute kennt er die Antwort auf seine damalige Frage: Ja, er kann über schlechte Noten schimpfen. „Aber das hat natürlich noch einen anderen Hintergrund. Wir können nicht immer für ihn da sein. Er muss sich eine Basis aufbauen, und mit einem guten Abitur steigen seine Chancen auf einen guten Job.“

Beweglicher dank Rollstuhl

Gegen Ende der ersten Klasse kam die Familie um den Rollstuhl nicht mehr herum. „Ich habe diesen Moment hinauszuzögern versucht, so lange es ging. Ich hatte wahnsinnige Angst davor. Eigentlich will man mit seinem Sohn doch Sportschuhe kaufen und nicht Rollstühle. Dann kam es ganz anders als ich dachte: Philipp fand es toll, endlich beweglicher und vor allem schneller zu sein. Er hat den Rollstuhl tatsächlich als Hilfsmittel für sich gesehen.“

„Werde ich als Erwachsener rennen können?“

Trotzdem hat Philipp immer gehofft, ihn bald wieder los zu sein: „Als kleiner Junge fragte er mich, ob er als Erwachsener immer noch diese Krankheit haben werde. Oder ob er dann endlich auch würde rennen können. Das sind die Momente, die dir die Tränen in die Augen treiben, in denen es schwer ist, dem Kind Mut zu machen.“

Die Zeit bekommt eine andere Dimension

Philipps Eltern machen alles, damit der Junge so normal wie möglich aufwächst. Sie haben dafür gekämpft, dass Philipp den Regelkindergarten besuchen konnte, die Regelschule, das Gymnasium. „Wir versuchen immer wieder kleine und große Lichtpunkte zu setzen, die ihn dazu motivieren, nicht aufzugeben.“

Ob Schüleraustausch, Weltmeisterspiel, Praktikum bei einem Fernsehsender oder zahlreiche Reisen – Grit und Michael Kolodzig schaffen bewusst so viele schöne Momente wie möglich. „In unserer Situation betrachtet man die Zeit anders. Man will sie nutzen und so viel wie möglich mit dem Kind machen, um ihm einen Ausgleich verschaffen, Freude am Leben. Doch man stößt immer wieder an seine Grenzen, natürlich auch finanziell.“

Die Frage nach dem Warum

Auch vor mancher Enttäuschung können die Eltern Philipp nicht bewahren. Genauso wenig wie vor der Frage nach dem Warum. Denn manchmal hadert der attraktive Jugendliche mit seinem Schicksal und fragt sich, warum es ihn getroffen hat. Phillips Vater geht noch einen Schritt weiter: „Ich frage mich: Warum muss es diese Krankheit überhaupt geben? Ich bin natürlich sehr traurig darüber, dass unser Sohn nicht mit den anderen Fußball spielen kann, dass er viele alltägliche Dinge nicht tun kann. Dann denke ich manchmal: Eine Grippe hätte auch gereicht.“

Philipp würde so gerne einmal rennen

Philipps größter Wunsch wäre, eines Tages einfach aufzustehen und loszulaufen und dabei endlich zu erfahren, wie es ist, zu rennen.

Immerhin kommt die Forschung zu SMA voran. Es wird an einem Mittel gearbeitet, dass den Betroffenen vielleicht in Zukunft zu mehr Lebensqualität verhelfen kann. Bis dahin heißt es, den Status quo so gut wie möglich zu erhalten und die Hoffnung nicht zu verlieren.

In unserer „Eltern-Welt“ finden Sie alles, was Eltern bewegt: Jetzt Facebook-Fan werden und mitdiskutieren!

Sie können mehr von den Nachrichten auf lesen quelle

Religiöse Spannungen entladen sich in Schulen

Religiöse Konflikte lassen auch Kinder und Jugendliche in den Schulen nicht kalt. Antisemitische Beleidigungen will Baden-Württembergs Kultusminister Stoch nicht länger hinnehmen. Ob eine Initiative verschiedener Glaubensgemeinschaften den Durchbruch bringt?

Ausdrücke wie „Du Jude“, „Du Christ“ und „Du Ungläubiger“ werden heute als Schimpfwörter auf deutschen Schulhöfen gebraucht. Internationale Auseinandersetzungen spiegeln sich in Konflikten zwischen Schülern verschiedener Glaubensrichtungen wider.

Der krasse Fall einer Neu-Ulmer Grundschule, in der die Polizei wegen islamistischer Parolen eingriff, ist aus Sicht des Präsidenten des Deutschen Lehrerverbandes, Josef Kraus, nur die Spitze des Eisbergs. Religiöse Differenzen seien nicht an allen 42.000 Schulen in Deutschland gang und gäbe. „Die Probleme haben wir, wo die Deutschen in der absoluten Minderheit sind“, sagt Kraus. 

Dass Handlungsbedarf besteht, zeigt die Stuttgarter Erklärung für ein friedvolles Miteinander an Schulen, die Baden-Württembergs Kultusminister Andreas Stoch (SPD) sowie Vertreter der christlichen Kirchen, der Israelitischen Religionsgemeinschaft, des Zentrums für Islamische Theologie und der Alevitischen Gemeinde unterschrieben haben. Stoch versteht das als Signal an Schulen und Gesellschaft: „Wir wollen weltoffene Schulen, in denen Kinder mit unterschiedlichem Glauben friedlich zusammen leben und lernen können.“

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, weiß um die verbalen Übergriffe: „Bedauerlicherweise erhalten wir immer wieder Meldungen aus unterschiedlichen Schulen sowie Sportvereinen über die Verwendung des Wortes „Jude“ als Schimpfwort unter Kindern und Jugendlichen.“ Dies geschehe gerade in Schulen mit einem hohen Anteil an Schülern mit Migrationshintergrund.

„Antisemitismus auf dem Pausenhof“

Der Präsident des Zentralrats der Juden in Deutschland bedauert, dass antijüdische Beleidigungen vielerorts einfach so hingenommen und als Bagatelle abgetan würden. „Für mich ist und bleibt es jedoch ein Ausdruck von Antisemitismus auf dem Pausenhof“, sagt Schuster. Eltern und Lehrer stünden gemeinsam in der Pflicht;  auch muslimische Verbände sollten Judenhass entschiedener bekämpfen.

Respektloses Verhalten männlicher Schüler

Aggressionen äußern sich nach Kraus‘ Beobachtung auch in respektlosem Verhalten männlicher Schüler. Sie ließen sich von Lehrerinnen nichts sagen und bezeichneten sie nicht selten als „Schlampen“: „Denen wird zu Hause vorgelebt, dass die Frau an zweiter Stelle kommt.“ Schulleiter seien damit vor eine Herausforderung gestellt, die sie ohne Eltern, Vertreter der muslimischen Vereine vor Ort und gegebenenfalls Dolmetschern gar nicht bewältigen könnten. Lehrerfortbildungen zum Thema religiöse Toleranz sind im Südwesten überbucht.

Schmähungen gehen in alle Richtungen

Weitere Beispiele für religiöse Radikalisierung sind Jugendliche, die auf dem Weg zur Schule auf Stolpersteine zur Erinnerung an im KZ getötete Juden herumtrampeln und herausposaunen, später einmal Juden umbringen zu wollen. Aber auch in umgekehrter Richtung gehen die Schmähungen: Eine Gymnasiastin mit Vater aus dem Mittleren Osten muss sich anhören: „Dein Vater ist ein Terrorist.“ 

Ängste und Vorurteile

Nicht nur zwischen Christen und Muslimen verlaufen Konfliktlinien, sondern auch zwischen sunnitischen Muslimen und Aleviten. Schüler dieser Glaubensrichtung werden nach Worten der Vize-Generalsekretärin der Alevitischen Gemeinde Deutschland, Melek Yildiz, als „Abtrünnige“ beschimpft. „Die Kinder wissen viel zu wenig voneinander. Dadurch bilden sich Ängste und Vorurteile.“

Dass sunnitische muslimische Verbände wie die Ditib die Stuttgarter Erklärung nicht unterzeichnen, bedauert Yildiz. Die seien doch die einzigen, die noch Zugang zu radikalen Vertretern ihres Glaubens hätten. Im Neu-Ulmer Fall stellte sich heraus, dass die Kinder viel Zeit in bestimmten Moscheen oder Gebetsräumen verbringen; dort wurden sie von extremistischen Geistlichen so aufgehetzt, dass sie den blutigen Anschlag auf das französische Satiremagazin „Charlie Hebdo“ in Paris rechtfertigten. Mangels eines zentralen Ansprechpartners hat das Stuttgarter Ministerium aber darauf verzichtet, sunnitische Verbände ins Boot zu holen.

Nichts unter den Teppich kehren

Lehrerverbandspräsident Kraus rät Schulen, Probleme nicht aus Angst vor Imageschäden oder falscher Toleranz unter den Teppich zu kehren. „Ich empfehle das Thema offensiv anzugehen, denn es sickert doch immer etwas durch.“ Die Stuttgarter Erklärung dürfe nicht reine Symbolpolitik bleiben, fordert der Schulleiter aus dem bayrischen Vilsbiburg. Es müssten Projekte folgen, etwa Besuche in Synagogen, Moscheen oder Konzentrationslagern, wie er sie an seinem Gymnasium zur Pflicht gemacht hat.

Kein Religionskrieg im Klassenzimmer

Die Münchner „Abendzeitung“ greift das Thema in einem Kommentar auf und schreibt: „Dass die Landesregierung von Baden-Württemberg den Mut hat, auf das Tabu-Thema Antisemitismus in der Schule hinzuweisen, ist mindestens so wichtig wie staatstragende Erinnerungsreden, die viele Jugendliche ohnehin nicht interessieren. Viel zu lange haben die Schulen aus falsch verstandener politischer Korrektheit weggehört, hetzerische Begriffe – gegen Juden, Christen und andere ‚Ungläubige‘ – als Ausdruck der Jugendsprache verbrämt. Zur überfälligen Reaktion gehört auch, dass pädagogische Konzepte an neue Gegebenheiten angepasst werden: So ist etwa der Geschichtsunterricht in Deutschland fast immer auf Schüler ohne Migrationshintergrund angelegt, erreicht zum Beispiel muslimische Jugendliche kaum. Natürlich muss auch jenseits der Schulen am Problem gearbeitet werden, von Verbänden und Vereinen. Damit der Religionskrieg wenigstens nicht im Klassenzimmer entbrennt.

In unserer „Eltern-Welt“ finden Sie alles, was Eltern bewegt: Jetzt Facebook-Fan werden und mitdiskutieren!

Sie können mehr von den Nachrichten auf lesen quelle

Jugendschutz im Internet: Kinderseiten mit kritischem Inhalt

Breits Kinder können im Internet leicht auf Texte und Bilder stoßen, in denen Magersucht, Suizid oder Selbstverletzungen verherrlicht werden – zum Teil von Gleichaltrigen.

Emma ist erst zehn Jahre alt und berichtet von sieben Suizidversuchen. Ein anderes Mädchen, das sich Proanaskinnygirl nennt, will so dürr wie möglich werden und eine dritte Nutzerin fügt sich immer wieder selbst Schmerzen zu, indem sie sich ritzt. So unterschiedlich ihre Probleme auch sind, eines haben alle drei gemeinsam: Sie lassen viele andere Kinder und Jugendliche in sozialen Netzwerken und in Internet-Communitys daran teilhaben.

Verstöße gegen den Jugendschutz

Suizidgedanken, Berichte über Selbstverletzungen und Essstörungen sind in diesen Medien keine Seltenheit. Experten von jugendschutz.net haben allein im Februar und im März 2015 in sieben, bei Jugendlichen beliebten, Social-Web-Diensten und zwei Kinder-Communitys fast 450 entsprechende Beiträge gefunden, die gegen den Jugendschutz verstoßen. Neu sei die Erkenntnis, dass auch schon Seiten für Kinder betroffen sind, heißt es in einer Untersuchung, die das Schwerpunktthema des Jahresberichts von jugendschutz.net ist.

Schon Neunjährige schreiben Beiträge

90 Prozent der problematischen Beiträge stammten von Mädchen mit einem Durchschnittsalter von 15 Jahren. Die jüngsten Autorinnen waren erst neun Jahre alt. Die Kommission für Jugendmedienschutz (KJM) sehe diese Entwicklung mit großer Besorgnis, sagte der Vorsitzende Siegfried Schneider . „Wenn Kinder und Jugendliche Web-Dienste nutzen, müssen deren Betreiber auch dafür sorgen, dass sie dort sicher sind“, forderte er.

Kinder müssen vor gefährlichen Inhalten geschützt werden

„Wir müssen auf die Tatsache, dass immer jüngere Kinder das Internet nutzen, reagieren, um sie vor für sie gefährlichen Inhalten zu schützen“, sagte die rheinland-pfälzische Staatssekretärin im Jugendministerium, Margit Gottstein, die mit Schneider den Jahresbericht vorstellte. Ihr Haus vertritt die Jugendpolitik der Länder. So könnten Eltern etwa durch das Installieren entsprechender Schutzprogramme beeinflussen, welche Inhalte ihren Kindern im Netz zugänglich sind.

Kontrolle gestaltet sich schwierig

Doch ein Schutz ist aus Sicht von Experten schwierig. „Seiten zur Magersucht beispielsweise lassen sich noch verbieten, soziale Netzwerke wie Facebook aber nicht“, sagt Katharina Avemann vom Frankfurter Zentrum für Essstörungen. Außerdem erschwere die Tatsache, dass Kinder zunehmend Smartphones statt Computer nutzen, die Kontrolle, etwa durch die Eltern.

Laut einer Bitkom-Studie beginnt die Nutzung sozialer Netzwerke heute bereits mit zehn bis elf Jahren. Mit zwölf Jahren nutzt die große Mehrheit der Jugendlichen (85 Prozent) ein Smartphone.

„Vergleichen, kontrollieren, profilieren“

Avemann, Fachfrau für Prävention sieht Dienste wie WhatsApp & Co. kritisch. „Während früher die heimische Waage zur Gewichtskontrolle diente, tun dies heute zunehmend auch soziale Netzwerke. Sie sind eine Plattform, um sich zu vergleichen, zu kontrollieren und profilieren“, sagt sie.

„Krankhaftes Verhalten wird gestärkt“

Laut Studie fördern viele Beiträge das Nachahmen und Mitmachen. Nach den Recherchen der Jugendschützer wurden auf Instagram Abnehmpartner gesucht. Zudem riefen Jugendliche zur Gründung von WhatsApp-Gruppen auf, in denen Nutzer ihre Körpermaße oder Berichte über das Essverhalten veröffentlichen sollen.

Ohnehin gefährdete Kinder und Jugendliche, die auf solche Inhalte stoßen, fühlen sich demnach oftmals verstanden und ermutigt, weiter an ihrem Verhalten festzuhalten. „Verzerrte und idealisierende Darstellungen können krankhaftes Verhalten stärken“, warnen die Autoren.

Europäische Regelungen sind nötig

Die Reaktion auf die Kritik ist aus Sicht der Jugendschützer unzureichend. Nur 42 Prozent der kritischen Inhalte seien nach Hinweisen von jugendschutz.net innerhalb von zwei Wochen entfernt worden. Deutsche Anbieter reagierten häufiger als  ausländische. Letztere unterliegen laut Schneider in der Regel nicht den gesetzlichen Regelungen des Jugendmedienschutz-Staatsvertrages. „Angesichts der Tatsache, dass die bei Kindern und Jugendlichen beliebtesten Plattformen in diese Kategorie fallen, müsste man darüber nachdenken, Regelungen auch auf europäischer Ebene zu schaffen“, sagt er.

Sie können mehr von den Nachrichten auf lesen quelle

Darth Vader trägt Fahrradhelm: Ein Vorbild für Kinder?

Was wäre „Darth Vader“ ohne seinen schwarzen Helm? Mit dem behelmten Bösewicht aus der Kult-Serie „Krieg der Sterne“ will Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) Kinder und Jugendliche dazu bringen, sich nur mit Fahrradhelm aufs Rad zu schwingen.

Der Düstermann ist der Blickfang auf Plakaten, die ab jetzt in Berlin und anderen Großstädten zu sehen sind. Der Slogan der Kampagne lautet: „Die Saga geht weiter: Dank Helm.“

Zu wenige Kinder und Jugendliche radeln geschützt

Knapp jeder fünfte Radfahrer (17 Prozent) war nach Zahlen der Bundesanstalt für Straßenwesen 2014 mit Helm unterwegs. 2013 waren es erst 15 Prozent. Kinder zwischen sechs und zehn Jahren radelten zwar besonders oft mit Helm (69 Prozent), im Vergleich zum Vorjahr (75 Prozent) hatte sich die Quote aber verschlechtert. Bei den 11- bis 16-Jährigen trug knapp jeder Dritte einen Helm.

Ein Fahrradhelm kann Leben retten. Bei einem Sturz vom Fahrrad sind Kopfverletzungen die größte Gefahr. Nach einer Analyse, der Unfallforschung der Versicherer (UDV) mit dem Institut für Rechtsmedizin München und dem Uniklinikum Münster trugen 95 Prozent der bei Fahrradunfällen getöteten Radfahrer keinen Helm.

Selfies mit „Darth Vader“ gesucht

Mit der Plakataktion werden auch 1000 Helme verlost. Wer sich oder seine Freunde mit dem Plakat fotografiert und das Bild twittert (#dankhelm), nimmt mit seiner Klasse oder Kita-Gruppe an dem Gewinnspiel teil. „Der Helm gehört zum sicheren Radfahren dazu!“, sagte Dobrindt zum Start der Kampagne. Die Rechte an der Filmfigur wurden dem Ministerium zufolge kostenfrei zur Verfügung gestellt.

Sie können mehr von den Nachrichten auf lesen quelle

Organtransplantation: Schülerin erhält Spenderniere von Sportlehrerin

Es ist eine ungewöhnliche Kombination: Eine Sportlehrerin spendet ihrer Schülerin eine dringend benötigte Niere. Die Operation ist geglückt und die Jugendliche wieder auf der Schule. Sie hat nun große Pläne.

Manchmal lernt man in der Schule nicht nur fürs Leben, sondern bekommt das Leben gleich geschenkt: So geschehen in Detroit, wo Sportlehrerin Nadirah Muhammed ihrer kranken Schülerin A’Ja Booth eine Niere spendete. Nach geglückter Operation schritten die beiden nun Arm und Arm auf einem roten Teppich wieder in die High School West Side Academy.

„Ich bin gesegnet und dankbar“

Dort ließen ihre Mitschüler einen Konfetti-Regen auf die sichtlich gerührte A’Ja und die Lehrerin niederregnen. „Ich bin gesegnet und dankbar“, sagte die 18-Jährige, den Tränen nahe, bei ihrer Rückkehr.

Jahrelang musste das Mädchen drei Tage pro Woche früher den Unterricht verlassen, um sich einer Nierendialyse zu unterziehen. Ihre Erfahrungen flossen in ein Buch ein: „Meine Dialysereise“ heißt das Werk der Teenagerin, wie die Zeitung „The Detroit News“ meldete.

„Das war eine Selbstverständlichkeit“

Sportlehrerin Muhammad bekam dann im Mai 2014 mit, wie ein Kollege mit Booth über deren Buch redete. „Nachdem ich ihre Geschichte gelesen hatte, entschloss ich mich sofort dazu, freiwillig eine meiner Nieren zu spenden“, sagte die 39-Jährige der „Detroit Free Press“. „Wenn das mein Kind gewesen wäre, hätte ich gewollt, dass jemand das Gleiche tut. Das war eine Selbstverständlichkeit.“

Ungewöhnliche Kombination

Am 15. Dezember entnahm ein Ärzteteam am Henry-Ford-Krankenhaus in Detroit dann Muhammad eine Niere, legte das Organ in eine mit Eis gefüllte Lösung und rauschte damit zum fünf Kilometer entfernten OP-Saal einer Kinderklinik. Dort wartete A’Ja Booth schon.

Die Transplantation war ein Erfolg. Den Eingriff nahm der Chirurg Jason Denny vor. Er habe ja schon viele Kombinationen bei Spendern und Empfängern gehabt, sagte er. „Wir hatten Ex-Frauen, Bosse und deren Angestellte.“ Aber Schüler und Lehrer – das könnte eine Premiere sein.

A’Ja fühlt sich gesund und glücklich

Nach der geglückten Operation muss A’Ja Booth nun mehr als 20 Pillen pro Tag einnehmen. Einige sind dazu da, dass ihr Körper das neue Organ nicht abstößt. Trotzdem empfindet sie ihr neues Leben als großen Fortschritt. Sie fühle sich gesund und glücklich und freue sich auf die Zukunft, sagt die Jugendliche.

Erst mal steht am 8. Juni die High-School-Abschlussfeier an. Dann möchte A’Ja gerne an der Universität von Oakland studieren. Ihr Berufswunsch: Krankenschwester.

Sie können mehr von den Nachrichten auf lesen quelle

Jugendliche: Jugendstudie von Zukunftsinstitut zeigt drei Trends

Sind sie angepasste Spießer oder politisch engagierte Weltverbesserer? Die gegenwärtige Generation von Jugendlichen wächst in einer Phase massiver gesellschaftlicher Umbrüche auf und wird den Wandel weiter vorantreiben. Das Zukunftsinstitut von Matthias Horx hat aktuelle Erkenntnisse zusammengetragen und drei Trends identifiziert.

Zwar schrumpfe der Anteil Jugendlicher an der Gesellschaft, aber ihre Bedeutung nehme zu. Davon ist Christian Schuldt vom Zukunftsinstitut in Frankfurt überzeugt. Vor allem „als Seismographen gesellschaftlicher Wandlungsprozesse und als Vorreiter von Lebensweisen“, schreibt er in seiner Studie „Youth Economy“.

Jugendforscher erkennen drei Trends für die nähere Zukunft: Alte Menschen leben wie junge, auf der Karriereleiter überholen Frauen die Männer, materieller Besitz verliert an Bedeutung.

Ewige Jugend – auch für 70-Jährige

Jugendlichkeit sei ein „generationenübergreifendes Lifestyle-Prinzip“ geworden. 70-Jährige könnten in der digitalen Netzwerkgesellschaft auf die gleichen Lebensstile zurückgreifen wie 20-Jährige. Manch alter Mensch lebe jugendlicher als ein junger. Das Verhältnis zwischen den Generationen werde partnerschaftlicher. Jugendforscher Klaus Hurrelmann formuliert es so: „Junge Leute werden zu Experten im Umgang mit Offenheit und Unsicherheit. Dies färbt auf die ältere Generation ab.“

Generation Y: Kinder einer unsicheren Welt

Unsicherheit und Offenheit ist nach Ansicht Hurrelmanns prägend für die von 1985 bis 2000 geborenen jungen Leute. Terror, die Nuklearkatastrophe von Fukushima und eine „Welt, in der man noch nicht weiß, ob man in den Ausbildungs- und Arbeitsmarkt hineinkommt“, nennt er als Ursachen. Die Folge: „Eine suchende, sondierende Haltung, aber auch eine gewisse Wurschtigkeit. Das Richtige gibt es nicht mehr.“ Dazu komme das Digitale als Selbstverständlichkeit. Die Unterscheidung zwischen Real und Fiktiv erscheine der Generation Y als unsinnig. „Wenn ihr Smartphone ausfällt, ist die Welt weg.“

Generation Z: selbstbewusst und verwöhnt

Zur „Generation Z“ zählen Forscher Kinder und Jugendliche, die nach 2000/2001 zur Welt kamen. Sie sind nicht mehr von der Unsicherheitserfahrung geprägt. Dies gilt auch für den Arbeitsmarkt: „Künftig bewerben sich Firmen bei jungen Mitarbeitern, nicht umgekehrt“, ist Schuldt überzeugt. Dies färbe auf die Lebenseinstellung und die Mentalität ab, sagt Hurrelmann. Diese Generation werde selbstbewusster und ruhiger, „vielleicht auch ein bisschen verwöhnter“. Vorstellbar seien Haltungen wie bei der Null-Bock-Generation, aber auch mehr politisches Engagement. „Sie müssen sich nicht mehr so um ihr eigenes Verbleiben kümmern.“ Damit hätten sie den Kopf frei für gesellschaftliche Fragen.

Junge Frauen auf der Überholspur

Die Auflösung geschlechtsspezifischer Rollenbilder und Karrierepläne ist laut Schuldt bereits ein prägendes Merkmal bei Jugendlichen. „Junge Frauen sind heute technikaffiner denn je – und tendenziell besser ausgebildet als junge Männer.“ Dies schlage sich auch in den Studiengängen nieder, sagt Hurrelmann. „70 Prozent der Medizinstudenten sind weiblich.“ Viele Unternehmen merkten bereits, dass Frauen vom Berufsleben andere Vorstellungen hätten: „Sie wollen nicht um jeden Preis Karriere machen, sie wollen einen interessanten Arbeitsplatz, sie wollen allerdings auch Familie und Beruf miteinander verbinden, und sie wollen in Teams arbeiten und keine sturen Hierarchien.“

Nutzen statt besitzen

Die digital orientierte Jugend ist laut Schuldt Vorreiter der Sharing-Mentalität, die sich immer mehr an dem Prinzip „Nutzen statt Besitzen“ orientiert. „Nachdem die Wirtschafts- und Berufskrise in den Augen der jungen Leute weg ist, ist das Thema Umwelt wieder ganz oben auf der Rangordnung“, meint auch Hurrelmann. Dazu gehöre nicht nur eine sichere, natürliche Umwelt mit gesunder Ernährung und neuen Konsummustern, sondern Gesundheit als Maßstab. „Psychisch, körperlich, sozial flexibel und fit sein, das zählt ganz stark.“

Sie können mehr von den Nachrichten auf lesen quelle

Vergesslichkeit in der Pubertät

Wie ein roter Faden zieht sich die Schusseligkeit von Pubertierenden durch den Alltag: Hausaufgaben? Ups, vergessen. Den Sportbeutel? Oh, in der Schule liegen gelassen. Viel Verständnis, Unterstützung und kleine Organisationstricks helfen.

Fast zwei Wochen stand sein Fahrrad am Supermarkt. Mattes (13) hatte es dort beim Einkaufen abgestellt – und vergessen. „Ich bin danach zu Fuß nach Hause gegangen, hab‘ gar nicht mehr daran gedacht, dass ich mit dem Rad da war.“ Ständig passieren dem Jungen aus Bremen solche Dinge: „Ich weiß auch nicht, was mit mir los ist. Manche Sachen fallen mir eben einfach aus dem Kopf.“

„Strukturiertes Denken einfach nicht möglich“

„Das ist ganz normal für dieses Alter“, sagt Michael Schulte-Markwort, Direktor der Klinik für Kinderpsychatrie und -psychosomatik im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. In der Pubertät fänden große Umbauprozesse im Gehirn statt. Ein rundum organisiertes und strukturiertes Denken, so wie Erwachsene es kennen, sei jetzt einfach noch nicht möglich: „Die Verbindungen zwischen dem kontrollierenden und dem emotionalen System im Gehirn sind in der Pubertät noch sehr dünn und entwickeln sich erst bis zum 25. Lebensjahr vollständig.“

Eltern sollten sich nicht aufregen

Hinzu komme ein verändertes Zeitgefühl, sagt Schulte-Markwort: „Jugendliche haben Tage und Wochen nicht im Gefühl, sie leben sehr im Augenblick.“ Wer Teenager bittet, etwas über die vergangene Woche zu erzählen, erlebt meist großes Grübeln: „Und dann fangen sie mit Erlebnissen von gestern an, weil sie sich an mehr gar nicht erinnern.“ Auch das Wörtchen „gleich“, das Jugendliche auf die Bitte um Erledigungen gerne benutzen, sei zeitlich sehr dehnbar: „Die meinen wirklich gleich, auch wenn es dann in drei Stunden ist.“ Schulte-Markwort rät Eltern, sich darüber nicht aufzuregen, auch wenn es anstrengend ist.

Dinge fallen durchs Raster

Auch Dieter Scholz, Coach und Elternberater aus Gundelfingen bei Freiburg, rät Eltern zu Gelassenheit: „Für die Kinder selbst ist die Vergesslichkeit ja schon anstrengend genug, da müssen die Eltern nicht noch zusätzlichen Druck machen.“ Die Phase der Pubertät sei generell geprägt von so vielen Anforderungen und Einflüssen, dass es nur eine logische Konsequenz sei, wenn Dinge durch das Raster fallen.

„Gehirn ist mit anderen Sachen beschäftigt“

Dass in der nächsten Woche ein Zahnarzttermin ansteht, wird dann vielleicht einmal abgespeichert, abgerufen jedoch nicht: „Das Gehirn der Kinder ist mit anderen, wichtigeren Sachen beschäftigt“, sagt Elisabeth Raffauf, Diplompsychologin und Autorin des Ratgebers „Pubertät heute“ aus Köln. Viele Eltern fühlten sich dann persönlich angegriffen, wenn die Jugendlichen zum wiederholten Male genau das Gegenteil von dem tun, was sie kurz vorher noch versprochen haben. Die Folge sind Streitereien und persönliche Befindlichkeiten. Raffauf rät Eltern aber dringend dazu, entspannt zu bleiben und nicht gekränkt oder sauer auf Distanz zu gehen.

Balance zwischen Unterstützung und Freiheit finden

Doch wie geht man konkret mit der Vergesslichkeit um? Müssen Eltern zum Erinnerungsboten werden? „Warum nicht?“, fragt Scholz. „Wenn es den Eltern selbst wichtig ist, können sie doch kurz etwas sagen, anrufen oder eine SMS schreiben.“ Entscheidend dabei ist eine Balance zwischen Unterstützung und Freiheit: „Man darf den Kindern natürlich nicht den ganzen Tag hinterher telefonieren und alles managen. Sie dürfen ruhig noch eigene Erfahrungen machen.“ Raffauf empfiehlt Eltern, sich selbst darüber klar zu werden, bei welchen Ereignissen sie intervenieren und bei welchen nicht: Erinnerung an den Arzttermin ja, sich jedes Mal ins Auto schwingen und die Fußballschuhe nachbringen – nicht zwingend.

Unterstützung anbieten

Um ständigen Stress in der Familie zu vermeiden, sei ein grundsätzliches Gespräch geeignet. In ihm wird geklärt, wie man zukünftig mit Vergesslichkeit umgeht und diesen vorbeugt. „Fragen Sie Ihr Kind, welche Unterstützung es gebrauchen kann“, rät Scholz. Ob ein Zettel auf dem Küchentisch, ein Familienplaner, Erinnerungsnachrichten per WhatsApp oder eine abendliche Besprechung des kommenden Tages: „Probieren Sie verschiedene Sachen aus.“

Für Entspannung sorgen

Da Vergesslichkeit auch ein Zeichen von Überlastung sein kann, sei es zudem sinnvoll, den Terminkalender zu betrachten: „Allein die Ansprüche aus der Schule sind heute für viele Kinder schon eine enorme Belastung. Wenn dann noch viele Freizeitaktivitäten dazu kommen, läuft das Fass eben irgendwann über.“ Mehr Pausen, mehr Zeit für Müßiggang und Entspannung können den Teenagerkopf dann spürbar entwirren.

„Das hat nichts mit Verwöhnen zu tun“

Die Sporttasche auf Vollständigkeit kontrollieren, die Hausaufgaben durchgehen, an Klausuren erinnern: Mütter und Väter, die solche Aufgaben übernehmen, gelten schnell als Glucken. Schulte-Markwort sieht das anders: „Es ist toll, wenn Eltern ihre Kinder unterstützen, das hat überhaupt nichts mit Verwöhnen zu tun.“ Angst, dass die Jugendlichen so nicht selbstständig werden, bräuchten Eltern nicht haben: „Das passiert sowieso, mit oder ohne Hilfe. Mit geht es für alle Beteiligten nur deutlich angenehmer.“

Sie können mehr von den Nachrichten auf lesen quelle

Pöbeleien im Fall Tugce: Beschimpfungen als Teil der Jugendkultur?

Dem tödlichen Schlag gegen die Studentin Tugce sind üble Pöbeleien vorausgegangen. Was manchen Zuschauer in dem Darmstädter Gerichtsprozess schockiert, ist nach Einschätzung einer Expertin kein neues Phänomen. Es ist Teil von Jugendkulturen.

Beschimpfungen unter jungen Leuten seien kein neues Phänomen, sagt die Leiterin des Archivs der Jugendkulturen in Berlin, Gabriele Rohmann. „Dieses Verhalten von Jugendlichen zieht sich durch die Jahrzehnte des letzten Jahrhunderts mit unterschiedlichen Ausformungen.“ Jugendliche seien früher allerdings stärker darauf bedacht gewesen, herabsetzende Wörter nicht in Anwesenheit Erwachsener zu gebrauchen. „Es gibt schon Verrohungserscheinungen, die auch mit gesellschaftlichen Entwicklungen zu tun haben“, erläutert die Sozialwissenschaftlerin.

Der 18-jährige Sanel M. ist wegen Körperverletzung mit Todesfolge angeklagt. Ihm wird vorgeworfen, der 22 Jahre alten Studentin Tugce im November 2014 auf dem Parkplatz eines Fast-Food-Lokals im hessischen Offenbach so heftig ins Gesicht geschlagen zu haben, dass sie stürzte, mit dem Kopf hart aufschlug und später starb.

Kinder lernen von Erwachsenen

Beleidigungen seien keine Erfindung Jugendlicher, sondern sie lernten diese von Erwachsenen. Schon Grundschüler schnappten Schimpfwörter auf und nutzten sie, ohne immer die Bedeutung zu kennen. „Irgendwann merken sie dann, das hat eine Wirkung und setzten sie gezielter ein“, so Rohmann.

Junge Leute im Alter von Tugce und dem Angeklagten Sanel M. wollten andere mit Pöbeleien dagegen stoppen oder kränken. In Konfliktsituationen – so wie es sie im Fall Tugce wohl auf dem Parkplatz eines Schnellrestaurants in Offenbach gab – gehe es oft darum, mit Beschimpfungen Stärke und Dominanz zu zeigen. Nach dem Motto: „Wer ist der- oder diejenige, der oder die mehr zu sagen hat?“

Ein Schimpfwort kann auch eine Anerkennung sein

Welches Schimpfwort genutzt wird, hänge mit der Sozialisation, dem Habitus, dem Wissen und dem kulturellen Kontext zusammen. „Jemand, der die Mutter als sehr zentral, rein und untouchable (unantastbar) wahrnimmt, den trifft das härter, wenn jemand ‚Hurensohn‘ sagt.“ Auch die Musik, die viele Jugendliche hörten, sei voll mit Schimpfwörtern. „Damit wird aber auch gespielt in den Jugendbewegungen“, betont Rohmann. So könne ein Begriff wie „Bitch“ – übersetzt aus dem Englischen kann das Miststück oder Schlampe heißen – herabsetzend verwendet werden, aber auch für emanzipierte, starke Frauen stehen.

Sie können mehr von den Nachrichten auf lesen quelle

Johanna Wanka plädiert für Schulfach „Alltagswissen“

Ein Unterrichtsfach zur Vorbereitung auf die Herausforderungen des Alltags – dafür plädiert Bundesbildungsministerin Johanna Wanka. Außerdem ist die CDU-Ministerin, wie die meisten Deutschen, für den Erhalt der Schreibschrift.

„Das Fach ‚Alltagswissen‘ fände ich gut. Dort könnten die Schüler Dinge lernen, die für ihr praktisches Leben wichtig sind“, sagte Wanka der „Bild am Sonntag.“ Sie denke etwa an Fallen in Handyverträgen, handwerkliche Fähigkeiten, aber auch an Grundkenntnisse in richtiger Ernährung und Kochen. „Viele Jugendliche schauen mit Begeisterung Kochsendungen, können aber ohne Mikrowelle keine Lebensmittel mehr zubereiten.“

Die Einführung des Fachs „Benehmen“, für die sich in einer Umfrage 75 Prozent der Deutschen ausgesprochen haben, hält Wanka dagegen nicht für nötig: „Bestimmte Verhaltensweisen – Pünktlichkeit, Höflichkeit – sind nicht nur in der Schule, sondern auch in Beruf und Gesellschaft wichtig. Ich halte es für richtig, dass sie in der Schule nicht nur vermittelt, sondern auch bewertet werden. Aber wir brauchen kein eigenes Schulfach dafür.“

„Es muss noch was getan werden“

Wanka drängt angesichts des bundesweit immensen Unterrichtsausfalls darauf, auch wirklich zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung auszugeben: „Unterrichtsausfall ist quer durch die Republik ein großes Problem. Eine gute Lehrerversorgung muss sichergestellt sein. Wer da zu knapp kalkuliert, riskiert, dass in manchen Klassen ganze Themenblöcke nicht behandelt werden und die Schüler zurückfallen“, sagte die Ministerin der „BamS“.

2008 wurde zwischen Bund und Ländern verabredet, dass zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts für Bildung ausgegeben werden. „Derzeit stehen wir bei neun Prozent, es muss also noch etwas getan werden“, sagte Wanka.

„Schreibschrift fördert Feinmotorik“

Zum derzeit umstrittenen Thema Schreibschrift (Finnland hatte sie abgeschafft) sagte Wanka: „Bei uns gibt es Tendenzen, sie abzuschaffen, weil es auf den ersten Blick leichter wirkt, gleich Druckbuchstaben zu benutzen. Das wäre ein Fehler. Wir müssen die Schreibschrift retten.“ Studien würden belegen, dass bewusster schreibe, wer Schreibschrift schreibe. „Schreibschrift fördert außerdem die Feinmotorik und das logische Denken.“

Auch eine deutliche Mehrheit von 83 Prozent der Deutschen will, dass Schüler weiterhin die Schreibschrift erlernen, wie eine Emnid-Umfrage für die Zeitung ergab. Bei jüngeren Befragten (14 bis 29 Jahre) plädieren nur 59 Prozent dafür.

Die Bildungshoheit haben allerdings die Länder. Die meisten geben den Schulen bei dem Thema bisher freie Hand, mehr und mehr Schulen verzichten auf die Schreibschrift.

Sie können mehr von den Nachrichten auf lesen quelle

Deutscher Schulpreis 2015 für Gesamtschule Barmen

Aus dem sozialen Brennpunkt in Nordrhein-Westfalen auf die große Bühne in Berlin: Die Gesamtschule Barmen in Wuppertal hat den mit 100.000 Euro dotierten Deutschen Schulpreis 2015 gewonnen. Die Begründung der Jury: Etwas mehr als die Hälfte der 1361 Schüler wachse mit nur einem Elternteil auf, ein Drittel habe ausländische Wurzeln. Trotz der so unterschiedlichen Startbedingungen gelinge es den Lehrern, die Schüler zu besseren Leistungen zu führen als von der Grundschule am Ende der vierten Klasse prognostiziert, hieß es bei der Preisverleihung mit Kanzlerin Angela Merkel (CDU).

Obwohl nur 17 Prozent der Barmener Jugendlichen eine Empfehlung fürs Gymnasium erhielten, wechseln rund 60 Prozent in die gymnasiale Oberstufe, meist mit Erfolg. Seit Jahren habe kein Jugendlicher die Schule ohne Abschluss verlassen.

Der Erziehungswissenschaftler Michael Schratz, Sprecher der Schulpreis-Jury, lobte: „Die Lehrer fordern die Kinder und Jugendlichen heraus, sie führen sie gezielt an ihre Leistungsgrenzen – und darüber hinaus.“ Dazu setzen die Lehrer sehr verschiedene Methoden des individuellen Lernens ein. Besonders beeindruckt war die Jury vom hervorragenden Schulklima.

Merkel: Schüler lernen heute „Selbstbewusstsein und Ausprobieren“

Nach den Worten der BUndeskanzlerin sollten Schüler vor allem lernen, „die richtigen Fragen zu stellen und sich mit Hilfe der Antworten in ein neues Gebiet hineinzubewegen“. Ihr imponiere angesichts der nominierten Schulen, dass den Kindern und Jugendlichen heutzutage „Selbstbewusstsein, Ausprobieren, Erfahrung sammeln und Teamwork“ vermittelt würden.

Vier weitere Schulen ausgezeichnet

Vier weitere Schulen wurden in Berlin für vorbildliche Konzepte und Leistungen mit je 25.000 Euro belohnt: die Grundschule am Buntentorsteinweg in Bremen, das Ganztags-Gymnasium Klosterschule in Hamburg, die Jenaplanschule in Rostock sowie die Waldschule der Stadt Flensburg. Der ebenfalls mit 25.000 Euro dotierte „Preis der Jury“ ging an die Berufsschule Don Bosco in Würzburg.

Insgesamt 15 Schulen aus zehn Bundesländern hatten sich um die sechs Auszeichnungen des Deutschen Schulpreises 2015 beworben. Die Jury bewertete sechs „Kennzeichen für gute Schulqualität“: Leistung, Umgang mit Vielfalt, Unterrichtsqualität, Verantwortung, Schulleben und Schule als lernende Institution. Die Robert-Bosch-Stiftung und die Heidehof-Stiftung vergeben den Preis seit 2006 in Zusammenarbeit mit dem Magazin „Stern“ und der ARD.

Beispiele für vorbildliche Konzepte unter den nominierten Schulen:

  • Gorch-Fock-Schule Kiel: Diese Schule sagt von sich: „Wir leben Inklusion“. In sechs der acht Grundschulkassen werden Jungen und Mädchen mit Förderbedarf im geistigen oder körperlichen Bereich mit den anderen Grundschulkindern gemeinsam unterrichtet. Es gibt keinen Schulgong, der die Arbeitszeiten zwangsweise unterbricht. „Wir haben Ruhe im Schulalltag“, heißt es. Die 45-Minuten-Taktung der Stunden wurde aufgebrochen, unterrichtet wird in 60-Minuten-Blöcken. So könnten die Kinder besser gemäß den entwicklungsgemäßen Bedürfnissen lernen.

  • Die Waldschule Flensburg wurde bereits mit mehreren Preisen ausgezeichnet. „In der Waldschule legen wir Wert auf eine offene und fröhliche Atmosphäre“, heißt es im pädagogischen Konzept. 300 Kinder lernen auf unterschiedlichen Leistungsebenen nach individuellen Plänen, die dem einzelnen Kind gerecht werden sollen. Das Motto: Es ist normal, verschieden zu sein. Hochbegabte und langsam lernende Kinder können gemeinsam zu Erfolgen kommen, so die Überzeugung. Sie lernen in Klassen, die bewusst heterogen zusammengesetzt sind.

  • Die Klosterschule Hamburg-St. Georg ist seit 1992 Ganztagsgymnasium und damit nach eigenen Angaben die älteste Schule dieser Art in der Hansestadt. Zu ihren Besonderheiten zählten positive Schulatmosphäre, Studienzeiten statt Hausaufgaben und eine „Rhythmisierung“ des Schulalltags. Dadurch hätten alle rund 1000 Schüler unabhängig vom sozialen Hintergrund und Bildungsstand der Eltern Lernerfolge. „Das ist wissenschaftlich nachgewiesen“, sagt Direktor Ruben Herzberg.

  • Die Grundschule am Buntentorsteinweg Bremen hat 250 Schüler. „Wir setzen Inklusion um, indem wir jedem Kind den passenden Lernweg zu geben versuchen“, sagt Schulleiterin Meike Baasen. Jedes Kind solle seine individuellen Fähigkeiten und Möglichkeiten auch umsetzen können. „Es geht nicht um Förderung, sondern um die Anerkennung, dass jedes Kind eine eigene Entwicklung hat und dass jedes Kind entsprechend seiner Entwicklung lernen muss.“ Selbstständiges Lernen und Lernzielorientierung werden an der Grundschule groß geschrieben.

  • Das Ernst-Moritz-Arndt-Gymnasium Osnabrück sieht laut Schulleiter Hartmut Bruns schon die Nominierung als positives Zeichen für die Gymnasien. Seine Schule lebe Integration, sagt Bruns: Schüler aus 53 Nationen würden unterrichtet. Zu Beginn des Schuljahres habe er fünf Schüler aus Syrien, Kasachstan und Russland aufgenommen, die noch kein Deutsch konnten und die besonderen Sprachunterricht erhalten. „Wir versuchen, das irgendwie hinzukriegen. Und wenn sich die Schüler wohlfühlen, dann arbeite ich gerne.“

Sie können mehr von den Nachrichten auf lesen quelle

background