Kategorie -Studien für junge Leute

Im rechtsextremen Dunkelfeld

Berlin – Wolfgang Schäuble schien ehrlich schockiert: “Dass die Zahlen hoch sind, war ja bekannt. Aber dass sie so hoch sind, das hat mich erschreckt.”

5,2 Prozent der 15-Jährigen im Land sollen rechtsextrem sein, 3,8 Prozent sogar einer einschlägigen Gruppierung angehören – die Werte, die der Kriminologe Christian Pfeiffer gerade neben dem Bundesinnenminister in der Bundespressekonferenz vorgestellt hatte, sind in der Tat dramatisch.
Sie sind das Ergebnis einer groß angelegten Studie der Schäuble-Behörde und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen (KFN).

Rechtsextremisten in Altenburg: Erfassung des Dunkelfeldes

Noch dramatischer erscheinen sie, führt man sich die absoluten Zahlen vor Augen, die sich hinter den Prozentgrößen verbergen. Denn wenn die Erhebungen der Forscher aus Hannover stimmen, sind allein von den deutschen Neuntklässlern mehr als 30.000 rechtsextrem organisiert. Kann das sein?

“Die Zahlen haben mich stutzig gemacht”, sagt Eberhard Seidel, Geschäftsführer der Initiative “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage”. Seine Zweifel rühren nicht allein aus der täglichen Erfahrung in einem Projekt, das bundesweit mit rund 540 Schulen und etwa 400.000 Schülern zusammenarbeitet. Seidel verweist auf den jüngsten Bericht des Bundesamtes für Verfassungsschutz. Der Inlandsgeheimdienst schätzt die Zahl aller Rechtsextremisten im Land auf insgesamt 31.000. Darunter fallen Neonazis, Parteimitglieder von NPD und DVU, sonstigen rechtsextremen Organisationen oder nicht-organisierten Subkulturen.

Die nun veröffentlichte Studie werfe die Frage auf, ob der Geheimdienst das rechtsextreme Potential in Deutschland seit Jahren verharmlose oder aber die niedersächsischen Wissenschaftler unsauber gearbeitet haben, sagt Seidel. “Dramatisiert der Forschungsbericht die Lage im Land unnötig oder ist die innenpolitische Bedrohungslage tatsächlich viel größer, als der Staat bisher zugegeben hat?” Diese Frage müsse geklärt werden, bevor irgendwelche Schlüsse aus der Studie gezogen würden.

Das KFN hatte im Rahmen einer umfassenden Jugendgewaltstudie in den vergangenen beiden Jahren mehr als 20.000 Neuntklässler aller Schulformen zu möglichen rechtsextremen Einstellungen befragt. Sie waren im Schnitt 15 Jahre alt und lebten in bundesweit 61 repräsentativ ausgewählten Landkreisen.

Die Frage nach der Mitgliedschaft in einer “rechten Gruppe oder Kameradschaft” gehörte zu einem ganzen Fragenkatalog, in dem es um Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus und rechtsextreme Einstellungen und Verhaltensmuster ging.

Zweifel an seinem Zahlenwerk weist KFN-Direktor Pfeiffer zurück: “Wir halten unsere Ergebnisse für sehr realistisch.” Die Divergenzen zu den Angaben im Verfassungsschutzbericht erklärt der Kriminologe mit Unterschieden zwischen dem sogenannten Hell- und Dunkelfeld. “Wir erfassen auch das Dunkelfeld und damit jene, die der Verfassungsschutz nie erfassen würde”, sagt Pfeiffer.

Grundsätzlich jedoch bestätige die Studie jene Trends, die auch der Verfassungsschutz feststelle. So sei der Anteil der rechtsextremen Teenager im Osten der Republik höher als in anderen Landesteilen, zudem seien Haupt- und Förderschüler besonders anfällig für braunes Gedankengut, elterliche Gewalterfahrungen, Alkoholkonsum und der Konsum gewalthaltiger Medien gehörten ebenfalls zu den Belastungsfaktoren.

Das Bundesinnenministerium erklärte am Mittwoch auf Nachfrage von SPIEGEL ONLINE, dass eine “unmittelbare Vergleichbarkeit” der Studienergebnisse und der Angaben des Verfassungsschutzes “von vornherein” ausscheide. In einer Stellungnahme heißt es, dass das vom Geheimdienst genannte rechtsextreme Personenpotential jene Personen umfasse, “bei denen sich eine Zugehörigkeit zu rechtsextremistischen Organisationen objektiv feststellen lässt”.

Das Forschungsprojekt dagegen stelle nicht auf den Organisationsgrad von Jugendlichen in rechtsextremen Gruppierungen, sondern auf “das subjektive Zugehörigkeitsgefühl der Befragten, ihre persönliche Affinität zur rechten Szene” ab. Es sei ein großer Unterschied, erklärte das Ministerium von Schäuble, “ob Jugendliche eine gewisse Affinität verspüren oder in festen Strukturen organisiert sind”.

Zur endgültigen Klarheit trägt die Erklärung allerdings nur bedingt bei: Zwar handelt es sich bei den Angaben der Schüler in der Tat um schwer nachprüfbare Selbstauskünfte der Jugendlichen. Gefragt wurde jedoch ausdrücklich nicht nur nach einer Affinität oder einem Zugehörigkeitsgefühl, sondern explizit nach der Mitgliedschaft in einer rechten Gruppierung oder Kameradschaft. Gleichzeitig erkundigten sich die Forscher bei den Schülern auch nach der Mitgliedschaft in demokratischen sozialen oder politischen Organisationen. Ergebnis: Der Zulauf ist bei rechtsextremen und demokratischen Gruppen fast gleich.

Am Ende bleibt bei allen Tücken der Methodik vor allem eine Feststellung, die auch das Innenministerium teilt: Das Ergebnis gibt “Anlass zu erheblicher Sorge”. Schäuble sei der Auffassung, “dass eine frühzeitige Intervention notwendig ist”.

Wie diese aussehen könnte, dass wollen die Forscher aus Niedersachsen nun anhand der gewonnen Daten herausfinden. Kriminologe Pfeiffer ist sich sicher: “Die Studie eröffnet ungeheure Chancen.”

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Krankenhaus-Einweisungen schrecken wenig ab

Krankenhauseinweisungen wegen Alkoholmissbrauchs haben einer Studie zufolge kaum eine abschreckende Wirkung auf Jugendliche. Rund 17 Prozent behielten ihr Trinkverhalten nach einer Alkoholvergiftung bei oder steigerten es sogar, wie die Gmünder Ersatzkasse (GEK) bei der Vorstellung der Untersuchung berichtete. 83 Prozent der Jugendlichen mit der Erfahrung einer Alkoholvergiftung tranken später eigenen Angaben zufolge zwar weniger, konsumierten aber immer noch weitaus häufiger und mehr Alkohol als andere Jugendliche.

Jugendlicher Alkoholkonsum: Zahl der Krankenhauseinweisungen aufgrund von Alkoholmissbrauch hat sich in den letzten Jahren verdoppelt

Für die Studie hatte das Hannoveraner Institut für Sozialmedizin, Epidemiologie und Gesundheitsforschung (ISEG) 1168 bei der GEK versicherte Jugendliche im Alter zwischen 14 und 20 Jahren befragt, die in den vergangenen drei Jahren mindestens einmal wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus gelandet waren. Außerdem wurde eine ähnlich große Gruppe von Gleichaltrigen ohne entsprechende Erfahrung einbezogen.

Krankenhausaufenthalte wegen Alkoholmissbrauchs hatten demnach nur begrenzte Effekte auf das anschließende Trinkverhalten. So hatten die Jugendlichen, die bereits einmal wegen einer Alkoholvergiftung im Krankenhaus waren, in den vergangenen 30 Tagen mit 10,5 Mal häufiger und auch mehr Alkohol getrunken als Gleichaltrige, die im statistischen Durchschnitt nur 6,2 Mal zu Bier, Schnaps, Wein oder Ähnlichem gegriffen hatten. Fast jeder Dritte hatte exzessives Trinken, das so genannte Binge Drinking, praktiziert. Bei den Jugendlichen ohne Vergiftungserfahrung waren es hingegen nur 13 Prozent.

Knapp 20 Prozent der wegen Alkoholvergiftungen behandelten Jugendlichen gaben an, Alkohol bereits vor dem zwölften Lebensjahr konsumiert zu haben. Im Freundeskreis spiele Alkohol eine zentrale Rolle.

Laut GEK steigt die Zahl der 15- bis 19-Jährigen, die wegen Alkoholmissbrauchs behandelt werden, seit 20 Jahren stetig an. Seit 2002 habe sich der Anteil der behandelten Mädchen und Jungen sogar mehr als verdoppelt. So stieg die Behandlungsrate bei Mädchen von 18 auf 37 pro 10.000 Versicherte, bei gleichaltrigen Jungen von 24 auf 52 pro 10.000 Versicherte.

Nach Angaben der Autorin der Studie, Eva Bitzer, lässt sich der drastische Anstieg nicht allein dadurch erklären, dass heutzutage Krankenhäuser eher in Anspruch genommen werden. Die Ergebnisse belegten einen komplexen Trend, der durch die bisherige Diskussion oder vereinzelte gesetzgeberische Maßnahmen wie die Alkopopsteuer im Jahr 2004 weder gebremst noch umgekehrt worden sei, erläuterte sie.

GEK-Chef Rolf-Ulrich Schlenker vertrat die Auffassung, Verbotsstrategien wie Alkoholverbote in Innenstädten seien auf Dauer keine Lösung. Stattdessen müsse eine “Präventionskultur” gefördert werden. Die GEK setze deshalb auf jugendgerechte Information, Sportförderung und jugendärztliche Betreuung.

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Zahl der dicken Mädchen in Deutschland steigt rasant

Berlin – 2001 waren 5,5 Prozent der 15-jährigen Mädchen in Deutschland fettleibig. 2006 hatte sich der Anteil auf elf Prozent verdoppelt.
Das geht aus einer Gesundheitsstudie hervor, die die Organisation für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Dienstag veröffentlicht hat.

Damit ist der Anteil so schnell gestiegen wie in keinem anderen OECD-Land – nicht einmal in den USA. Allerdings betrug dort der Anteil fettleibiger 15-jähriger Mädchen im Jahr 2006 sogar 26 Prozent, fünf Jahre zuvor waren es noch 15 Prozent. Ein wenig besser sieht es bei den deutschen Jungen aus: Hier stieg der Anteil der Fettleibigen zwischen 2001 und 2006 von 13,7 auf 16 Prozent. Damit liegt Deutschland bei den Mädchen knapp über dem OECD-Durchschnitt von 10,1 Prozent, bei den Jungen (17,2 Prozent) darunter.

Die Organisation macht vor allem die ungesunde Lebensweise für den drastischen Trend verantwortlich: Die Jugendlichen in Deutschland bewegen sich vergleichsweise wenig und essen nur selten Obst, führt die OECD-Studie an. Außerdem habe der Anteil der rauchenden Frauen in den vergangenen Jahren zugenommen: Bei 15-jährigen Mädchen etwa liege Deutschland mit einem Raucherinnenanteil von 22 Prozent nach Österreich und Tschechien an dritter Stelle in der OECD.

Doch es gibt auch gute Nachrichten: Die OECD bescheinigt Deutschland ein leistungsfähiges Gesundheitssystem, das eine Versorgung für nahezu die gesamte Bevölkerung gewährleiste. Allerdings gebe Deutschland der Studie zufolge im Vergleich zu anderen Ländern, die eine ähnlich breite Versorgung bieten, verhältnismäßig viel Geld aus. Wichtige Kostenfaktoren seien “viele Krankenhausbetten, hohe Ausgaben für Medikamente, relativ hohe Ärztehonorare und überdurchschnittlich hohe Verwaltungskosten”. In der Krankenpflege seien – auch aufgrund der dort eher mäßigen Bezahlung – Engpässe zu befürchten.

Außerdem hat Deutschland nach Angaben der Studie mit 1,5 Allgemeinmedizinern je 1000 Einwohner eine deutlich höhere Ärztedichte als die OECD-Länder im Schnitt (0,9 Allgemeinmediziner je 1000 Einwohner). Mit 7,5 Arztbesuchen pro Jahr und Einwohner gehen die Menschen in Deutschland etwas häufiger zum Arzt als im OECD-Mittel (6,8 Arztbesuche pro Einwohner und Jahr). Allerdings hat in hierzulande die Zahl der Arztbesuche so schnell zugenommen wie in fast keinem anderen OECD-Land.

Lebenserwartung: Platz 14

Im Jahr 2007 gab Deutschland laut OECD 10,4 Prozent seiner Wirtschaftsleistung für die Gesundheitsversorgung aus. Dies war nach den USA, Frankreich und der Schweiz der höchste Wert. Die kaufkraftbereinigten Ausgaben pro Kopf liegen hierzulande um 20 Prozent über dem OECD-Schnitt. “In vielen OECD-Ländern sind die Menschen gesünder, leben länger und das bei geringeren Kosten”, so die OECD. So liege die deutsche Bevölkerung bei der Lebenserwartung nur auf Platz 14. Hier führen Japan, die Schweiz und Australien. Bei Herzinfarkt und unterschiedlichen Krebsleiden liegt die Todesrate mal knapp über, mal unter dem OECD-Schnitt. Auch die Kindersterblichkeit ist etwa so hoch wie im Mittel.

Trotz eines erheblichen Rückgangs in den vergangenen Jahren hat Deutschland im Verhältnis zur Bevölkerung sehr viele Krankenhausbetten. Auf 1000 Einwohner kommen laut OECD 5,7 Betten – bezogen auf die Bevölkerung ist dies nach Österreich und Frankreich die höchste Zahl. Im OECD-Schnitt sind es 3,8 Betten. Das deutlich dünner besiedelte und damit schwerer zu versorgende Schweden komme mit 2,1 Krankenhausbetten je 1000 Einwohner aus. Nach den Japanern seien die Menschen in Deutschland diejenigen, die sich am längsten im Krankenhaus aufhalten. Bei der Zahl der Einweisungen liegt Deutschland auf Platz drei.

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Wer früh ins Bett geht, hat seltener Depressionen

Unzureichender Schlaf macht nicht nur müde, sondern kann auch zu Depressionen führen. Das wissen Psychologen schon länger, und nun hat es sich in einer Studie mit knapp 16.000 Teilnehmern in den USA bestätigt. Forscher der Columbia University New York hatten Schlafgewohnheiten und auch psychische Probleme wie Depressionen oder Selbstmordgedanken von Jugendlichen erfasst. Auch die Eltern der Jugendlichen wurden befragt.

Die statistische Auswertung ergab, dass Befragte, die früh zu Bett gehen, ein deutlich geringeres Depressionsrisiko hatten. Wenn die Eltern ihren Kindern erlaubten, statt spätestens 22 Uhr erst nach Mitternacht schlafen zu gehen, dann litten 24 Prozent der Jugendlichen häufiger unter Depressionen. Selbstmordgedanken traten im Vergleich zu den Jugendlichen mit 22 Uhr Nachtruhe um 20 Prozent öfter auf, berichteten James Gangwisch und seine Kollegen im Fachblatt “Sleep”.

54 Prozent der Eltern hatten angegeben, dass ihre Kinder an Wochentagen bis 22 Uhr ins Bett müssen. Bei 21 Prozent ist um 23 Uhr Nachtruhe, 25 Prozent der Eltern schicken ihren Nachwuchs erst um Mitternacht oder später schlafen.

Der Zusammenhang von Schlafzeit und Depressionen spiegelte sich auch in den Auskünften der Jugendlichen wider: Diejenigen, die nach eigener Aussage regelmäßig fünf oder weniger Stunden pro Nacht schliefen, hatten ein um 71 Prozent erhöhtes Depressionsrisiko im Vergleich zu Acht-Stunden-Schläfern. Suizidgedanken traten um 48 Prozent häufiger auf.

Umgang mit Freunden beeinträchtigt

“Unsere Erkenntnisse sind konsistent zu der Theorie, dass ungenügender Schlaf ein Risikofaktor für Depressionen ist”, sagte Gangwisch. Ausreichender Schlaf könne als Präventionsmaßnahme genutzt werden.

Es gebe eine Reihe möglicher Mechanismen, die den Zusammenhang von Schlafmangel und Depressionen erklären könnten, erklärt Gangwisch. Müdigkeit könne die Stressbewältigung erschweren und auch den Umgang mit Freunden. Zudem würden Urteilsvermögen und Konzentration beeinträchtigt.

Weil die Forscher allein einen statistischen Zusammenhang (Korrelation) von Schlafdauer und Depression festgestellt haben, kommt jedoch auch eine ganz andere Erklärung in Frage: Womöglich fügen sich psychisch stabilere Jugendliche eher einer frühen Nachtruhe als jene, die zu Depressionen neigen.

Als durchschnittliche Schlafdauer ermittelten die Forscher übrigens sieben Stunden und 53 Minuten. Dies liege ein ganzes Stück unter der Empfehlung der American Academy of Sleep Medicine von mindestens neun Stunden.

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Generation der Pessimisten

Hamburg – Würde man Deutschland eine Schulnote dafür geben, wie es sich um seine Kinder und Jugendlichen kümmert, dann würde dabei so etwas wie eine 3+ herauskommen: nicht wirklich brillant, aber auch nicht wirklich schlecht. Guter Durchschnitt, solides Mittelfeld. Es könnte besser sein – aber in vielen Bereichen auch deutlich schlechter.

Die zweite internationale Unicef-Vergleichsstudie zur Lage der Kinder kommt zu dem Ergebnis, dass Deutschland Platz acht von 21 im Vergleich der Industrieländer belegt. Die Untersuchung der Soziologen Hans Bertram und Steffen Kohl hat die Situation anhand von sechs Faktoren verglichen:

  • materielles Wohlbefinden
  • Gesundheit und Sicherheit
  • Bildung und Ausbildung
  • Beziehungen zu Familie und Gleichaltrigen
  • Verhaltensrisiken
  • Subjektives Wohlbefinden

Immerhin hat sich Deutschland im Vergleich zur vorangegangenen Studie von 2007 um drei Plätze verbessert. Spitzenreiter in dem Wettbewerb um das Engagement der Staaten für die Kinder und Jugendlichen waren erneut die Niederlande – sie gingen als kinderfreundlichstes Land aus der Untersuchung hervor. Im Gesamtvergleich schneiden auch Schweden, Finnland, Norwegen und Dänemark sowie Spanien und die Schweiz besser ab als Deutschland.

Anders als beispielsweise die Pisa-Studie versucht die Untersuchung, die verschiedenen Lebensbereiche der Kinder zu integrieren und somit ein umfassendes Bild ihrer Situation zu zeichnen. Materielle, soziale und leistungsbezogene Einschätzungen werden mit der subjektiven Wahrnehmung verbunden.

Besorgniserregend ist trotz zahlreicher Fortschritte vor allem ein Faktor: In keinem anderen untersuchten Industrieland sehen die Jugendlichen ihrer Zukunft so pessimistisch entgegen wie in Deutschland. Knapp 25 Prozent erwarten, dass sie nach Beendigung der Schule und der Ausbildung Arbeiten ausüben werden, die gering bezahlt werden. Jeder vierte junge Mensch sieht schwarz für die eigene Zukunft. Dabei liegt die Arbeitslosigkeit bei Jugendlichen in Deutschland niedriger als in den meisten anderen OECD-Ländern.

Die Aussicht auf die Zukunft: düster

So hätten die Teenager in den USA weit größeren Anlass, schwarz zu malen – tun es aber nicht. Die Vereinigten Staaten schneiden im Gesamtvergleich der Arbeitslosigkeit junger Erwachsener am schlechtesten ab. “Aber im Gegensatz zu den deutschen Jugendlichen meinen die amerikanischen: Yes, we can!”, sagt der Soziologe Hans Bertram SPIEGEL ONLINE. Nur neun Prozent der Teenager in den USA haben eine negativ geprägte Erwartung hinsichtlich ihrer Zukunftschancen. Sie hätten allen Grund, sich zu sorgen, sind aber die optimistischsten. “Und der eigene Optimismus ist schon die halbe Miete”, so Bertram.

Die deutschen Kinder und Jugendlichen könnten demgegenüber eigentlich beruhigt sein: das deutsche Ausbildungssystem erreicht mehr Kinder und Jugendliche als der Durchschnitt der europäischen Länder. Anders als beispielsweise in Großbritannien, fallen die Mädchen und Jungen hierzulande nicht so schnell durchs Netz – und ohne Alternative von der Schule. Der Anteil der Kinder und Jugendlichen, die sich in Schule oder Ausbildung befinden, liegt bei 92,4 Prozent. Nur in Polen ist die Situation noch besser. In Großbritannien besuchen dagegen nur 75,5 Prozent eine Ausbildungseinrichtung.

Und auch die Qualität der Bildung kann sich in Deutschland dem Bericht zufolge sehen lassen. Nach dem schlechten Abschneiden bei der Pisa-Studie hat Deutschland einiges getan, neuere Daten belegen Leistungsverbesserungen vor allem in den Bereichen Mathematik und Naturwissenschaften.

Die Erwartungen der Jugendlichen an ihren Job: gering

Trotz der objektiv guten Bedingungen sorgen sich die Jugendlichen, was aus ihnen wird. Diese Schlussfolgerung wird durch die Ergebnisse einer weiteren Dimension belegt. Auch die subjektive Lebenszufriedenheit der Kinder und Jugendlichen hat sich verschlechtert. Deutschland ist von dem zwölften auf den 18. Platz abgerutscht – es ist der viertletzte im Ranking.

Die junge Generation zeichnet ein besonders dunkles Bild von sich und ihrer Situation. Sechs Prozent der Kinder sagen, sie seien Außenseiter. Elf Prozent der befragten 15-jährigen Schülerinnen und Schüler geben an, sich “unbehaglich und fehl am Platz” zu fühlen. Etwa jeder Dritte fühlt sich “alleine”. Die Daten zeigen, dass ein Teil der Jugendlichen sich in dieser Gesellschaft nicht akzeptiert fühlt. Fast jeder Dritte der befragten Elf-, 13- und 15-Jährigen ist nach eigenen Angaben schon einmal von anderen Jugendlichen gemobbt oder drangsaliert worden.

Die Autoren sprechen in diesem Zusammenhang von einem “fast depressiven Zukunftsbild”. Geben die Erwachsenen den Kindern keine Möglichkeit, den Glauben an sich selbst und an ihre eigene Leistungsfähigkeit zu entfalten? Verkünden Politik, Medien und Wissenschaft ein Weltbild, das zur Folge hat, dass die Jugendlichen voller Selbstzweifel sind? Sind die Deutschen gar notorische Schwarzmaler, die stets von Problemen, nie aber von Lösungen sprechen?

Die Erwartungen der Eltern an die Kinder: riesig

“Auffällig ist, dass die Zukunftsaussichten der einzige Aspekt sind, bei dem Deutschland den letzten Platz einnimmt”, sagt Steffen Kohl SPIEGEL ONLINE. Auch Wissenschaftler Bertram bezeichnet den Pessimismus der Jugendlichen als das augenfälligste Ergebnis der Studie. “Wir Erwachsenen projizieren unsere eigenen Ängste in die nächste Generation”, sagt Bertram. Die Deutschen würden ihre gesellschaftspolitischen Sorgen schlicht vererben.

“Anstatt unseren Kindern zu vermitteln, dass Schule Spaß macht, setzten wir sie unter enormen Leistungsdruck”, schätzt Bertram die Ergebnisse ein. “Die Erwartungen sind immens: Englischunterricht im Kindergarten, andere Fremdsprachen in der Grundschule. Die Kinder selbst haben Angst, zurückzubleiben. Sie erfüllen die Leistungserwartungen, aber sie merken, dass sie es zunehmend nicht mehr schaffen.”

Somit halten die Ergebnisse der Unicef-Studie zugleich auch den Erwachsenen den Spiegel vor: Die Untersuchung zeigt, was im Umgang mit Kindern in Deutschland schief läuft. “Wir sind in den letzten Jahren in einen Pessimismus reingerutscht”, erklärt Bertram. “Und als Erwachsene, als Eltern und Lehrer müssen wir uns fragen, ob wir die Erwartungen so hoch schrauben, dass die Kinder schlicht nicht mehr mitkommen.”

Was wird nun aus den jungen Deprimierten? “Ich hoffe sehr, dass sie ihre Meinung im Laufe ihres Lebens noch ändern”, sagt Bertram. Man müsse das Selbstvertrauen der Kinder stärken, ihnen die Botschaft vermitteln, dass sie etwas können. “Und vor allem müssen wir uns allen mehr Gelassenheit beibringen.”

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Viele Computerspieler haben Probleme in der Schule

Fast jeder zehnte Jugendliche, der regelmäßig oder täglich Computerspiele spielt, berichtet von Problemen in der Schule. Das ergab eine Umfrage unter rund 3500 Hamburger Schülern zwischen 14 und 18 Jahren im Auftrag der Hamburgischen Landesstelle für Suchtfragen.

Demnach sagten neun Prozent der regelmäßigen Spieler, sie hätten Probleme in der Schule. Elf Prozent gaben an, ihre schulischen Leistungen würden schlechter. Schüler, die lediglich ab und zu am Computer spielen, berichten nur zu einem Prozent von Schulproblemen und zu zwei Prozent von schwächeren Leistungen.

Für die Studie wurden die Jugendlichen auch nach dem Zusammenhang von Computerspielen und der Schulform befragt und machten Angaben zu ihrem Geschlecht, psychischen Problemen und ihrem Migrationshintergrund. Die Ergebnisse waren wenig auffällig: Schüler an Haupt- und Berufsschulen spielen etwa ebenso häufig wie Gymnasiasten. Insgesamt können sich für Computerspiele aber eher Jungen deutlich mehr begeistern als Mädchen.

Daddeln gegen die Langeweile

Entsprechend glauben zehn Prozent der Jungen, aber nur ein Prozent der Mädchen, dass ihre Schulleistungen durch das Computerspiel beeinträchtigt werden. Einen Zusammenhang zwischen Migrationshintergrund und Leidenschaft für Computerspiele konnten die Forscher nicht entdecken.

Die Studie ergab weiter, dass etwa die Hälfte der Jugendlichen Computerspiele mehrfach wöchentlich nutzt. Dabei können sich jüngere Schüler schwerer von ihrem Spiel trennen als 18-Jährige. In jeder Altersklasse sind die Spiele vor allem ein Mittel gegen Langeweile. Für die Spiele geben die Jugendlichen durchschnittlich etwa sieben bis elf Euro im Monat aus. Teuer sind vor allem Poker und Sportwetten; regelmäßige Zocker investieren rund 50 Euro monatlich.

Die Hälfte der Hamburger Jugendlichen setzt sich mehrmals in der Woche oder täglich zum Daddeln vor den Bildschirm. Am häufigsten werden dabei Shooter, Rollenspiele, Adventures, Strategie- und Simulationsspiele gespielt. Weniger beliebt sind Denk- oder Glücksspiele.

“Etwa ein Viertel der Jugendlichen berichtet, durchschnittlich rund 20 Stunden pro Woche spielend vor dem PC zu verbringen und häufig nicht aufhören zu können”, sagte Gesundheitssenator Dietrich Wersich am Dienstag bei der Vorstellung der Studie.

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Jung, muslimisch, brutal

Berlin – Eine neue Studie hat eine besorgniserregende Entwicklung unter jungen Muslimen festgestellt: Demnach wächst ihre Gewalttätigkeit mit zunehmender Bindung an den Islam. Zudem nehme mit der Religiosität auch die Akzeptanz von Machokulturen und die Nutzung gewalthaltiger Medien zu.

Dies geht aus dem zweiten Bericht zu einem gemeinsamen Forschungsprojekt des Bundesinnenministeriums und des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens (KFN) hervor, das von dem Kriminologen Christian Pfeiffer geleitet wird.

Als Erklärungsansatz ziehen die Autoren Befunde des türkischstämmigen Religionswissenschaftlers Rauf Ceylan heran. Dieser hatte festgestellt, dass die Mehrheit der Imame in Deutschland, also der muslimischen Geistlichen, den Rückzug in einen konservativen Islam und in die eigene Ethnie fördert. Die meisten Imame seien nur zeitweise in Deutschland, könnten kein Deutsch und deshalb keine positive Beziehung zur deutschen Kultur aufbauen. Für sie sei die Dominanz der Männer selbstverständlich. Ihre Lehren förderten entsprechende Einstellungen bei muslimischen Jugendlichen.

“Kein Problem des Islam”

Verantwortlich für die beschriebenen Phänomene sei nicht der Islam selbst, meinte Pfeiffer: “Das ist kein Problem des Islam, sondern der Vermittlung des Islam.” Die muslimische Religiosität fördere eine “Akzeptanz der Machokultur”. Ceylan erklärte, zur Erklärung der Ergebnisse müssten viele Faktoren herangezogen werden. Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) teilte auf Anfrage mit, die Ergebnisse der Studie aus Hannover sollen unter anderem auch in die Diskussionen bei der Deutschen Islamkonferenz einfließen.

Das KFN befragte 2007/2008 bundesweit in 61 Städten und Landkreisen rund 45.000 Schülerinnen und Schüler der neunten Klasse. Ein Schwerpunkt war die Frage, wie sich die Zugehörigkeit zu einer Religion und die persönliche Religiosität auf die Einstellungen und Verhaltensweisen von 14- bis 16-Jährigen und insbesondere auf die Integration junger Migranten auswirken. Das Ergebnis: Während junge Christen mit steigender Religiosität weniger Gewalttaten begehen, ist bei jungen, männlichen Muslimen das Gegenteil der Fall.

Die Gruppe junger Migranten ohne Konfession sei am besten in die deutsche Gesellschaft integriert. “Sie steuern beispielsweise zu 41,2 Prozent das Abitur an, haben zu 62,9 Prozent deutsche Freunde und fühlen sich zu 66,1 Prozent als Deutsche”, erklären die Autoren der Studie. Bei jungen Muslimen sei dies anders: Sie verfolgten zu 15,8 Prozent den Abiturabschluss, hätten zu 28,2 Prozent deutsche Freunde und fühlten sich zu 21,6 Prozent als Deutsche.

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Werbung an der Ladentheke verleitet zum Rauchen

Stanford – Dass Tabakwerbung Jugendliche zum Rauchen verleitet, mag plausibel klingen, schlüssig bewiesen war es bisher aber nicht. Außerdem gibt es in der Europäischen Union strenge Regeln, wo und wie die Hersteller für ihre Glimmstängel werben dürfen. So ist Zigarettenwerbung in den Medien verboten. Doch eine neue US-Studie legt nun nahe, dass selbst bei verschärften Regeln immer noch genug Werbebotschaften zu Jugendlichen durchdringen – und diese zum Kauf von Zigaretten animieren.

Die Medizinerin Lisa Henriksen von der Stanford University School of Medicine berichtet im Fachmagazin “Pediatrics”, dass Tabakwerbung in Verkaufsstellen wie Tankstellen oder kleinen Tante-Emma-Läden die Zahl junger Raucher deutlich erhöht. “Die Tabakindustrie argumentiert, dass die Werbung dazu dient, Raucher zu einem Sortenwechsel zu animieren. Aber unsere Ergebnisse zeigen, dass die Werbung Teenager dazu ermutigt, eine tödliche Angewohnheit aufzunehmen”, sagt Henriksen.

Die Forscherin hatte in Kalifornien 11 bis 14 Jahre alte Mittelschüler über mehrere Jahre zu ihren Einkaufsgewohnheiten und Raucherfahrungen befragt. Dabei fand sie heraus, dass Besucher von kleinen Läden mit Tabakwerbung besonders häufig mit dem Rauchen anfangen. Als die Studie im Jahr 2003 begann, gaben 1681 der 2110 Befragten an, noch nicht geraucht zu haben. Nach einem Jahr erklärten 18 Prozent der ursprünglichen Nichtraucher, sie hätten seit der ersten Befragung mindestens einen Zug geraucht. Überdurchschnittlich viele von ihnen gaben an, Geschäfte mit viel Tabakwerbung zu besuchen. Eine kausale Beziehung ist das freilich nicht.

Und doch hält Forscherin Henriksen die Ergebnisse für eindeutig, weil die Zahlen eine klare Sprache sprechen würden. Schließlich hätten 30 Monate nach Beginn der Studie rund 27 Prozent der Befragten mit dem Rauchen angefangen. Bei den Kunden der kleinen Verkaufsstellen mit viel Tabakwerbung habe die Quote hingegen bei 34 Prozent gelegen – und unter denjenigen Jugendlichen, die mit wenig Werbung in Verkaufsstellen konfrontiert waren, bei nur 21 Prozent.

Das deutsche Tabakgesetz verbietet Werbung, deren Aufmachung Jugendliche und Heranwachsende zum Rauchen verführen könnte. Doch nicht immer halten sich die Konzerne daran. So ging der Berliner Bezirk Zehlendorf im April gegen ein Plakat vor, das die stilisierten Gesichter von Jugendlichen zeigte. Die Hersteller haben sich in einem Verhaltenskodex dazu verpflichtet, nicht mit Werbeträgern unter 30 zu werben – oder solchen, die zumindest jünger aussehen.

Dass es wichtig ist, Jugendliche vor Tabakwerbung zu schützen, glaubt auch die Jugendforscherin Seth Ammerman von der Stanford University. “Junge Menschen sind sehr empfänglich für Werbebotschaften.” Die Befragung ihrer Kollegin Henriksen scheint genau das zu bestätigen. Um das Thema wird freilich weiter gestritten werden, so leicht werden sich die Werbeabteilungen der Tabakriesen nicht umstimmen lassen.

Die gesundheitlichen Folgen des Rauchens stehen freilich zweifelsfrei fest. Erst vor wenigen Tagen hatten Forscher um Jac Charlesworth von der Southwest Foundation for Biomedical Research in San Antonio berichtet, dass
regelmäßiger Zigarettenkonsum die Funktion von mehr als 300 Genen im menschlichen Erbgut stört.

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Keusche Kuschler

Berlin – Eine 17-Jährige, die schon mit 51 Jungs geschlafen hat. Ein 15-jähriger, der schon drei Frauen geschwängert hat. Jugendliche, die sich nicht mehr küssen, aber Erfahrungen mit Analsex haben. Solche Fälle schafften es in den vergangenen Jahren immer wieder in die Zeitungen. Es erschienen Bücher wie “Deutschlands sexuelle Tragödie” – ein Jugendpastor aus Berlin hatte es geschrieben: Er beobachte, dass Mädchen und Jungen sexuell verwahrlosen.

Sozialarbeiter, Politiker, Lehrer, Journalisten, sie alle warnten vor der “Generation Porno”, die ihre Unschuld längst verloren habe. Die sich Hardcore-Filme aufs Mobiltelefon lädt; die sich mit Gangbang und Bondage auskennt; die sich bei
YouPorn informiert statt bei Dr. Sommer. Es gab Versuche gegenzusteuern, eine
Pädagogikprofessorin empfahl sogar, Pornos im Unterricht zu zeigen.

Die Jugend verroht, das war die Angst. Und immer neue Fälle schienen die These zu belegen, zuletzt die brutale
Vergewaltigung im Ferienheim auf Ameland, als acht Jungen, 13 bis 15 Jahre alt, andere Kinder missbrauchten.

Doch die vermeintliche Generation Porno scheint weitaus braver, treuer und verantwortungsvoller zu sein als ihr Ruf; das zeigt eine
neue Studie der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Die Jugendlichen von heute haben demnach später Sex als noch vor einigen Jahren, sie haben ihn meist innerhalb einer festen Partnerschaft, und sie verhüten ziemlich konsequent.

Und: “Das Interesse an Pornografie ist weitaus geringer als befürchtet”, sagt Elisabeth Pott, Direktorin der Bundeszentrale. Vor allem Mädchen würden sich das kaum angucken.

Liebe, Partnerschaft – und dann erst Sex

Zwar konnten Jugendliche nie zuvor so ungehindert auf pornografische Inhalte zugreifen: 98 Prozent sind vernetzt, und die expliziten Filme und Bilder sind nur wenige Klicks entfernt. Doch sie scheinen dadurch nicht kollektiv verroht zu sein und
verlernt zu haben, wie man sich verliebt.

Im Gegenteil: Liebe, Partnerschaft – und dann erst Sex, so sehen das die meisten Jugendlichen, sagt Pott. “Ihnen ist es offensichtlich wichtig, erst den richtigen Partner zu finden.” Ihrer Studie zufolge erleben die meisten ihr erstes Mal mit ihrem Freund oder ihrer Freundin – Blümchensex statt Gangbang-Party. Und gut ein Drittel der 17-Jährigen hatte Pott zufolge noch nie Geschlechtsverkehr – so viele wie lange nicht. Bei der letzten Erhebung aus dem Jahr 2005 waren es noch deutlich weniger.

Insgesamt lassen sich die Jugendlichen der Studie zufolge mehr Zeit. Während vor fünf Jahren noch zwölf Prozent der 14-jährigen Mädchen angaben, sie hätten bereits mit einem Jungen geschlafen, sank der Anteil diesmal auf sieben Prozent. Einen ähnlichen Rückgang gab es bei den gleichaltrigen Jungen: von zehn auf vier Prozent. Es zeige sich, “dass seit Mitte der neunziger Jahre die sexuelle Aktivität Jugendlicher fast unverändert und jetzt sogar rückläufig ist”, so Pott.

Außerdem würden 14- bis 17-jährige Jugendliche besser verhüten als Gleichaltrige in früheren Studien; nur acht Prozent der Mädchen und Jungen achten laut Studie nicht auf Schutz beim Sex. Vor 30 Jahren kümmerte sich noch jedes fünfte Mädchen und jeder dritte Junge nicht um Verhütung. Damals begann die Bundeszentrale damit, das Sexualverhalten der Jugendlichen zu erkunden.

Jungs informieren sich im Internet

Die Jugendlichen benutzen heute meist Kondome, drei Viertel wenden es beim ersten Mal an. Doch je aktiver die Jugendlichen werden, desto häufiger greifen sie zur Pille. Es steige aber auch der Anteil derer, die Pille und Kondom kombinieren, sagt Pott. Sie interpretiert das als Hinweis darauf, dass es den Jugendlichen nicht nur darum geht, Schwangerschaften zu verhindern, sondern dass sie sich auch vor einer HIV-Infektion schützen wollen.

Die Jugend kennt sich ziemlich gut aus mit Sex, auch zu dem Schluss kommt die Studie: “Das Gros hält sich selbst allgemein für ausreichend aufgeklärt.” Im Detail gibt es aber noch Fragen und Unkenntnis zu Themen wie Schwangerschaft, Verhütung, Sexualpraktiken, Geschlechtskrankheiten. Viele Jungen (58 Prozent) und Mädchen (69 Prozent) sprechen zumindest über Verhütung mit ihren Eltern. Jungs sagen zudem, sie nutzten das Internet, um Wissenslücken zu schließen.

Erstmals gesondert ausgewertet wurde das Sexualverhalten von Zuwandererkindern. “Jungen aus Migrantenfamilien sind früher und damit insgesamt häufiger sexuell aktiv als ihre deutschen Geschlechtsgenossen”, heißt es in der Studie. Bei Mädchen ist es umgekehrt; vor allem junge, muslimische Türkinnen seien nur selten sexuell aktiv.

Die Sehnsucht nach dem Traumpartner

Unabhängig von der Herkunft ist der Hauptgrund für die Zurückhaltung: Es fehlt der richtige Partner. Bei Mädchen aus Zuwandererfamilien scheint aber auch die religiöse Tradition eine große Rolle zu spielen: Fast die Hälfte hält sich einfach noch für zu jung, um Sex zu haben, und gut ein Drittel findet Sex vor der Ehe falsch. “Unter Mädchen muslimischen Glaubens geben sogar 69 Prozent diese Antwort.” Weniger als zehn Prozent der deutschen Mädchen sehen das so.

Während die meisten deutschen Jugendlichen mittlerweile mit ihren Eltern über Sex sprechen, ist das bei Zuwandererkindern anders: “Lediglich die Hälfte der Mädchen und nur 41 Prozent der Jungen aus Migrantenfamilien erhalten eine Verhütungsberatung im Elternhaus.” Für sie sei die Schule die wichtigste Anlaufstelle, wenn es um
sexuelle Aufklärung gehe.

Für die Studie habe die Bundeszentrale 3542 Jugendliche befragt, davon rund tausend Kinder aus Zuwandererfamilien. Dass die Mädchen und Jungen bei diesen Befragungen nicht geprahlt oder gelogen haben, das zeigen Pott zufolge auch zahlreiche andere Studien und Statistiken. So belege etwa die Zahl der HIV-Infektionen und Teenagerschwangerschaften in Deutschland, dass die Jugendlichen tatsächlich sehr gewissenhaft verhüten. In Deutschland werden nur etwa 16 von 1000 Mädchen unter 20 Jahren schwanger. Zum Vergleich: In Schottland und Bulgarien sind es mehr als 55.

Von “der bravsten Generation seit langem”, spricht auch Klaus Farin vom Archiv der Jugendkulturen in Berlin. Er beobachtet seit langem verschiedenste Jugendszenen, Punks, Skins, HipHoper. Er geht auf Konzerte, spricht mit jungen Menschen, wertet Studien aus, archiviert Magazine, Kassetten, Poster. Er sagt, dass die Jugendlichen nicht nur sexuell zurückhaltender seien als früher. Auch die Jugendkriminalität gehe zurück, ebenso der Tabak- und Drogenkonsum. Dafür würden sich mehr Jugendliche als früher politisch engagieren.

Bundeszentralen-Direktorin Pott glaubt, dass die verrohte Generation Porno ein Medienphänomen ist. “Natürlich gibt es Einzelfälle”, sagt sie, aber sie wären keineswegs repräsentativ für die Masse. Deutschland scheint von einer sexuellen Tragödie also ziemlich weit entfernt zu sein.

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Zehntausende suchen vergeblich einen Job

Gütersloh – Sie sind jung, haben einen Schulabschluss – und kommen trotzdem nicht auf dem Arbeitsmarkt unter. Allein in Westdeutschland haben rund 260.000 Realschulabsolventen im Alter zwischen 25 und 34 Jahren keine Berufsausbildung. Insgesamt sind mittlerweile 1,5 Millionen junge Menschen ohne Berufsabschluss – etwa jeder Fünfte. Das sind die Ergebnisse einer neuen Studie der Bertelsmann Stiftung, die in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung entstanden ist.

Die Studie weist vor allem auf die fatalen Konsequenzen hin, mit denen junge Menschen ohne Ausbildungsplatz rechnen müssen. Ihre Chancen auf eine Voll- oder Teilzeiterwerbstätigkeit ist seit 1996 deutlich gesunken, ihr Arbeitslosigkeitsrisiko hat dagegen merklich zugenommen.

So waren beispielsweise im Jahr 2007 von den männlichen Realschulabsolventen ohne Ausbildungsabschluss 22,5 Prozent erwerbslos. Von den jungen Männern mit Hauptschulabschluss ohne berufliche Qualifikation war knapp ein Viertel von Erwerbslosigkeit betroffen, von den Hauptschulabsolventen mit Berufsabschluss hingegen lediglich neun Prozent.

Nur wer ein Abitur in der Tasche hat, braucht nicht unbedingt eine abgeschlossene Ausbildung. “Voraussetzung für die Teilhabe am Arbeitsmarkt ist heute eine erfolgreich abgeschlossene Berufsausbildung oder ein Abitur”, fasst Jörg Dräger, Vorstandsmitglied der Bertelsmann Stiftung, die Studienergebnisse zusammen. “Ein Haupt- oder Realschulabschluss allein schützt heute nicht mehr vor Arbeitslosigkeit.”

Um die Chancen der Jugendlichen zu verbessern, seien tiefgreifende Reformen in der Bildungspolitik notwendig. Nur so werde Erfolg in Schule und Ausbildung auch “unabhängig von der sozialen oder ethnischen Herkunft der Jugendlichen” möglich. Um den Mangel an Ausbildungsplätzen zu beheben, sollten neben dem dualen System auch alternative Ausbildungsformen und “Nachqualifizierungsangebote” angeboten werden.

Defizite bei der beruflichen Bildung in Deutschland sieht auch die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD). Die Bildungsexperten kritisierten am Dienstag die große Zahl an
Jugendlichen ohne berufliche Ausbildung.

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