Kirche geht gezielter auf Jugendliche zu

Neue StudieKirche geht gezielter auf Jugendliche zu

Pfarrer Ralf Vogel (vorne) holt bei seinen Gottesdiensten in der Andreaskirche die Jugendlichen mit ins Boot. Foto: Max Kovalenko

Stuttgart – Die Konfirmation soll für Jugendliche eine Brücke ins Leben der Erwachsenen sein. Aber allzu oft stellt diese Zeit auch einen Bruch dar. Jugendliche bleiben immer seltener hängen – am Gemeindeleben und den dortigen Angeboten. Der Kontakt zur Kirche verliert sich zunehmend, weil die Barrieren zur Teilnahme zu hoch sind. Damit setzte sich nun die evangelische Jugendstudie „Brücken und Barrieren“ des Sinus-Instituts auseinander.

Sinus-Studienleiterin Inga Borchard stellte eine ganze Liste auf, warum Jugendliche nach der Konfirmandenzeit keine Bindung zur Jugendarbeit bekommen: Manchmal sind es Zeitprobleme, mal ist das Angebot schwer verständlich oder alltags- und jugendfern. „Hier wird viel Potenzial verschenkt“, resümiert Inga Borchard.

Auch weil es immer noch starre Denkmuster bei der Betrachtung Jugendlicher gibt. Schon in diesem Ansatz liegt das Pro­blem. Den Jugendlichen gibt es schon lange nicht mehr. Nur ein Angebot entspricht nicht allen Bedürfnissen. Die Sinus-Studie hebt diesen Fehler auf. Sie unterscheidet Jugendliche nach ihren Motivationen und teilt sie in fünf Motivationstypen ein: den religiös Motivierten, den Gemeinwohl-Motivierten, den Spaß-Motivierten, den Nutzen-Motivierten und den Distanzierten.

Die Empfehlung der Autoren dieser Studie und des Leiters des Württembergischen Jugendwerks, Gottfried Heinzmann, lautet daher: diese unterschiedlichen Typen als solche wahrzunehmen und entsprechend ihrer Neigungen anzusprechen. Schon in der Konfirmanden-Zeit müsse man weg von verpflichtenden Gottesdienstbesuchen und dem Abfragen von auswendig Gelerntem. Stattdessen müsse das kirchliche Angebot Freude machen. Dies sei jedoch keineswegs eine Hinwendung zur Spaß- und Event-Gesellschaft, erklärt Pfarrer Steffen Kaupp vom Evangelischen Jugendwerk: „Es ist eher ein Impuls für eine neue Verständniskultur, die sich an Jugendliche annähert.“

Keiner hat dies offenbar so verinnerlicht wie Pfarrer Ralf Vogel. Vielen Stuttgartern ist Vogel durch seine unorthodoxen Nachtschicht-Gottesdienste bekannt. Wenige wissen, dass die andere Hälfte seiner Tätigkeit seit September 2012 der Konfirmandenarbeit in Stuttgart gewidmet ist. Und mit dieser Arbeit hat er große Erfolge erzielt. „Gerade in Obertürkheim, wo wir wenig Jugendliche haben, bricht uns nach der Konfirmation kaum einer weg“, sagt er stolz.

Seine Erfolgsformel hat er in einem Artikel in der Studie „Brücken und Barrieren“ veröffentlicht. Sein Credo in Kurzform: „Konfirmanden- und Jugendarbeit müssen Hand in Hand gehen. Es muss neben dem Pfarrer weitere Ansprechpartner geben.“ Die Zauberworte lauten: individuelle Betreuung und Beziehungen aufbauen. Vogel: „Wir nennen dies Kuschelgruppen, wo man sich themen- und geschlechtsspezifisch austauschen kann.“ Auch die Gottesdienste laufen nach diesem Muster ab: „Ich spreche Jugendliche dort direkt an – und lasse sie aktiv teilnehmen. Nur wenn ich sie mit ins Boot nehme, profitieren sie auch davon.“ Übrigens: Das oft verwendete Kontroll- und Teilnahmebüchlein mit der Unterschrift des Pfarrers hat Vogel abgeschafft. „Von diesem Zwang halte ich nichts“, sagt er. Auch den Konfi-Unterricht hat er vom klassischen Mittwoch aufs Wochenende verschoben. Vogels Begründung: „Nur da haben auch meine ehrenamtlichen Mitarbeiter Zeit.“

Wer sich vom Sinn und vom Nutzen seiner Strategien überzeugen will, den lädt Vogel zum sogenannten Konfi-Laboratorium ein: „Da können Kollegen sehen, wie wir arbeiten“, sagt er und merkt selbstbewusst an: „Wir sind bereits einen tollen Weg gegangen, jetzt wollen wir daraus Standards entwickeln.“ In Obertürkheim soll man lernen, wie Brücken geschlagen und Barrieren abgebaut werden.

Brücken und Barrieren. Jugendliche auf dem Weg in die Evangelische Jugendarbeit. 384 Seiten, 19,90 Euro. Verlag buch + musik/ Neukirchener 2013.

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