TV-Reportage: „Mit Kindern Kasse machen“

TV-Reportage: „Mit Kindern Kasse machen“

Die Notlage von Kindern, die vom Jugendamt aus schwierigen Familienverhältnissen geholt werden müssen, ist ein lukratives Geschäft für freie Träger, die Kinderheime betreiben. Der ARD-Beitrag „Mit Kindern Kasse machen“ aus der Reihe „Die Story im Ersten“ hat skandalöse Zustände aufgedeckt. Ein Sozialarbeiter sagt: „Träger haben überhaupt kein Interesse daran, dass es ihrem Klientel besser geht, denn sie verdienen Geld daran.“ 

2013 wurden in Deutschland rund 42.000 Minderjährige von den örtlichen Jugendämtern in Obhut genommen. Derzeit leben 140.000 in Heimen. Von Jahr zu Jahr werden es mehr.

Jugendämter sind chronisch überlastet

Inobhutnahme: Das klingt sanft und fürsorglich. Wenn Eltern aus unterschiedlichsten Gründen nicht mehr in der Lage sind, ihre Kinder angemessen zu versorgen und zu erziehen, greift das Jugendamt zum Schutz der Kinder ein. Es kann sie vorübergehend oder dauerhaft bei Verwandten, Pflegefamilien oder Betreuungseinrichtungen unterbringen. Dabei soll immer das Wohl des Kindes an erster Stelle stehen. Soweit der Idealzustand. Doch in der Realität werden viele Kinder dadurch zum zweiten Mal Opfer.

Die Jugendämter in Deutschland sind chronisch überlastet. Weil sie weder genug Zeit, noch Personal haben, um alle betroffenen Kinder zu betreuen, wird diese Aufgabe an freie Jugendhilfeträger übertragen. Diese werden dafür bezahlt. Milliarden an Steuergeldern fließen in die Heimunterbringung.

Der Skandal: Die Qualifizierung der freien Träger und die Zustände in den Heimen werden gar nicht oder zumindest nicht ausreichend kontrolliert.

„Die Kinder sitzen in der Falle“

In der TV-Reportage von Nicole Rosenbach und Anna Osius schildern Kinder und Jugendliche, wie sie in Heimen oder Pflegefamilien schikaniert und vernachlässigt oder von ihren Familien abgeschottet wurden. „Die Kinder sitzen in der Falle“, meint Hans-Peter Daumann, Sozialarbeiter am Jugendzentrum Wacken.

Anita (15) ist in einer Pflegefamilie in Polen einquartiert worden, die dem psychisch kranken Mädchen sowohl eine Therapie als auch den Schulbesuch verweigert.

Wakya musste drei Jahre ins Heim

Wakya kam mit sieben Jahren ins Heim, das seinen Kontakt zur Familie massiv einschränkte. Inzwischen ist er 16 und erinnert sich, wie er morgens um fünf Uhr von Mitarbeitern des Jugendamtes mit Polizeibegleitung abgeholt wurde: „Man guckt vom Hochbett runter, und da steht die Polizei“. Seine Mutter war im Rahmen eines Sorgerechtsstreits als „erziehungsunfähig“ eingestuft worden. Bis diese Bewertung als unbegründet revidiert wurde, lebte das Kind drei Jahre lang im Heim. Der Kontakt zwischen Wakya und seiner Familie wurde unter Vorwänden massiv eingeschränkt, Briefe zensiert. Mutter und Kind litten massiv unter der Trennung.

„Seelische Grausamkeiten“

Dominic (17) lebt in einer „sozialpädagogischen Lebensgemeinschaft“ des freien Trägers Leuchtfeuer, der vom Jugendamt mit der Betreuung des Jugendlichen beauftragt wurde. Er wird dort als „Drecksmensch“ gedemütigt und abgeschottet, darf nicht zur Berufsschule, sondern muss ohne Entlohnung auf dem Hof arbeiten. Bei einem Kontrollbesuch findet das Jugendamt keinen Grund zur Beanstandung.

„Für mein Gefühl waren das seelische Grausamkeiten, die er dort ertragen musste“, berichtet eine Therapeutin, die schließlich die Polizei einschaltete.

Je länger die Kinder im Heim bleiben, desto mehr verdienen die Träger

Einige der geschilderten Fälle nähren den Verdacht, dass die Heimunterbringung mit zweifelhaften Gutachten immer weiter verlängert worden ist, damit weiter Geld fließt. Ein Heimleiter räumt vor der Kamera ein, dass er gar keine Ausbildung als Kinder- und Jugendtherapeut absolviert habe, obwohl er sich als solcher ausgegeben und psychologische Gutachten erstellt hat. Auf dieser Basis entscheiden Gerichte über das Schicksal von Kindern.

Für die Heimunterbringung von Wakya überwies das Jugendamt jährlich rund 65.000 Euro an den Träger. Das belegen Rechnungen, die das WDR-Reporterteam zu sehen bekam.

Nach dessen Informationen fließen jährlich insgesamt 4,4 Milliarden Steuergelder in die „stationäre Unterbringung von Kindern“.

Buschkowsky: „Der Träger hat immer einen Eigennutz“

Heinz Buschkowsky, langjähriger Bezirksbürgermeister von Berlin-Neukölln, sagt dem TV-Team: „Der Träger hat immer einen Eigennutz und wird immer feststellen, dass das Angebot seiner Einrichtung genau auf diesen Fall passt – denn er muss seine Einrichtung auslasten.“ Mit Zorn in der Stimme prangert er den Missstand an: „Wir reden über Milliarden, die der Staat herausreicht ohne jede faktische Kontrolle.“

Unerträglich zynisch beschreibt ein ehemaliger Jugendhilfemitarbeiter, der vor der Kamera anonym bleiben will, das „Geschäftsmodell“: Jugendämter „werfen Kinder auf den Markt.“ Die Träger bekämen ein Angebot vom Jugendamt, einen Minderjährigen für einen bestimmten Tagessatz zu betreuen. „Es geht um Geld.“

Deutlich wird in der Reportage, dass das Geflecht von Zuständigkeiten so undurchdringlich ist, dass schwarze Schafe unter den freien Trägen skrupellos ein Geschäft mit der Not der Kinder machen können. Sie schaden dem Image der Branche und damit auch allen Einrichtungen, die sich vorbildlich um das Wohl ihrer Schützlinge kümmern.

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