Stuttgart – Die Früchte der Rose sind die Hagebutten, die Sonne geht in unseren Breiten im Osten auf, und Hühner legen ein Ei am Tag und nicht drei. Diesen Durchschnittswert gaben Kinder im Jugendreport Natur von Rainer Brämer an, Natursoziologe an der Universität Marburg. Das war 2010, doch das Interesse an der Natur ist seither eher noch gesunken. So gibt es immer mehr Kinder, die noch nie im Wald gespielt haben. Kein Wunder, dass viele bei der Befragung vermuteten, der weibliche Hirsch sei das Reh und deren Kind das Kitz – häufig von ihnen auch „Kids“ geschrieben. Für viele Kinder ist die Natur etwas Abstraktes, denn es fehlen Erlebnisse im Freien, an die sie sich lebhaft erinnern und die sie prägen.
Das belegt auch die Kim-Studie 2014, die der Medienpädagogische Forschungsverbund Südwest regelmäßig zum Medienverhalten der Kindergeneration in Deutschland herausbringt. Demnach ersetzen Smartphones zunehmend Naturkontakte und das Interesse an Tieren. Waren bis 2008 noch 75 Prozent der Kinder Kontakte zu (Haus-)Tieren wichtig, so sank die Zahl 2010 auf unter 60 Prozent. Rainer Brämer spricht von „Veränderungen im kindlichen Interessenhorizont“: „Draußen“ verliere an Attraktivität: „Der Gegentrend von der äußeren zur artifiziellen Welt setzt um das Jahr 2010 ein.“ Offensichtlich hielten die sozialen Netzwerke Kinder davon ab, sich noch mit etwas anderem zu beschäftigen, sagt Brämer. Bei seiner Studie „Outdoor im Trend?“ hat er festgestellt, dass die Natureuphorie der Jahrhundertwende auch bei Erwachsenen abgeflaut sei und „sich in die Hochglanzseiten artifizieller Landlust-Magazine verzogen“ habe.
„Jahrzehntelang ist das Thema Naturerlebnis unter dem Gesichtspunkt behandelt worden, dass dabei ein größeres Umweltbewusstsein herauskommen soll. Mehrere Studien belegen jetzt aber, dass wir – da wir selber Naturwesen sind – uns in einer natürlichen Umgebung auch am besten entwickeln“, sagt Brämer: „Das gilt für unsere Stimmung, die körperlichen und die psychischen Zustände und die Entwicklung von Fähigkeiten. “ Natur sei ein Umfeld, in dem sich Emotionen stark entfalteten.
Aber wie einsteigen? „Wandern ist für Kinder wohl eher nicht so das große Stichwort“, meint Brämer. „Wenn man mit Kindern rausgeht, tun sie sich auf ganz eigene Weise um.“ Waldkindergärten seien ein gutes Beispiel dafür. „Kinder beschäftigen sich in der Natur sofort selbst, entwickeln Spiele, übernehmen Rollen, das geht sehr schnell.“ Meistens reiche es deshalb schon, einfach rauszugehen mit den Kindern. Es habe sich auch gezeigt, dass sie in der Natur ein breites Spektrum an Fähigkeiten entwickelten: „Was wir eigentlich für Schule halten, dieses Vorratslernen an abstrakten Programmen, das braucht man in der Natur nicht.“
Möglichkeiten, die Natur zu erleben, gibt es für Kinder und Jugendliche in vielen Varianten. Da sind die Aktionen, Freizeiten und Ferienprogramme der Naturschutzverbände, die Ferienwaldheime der Kirchen und die Angebote von Vereinen, Organisationen und Einrichtungen. „Es gibt vielfältige Gründe, warum es wichtig ist, Kinder an die Natur heranzuführen“, sagt Nico Teerenstra, Geschäftsführer der Naturschutzjugend (Naju) Baden-Württemberg. „Ein ganz simpler: Bewegung an der frischen Luft tut gut. Aber Natur hilft zum Beispiel auch zu verstehen, dass wir ein kleiner Teil eines großen Ganzen sind. Natur ist nie gleich, man kann sie jeden Tag anders erleben, neue Dinge sehen.“
Teerenstra meint auch: „Kinder können dann ein realistisches Naturbild entwickeln, wenn sie Natur selbst erleben. Von diesem grundlegenden Verständnis profitiert die Natur. Wer sie in jungen Jahren kennen- und lieben lernt, geht verantwortungsvoll mit Natur und natürlichen Ressourcen um.“
Jugendfarmen und Aktivspielplätze stehen allen Kindern ohne Mitgliedschaft fast täglich offen. Hans-Jörg Lange, Geschäftsführer beim Bund der Jugendfarmen und Aktivspielplätze (BdJA), sieht die Natur als „elementaren Spiel-, Erfahrungs- und Erlebnisraum“. Insbesondere für Stadtkinder bestehe kaum noch die Möglichkeit, den Umgang mit Pflanzen und Tieren zu erleben und zu lernen, weil die Natur immer mehr aus den Städten verdrängt werde. Ein naturarmes Umfeld schränke aber die Entfaltungsmöglichkeiten von Kindern ein. Deshalb seien Abenteuerspielplätze, Jugendfarmen und Kinderbauernhöfe wichtige Ausgleichsräume, in denen Kinder die Anforderungen der technisierten und geregelten Erwachsenenwelt verarbeiten und angestaute Energien ausleben könnten.
Der Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich stellte fest: „Der junge Mensch braucht seinesgleichen, nämlich Tiere und Elementares, Wasser, Dreck, Matsch, Gebüsche, Spielraum. Man kann ihn auch ohne dies alles aufwachsen lassen, mit Stofftieren, Teppichen, auf asphaltierten Straßen und Höfen. Er überlebt es, doch man soll sich dann nicht wundern, wenn er später bestimmte soziale Grundleistungen nicht mehr erlernt.”
Die Psychologin Elke Leger schreibt im Familienhandbuch des bayerischen Staatsinstituts für Frühpädagogik: „Bei seiner Geburt bringt das Kind die Neugier auf seine natürliche Umgebung mit auf die Welt. Es liebt Wasser, Matsch und Modder, Blumen, Stöckchen und Steine, will sich bewegen, klettern, toben. Es liebt die Sonne und den Schnee, spürt gern den kalten Wind auf seinem Körper und weigert sich entschieden, die Jacke anzuziehen, die die fürsorgliche Mutter ihm reicht. Es liebt Tiere, für die es verantwortlich sein darf und mit denen es Zwiesprache halten kann. Es liebt den Wald mit seinen geheimnisvollen Düften nach nassem Laub und Pilzen und den Versteck-Plätzen zwischen tief hängenden Zweigen. Es möchte die Natur spüren, weil es noch eins ist mit ihr. Wie wenig Rücksicht nimmt unsere moderne Welt auf dieses Bedürfnis!“
Martina Walz hat in ihrer Masterthesis zur Abschlussprüfung an der Justus-Liebig-Universität Gießen den offenen Betrieb von Kinder- und Jugendfarmen empirisch analysiert. Demnach sind die Naturerfahrungen der Kinder dort „vielfältig, direkt, ganzheitlich, aktiv und integrativ“. Neben den kindlichen Bedürfnissen würden auch die Grundbedürfnisse „erlebte Autonomie“, „soziales Eingebundensein“ und „Kompetenzerfahrung“ erfüllt. Insbesondere bei Stammkindern der beiden untersuchten Jugendfarmen stellt sie einen gesteigerten verantwortlichen Umgang mit der Natur fest.
Elke Leger meint: „Um einem Kind die Natur nahezubringen, braucht es gar nicht viel: nur genug Raum und Zeit zum Toben und Kräftemessen unter freiem Himmel.“
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Wenn es um digitales Lernen in Schulen geht, schneidet Deutschland regelmäßig schlecht ab. Das will Bildungsministerin Johanna Wanka mit einem Fünf-Milliarden-Euro-Programm ändern.
Zwar sind Deutschlands Klassenzimmer keine digitale Wüste mehr, aber noch liegen Laptop, Tablet oder Smartphone nicht gleichberechtigt neben Zirkel und Geodreieck. Die Bundesbildungsministerin will nun mit viel Geld nachhelfen – und dafür das Grundgesetz überlisten.
Für Schulpolitik ist Wanka nicht zuständig
Fünf Milliarden Euro will Wanka lockermachen, um in einem „DigitalPakt#D“ mit den Ländern die deutschen Schulen über fünf Jahre mit digitaler Ausstattung wie Breitbandanbindung, WLAN und Geräten zu versorgen“. Die Riesensumme aus dem Haus der für Schulpolitik eigentlich gar nicht zuständigen CDU-Bundesbildungsministerin hat viele überrascht. Denn in etwa genauso viel kostet – innerhalb von zehn Jahren – auch die prestigeträchtige „Exzellenzstrategie“ für herausragende Hochschulen.
Warum handelt Wanka gerade jetzt?
Zu einen hat die Ministerin ihre Legislatur-Agenda in der Bildungs- und Forschungspolitik ein Jahr vor der Bundestagswahl 2017 weitgehend abgearbeitet. Da sieht es gut aus, schon mal mit einem Milliarden-Projekt für die nächste Wahlperiode zu winken, das nach Wankas Eindruck auch das Wohlwollen des mächtigen Finanzministers Wolfgang Schäuble (CDU) finden dürfte und sich schon in Kürze mit den Ländern vereinbaren ließe.
Zum anderen sieht Wanka digitale Bildung als „entscheidende Zukunftsaufgabe, für die Bund und Länder gemeinsam Verantwortung tragen“, wie sie in einer Präsentation ihrer Pläne betonte.
Warum sind Computer und WLAN für deutsche Schulen so wichtig?
Zwei Studien haben zuletzt zwar nicht gleich einen zweiten Pisa-Schock ausgelöst – aber doch große Sorgen, dass Deutschland die digitale Zukunft verschläft. Erstens landeten deutsche Schüler beim internationalen ICILS-Vergleichstest 2014 mit ihren Computer-Kenntnissen nur im Mittelfeld – viel „Gedaddel“ mit dem Handy, aber wenig echtes Knowhow, so die Bilanz.
Zweitens gibt es zwischen den 16 Ländern bei Computer-Ausstattung und IT-Unterricht an den 40.000 Schulen große Unterschiede, ergab die Ende 2015 vorgelegte Studie „Schule digital“. Lehrer in Bayern, Hamburg, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz waren noch am zufriedensten. Dort halten je zwei von drei Pädagogen die Ausrüstung für ausreichend. Deutlich weniger als jeder zweite ist es dagegen in Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen.
Auch beim WLAN driften die Länder weit auseinander. So finden in Sachsen-Anhalt, Sachsen, Mecklenburg-Vorpommern und Schleswig-Holstein nur zwei von fünf Lehrern, dass der Internetzugang an ihrer Schule schnell und stabil genug ist. Lediglich ein gutes Drittel der Befragten (35,6 Prozent) hält die pädagogische Unterstützung für ausreichend.
Darf der Bund mit Geld in die Schulpolitik eingreifen?
Durch das „Kooperationsverbot“ ist grundgesetzlich geregelt, dass Schulbildung Ländersache ist – darauf legen die Kultusminister viel Wert. Doch Wanka hat einen Verfassungspassus gefunden, der ihr einen Hebel bieten könnte: „Bund und Länder können bei der Planung, der Errichtung und dem Betrieb der für ihre Aufgabenerfüllung benötigten informationstechnischen Systeme zusammenwirken“, heißt es in Artikel 91c.
Ob das ausreicht, wird derzeit bei der Kultusministerkonferenz (KMK) geprüft. Nicht zuletzt ist das viele Geld für ein dringliches Schul-IT-Projekt aber auch verlockend für die meist klammen Länder.
Was müssten die Länder selbst tun?
Die Bundesbildungsministerin will die Länder verpflichten, digitale Bildung in der Praxis zu realisieren – mit entsprechender Lehrerausbildung, Unterrichtskonzepten, gemeinsamen technischen Standards, Wartung und Betrieb der Technik. Die KMK hat vor wenigen Monaten eine eigene Strategie entwickelt. „Ein reflektierter und konstruktiver Umgang mit digitalen Medien ist für Kinder und Jugendliche heutzutage genauso bedeutsam wie Rechnen, Lesen und Schreiben. Es bedarf aber weiterer Impulse“, sagt KMK-Präsidentin Claudia Bogedan (SPD). Beide Seiten scheinen also an einem Strang zu ziehen.
Wie fallen die ersten Reaktionen auf Wankas Pläne aus?
Die SPD ist grundsätzlich einverstanden, verweist aber zugleich auf ihre wesentlich umfangreichere „Bildungsallianz“ zwischen Bund, Ländern und Kommunen. Die umfasst neben Digitalisierung an den Schulen auch die Sanierung von Gebäuden und den Ausbau der Ganztagsschulen – Kostenpunkt: rund neun Milliarden Euro bis 2021.
Auch der DGB meint, Wanka springe zu kurz mit ihrer Konzentration auf IT-Ausstattung. „Wo in Klassenzimmern der Schimmel die Wände hochkriecht und Schulklos verstopft sind, reicht es nicht, Tablets und WLAN bereitzustellen“, sagt DGB-Vize Elke Hannack. Die Kommunen fordern eine höhere Investitionssumme. Für digitale Bildung müssten „mindestens 2,5 Milliarden Euro pro Jahr aufgewendet werden“, sagte Gerd Landsberg vom Städte-und Gemeindebund der „Rheinischen Post“.
Wie sieht es mit dem Technik-Knowhow der Lehrer aus?
Meist eher mau. Laut Studie „Schule digital“ setzt kaum die Hälfte (47,6 Prozent) der befragten 1250 Lehrer mindestens einmal pro Woche im Unterricht Computer ein. Nur knapp jeder dritte Pädagoge (30,2 Prozent) entwickelt zusammen mit Kollegen computergestützte Unterrichtsstunden. Andererseits: Fast sechs von zehn Lehrern (57,9 Prozent) wünschen sich mehr Unterstützung für eine digitale Offensive im Klassenzimmer.
Viele Pädagogen befürchten aber, dass der Einsatz von Computern die Schreibfähigkeiten ihrer Schüler verschlechtert, dass sich die Jugendlichen vom Lernen ablenken lassen – und dass sie selbst die Kontrolle über den Unterricht verlieren.
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Fellbach – Markus Klemisch ist ein Optimist: „Es gibt keine hoffnungslosen Fälle“, sagt der Streetworker. Immerhin hat die Mobile Jugendarbeit einen guten Teil dazu beigetragen, dass Heranwachsende in der Stadt ein bisschen Hoffnung schöpfen können. Und das nun schon seit zwei Jahrzehnten: Am 3. Juli feiert die städtische Einrichtung ihr 20-Jahr-Jubiläum mit einem Tag der offenen Tür in allen drei Anlaufstellen.
Während sich der 33-Jährige nun schon seit acht Jahren um das Wohl und Wehe von Jugendlichen kümmert, ist seine Kollegin Julia Daubenberger seit 2012 dabei. Die 22-jährige duale Studentin der Sozialarbeit teilt sich mit Klemisch die schon immer paritätisch besetzten 1,75 Stellen. Weniger mobil, eher stationär tätig ist Evi Rottmair, die stellvertretende Leiterin des Stadtjugendreferats. Sie ist seit 2012 im Rathaus die Ansprechpartnerin für das zweiköpfige Team.
Die sympathischen Streetworker sitzen samt Chefin entspannt auf dem Sofa in der Parlerstraße und vermitteln eine angenehme Atmosphäre. In dem gemütlichen Zimmer in der Schmidener Anlaufstelle fällt es nicht schwer, ins Plaudern zu kommen. Das wohnliche Umfeld macht es auch den jungen „Kunden“ leicht, sich zu öffnen. Denn die Erfahrung, dass da jemand ist, der ihnen zuhört, der sie ernst nimmt, der nicht dauernd an ihnen herumnörgelt und der ihnen möglicherweise helfen kann, machen viele Jugendliche dort zum ersten Mal.
Zum ersten Kontakt kommt es auf der Straße
Zum ersten Kontakt kommt es jedoch nicht in einer der drei Anlaufstellen (siehe Hintergrund), sondern – wie der Name Streetworker schon nahe legt – auf der Straße. Denn zum Job gehört natürlich auch Prävention. „Wir gehen auf Sportplätze, Schulhöfe, zum Bahnhof oder auf den Kirchplatz“, sagt Markus Klemisch, „überall dahin, wo sich Jugendliche treffen. Manchmal auch in einen Bus.“ Dort reden die beiden mit ihrem Klientel – „theoretisch zwischen 14 und 25, praktisch 14 bis 21 Jahre alt“ – , erfahren Neues, reden über Veränderungen und kommen ins Gespräch.
Dass ein Jugendlicher mit Problemen natürlich nicht nach dem ersten Kennenlernen sein Herz ausschüttet, ist klar. „Es ist eine Beziehungsarbeit, die langfristig aufgebaut wird“, sagt Julia Daubenberger, „und es geht in kleinen Schritten vorwärts.“ Wobei sich an den Problemen in den vergangenen Jahren nicht viel verändert hat: „Der Übergang von der Schule in den Beruf, Drogen, Stress Zuhause und Liebeskummer“, zählt die 22-Jährige die Kummer-Posten auf. Wobei die Initiative bei Hilfen klar definiert ist: „Die Motivation muss von den Jugendlichen kommen“, sagt Markus Klemisch, der als größte Veränderung im Lauf der Jahre eine Verjüngung des Klientels festgestellt hat. Auch wenn sich zum Beispiel Anwohner über zu laute Gruppen beschweren, können die beiden Jugendarbeiter nicht per Knopfdruck das Problem lösen: „Die Erwartungshaltung ist oft sehr hoch, aber wir sind keine soziale Feuerwehr.“ Und fährt fort: „Die Verantwortung für seine Handlung muss beim Jugendlichen bleiben.“
Evi Rottmair bringt das Ziel der Mobilen Jugendarbeit auf den Punkt: „Es gibt ein zuverlässiges Beziehungsangebot. Jeder Jugendliche wird generell unterstützt, auch wenn er sich vielleicht mal doof verhält.“ Die beiden Mobilen Jugendarbeiter dienen oft auch als Rollenvorbilder und Reibungsfläche: „Wir bieten Unterstützung, aber auch Auseinandersetzung“, sagt Rottmair. Und, was für die jungen Menschen wichtig ist: Anonymität. Wenn ein Jugendlicher etwas angestellt hat, wird ein ernstes Wörtchen mit ihm geredet, aber er wird nicht verpetzt. Nur wenn die Streetworker im Vorfeld von einer Straftat erfahren sollten, müssen sie tätig werden. Glücklicherweise hat Fellbach, wie Klemisch sagt, keine sozialen Brennpunkte. Das erleichtert die Arbeit natürlich.
Auf die Frage, ob es auch mal ein Dankeschön von einem gefährdeten Jugendlichen gibt, der durch die Streetworker auf den graden Weg geführt wurde, sagt Markus Klemisch: „Manchmal meldet sich ein Ehemaliger, um einfach Hallo zu sagen.“ Schön fanden die „Mobilen“ es auch, dass zur Abschiedsparty von Konstanze Müller, der Vorgängerin von Julia Daubenberger, die in Mutterschutz ging, zahlreiche Jugendliche kamen. Das war auch eine Form der Anerkennung ihrer Arbeit. Auf deren erfolgreiche Fortsetzung am Freitag, den 3. Juli, sicher auch angestoßen wird.
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Am frühen Morgen geht plötzlich ein Notruf ein: „Die Hauptschule brennt“, heißt es, ehe der Anruf unterbrochen wird. Bei ihrer Ankunft sieht die Feuerwehr zwei Menschen wegrennen. Einen Jugendlichen nimmt die Polizei fest. Der Schaden geht in die Millionen.
Bei einem Feuer in einer Gesamtschule in Hennef bei Siegburg ist am Morgen ein Schaden in Millionenhöhe entstanden. Ein 15-jähriger Jugendlicher wurde in der Nähe der Schule nach massivem Widerstand in Gewahrsam genommen, wie die Polizei mitteilte. Dem Jungen, der zuvor von einem Kinderheim als vermisst gemeldet worden war, seien Handfesseln angelegt worden. Ob er mit dem Brand in Verbindung steht, ist unklar. Die Polizei schloss Brandstiftung nicht aus. Die Ursache des Feuers war noch nicht bekannt.
Laut Polizei ging um sechs Uhr morgens von einem Handy ein Notruf ein: „Die Hauptschule brennt“, hieß es demnach. Dann wurde der Anruf abgebrochen, das Handy war nicht mehr erreichbar. Bei der Anfahrt zur Schule sahen Branderkunder der Feuerwehr, wie zwei Menschen wegrannten. Ob der 15-Jährige einer von ihnen war, blieb zunächst offen.
Die Feuerwehr brachte den Brand mit einem Großaufgebot an Einsatzkräften nach kurzer Zeit unter Kontrolle. Betroffen war ein Treppenhaus in einem Trakt der Schule. Schulbetrieb sei vorerst nicht mehr möglich, sagte der Polizeisprecher. Die Schulleitung und Vertreter der Stadt seien zusammengekommen, um über Ausweichmöglichkeiten zu beraten.
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Die Diagnose Krebs ist immer niederschmetternd. Besonders einschneidend ist sie für junge Erwachsene. Sie profitieren in der Regel nicht mehr von den guten Angeboten für Kinder und Jugendliche – und stehen noch nicht mit beiden Beinen im Leben.
Wenn Kinder Krebs bekommen, setzen Eltern und Ärzte Himmel und Hölle für eine gute Behandlung in Bewegung. Ältere Menschen mit Lebenserfahrung haben oft ein großes soziales Umfeld und kennen das Gesundheitssystem. Aber was ist bei Krebs mit 19 oder 29 – mitten im Studium oder mit kleinen Kindern? Die Berliner Stiftung „Junge Erwachsene mit Krebs“ will die Hilfen für Patienten in dieser Altersgruppe verbessern. Was steckt dahinter? Fragen und Antworten:
Wie viele Menschen zwischen 18 und 39 Jahren erkranken in Deutschland an Krebs?
Statistisch gesehen gibt es in dieser Altersgruppe nach Angaben der Stiftung rund 15 000 Neudiagnosen pro Jahr. Bei insgesamt rund 480 000 neuen Krebserkrankungen jährlich sind das nur knapp drei Prozent. Doch genau diese Seltenheit kann tückisch sein.
Warum?
Diagnosen können sich verzögern, weil Ärzte bei jungen Patienten nicht immer sofort an Krebs denken oder aber Wartezeiten, zum Beispiel auf Kernspins, in Kauf nehmen. „Ich bin manchmal geschockt, wie da der zeitliche Ablauf ist“, sagt der Göttinger Kinder-Onkologe Christof Kramm zur Krebsbehandlung von Erwachsenen. Für krebskranke junge Erwachsene sei es vielfach besser, sich in der Kinderonkologie einer Klinik behandeln zu lassen. „Ein 23-Jähriger wird von der Gesamtatmosphäre einer Kinderstation sicher besser getragen, als wenn er neben einem 80-Jährigen liegt“, ist Kramm überzeugt. Auf Stationen für Kinder und Jugendliche sei der Betreuungsschlüssel besser und mehr Psychologen und Sozialarbeiter im Einsatz.
Gibt es Krebsarten, die junge Erwachsene überdurchschnittlich oft treffen?
Ja. Nach Angaben der Stiftung gehören Hautkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Hodenkrebs, Brustkrebs, Sarkome (befallenes Knochen-, Knorpel- und Fettgewebe) und das Hodgkin-Lymphom (befallenes Lymphsystem) dazu.
Trifft eine Krebs-Diagnose junge Menschen härter?
„Die Diagnose kommt zu einer Zeit, in der Gedanken an Sterben und Tod normalerweise keinen Platz haben“, sagt Karolin Behringer, Fachärztin an der Onkologischen Ambulanz des Uniklinikums Köln. In dieser Lebensphase gehe es meist um Unabhängigkeit, sexuelle Orientierung und Erfahrung, die Lösung vom Elternhaus, Ausbildung, Arbeitsplatz, Karriere und die Gründung einer Familie. „Die Erkrankung trifft nicht eine ausgereifte, in sich ruhende Persönlichkeit, sondern eine eher unsichere, unselbstständige und verletzliche, so dass eine doppelte Krisensituation entsteht“, resümiert Volker König, ärztlicher Leiter der Fachklinik für onkologische Rehabilitation Bad Oexen (Niedersachsen). Eine lebensgefährliche Erkrankung in diesem Alter sei deshalb häufig ein gravierender Einschnitt in die gesamte Lebens- und Zukunftsplanung.
Was belastet junge Krebspatienten besonders?
Bei jungen Menschen spielt die fehlende finanzielle Absicherung eine große Rolle. „Wir hatten hier Fälle, bei denen Studenten mit Krebs das BAföG gekürzt oder ihre Wohnung gekündigt wurde“, berichtet Stiftungsprecherin Frauke Frodl. „Im Gegensatz zu Kindern, Jugendlichen und älteren Patienten kommt auch dem Thema Kinderwunsch übergeordnete Bedeutung zu“, ergänzt Inken Hilgendorf, Onkologin am Universitätsklinikum Jena. Das Risiko drohender Unfruchtbarkeit als Folge notwendiger Therapien müsse von Anfang an thematisiert werden. Bisher finanzieren Krankenkassen das Einfrieren von Eizellen und Spermien vor Chemotherapien nach Angaben der Stiftung in der Regel nicht. Junge Erwachsene, die zum Zeitpunkt der Diagnose eine Familie gegründet haben, belastet die Sorge um das Kind und die Trennung während der Klinikaufenthalte.
Wie stehen die Heilungschancen bei jungen Erwachsenen?
Im Gegensatz zu älteren Patienten ist die Heilungsrate gut und liegt bei rund 80 Prozent. Doch es gibt erst wenige Studien zu den Langzeitfolgen erfolgreicher Therapien bei Menschen zwischen 18 und 39 Jahren. Bei Erwachsenen, die als Kinder wegen Krebs behandelt wurden, habe ein zweistelliger Prozensatz Spätfolgen wie Nieren- oder Hirnschäden, berichtet Peter Kaatsch, Leiter des Deutschen Kinderkrebsregisters an der Universitätsmedizin Mainz. Künftig müsse deshalb verstärkt ein möglichst spätfolgenfreies Überleben das Therapieziel sein.
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Unbegleitete minderjährige FlüchtlingeStadt rechnet mit 450 jungen Flüchtlingen
Stuttgart – Jonathan Baffour und Elaye Ibrahim sitzen in ihrem Doppelzimmer. Sie leben in Räumen, in denen ehemals Hotelgäste ein und aus gingen: An der Möhringer Landstraße in Vaihingen hat das Jugendamt ein ehemaliges Hotel für die Unterbringung von minderjährigen Flüchtlingen umfunktioniert. In der sogenannten Inobhutnahmestelle leben derzeit mehr als 28 Flüchtlinge. Es ist die erste Station für die meisten Jugendlichen wie Jonathan Baffour, der aus Ghana geflohen ist. Nach einigen Wochen oder auch Monaten ziehen sie in Wohngemeinschaften, in Einrichtungen des Jugendamts oder leben in betreuten Wohngruppen.
Wenn es nach Mitarbeitern des zuständigen Jugendamts oder Sozialarbeitern wie Jens Peter ginge, gäbe es sehr viel mehr Platz für die Jungen und Mädchen, die sich notgedrungen ohne ihre Eltern auf den Weg nach Europa machen. „Die Eltern investieren oft ihre Ersparnisse, um einem ihrer Kinder die Flucht zu ermöglichen“, sagt Jens Peter von der Arbeitsgemeinschaft Dritte Welt (AGDW). Viele 14- und 15-Jährige, vor allem aus Eritrea, kämen völlig verwahrlost in Stuttgart an, so wie auch Jonathan Baffour.
Stuttgart will Flüchtlinge in Landkreisen unterbringen
Die Zahlen drängen die Helfer verstärkt zum Handeln: Während des ersten halben Jahres 2015 hat das Jugendamt 227 neue minderjährige Flüchtlinge in seine Obhut genommen. Das sind beinahe so viele wie im gesamten vergangenen Jahr, damals waren es insgesamt 260. Lucas-Johannes Herzog vom Jugendamt bestätigt, dass die Stadt daher derzeit nach einer weiteren Unterkunft für die unbegleiteten Flüchtlinge sucht. „Momentan werden mehrere Gebäude in der Innenstadt geprüft. Eine Entscheidung wird es allerdings nicht vor Ende Juli geben“, sagt Herzog. Für dieses Jahr rechnet das Amt mit rund 450 minderjährigen Asylbewerbern ohne Begleitung. Die Kosten für die Inobhutnahme liegen bei 287 Euro für einen Jugendlichen am Tag und werden letztlich vom Bund bezahlt.
Seit Wochen sind beide Aufnahmestellen an der Möhringer Landstraße sowie in der Kernerstraße in Stuttgart-Mitte überbelegt. Mittlerweile versucht die Stadt auch, unbegleitete minderjährige Flüchtlinge in anderen Landkreise unterzubringen. „Gerade gestern hatten wir eine Anfrage aus Stuttgart, ob wir noch Kapazitäten haben“, sagt Hans Artschwager, der Betreiber der Einrichtung Waldhaus Hildrizhausen im Landkreis Böblingen. Ständig müsse er Anfragen von Jugendämtern aus Nachbarkreisen abweisen. Denn: „Wir sind jetzt schon voll belegt und rechnen damit, dass wir bald gesetzlich noch mehr unbegleitete minderjährige Flüchtlinge aufnehmen werden“, sagt er.
Kritik von der Menschenrechtsorganisation Pro Asyl
Das liegt an einem Gesetzesvorhaben aus dem Bundesfamilienministerium: Von Januar 2016 an sollen die allein eingereisten minderjährigen Flüchtlinge anders auf Kommunen und Städte verteilt werden. Bislang gilt die Regelung, dass jener Stadt- und Landkreis, in dem die jungen Flüchtlinge aufgegriffen werden, diesen auch eine Unterkunft stellen muss. Das bedeutet: Größere Städte wie Stuttgart nehmen die Minderjährigen sehr viel häufiger in Obhut als kleinere Gemeinden wie Hildrizhausen. „In Zukunft sollen sie wie alle anderen Flüchtlinge auch nach dem sogenannten Königsteiner Schlüssel verteilt werden“, sagt Jens Peter von der AGDW. Das dürfte für die Landeshauptstadt Stuttgart, in der die Bundespolizei verhältnismäßig viele junge Reisende aufgreift, allerdings keine grundlegende Entlastung bringen: „Denn die ersten Wochen werden die Jugendlichen trotzdem in den Inobhutnahmen verbringen müssen“, sagt Peter. Viele Experten sehen den Gesetzesentwurf, der nach der Sommerpause in den Bundestag gehen soll, daher kritisch.
Die Menschenrechtsorganisation Pro Asyl kritisiert den Entwurf, weil aus Kostengründen „Kinder umhergeschoben“ würden. Seitens der Organisation heißt es: „Gerade Kinder, die ihre Eltern verloren haben oder durch die Flucht von ihnen getrennt wurden, brauchen Bezugspersonen in der neuen Heimat.“ Flüchtlingskinder würden, so die Befürchtung der Menschenrechtler, an Orten untergebracht, in denen ihre Traumata nicht behandelt werden könnten. Bedarfsgerechte Bildungsangebote fehlen und – mangels Dolmetschern – werden Erkrankungen und Kindeswohlinteressen nicht erkannt. Der Sozialarbeiter Jens Peter sieht vor allem den Plan kritisch, die Jugendlichen nur noch zwei Wochen in den Inobhutnahmestellen unterzubringen und früher auf Wohnungen und Einrichtungen zu verteilen. „Wir brauchen Zeit, um einen Kontakt zu den Kindern aufzubauen und die Vormundschaft zu klären.“
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Kinderleicht ist es der 15-Jährigen Safia S. gelungen, bis zur türkisch-syrischen Grenze zu reisen. Sie wollte sich in Syrien der Terrormiliz IS anschließen. Eltern fühlen sich oft hilflos, wenn sich Kinder und Jugendliche radikalisieren. Sind sei einmal auf dem Weg, sind sie schwer zu stoppen. Eltern müssen schon früher Hilfe suchen.
Es ist ein Gefühl von Ohnmacht: Bei Eltern islamisch radikalisierter Jugendlicher wächst die Sorge vor einer heimlichen Ausreise der Kinder nach Syrien, seitdem Dutzende junge Leute aus Deutschland sich dort der IS-Terrormiliz angeschlossen haben. Einmal aufgebrochen, lassen sich die Jugendlichen nur noch schwer stoppen – so wie es der Mutter der jugendlichen Safia S. gelungen ist, die sich von diesem Donnerstag an wegen einer Messerattacke auf einen Polizisten im IS-Auftrag in Celle vor Gericht verantworten muss. Auf bloße Befürchtungen von Angehörigen hin können die Behörden eine mögliche Ausreise so leicht nicht blockieren.
15-Jährige reist ungehindert in Richtung Syrien
Ticket kaufen, einchecken und weg: Für die damals 15-jährige Safia startet die Reise Richtung Islamischer Staat (IS) am 22. Januar 2016 in Hannover kinderleicht. Ohne dass die Eltern Bescheid wissen oder jemand sie aufhält, besteigt sie den Flieger nach Istanbul. Ein Schock für die Mutter, die aber bald die Reisepläne durchschaut – ein älterer Bruder Safias ist bereits auf dem Weg zum IS an der türkisch-syrischen Grenze inhaftiert worden. So reist sie ihrer Tochter nach Istanbul hinterher, findet sie und kehrt mit ihr zusammen zurück.
Wie die Bundespolizei erklärt, sei es am Ende Erfahrung und ein kritischer Blick, bei welchen minderjährigen, alleinreisenden Fluggästen intensiver nachgefragt wird. Einverständniserklärungen der Eltern könnten auch gefälscht und Ausweiskopien heimlich erstellt sein. Mitunter wird nach den Erwachsenen gefragt, die einen Jugendlichen zum Flughafen gebracht haben. Der Grenzbeamte könne im Zweifel den Abflug verhindern – wobei ihm auch Ärger und Regressansprüche drohen können.
Die Möglichkeiten der Polizei sind begrenzt
„Wir müssen davon wissen, sonst kann die Polizei nichts machen“, sagt eine Sprecherin des Landeskriminalamtes Niedersachsen zu einem möglichen Einschreiten gegen eine Ausreise Richtung Syrien. Die Behörden seien auf Hinweise aus dem Umfeld der meist jungen Radikalisierten angewiesen. Aber auch bei einem Verdacht oder einer Befürchtung müsse die Polizei rechtlich prüfen, ob es tatsächlich ein Bestreben gebe, ins Kriegsgebiet zu reisen, ob eine Straftat geplant sei. Dann könne die Polizei im Rahmen der Gefahrenabwehr handeln oder bei der Stadt eine Passentziehung anregen. Selbst diese laufe aber bei Menschen mit doppelter Staatsangehörigkeit ins Leere – auf die ausländischen Dokumente gebe es kaum Zugriff. „In sehr vielen Fällen wissen wir nichts“, meint die LKA-Sprecherin zu drohenden Ausreisen.
Und selbst wenn – im Fall der im vergangenen Jahr in Niedersachsen verurteilten beiden Wolfsburger Dschihad-Touristen halfen sorgenvolle Hinweise von Angehörigen eines der jungen Männer nicht. Zwar wandten sie sich an das LKA, verhindern konnte es die Ausreise nicht.
Eltern sollten nicht auf Konfrontationskurs gehen
Der Leiter der Beratungsstelle gegen islamistische Radikalisierung junger Leute in Niedersachsen, Christian Hantel, möchte Eltern einen Teil ihrer Sorgen nehmen. Eine Ausreise stehe in seltenen Fällen am Ende der Kette einer Radikalisierung – wichtig sei, dass die Eltern bei Sorgen schnell Hilfe suchten. „Je früher wir davon erfahren, desto schneller können wir über eine Elternberatung helfen.“ Herausgearbeitet werden könne, was den jungen Menschen anfällig für radikale Ideen mache – und wo es in den innerfamiliären Beziehungen knirsche. „Es geht nur miteinander, man muss die Beziehung stärken, nicht die Konfrontation suchen.“
„Bei Radikalisierung gibt es auch einen Weg zurück“
Das Elternhaus sei weiterhin ein wichtiger Bezugspunkt, auch wenn Jugendliche sich abkapselten, sagte Hantel. Wenn es tatsächlich zu einer Ausreise käme, meldeten die jungen Leute sich in der Regel nach ein paar Wochen bei den Eltern: „Ich bin hier, mir geht es gut.“ So weit komme es aber selten, manche Sorge sei unbegründet. „In den meisten Fällen können wir Entwarnung geben für die befürchtete Radikalisierung und drohende Ausreise.“ Außerdem trage die Prävention durchaus Früchte: „Bei der Radikalisierung gibt es auch einen Weg zurück.“
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Wenn ein Hartz-IV-Empfänger ein Jobangebot oder eine Fortbildung verweigert oder ein zusätzliches Einkommen verschweigt, muss er mit Sanktionen rechnen. Im vergangenen Jahr ist die Zahl dieser Strafen gestiegen. Doch es gibt auch mehr Bedürftige.
Die Zahl der Sanktionen gegen Hartz-IV-Empfänger ist im vergangenen Jahr leicht auf knapp 953.000 gestiegen. Das waren rund 13.700 mehr als im Vorjahr, wie die Bundesagentur für Arbeit mitteilte. Die Sanktionsquote – also das Verhältnis von verhängten Sanktionen zu allen erwerbsfähigen Leistungsberechtigten – lag unverändert bei 3,1 Prozent. „Die allermeisten Leistungsberechtigten halten sich an die gesetzlichen Spielregeln. Nur ein ganz geringer Teil wird überhaupt sanktioniert“, sagte dazu BA-Chef Detlef Scheele.
Mit 77 Prozent entfällt zudem ein Großteil der Sanktionen auf Meldeversäumnisse – wenn also beispielsweise jemand einen Termin beim Jobcenter ohne Angaben eines wichtigen Grundes nicht wahrnimmt. 2017 mussten die Jobcenter bei 733.800 Menschen deswegen die Regelleistung um zehn Prozent absenken. „Drei von vier Sanktionen entstehen schlicht deshalb, weil vereinbarte Termine im Jobcenter gar nicht erst wahrgenommen werden“, sagte Scheele.
Menschen unter 25 Jahren stärker betroffen
Deshalb böten die Jobcenter einen Termin-Erinnerungsservice per SMS an. Außerdem werden Hartz-IV-Empfänger sanktioniert, wenn sie etwa ein Jobangebot oder eine Fortbildung verweigern oder zusätzliches Einkommen verschweigen. Für die Weigerung, eine Arbeit oder Weiterbildung aufzunehmen oder den Abbruch, wurden 98.860 Sanktionen ausgesprochen. Pflichtverletzungen gegen die sogenannte Eingliederungsvereinbarung führten in 83.380 Fällen zu einer Leistungskürzung. Darin schreiben die Agentur für Arbeit und ein Arbeitsloser Unterstützungsleistungen und Pflichten des Jobsuchers fest.
Menschen unter 25 Jahren sind von den Sanktionen stärker betroffen. Das Gesetz sieht bei Jugendlichen bereits beim ersten Verstoß, der über ein Meldeversäumnis hinausgeht, eine hundertprozentige Sanktion der Regelleistung vor. „Die Sanktionierung auf Null finde ich nicht vernünftig“, sagte Scheele dazu. Denn nach so harten Sanktionen brechen einige Jugendliche den Kontakt zum Jobcenter ganz ab. Scheele wünscht sich zudem, dass es keine Sanktionierung bei den Kosten der Unterkunft gibt. Wenn Jugendliche sich innerhalb eines Jahres einen weiteren Verstoß leisten, kann ihnen auch die Unterstützung zur Zahlung der Miete gekürzt werden.
Sanktionspraxis angleichen
Der BA-Chef gibt zu bedenken, dass es aufgrund der angespannten Wohnungsmärkte in vielen Städten „ausgesprochen schwer“ sei, wieder eine Wohnung zu finden. „Drohende Wohnungslosigkeit hilft uns bei der Vermittlung und auch sonst nicht weiter“, sagte Scheele. Auch Erwachsene sind bei wiederholten Verstößen von der Kürzung der Zahlungen für die Miete betroffen.
Der BA-Chef sagte, er fände es zudem vernünftig, die Sanktionspraxis zwischen Jugendlichen und Erwachsenen anzugleichen. Im Jahresschnitt 2017 gab es 4,36 Millionen Hartz-IV-Empfänger; im Vorjahr waren es noch 4,31 Millionen. Auch durch diesen Anstieg hat die Zahl der Sanktionen zugenommen. Da manche Hartz-IV-Empfänger mehrfach sanktioniert werden, ist die Zahl der betroffenen Menschen deutlich niedriger als die Zahl der Fälle.
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Fellbach/KernenVitamin B hilft bei der Suche nach Ferienjobs
Fellbach/Kernen – Gute Zeiten für Ferienjobber. Weil die Konjunktur brummt, bieten viele Betriebe befristete Stellen für Schüler und Studenten. „Insbesondere im Bereich der Produktion gibt es eine große Nachfrage, aber auch in der Gastronomie und im Einzelhandel werden Leute gesucht“, sagt Isa Herrmann, die Presse-sprecherin der Arbeitsagentur Waiblingen.
Doch wie kommt man an einen Ferienjob? Die Zeiten hätten sich geändert, sagt Isa Herrmann. So spiele die Arbeitsagentur bei der Suche keine so große Rolle mehr wie früher. „Die Arbeitgeber fragen häufig ihre Mitarbeiter, ob sie interessierte Kinder oder Verwandte haben“, sagt die Pressesprecherin. Vitamin B ist bei der Suche also durchaus hilfreich.
Isa Herrmann hat die Erfahrung gemacht, dass Unternehmen häufig auf ihrer Homepage Ferienjobs anbieten, während Gastronomie und Einzelhandel über den klassischen Aushang nach Urlaubsvertretungen suchen. „Bei den Arbeitgebern sind vor allem Jobber beliebt, die schon einmal bei ihnen waren und eingearbeitet sind.“
Die Bezahlung sei sehr unterschiedlich und reiche von 8,50 bis 19 Euro pro Stunde. „Auch bei Ferienjobs gilt der Mindestlohn“, erklärt die Pressesprecherin. Im Schnitt würden Firmen 12 Euro pro Stunde bezahlen, und wer Schichtzulagen bekommt, verdiene richtig gut. Weil es sich um befristete Tätigkeiten ohne lange Anlaufzeiten handelt, würden mittlerweile auch immer mehr Zeitarbeitsfirmen Stellen für die Urlaubswochen anbieten.
Wer jetzt noch einen Ferienjob sucht, der könne sich auf der Homepage der Arbeitsagentur Stuttgart informieren, sagt Isa Herrmann. „Unter der Rubrik Jobvermittlung sind auch die kurzfristigen Beschäftigungen für Fellbach und Kernen ausgeschrieben.“ Doch es gibt rechtliche Bestimmungen und Regeln. So dürfen schulpflichtige Jugendliche von 15 Jahren an mit der Erlaubnis ihrer Eltern zwischen 6 und 20 Uhr ganztägig arbeiten. „Aber nur maximal 40 Stunden pro Woche“, sagt die Pressesprecherin.
Wer volljährig ist, unterliegt nicht mehr dem Jugendarbeitsschutzgesetz. Viele Firmen bevorzugen solche Bewerber, weil sie frei von Einschränkungen sind und häufig einen Führerschein besitzen. „Auch Schichtarbeit stellt für sie kein Problem dar“, sagt Isa Herrmann. Allerdings dürfen volljährige Schüler und Studenten nicht länger als drei Monate im Jahr arbeiten.
Bei der Diakonie Stetten sind während der Sommerferien 35 Ferienjobber beschäftigt. „Es gibt noch freie Plätze, wir freuen uns über Bewerbungen“, sagt die Pressesprecherin Hannah Kaltarar. Die jungen Leute würden als Helfer in den Wohngruppen im Schloss der Diakonie eingesetzt. Sie begleiten die Bewohner zu Ausflügen, trinken mit ihnen Kaffee und machen Spiele.
Bei der Firma Andreas Maier & Co. KG sind alle Ferienjobs bereits vergeben. Der Personalchef Wolfgang Balle sagt: „Wir haben 25 Jobber, die während der Sommerferien die Arbeit von rund zehn Mitarbeitern in Produktion und Lager abdecken.“
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Jugendliche, die über die Eltern privat krankenversichert waren, werden nach dem Schulabschluss versicherungspflichtig. Private Krankenversicherungen (PKV) locken dann mit einer Anwartschaft, um nach der Ausbildung zu günstigen Konditionen in die PKV zurückkehren zu können. Wir erläutern, für wen es sich lohnt.
Für den zuvor privat krankenversicherten Nachwuchs gilt mit dem Beginn einer Ausbildung oder eines Studiums die gesetzliche Versicherungspflicht.
Genau heißt das: Azubis werden automatisch in der gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) pflichtversichert. Studenten, die keinen Anspruch auf eine kostenfreie Familienversicherung haben, können wählen, ob sie in den Studententarif der GKV wechseln oder sich von der gesetzlichen Pflichtversicherung befreien lassen und einen privaten Krankenschutz nutzen wollen.
Als GKV-Mitglied die PKV halten
Beim Wechsel in die GKV nach der Schulzeit gibt es eine Option, mit der sich der Nachwuchs seine private Krankenversicherung „einfrieren“ kann. „Wer eine Anwartschaft abschließt, behält sich damit das Recht vor, seinen PKV-Vertrag wieder aufleben zu lassen, wenn er versicherungsfrei wird – insbesondere als Beamter oder Angestellter mit einem Verdienst über der Jahresarbeitsentgeltgrenze (JAEG)“, erläutert Silke Möhring, Honoraranwältin der Verbraucherzentrale Hessen.
Neue Gesundheitsprüfung wird vermieden
Das bedeutet: In einem vertraglich vereinbarten Zeitraum ruht die Versicherung. Der gesetzlich krankenversicherte Kunde zahlt die Anwartschaft und genießt währenddessen keinen PKV-Schutz.
Die Assekuranzen unterschieden dabei zwischen kleiner und großer Anwartschaft. Der Vorteil bei beiden Varianten: Bei der Rückkehr in die PKV wird keine neue Gesundheitsprüfung fällig. Der Versicherungsschutz wird dem Kunden zugesichert, selbst wenn sich dessen Gesundheitszustand verschlechtert haben sollte.
Altersrückstellungen schlagen sich auf die Prämie nieder
Beim Abschluss einer großen Anwartschaft werden zusätzlich Altersrückstellungen aufgebaut. Bei der späteren Umstellung auf einen Volltarif wird der Beitrag dann mit dem ursprünglichen Eintrittsalter kalkuliert. Die günstigen Konditionen vor Aufnahme der Anwartschaft bleiben dadurch erhalten.
Das Plus spiegelt sich in den Kosten wieder: Für eine kleine Anwartschaft muss der Versicherte laut Juristin Möhring in der Regel mit fünf bis zehn Prozent des bisherigen Versicherungsbeitrags rechnen, bei einer großen Anwartschaft sind es schon 20 bis 25 Prozent.
Bei einer Anwartschaft während der Lehre oder des Studiums muss die Entscheidung „klein oder groß“ abgewogen werden. Denn eine große Anwartschaft lohnt sich nur in besonderen Fällen.
Möglichkeit für Ex-Studenten
Vor der Frage „Anwartschaft ja oder nein“ stehen beispielsweise Hochschulabsolventen stehen, die während der Studienzeit privat krankenversichert waren. Im ersten Job nach der Uni verdienen viele Absolventen deutlich unter der JAEG, sind damit wieder versicherungspflichtig und müssen sich gesetzlich krankenversichern. Mit einer Anwartschaft lässt sich eine Frist, bis das Einkommen den PKV-Eintritt erlaubt, überbrücken: Betroffene können so ohne Risikoprüfung erneut ihren privaten Krankenschutz aufnehmen.
Option für künftige Besserverdiener
Wer ganz sicher wisse, dass er zurück in die PKV gehe, sollte sobald wie möglich in eine große Anwartschaft wechseln, empfiehlt Möhring. Das sei jedoch eher die Ausnahme. Die Juristin dämpft allzu viel Enthusiasmus: In vielen Fällen lohne sich eine PKV-Anwartschaft nicht, da das Risiko der Beitragssteigerung in der PKV sehr groß sei. Auch wessen Verdienst als Angestellter aller Voraussicht nach nie über der JAEG liegen werde, könne sich eine Anwartschaft sparen.
Unter denselben Voraussetzungen ist der Expertin zufolge eine Anwartschaft auch für Jugendliche sinnvoll oder eben nicht sinnvoll, die nach der Schule Wehrdienst leisten oder ein freiwilliges soziales Jahr absolvieren.
Angehende Beamte profitieren
Interessant kann die Option hingegen für alle junge Menschen sein, die künftig selbstständig oder freiberuflich mit sehr gutem Verdienst arbeiten werden. Auch für Studenten, die eine Karriere als Beamte anvisieren, ist eine Anwartschaft oft sinnvoll. Denn Beamte und ihre Familien haben Anspruch auf die so genannte Beihilfe, einen staatlichen Zuschuss zu ihrer medizinischen Versorgung. Den verbleibenden Rest der Krankheitskosten decken die Staatsdiener meist mit speziellen Beihilfe-Tarifen einer PKV ab. Aus gutem Grund: Als GKV-Mitglied sind sie nicht beihilfeberechtigt und würden deutlich höhere Prämien zahlen.
Zeit des Auslandsaufenthalts überbrücken
Was aber, wenn ein Schulabgänger zunächst einen Auslandsaufenthalt plant, bevor er in Deutschland eine Ausbildung oder ein Studium aufnimmt und dann versicherungspflichtig wird? Für die Zwischenzeit vor dem Studium könne eine Anwartschaft ratsam sein, sagt die Fachfrau: „Denn im schlechtesten Fall erkrankt die Person und hat bei der Heimkehr aus dem Ausland keine Krankenversicherung mehr.“
Ein Auslandsreiseschutz greife nur bis zum Rücktransport, sagt Möhring. Je nach Schwere der Erkrankung werde ein privater Krankenversicherer den Rückkehrer ohne Anwartschaft möglicherweise nicht akzeptieren.
Achtung, Fallstricke im Vertrag
Generell sollten sich Eltern, die für den Nachwuchs eine Anwartschaft in Betracht ziehen, vorab umfassend beraten lassen, um Stolpersteine in den Verträgen zu vermeiden.
Wichtig sei zum Beispiel, unter welchen Voraussetzungen der Vollvertrag nach der Ruhezeit wieder beginne, betont Anwältin Möhring. Dabei sollten Eltern darauf achten, dass der Vertrag nicht automatisch bei Versicherungsfreiheit auflebt. Besser sei es, sich das Recht vorzubehalten, in der Situation selbst zu entscheiden, diesen wieder in Kraft zu setzen oder nicht. In dem Zusammenhang sollten zudem möglichst gar keine oder zumindest günstige Fristen festlegt werden.
Am Ende müssen Eltern genau überlegen, ob ihr Geldbeutel die Zusatzinvestition hergibt. Und bedenken, dass das Geld futsch ist, wenn das Kind später in der GKV bleibt.
Verbraucherschützerin warnt vor Risiken
Generell skeptisch steht Möhrings Kollegin Daniela Hubloher Anwartschaften gegenüber. Damit würden wohlmeinende Eltern ihr Kind in die private Krankenversicherung drängen, sagt die Expertin für Gesundheitsdienstleistungen bei der Verbraucherzentrale Hessen.
Die jungen Menschen seien in den gesetzlichen Kassen meist besser aufgehoben. Diese orientierten sich an einem offenen Hilfsmittelkatalog und böten Leistungen wie eine kostenfreie Familienversicherung, Psychotherapien, Reha-Maßnahmen, Mutter-und-Kind-Kuren sowie Unterstützung durch Haushaltshilfen an – die privaten Versicherer hingegen nicht.
Zu berücksichtigen sei außerdem die mit zunehmendem Alter enorm steigenden Beiträge eines privaten Krankenschutzes. Habe das Kind die durch die Anwartschaft gehaltene private Versicherung aufgenommen, sei die Rückkehr in die GKV häufig verbaut.
Zusatzversicherung statt Anwartschaft
Auch die Stiftung Warentest warnt: Wer mit Mitte 30 in die PKV einsteige, müsse damit rechnen, dass er bei Renteneintritt mindestens das Dreifache des Beitrags zahle, der beim Abschluss der Versicherung fällig war. Hubloher rät deshalb Eltern, die ihren Kindern Gutes tun wollen, eher zusätzlich zur GKV eine Versicherung für den stationären Bereich zu finanzieren, die zum Beispiel bei Klinikaufenthalten die Unterbringung auf einer Privatstation und die Behandlung durch Chefärzte umfasst.
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