Ein Erfolg der Prävention?Jugendgewalt auf Rückzug
Stuttgart – Rohe Gewalt scheint bei Jugendlichen immer seltener ein Mittel für Auseinandersetzungen zu sein: Innerhalb von zehn Jahren ging jedenfalls die Zahl der Gewalttäter unter 21 Jahren um fast die Hälfte zurück. 5269 Tatverdächtige registrierte die Polizei im vergangenen Jahr, berichtete am Donnerstag Innenminister Reinhold Gall (SPD). Vor zehn Jahren waren es noch mehr als 9300.
„Auch bei Sachbeschädigungen und Diebstählen hat sich die Zahl der jungen Tatverdächtigen stark verringert“, sagte Gall. Der Trend sei auch dann signifikant, wenn man die demografische Entwicklung der vergangenen zehn Jahre betrachte: Die Zahl der Sechs- bis 20-Jährigen an der Gesamtbevölkerung sei zwar gesunken, aber nur um rund zehn Prozent.
Der Statistik zufolge stieg zwar die Zahl der Tatverdächtigen unter 21 Jahren insgesamt um 3,2 Prozent. Dieser Trend sei jedoch nicht auf eine Zunahme jugendtypischer Delikte zurückzuführen, sondern auf „Begleitdelikte“ wegen steigender Flüchtlingszahlen: „Allein bei den Aufenthalts- und Asylverstößen haben wir mit über 3500 jugendlichen Tatverdächtigen weit mehr als die doppelte Zahl des Jahres 2013 registriert“, sagte Gall.
Bei den jugendlichen Gewalttätern fällt auf, dass drei Viertel von ihnen als Wiederholungstäter eingestuft werden. Die Hälfte agierte aus einer Gruppe heraus, und mehr als jeder Vierte stand bei der Tat unter Alkoholeinwirkung, so die Erkenntnis der Polizei. Bei Ladendiebstählen wiederum lag der Anteil der tatverdächtigen Mädchen überproportional hoch. Überhaupt nimmt der Anteil von delinquenten Mädchen zu.
Einen positiven Trend vermeldete Gall auch bei der Opferstatistik: Im Vergleich zu 2013 sank im vergangenen Jahr die Zahl jener Jugendlichen, die Opfer einer Straftat wurden, um 2,5 Prozent auf landesweit 22 600. Gegenüber 2005 beträgt der Rückgang damit gut 20 Prozent.
Im Vergleich zu den Erwachsenen sind Jugendliche dennoch etwas überrepräsentiert: Sie machen 24,4 Prozent aller registrierten Opfer aus, während ihr Anteil an der Wohnbevölkerung insgesamt unter 20 Prozent beträgt. Bei den Delikten Vergewaltigung und sexuelle Nötigung lag der Opferanteil junger Menschen der Statistik zufolge mit 35 Prozent besonders hoch.
Gall zeigte sich überzeugt, dass der positive Trend entscheidend mit der Präventionsarbeit der Polizei zusammenhängt: „Das ist kein Zufall, sondern das Ergebnis jahrelanger Arbeit.“ So würden verhaltensauffällige Kinder und Jugendliche frühzeitig in die Programme aufgenommen, die die Polizei zusammen mit Kommunen und anderen Partnern anbietet. Sie biete nun erstmals ein flächendeckendes und für jede Schule abrufbares Präventionsangebot zu den Schwerpunktthemen Gewalt, Mediengefahren, Sucht und Verkehrsunfälle an.
Allein im vergangenen Jahr hätten die Polizeidienststellen landesweit 2307 Veranstaltungen zur Drogen- und Suchtprävention organisiert. Vergleichszahlen aus anderen Ländern liegen Gall zufolge für die Jugendkriminalität noch nicht vor. Was die Entwicklung der Gewaltkriminalität im Südwesten angeht, wagt er aber bereits eine Aussage für das laufende Jahr: „Der positive Trend hält auch 2015 an.“ Die Jugend von heute sei wesentlich besser als ihr Ruf.
Vertreter der beiden Regierungsfraktionen werten dies als Erfolg eines „grün-roten Strategiewechsels“. Die konsequente Verzahnung von Prävention und Polizeiarbeit wirke, erklärten die Abgeordneten Uli Sckerl (Grüne) und Nik Sakellariou (SPD).
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Vier Jugendliche haben einen Mann nach einem Streit in einem Freizeitbad in Tuttlingen, Baden-Württemberg, krankenhausreif geprügelt. Der 58-Jährige wurde schwer verletzt, wie die Polizei Tuttlingen mitteilt. Die Täter sollen auch dann noch auf ihr Opfer eingetreten haben, als es schon am Boden lag.
Nach ersten Erkenntnissen hatte der Mann sich am Freitagabend darüber beschwert, dass die 16 bis 18 Jahre alten Jugendlichen im Bad zu laut Ball spielten und vom Beckenrand sprangen. Ein Bademeister versuchte der Polizei zufolge zu schlichten, doch offenbar ohne Erfolg.
Als der Mann gegen 21.40 Uhr das Bad verließ, passten ihn die Jugendlichen vor dem Ausgang ab und griffen ihn an. Eine Kamera hatte sie zuvor beim Verlassen des Gebäudes gefilmt. Nach der Tat flohen die Jugendlichen. Die Polizei ermittelt wegen gefährlicher Körperverletzung.
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Wenn Jugendliche viel Zeit am Computer oder Tablet verbringen, ist das allein noch kein Anlass zur Sorge. Isolieren sie sich aber zugleich immer mehr von ihrem Umfeld und nutzen sie vor allem Computerspiele als Flucht vor eigenen Problemen, kann das auf eine Spielsucht hindeuten, erläutert Uwe Büsching, Sprecher des Ausschusses Jugendmedizin im Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ).
Hinweise richtig deuten
Hinweise auf eine Sucht können auch sein, wenn Jugendliche ihre Alltagspflichten im Haushalt vernachlässigen sowie Kontakte zu Freunden und Familie oder ein Hobby im Verein aufgeben.
Büsching betont, dass die Menge der Zeit, die jemand vor dem Computer verbringt, an sich nicht mit der Suchtgefahr einhergeht. Es gehe vielmehr darum, ob das Spielen eine Flucht vor Alltagsproblemen sei. Süchtige beschäftigten sich auch abseits des Computers gedanklich fast ausschließlich mit dem Spiel – und sie werden unruhig, wenn sie zu lange nicht in die Welt des jeweiligen Spiels eintauchen könnten.
Tipp: Klare Absprache statt stupide Verbote
Büschings Rat an Eltern lautet, das Spielen nicht als falsch oder als komplette Zeitverschwendung abzuwerten. Statt die Medien komplett zu verbieten, hält er es für sinnvoller, Jugendlichen feste Zeiten dafür einzuräumen und ihnen die Möglichkeit zu geben, sich Zusatzzeiten zu erarbeiten. Man könne auch einen schriftlichen Vertrag aufsetzen. Außerdem sollten Eltern auf die Inhalte der Spiele und die damit verbundenen Altersbegrenzungen achten. (www.kinderaerzte-im-netz.de)
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Zuffenhausen/Rot – Auch in diesem Jahr wird es in Zuffenhausen und Rot wieder eine Sucht- und Gewaltpräventionswoche geben. Von Montag, 5. Oktober, bis Freitag, 9. Oktober, sollen Heranwachsende unter dem Überbegriff „Body & Soul“ über die Gefahren von Alkohol, Drogen und Gewalt aufgeklärt werden. Geplant sind mehrere Dutzend Veranstaltungen. Damit die Finanzierung des Programms gesichert werden kann, werden Spender und Sponsoren gesucht.
„Die Veranstaltungsreihe ist ein wichtiger Mosaikstein in der Präventionsarbeit“, sagt Anne Kunz von der Mobilen Jugendarbeit Rot. Einerseits würden natürlich die Jugendlichen davon profitieren, andererseits aber auch die daran beteiligten Einrichtungen und Schulen. Das Know-How könne gebündelt, die Vernetzung verbessert und Synergieeffekte generiert werden. Umso wichtiger sei es, dass die Existenz der Präventionswoche auch für die kommenden Jahre gesichert werde. Für 2015 fehle vor allem Geld. Im Hinblick auf die Zukunft sei man aber auch auf der Suche nach Vereinen, Institutionen, Firmen oder Privatleuten, die sich bei Vorbereitung und Durchführung des Projektes engagieren. „Wir wollen die Präventionswoche unbedingt am Leben erhalten“, sagt Kunz. Da es 2014 zum Abschluss der Woche keinen Spendenlauf gegeben hatte, sind die Veranstalter vom Arbeitskreis für Sucht- und Gewaltprävention heuer noch knapper bei Kasse als in den Vorjahren. Gut 5000 Euro werden insgesamt benötigt, um schwarze Zahlen zu schreiben.
Die Präventionswoche gibt es sei den 1990er Jahren
Ins Leben gerufen worden war das Projekt Anfang der 1990er Jahre. Zuffenhausen und Rot waren damals stuttgartweit Vorreiter. Komatrinken, Gewalt gegen Mitschüler oder gegen Lehrer, der regelmäßige Griff zu Zigarette und Joint, an diesen Problemen hat sich in den vergangenen Jahren nur wenig geändert. Hinzugekommen sind Beleidigungen und Drohungen über das Internet. „Einer der Schwerpunkte meiner Arbeit ist es, Jugendliche auf die Gefahren beim Umgang mit den Medien aufmerksam zu machen“, sagt Werner Mast, Präventionsbeamter beim Zuffenhäuser Polizeirevier. Auch er setzt darauf, dass im Rahmen von Body & Soul die Kooperation im Stadtbezirk verbessert wird und neue Ideen entwickelt werden. Dass die Veranstaltungsreihe bei den eigentlichen Adressaten, also den Jugendlichen, ankommt, daran hat der Beamte keinen Zweifel. Die Erfolge ließen sich nicht zuletzt in der polizeilichen Kriminalstatistik ablesen. Die Zahlen bei der Jugendkriminalität im Bezirk seien weitaus besser, als es der Blick in den Sozialdatenatlas vermuten lasse. Dass mit der Veranstaltungsreihe wichtige Arbeit geleistet wird, hat sich auch bis ins Rathaus herumgesprochen. Vor kurzem ist Body & Soul mit einer Anerkennungsurkunde des Stuttgarter Präventionspreises ausgezeichnet worden.
Neben einem guten Dutzend Kooperationspartner sind anno 2015 sieben Schulen bei der Woche dabei. Seit vergangenem Jahr wird nämlich ein neues Konzept verfolgt: Sind in der Vergangenheit fast alle Veranstaltungen öffentlich gewesen, so finden sie nun intern an den teilnehmenden Schulen statt, die wiederum Themenwünsche äußern konnten. Öffentlich werden in diesem Jahr nur eine Auftaktveranstaltung vor dem Bezirksrathaus sowie der Abschluss im Tapachtal sein.
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Jugendliche scheinen nicht zu frieren. Leichte Stoffschuhe bei Minusgraden, jackenlos und selbstverständlich nur dann mit Mütze, wenn es aus modischen Gründen angesagt ist – im Sinne der Brutpflege verzweifeln manche Eltern an den Bekleidungsgewohnheiten ihrer Teenager.
Dazu allerdings besteht kein Grund, beruhigt der Neurobiologe Ralph Dawirs. Denn Jugendliche haben nicht nur eine ganz andere Temperaturwahrnehmung als wir Erwachsenen, es gibt dafür auch einen triftigen Grund.
Unsere Teenager waren früher die Macher
80.000 Generationen lang lag die Lebenserwartung des Menschen bei etwa 25 bis 30 Jahren und dann war man schon richtig alt. Jungs und Mädels, die heute als noch nicht reif gelten, waren also über die längste Zeit die eigentliche Erwachsenengesellschaft.
„Pubertierende Banden, die gezwungen waren, sich an ihrer Peergroup zu orientieren. Und damit an denen, mit denen sie als Erwachsene durch die Savanne streichen würden“, erklärt Dawirs im Gespräch t-online.de. „Sie waren bereit, ihr Leben hochriskant zu gestalten, suchten nach emotionalen Kicks, überprüften Grenzen – immer im Dienste des Generationenwechsels.“
Degradiert von den Alten
Doch vor etwa acht bis zehn Generationen, wandelte sich das Blatt und die Lebenserwartung verdreifachte sich innerhalb kürzester Zeit. Will der Teenager jetzt, so wie es seine eigentliche Bestimmung ist, die Macht übernehmen, hat er ein Problem. Die „Alten“ lassen ihn nicht, obwohl er physiologisch gesehen nach wie vor ein so guter „Krieger“ wäre. „Wir unterschätzen unsere Jugendlichen massiv. Sie sind unsere wahren Helden“, bekräftigt der Gehirnexperte.
Wer innerlich brennt, der friert nicht
Bauchfrei bei minus fünf Grad ist also nicht nur cool, die Teenager leiden auch nicht unter der Kälte. Aufgrund ihres eigentlichen Auftrags der Evolution werden sie zudem deutlich seltener krank als kleine Kinder oder ältere Menschen. „Natürlich frieren sie auch, aber sie nehmen das gar nicht wahr. Es spielt keine Rolle.“
Die Coolness wird also höher bewertet. Die Aufforderung, sich doch bitte eine Mütze und einen Schal anzuziehen, verhallt ungehört in den jugendlichen Gehirnen. „Die überleben das. Der eigene Organismus weiß besser, ob er friert als Mama oder Papa. Wenn man innen heiß ist, dann friert man eben auch nicht so.“
Kleine Eltern-Tricks gegen die Kälte
Das Mediatorenehepaar Sylvia und Alfred Strobel hat in seinem Ratgeber „Pubertät für Anfänger“ unter anderem eine Klamottencheckliste für Jungs zusammengestellt, in der es heißt: „Mehrere Schichten werden übereinander getragen: ein T-Shirt, darüber ein ellenlanger Pulli, eine etwas kürzere Jeansweste und dann eine Jacke. Da Pubertierenden keine Temperaturfühler besitzen, wird diese Kleidung sommers wie winters getragen.“
Wobei der Zwiebellook sicher nicht die schlechteste Alternative ist, um Frostbeulen zu vermeiden und trotzdem im entscheidenden Moment cool sein zu können. Folgt man der traditionellen chinesischen Medizin, dann kann man auch mit Ernährung das Temperaturempfinden steuern.
Dann schmuggelt man eben zukünftig an kalten Tagen mehr Gewürze wie Knoblauch, Ingwer oder Pfeffer ins Essen, die dafür sorgen, dass es innerlich warm wird. Alusohlen in den dünnen Turnschuhen halten zusätzlich ganz unauffällig die Füße beim Warten an der Bushaltestelle warm.
Wir waren auch nicht anders
Zum Warmanziehen zwingen kann man Teenager allerdings nicht. Uns Erwachsene mag das verärgern, manchmal sogar beängstigen, verwundern braucht es uns aber nicht. Ralph Dawirs rät in seinen Vorträgen zum Thema seinen Zuhörern immer wieder, einmal die Augen zu schließen und sich an die eigene Jugend zu erinnern. Winterjacken, Fäustlinge und warme Stiefel kommen hier bestimmt nicht vor und wenn, dann liegen sie versteckt im Schuppen.
Es gibt nicht nur die Altweiberhitze
Natürlich spielen auch die Hormone eine Rolle. So manche Mutter in den Wechseljahren trägt ja auch nicht mehr als ein T-Shirt, egal bei welchem Wetter. Zu den Hormonen kommen noch Stoffwechsel, Blutdruck, das Gewicht und nicht zuletzt die persönliche Stimmung. Man kann also sagen, dass Eltern es mehr oder weniger hinnehmen müssen, dass ihre Teenager sich nicht nach dem Thermometer einkleiden, wenn sie – wie vor Millionen von Jahren – losziehen, um mutig Abenteuer zu bestehen.
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Millionen Familien mit Kindern und Jugendlichen in Deutschland leben von Hartz IV. Besonders die unter Dreijährigen sind auf Unterstützung angewiesen. Und es werden immer mehr – als eine Folge des Flüchtlingszustroms.
Knapp jedes siebte Kind unter 18 Jahren in Deutschland war im vergangenen Jahr auf Hartz IV angewiesen. Noch vor fünf Jahren war es lediglich knapp jedes achte Kind gewesen, steht in neuesten Statistiken der Bundesagentur für Arbeit (BA). Noch höher ist die Quote bei den unter Dreijährigen: Von ihnen lebte im Juni 2017 jedes sechste Kind in einer Familie, die Grundsicherung bekam. Auch hier ist die Tendenz leicht steigend und es gibt Unterschiede im Vergleich der Regionen.
Insgesamt lebten im Juni vergangenen Jahres 2,052 Millionen Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Familien, die wegen Jobverlusts oder zu geringen Lohns auf Hartz IV angewiesen waren. Das sind 5,2 Prozent mehr als im Juni 2016 und sogar 166.560 oder 8 Prozent mehr als vor fünf Jahren.
Die Bundesagentur führt den relativ starken Anstieg hauptsächlich auf die wachsende Zahl ausländischer Familien zurück, die von Jobcentern betreut werden und von Arbeitslosengeld II leben. Eine große Rolle spiele hierbei die wachsende Zahl von Flüchtlingen, sagte ein Bundesagentur-Sprecher. Fänden sie nach dem Abschluss ihres Asylverfahrens und dem Absolvieren von Integrations- und Sprachkursen nicht gleich eine Arbeit, müssten in der Regel die Jobcenter für deren Lebensunterhalt aufkommen.
Anstieg durch Zugewanderte
Diese Einschätzung teilt auch der Nürnberger Arbeitsmarktforscher Thorsten Lietzmann. „Es sind neue Gruppen in die Grundsicherung gekommen – und das wird bei den Kindern besonders deutlich.“ Dagegen sei die Zahl der auf Hartz IV angewiesenen inländischen Kinder in den vergangenen Jahren beständig zurückgegangen, machte Lietzmann deutlich. Grund sei die insgesamt sinkende Zahl der Langzeitarbeitslosen.
Mitte des vergangenen Jahres lebten 583.600 Kinder und Jugendliche in ausländischen Familien, die Hartz IV bezogen. Im Vergleich zum Juni 2016 entspricht das einem sprunghaften Anstieg von 41,1 Prozent. Im Vergleich zum Jahr 2012 verdoppelte sich die Zahl der auf Hartz IV angewiesenen ausländischen Kinder und Jugendlichen unter 18 Jahren sogar fast.
Am stärksten fiel der Anstieg zwischen 2016 und 2017 aus, als die Folgen des 2015er und 2016er Flüchtlingszustroms bei den Jobcentern sichtbar wurden. So erhöhte sich beispielsweise die Zahl der unter 18-jährigen, aus Syrien stammenden Hartz-IV-Bezieher zwischen Juni 2013 und Juni 2017 von 7659 auf 205.200. Die entsprechende Zahl junger Afghanen vervierfachte sich in der Zeit auf 37.061. Die Zahl junger Iraker stieg um das Zweieinhalbfache auf 51.055.
Bayern: geringstes Risiko
Aber auch Migranten aus der EU ließen die Zahl der jungen Hartz-IV-Bezieher steigen. Mit 30.340 sei Mitte vergangenen Jahres die Zahl junger Grundsicherungsempfänger etwa aus Bulgarien fünf Mal so hoch gewesen wie noch Mitte 2013. Ob ein Kind auf Hartz IV angewiesen ist, hängt allerdings stark von der Region ab, in der seine Familie lebt.
Das geringste Risiko, bereits von Kindesbeinen an auf die staatliche Grundsicherung angewiesen zu sein, hat man in Bayern, wo lediglich 6,8 Prozent der unter 18-Jährigen in Familien mit Hartz-IV-Bezug leben. Darauf folgt Baden-Württemberg mit einer sogenannten Hilfsquote von 8,4 Prozent. In Bremen und Berlin ist dagegen fast jedes dritte Kind (bis zum Alter von 18 Jahren) auf staatliche Unterstützung angewiesen, in Sachsen-Anhalt und Hamburg ist es gut jedes fünfte Kind bzw. Jugendlicher.
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Stuttgart – Wenn man acht Jahre alt ist, dann ist das mit dem Krebs so eine Sache: Man kann sich die Krankheit als wucherndes Gewächs vorstellen, das sich im Körper ausbreitet. Oder als ein dunkles Etwas, das in einem sitzt und versucht, das Leben auszusaugen. Alexander sagt: „Man kapiert nicht so, was da in einem passiert.“ Er wusste nur: Er ist krank, so richtig krank. Denn seine Eltern machten sich große Sorgen.
Alexander hatte gerade seinen achten Geburtstag schon hinter sich, als er die Diagnose Leukämie erhielt. Er war immer so müde, das Lernen fiel im schwer. Da ging die Mutter mit dem Sohn zum Kinderarzt, der die Blutwerte untersuchen ließ – und den Jungen sofort ins Olgahospital des Klinikums Stuttgart überwies. „Plötzlich war meine Familie mit einer lebensbedrohlichen Krankheit konfrontiert.“
Die Diagnose Krebs bei Kindern und Jugendlichen wird nicht so oft gestellt: Insgesamt gibt es in Deutschland jedes Jahr etwa 2500 Neuerkrankungen. Das ist wenig, wenn man bedenkt, dass im gleichen Zeitraum rund 500 000 erwachsene Bundesbürger gesagt bekommen, dass sie ein Krebsleiden haben. Auch sind die Heilungschancen bei Kindern sehr viel besser: So gibt es bei Onkologen die Faustregel, dass acht von zehn krebskranken Kindern wieder gesund werden können. Bessere Medikamente, ausgefeilte und individuell zugeschnittene Therapiekonzepte und mehr Erfahrungswerte haben diesen Erfolg ermöglicht.
Krebstherapien bei Kindern sind für die gesamte Familie belastend
Auch Stefan Bielack kennt diese Regel. Der Ärztliche Direktor der Kinderonkologie im Olgahospital behandelt pro Jahr 80 Neuerkrankte. Er weiß daher auch, dass der Weg nicht einfach ist. „Wir haben eine gute Prognose bei Kindern. Aber um dahin zu kommen, müssen die Betroffenen samt ihren Familien durch eine schwere Zeit gehen, eine harte Zeit.“
Alexander hat es geschafft. Heute ist er 29 Jahre alt. Ein sportlicher junger Mann, die langen Haare zum Pferdeschwanz gebunden, sitzt er in einem Café in Stuttgart und erzählt mit ruhiger Stimme von seiner Zeit im Olgahospital, wo er zwei Jahre gegen Blutkrebs gekämpft hat – mit Chemotherapie und Strahlentherapie.
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Blutkrebs oder Leukämie ist der Oberbegriff für bösartige Erkrankungen des Knochenmarks, der Stätte der Blutbildung. Genetische Veränderungen in den Blutstammzellen führen dazu, dass Zellen entstehen, die sich schnell und unkontrolliert vermehren. Diese entarteten weißen Blutkörperchen überschwemmen das Blutsystem. Daher der Name Leukämie: weißes Blut – zusammengesetzt aus den beiden griechischen Wörtern „leukos“, was „weiß“ bedeutet, und „haima“ für „Blut“. Die Folge der Erkrankung ist eine hohe Infektanfälligkeit, weil es an gesunden weißen Blutkörperchen, den Abwehrzellen fehlt. Hinzu kommt Blutarmut, die Betroffene schlapp und müde werden lässt.
Alexander war damals zu jung, um zu begreifen, was seine Erkrankung in der Familie auslöste. „Für mich war das eben im Moment so“, sagt er. Nach dem Motto: Jetzt bin ich krank, jetzt muss das eben so sein. An Angstgefühle kann er sich nicht erinnern. „Ich glaube, ich war immer irgendwie überzeugt, dass alles gut werden wird.“
Nicht immer reagieren Kinder so gefasst, sagt Brigitte Möck, die als Klinikpsychologin die jungen Patienten samt Familien im Olgahospital betreut. „Das ist je nach Alter unterschiedlich.“ Während Jüngere die Krankheit eher hinnehmen, empfinden Jugendliche die Krebserkrankung als einen unglaublichen Vertrauensbruch ihres Körpers. Gerade in einer Lebensphase angekommen, in der sie beginnen, sich immer mehr von ihren Eltern loszulösen, macht die Krankheit sie wieder zum schutzbedürftigen Kind. Das soziale Leben in der Schule, im Freundeskreis, an dem sie sich orientiert haben, fällt plötzlich weg, findet einfach ohne sie statt. „Man fühlt sich vom Leben rausgeschmissen“, so die Psychologin Möck. „Das macht wütend.“ Oder es macht stumm: So mancher Jugendlicher zieht sich nach der Diagnose immer weiter zurück, versucht das, was um ihn herum passiert, mit sich selbst auszumachen. „Diese Gefühle sollte man dem Kind zugestehen“, sagt Möck, gleichzeitig ihm aber auch die Zuversicht vermitteln, dass alles gut werden kann.
Nur in der Erstbehandlung sind die Heilungschancen optimal
Für die Eltern ist dies oft alles andere als einfach. Die Therapie ihres Kindes empfinden auch sie als emotionale Kraftprobe: „Eltern beschleicht nicht selten das Gefühl, versagt zu haben – weil sie ihr Kind vor all dem, was an medizinischen Strapazen folgt, nicht bewahren können“, sagt Möck. Es bedarf vieler Gespräche seitens der Ärzte und Psychologen, um den Eltern zu vermitteln, dass sie die Krebserkrankung nicht hätten verhindern können.
Krebs bei Kindern und Jugendlichen folgt eigenen Gesetzen. „Es gibt typische Tumorerkrankungen, die nur bei Kindern und selten im Erwachsenenalter auftauchen“, sagt der Stuttgarter Onkologe Stefan Bielack. Dazu gehören sogenannte Neuroblastome der Nebennieren und die Wilms-Tumore der Nieren. Bei Jugendlichen sind hingegen Knochentumore häufig, bei jugendlichen Erwachsenen eher Keimzelltumore. „Das erfordert dann eine interdisziplinäre Therapie“, sagt Bielack. Dazu gehört vor allem, dass Kinder- und Erwachsenen-Onkologen eng zusammenarbeiten.
Krebstherapien bei Kindern folgen einem Dogma: Es darf keinen Rückfall geben. Denn nur in der Erstbehandlung sind die Heilungschancen optimal. Mit jedem weiteren Auftauchen des Krebses und mit jeder weiteren Therapie nehmen diese ab. Daher wird die Erstbehandlung sorgfältig durchgeplant: Die Chemotherapie beispielsweise erhalten die jungen Patienten etwa alle drei Wochen für mehrere Tage, es folgen zwei Wochen Pause, in der die Kinder nach Hause dürfen. Dann folgt die nächste Einheit. Bei der Strahlentherapie müssen sie für mehrere Wochen täglich in die Klinik kommen. Nur bei Komplikationen bleiben die Kinder für die gesamte Therapie im Krankenhaus.
Freizeiten mit Betroffenen und ehemals Betroffenen sind eine gute Hilfe
Doch so schonend die Therapien auch verabreicht werden, so kann es dennoch zu Spätfolgen kommen: „Es gibt Organe, die ziemlich widerstandsfähig gegenüber der Krebsbehandlung sind, wie beispielsweise die Leber“, sagt der Onkologe Bielack. Andere, wie beispielsweise das Herz, können in manchen Fällen durch die Chemotherapie dauerhaft geschwächt werden. Auch die Bestrahlung kann Folgen haben: „Je jünger das Kind ist, das bestrahlt wird, desto höher ist das Risiko für Beeinträchtigungen in der weiteren Entwicklung.“
Bei Alexander blieben diese Nebenwirkungen nicht aus: Aufgrund der Bestrahlung hatte sich ein millimeterkleiner Tumor an der Hirnanhangsdrüse gebildet, ein sogenanntes Mikroadenom, das entfernt werden musste. „Mein Augeninnendruck hat sich auch erhöht“, sagt der 29-Jährige. Die Therapie hinterlässt aber auch seelische Spuren: So hört man von Experten, dass Jugendliche nach einer überstandenen Krebserkrankung sich und ihren Körper neu kennenlernen müssen. Das macht den Wiedereinstieg in die Schule nicht immer einfach, sagt auch Alexander. „Nicht etwa, weil mich meine Klasse ausgegrenzt hat.“ Es war wohl eher er selbst, der den Abstand gesucht hat.
Um zu zeigen, dass man mit seiner Erkrankung nicht alleine ist, hat das Klinikum Stuttgart vor fast 25 Jahren das Projekt „Prima Klima“ eingeführt – eine Freizeit, die von ehemaligen Krebspatienten und dem psychosozialen Dienst der Kinderonkologie für jüngere Betroffene veranstaltet wird. Die Teilnehmer haben entweder den Krebs gerade überstanden oder sind noch mitten in der Therapie. „Unterstützung von anderen, die das Gleiche erfahren haben, ist für Jugendliche besonders wichtig“, sagt Möck.
Bis er 15 Jahre alt war, hat Alexander jedes Jahr an den Freizeiten teilgenommen. Inzwischen organisiert er sie mit – „einfach, weil’s Spaß macht.“ Und weil er um die Wirkung des Miteinanders weiß. „Geht es einem mal nicht so gut, muss man nichts erklären“, sagt Alexander. „Die anderen wissen sofort Bescheid, was du meinst.“ Das tut gut.
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Berlin (dpa) – Die Drogenbeauftragte der Bundesregierung, Marlene Mortler, will die Altersfreigabe für Onlinespiele verschärfen. «Die Altersfreigabe ab Null vermittelt den falschen Eindruck, die Spiele seien schon für Kleinkinder geeignet», sagte die CSU-Politikerin den Zeitungen der Funke Mediengruppe. «Eltern brauchen eine verständliche Orientierung», betonte sie. «Bei den Alterseinstufungen von Spielen darf es in Zukunft nicht nur um Gewalt und Sexualität gehen.» Sie setze sich dafür ein, dass auch das Thema «Suchtpotential» berücksichtigt wird.
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Bad Cannstatt – Der Veielsche Garten ist wohl eines der größten und erfolgreichsten Projekte des Jugendrats in Bad Cannstatt gewesen. Das Gremium, das die Interessen der Jugendlichen im Stadtbezirk in der Kommunalpolitik vertritt, hatte sich stark dafür eingesetzt, dass das Stückchen Grün an der Waiblinger Straße vom reinen Park zu einer interessanten Fläche mit Spiel- und Aufenthaltsmöglichkeiten für Kinder und Jugendliche umgestaltet wird. Mit dem Ergebnis, dass sich die Stadt dem Vorhaben tatsächlich angenommen hat. Wenn alles klappt, kann der künftige Jugendrat bei der Einweihung des neuen Parks dabei sein.
Im Januar und Februar 2016 wird in ganz Stuttgart gewählt, kurz danach beginnt das neue Gremium seine Arbeit. 17 Plätze gibt es im Jugendrat in Bad Cannstatt – damit eine ordentliche Wahl stattfinden kann, werden mindestens 19 Kandidaten benötigt. Bewerben kann sich jeder, der am 5. Februar 2016 mindestens 14 Jahre, aber noch nicht 19 Jahre alt ist und seit mindestens drei Monaten in Bad Cannstatt – oder einem anderen Bezirk, für den er sich bewirbt – wohnt. Die Nationalität ist nicht entscheidend.
Der Jugendrat besteht jeweils für zwei Jahre, etwa einmal im Monat treffen sich die Mitglieder. Als Anreiz „gibt es sieben Euro pro Sitzung“, sagt Cassandra von Stachelsky, die im Bezirksamt Bad Cannstatt ein Freiwilliges Soziales Jahr absolviert und den Jugendrat betreut. In den kommenden Tagen wird sie mit amtierenden Jugendräten auch durch die Schulen des Bezirks tingeln, um die Jugendlichen zu informieren und zu motivieren.
Bewerbung: Die Bewerbung ist direkt im Bezirksamt, mit einem Bewerbungsformular per Post oder online unter www.jugendrat-stuttgart.de möglich. Bewerbungsschluss ist am Freitag, 30. Oktober.
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Lange war sie als narzisstisch verschrien, nun erweist sich die „Generation Selfie“ als überaus politisch – und cleverer als gedacht. Aus den Fehlern früherer Protestbewegungen scheint sie gelernt zu haben. Und sie versteht es, die Medien zu nutzen.
Manch einer nennt sie schon jetzt historisch. Die Rede von Emma Gonzalez vor Tausenden Menschen am vergangenen Wochenende sticht die USA direkt ins Herz – und das, obwohl die 18-jährige Schülerin aus Florida die meiste Zeit gar nichts sagte. Über vier Minuten lang schwieg sie. Aber ihr Schweigen war lauter als alle Appelle für ein verschärftes Waffenrecht, die in den vergangenen Jahren ans Weiße Haus gerichtet wurden. „Kämpft für euer Leben, bevor jemand anders den Job übernehmen muss“, rief Gonzalez. Sie weiß, wovon sie spricht. Die junge Frau ist eine Überlebende des Massakers an der Parkland High School. Als Nicolas Cruz dort 17 Mitschüler erschoss, verschanzte sie sich im Gebäude – und litt Todesangst.
Anderthalb Monate später kennt fast jeder US-Amerikaner ihren Namen, auch der Präsident. Emma Gonzalez ist zur Ikone des Jugendprotests in den Vereinigten Staaten avanciert – und sie hat ein konkretes Ziel: Der tödliche Amoklauf an ihrer Schule soll der letzte gewesen sein. Endgültig. Das mag utopisch klingen in einem Land, in dem allein seit dem Jahr 2012 knapp 140 Menschen bei 239 Schießereien an Schulen ermordet wurden. Doch Gonzalez und ihre Mitstreiter sind entschlossen, den Moment zu nutzen. Und dieses Mal werden sie – anders als diverse Protestbewegungen zuvor – auch ganz oben gehört. „Nichts kann Millionen Stimmen zum Schweigen bringen, die laut nach Veränderung rufen“, twitterte etwa Barack Obama.
Aus dem Munde eines Berufspolitikers und Ex-Präsidenten klingt das – zugegeben – reichlich abgegriffen; vor allem nach Jahren ergebnisloser Bemühungen um ein strikteres Waffenrecht. Doch es zeigt, wie groß die Solidarität mit den Jugendprotesten in den USA mittlerweile ist. Galt die „Generation Selfie“ zuvor lange als Horde politikverdrossener Narzissten und „Normopathen“ mit Smartphones, regt sich nun wieder so etwas wie Ehrfurcht vorm jugendlichen Kampfgeist. Kinder könnten schaffen, was Erwachsenen nicht gelang. So wäre es nicht zum ersten Mal in der Geschichte. Und nicht das erste Mal hätte sich die angeblich teilnahmslose Jugend als besser erwiesen als ihr Ruf. Ein Blick in die eigene Vergangenheit genügt, um optimistisch zu sein.
Die heutige Jugend hat gelernt
Auch in der Bundesrepublik erklärte 1965 – kurz vor Ausbruch der 68er-Studentenrevolte – der Sozialforscher (und spätere hessische Kultusminister) Ludwig von Friedeburg, die Jugend werde „nie revolutionär, in flammender, kollektiver Leidenschaft auf die Dinge reagieren“. Selten hat jemand das tiefe Misstrauen einer ganzen Generation gegen den Staat und das System derart unterschätzt. Die Proteste haben innen- und außenpolitisch Spuren hinterlassen. Zwar nicht so tief, wie es sich die Utopisten unter den Demonstranten damals vorgestellt haben mögen – aber das Land ist durch die 68er liberaler geworden und mit ihm die Familien- und Bildungspolitik.
Der sogenannte Kuppeleiparagraf beispielsweise, wonach sich jeder strafbar machte, der ein Zimmer an unverheiratete Paare vermietete, fiel 1974. Auch das Recht auf Abtreibung schreiben sich die 68er bis heute als Verdienst ihrer Proteste auf die Fahne. Die Einigkeit über langfristige Ziele und mit welchen Mitteln sie zu erreichen sein würden, fehlte jedoch der 68er-Jugend. Und das war letztlich der Anfang vom Ende. Während die Gemäßigten den „Gang durch die Institutionen“ antreten wollten, drifteten die anderen in Gewalt ab – und einige wenige suchten den Fortschritt im Terror. Noch immer wird darüber gestritten, ob die 68er letztlich der RAF den Boden bereitet haben.
Die Jugend von heute ist pragmatischer. Ihr Protest ist zielgerichtet. Das Risiko, gegen alles zu rebellieren und damit am Ende womöglich gar nichts zu erreichen, geht die „March for our lives“-Bewegung von Beginn an nicht ein. Ihr Kern ist weniger eine generalisierte Systemkritik als vielmehr eine politische Kampagne mit klarem Fokus. #NeverAgain – Nie wieder, heißt es zwar auf den Plakaten im ganzen Land. Das bedeutet aber nicht, dass der zweite Verfassungszusatz abgeschafft werden soll. Die Demonstranten stellen machbare Forderungen – etwa nach einem Verbot halbautomatischer Waffen und einem Mindestalter für Waffenkäufe von 21 Jahren. So verhindern sie, dass ihre Ideen versanden oder als unrealisierbar abgetan werden.
„Die demonstrieren, wir regieren“
Trotzdem müssen auch sie sich belächeln lassen. Das ist Teil des Spiels. Als Emma Gonzalez in Washington unter Tränen die Namen der Opfer von Parkland verliest, weilt Trump in Mar-a-Lago beim Golfen. Zwischendurch verschickt er immer wieder Tweets – doch kein einziger nimmt Bezug auf die Proteste. Ein erstes, vorsichtiges Signal des Entgegenkommens kassiert er nach einem Treffen mit der mächtigen NRA, der National Rifle Association, wieder. Von seinem Vorschlag, künftig Lehrer zu bewaffnen, will am liebsten niemand mehr reden. Dann schickt das Weiße Haus eine Erklärung in die Welt und applaudiert „den vielen mutigen jungen Amerikanern, die heute ihr Recht auf freie Meinungsäußerung ausüben“. Die Kinder zu schützen, sei die „Top-Priorität des Präsidenten“. Trump will das Problem aussitzen.
Dieser Plan könnte durchaus funktionieren – denn tatsächlich ist die Zeit der größte Feind eines jeden Massenprotests. Auch das lehrt die eigene Geschichte. Als im Herbst 1983 eine 108 Kilometer lange Menschenkette in Baden-Württemberg und Zehntausende Menschen in Berlin gegen die Stationierung von Pershing-Raketen auf deutschem Boden demonstrierten, tönte es aus dem Bundesinnenministerium in Bonn: „Die demonstrieren, wir regieren.“ Gut einen Monat später kamen die Raketen doch, per Bundestagsbeschluss. Nichts mehr zu machen. Plötzlich begann die Friedensbewegung zu zerbröseln – hauptsächlich aus Enttäuschung darüber, dass die Großdemos rein gar nichts bewirkt hatten.
Ein ähnliches Schicksal könnte auch Emma Gonzalez und ihren Mitstreitern drohen – und zwar dann, wenn ein neuer Skandal die Vereinigten Staaten erschüttert. Potenzial gibt es im Weißen Haus genug: die Russland- und Porno-Affären rund um den Präsidenten liefern den US-Medien fast täglich neue Schlagzeilen. „Ich kann nur beten, dass nichts passiert, was die Aufmerksamkeit der Leute von uns ablenkt“, sagt Gonzalez deshalb. „Wir wurden schon einmal fast unter den Teppich gefegt.“ Die heutige Jugend weiß sehr gut, wie die Medienmaschine funktioniert – und dass „eine Bewegung, über die nicht berichtet wird, auch nicht stattfindet“, wie es der Politologe Joachim Raschke ausgedrückt hat.
Menschen werden zu Instrumenten
In den sozialen Medien finden sie ein neues Vehikel für ihren Protest. Auch kleine Erfolge werden groß verkauft. „Emma Gonzalez hat jetzt mehr Follower auf Twitter als die NRA“, titeln selbst große deutsche Nachrichtenseiten. Das Narrativ „David gegen Goliath“ ist stets ein natürlicher Brandbeschleuniger für öffentliche Debatten – zuletzt gesehen am Beispiel des Juso-Vorsitzenden Kevin Kühnert. Auch über dem 28-Jährigen brach im Zuge der „No GroKo“-Kampagne die Prominenz herein wie ein plötzliches Gewitter. Mit allen unangenehmen Nebenwirkungen. Andeutungen über die sexuelle Gesinnung, über die private Wohnsituation, sogar über die Körpergröße – dies alles hat Kühnert über sich ergehen lassen müssen.
Nun ist Gonzalez in der gleichen Situation. Die 18-Jährige sei eine „kahlrasierte Lesbe“, twitterte Republikaner Leslie Gibson und musste danach im Rennen um einen Sitz im Repräsentantenhaus des US-Bundesstaats Maine seinen Hut nehmen. Immerhin. Dennoch erreichen Gonzalez täglich Hass- und Drohmails von weniger prominenten Gegnern des Jugendprotests. Was macht das mit einem Jugendlichen? Wie soll ein Teenager dem Druck der Öffentlichkeit standhalten? In der aktuellen Situation dürfe sie nicht um ihre Freunde trauern, sagt Gonzalez, „sondern wir müssen jetzt die Erwachsenen sein und unsere Trauer einsetzen, um voranzukommen.“
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