Kategorie -Jugendliche

Japans Mega-Hit „Your Name“: Bis der Komet einschlägt


Teenie-Liebe in Anime – so einfach könnte man es sich mit einem Urteil machen. Doch nicht umsonst ist „Your Name“ Japans erfolgreichster Animationsfilm aller Zeiten. Jetzt kommt die Geschichte in die deutschen Kinos.

Zwei Fremde. Ihre Blicke treffen sich. Vielleicht fahren sie Bahn, vielleicht Aufzug. Vielleicht hält einer von ihnen gerade eine Tasse Heißgetränk mit den Händen fest umschlossen. Vielleicht taumeln sie an der Poolbar ineinander. Jedenfalls ist es Liebe auf den ersten Blick. Was im echten Leben – Hand aufs Herz – wohl in den seltensten Fällen vorkommt, ist im Kino der Stoff, aus dem die großen Liebesepen gewebt sind. Makoto Shinkai dreht den Spieß um. Seine Hauptfiguren werden in sich in „Your Name“ vielleicht nie treffen.

„Ich hasse diese Stadt. Ich hasse dieses Leben“, schimpft Mitsuha, wie Teenager nun mal schimpfen. „Im nächsten Leben möchte ich ein gut aussehender Junge in Tokio sein.“ Und während die meisten ihrer Altersgenossen in Sachen Traumerfüllung auf die eigene Volljährigkeit, eine passable Ausbildung und ein bisschen Kontostand warten müssen, bekommt sie prompt, was sie will. Nur anders. Gerade noch im schnarchigen Dorf an Großmutters Seite den Familienschrein gepflegt, erwacht Mitsuha in der japanischen Hauptstadt im Körper von Großstadtschönling Taki – und andersrum.

„Your Name“ ist eine dieser Körpertausch-Geschichten. Mit ungläubigen Brustmassagen und unerwarteten Leistungen an der Nähnadel ist der Film nicht ganz gefeit vor Genre-Albernheiten und Geschlechter-Klischees. Auch muss man sich daran gewöhnen, dass Anime offenbar sexuell suggestive Zooms auf die Körper Minderjähriger zulässt. Lässt man Sehgewohnheiten entsprechend beiseite, wird es richtig gut.

„Your Name“ zum Mitträumen

So ein Körpertausch ist ja schon an sich eine vergleichsweise rätselhafte Angelegenheit. Bei Mitsuha und Taki gibt es aber ein paar Besonderheiten. Sie tauschen nicht komplett, sondern nur an zwei Tagen die Woche. Und zurück im eigenen Körper schwinden die Erinnerungen an den Gastaufenthalt unmittelbar. Insbesondere der Name des jeweils anderen will nicht im Gedächtnis bleiben. Und so bleibt ein Treffen der beiden ungewiss. Falscher Körper, falscher Ort und schließlich die falsche Zeit werden Mitsuha und Taki einander fernhalten. Nur wenn sie das Rätsel um Takis Kraterzeichnungen und einen Kometen lösen, haben sie eine Chance.

Sie mögen keine Teenie-Filme? Keine Schmonzetten? Nichts Animiertes? Und bitte auch nichts mit Wundern und Schicksal und solcherlei? Spätestens wenn in „Your Name“ der Himmel explodiert, wird es auch um Ihr Herz herum ein bisschen eng. Nicht Liebe ist das Motiv, das Shinkais Geschichte trägt. Wenngleich er Liebe auf ganz wunderbare Weise entwirft, wurzelnd in Intimität, nicht in Anziehung, sich entfaltend als Entscheidung, nicht als Fügung. Es ist nicht Liebe, sondern Sehnsucht. Sie treibt in „Your Name“ die Charaktere voran und sie entbrennt auch im Zuschauer, sobald er sich in den Bildern des Films verliert. Sehnsucht indiziert ein Fehlen und verspricht Zukunft. „Your Name“ ist zum Mitträumen.

„Your Name. Gestern, heute, für immer“ läuft am 11. und am 14. Januar in den deutschen Kinos.

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Christian Bauer und seine Familie setzen auf traditionelles Handwerk und niederländische Touristen a

Christian Bauer und seine Familie setzen auf traditionelles Handwerk und niederländische Touristen a

Früher standen wir zu dritt in der Backstube: Mein Vater, ein Geselle und ich, jetzt ist das Radio morgens meine Gesellschaft, die mich wachhält“, sagt Christian Bauer, während er den Teig für die Brötchen zubereitet. Um halb drei morgens klingelt sein Wecker in der Vorsaison. Die Hauptsaison beginnt erst im Sommer, wenn die größtenteils niederländischen Touristen Urlaub an der Mosel machen. Der 49-Jährige ist selbständiger Bäcker, ein Beruf, der ihn Nacht für Nacht den Schlaf kostet. Die Backstube, die im zweiten Geschoss des für die Altstadt in Zell an der Mosel typisch hoch gebauten Hauses liegt, lädt ganz im Gegensatz zum Café im Erdgeschoss nicht zum Kuchenessen ein. Während die weißen Fliesen an der Wand an ein Krankenhaus erinnern, ist das Café modern eingerichtet.

Seit 140 Jahren in der Familie

Der Tresen stellt alle Kunstwerke, die Bauer gebacken hat, zur Schau. Doch noch schläft das Café, wie der Rest der Stadt auch. Das Radio und das laute Scheppern und Brummen der Maschinen halten den Bäcker wach. Mit geübten Handgriffen und über die Jahre verinnerlichten Techniken teilt er den Teig mit einer fast sechzig Jahre alten Handwaage. „Klar ist sie alt, aber sie funktioniert genauso gut wie eine elektronische“, sagt der Bäcker und Konditor. Auch die restlichen Maschinen haben schon viele Jahre auf dem Buckel, den Großteil verwendete schon sein Vater, wenn nicht sogar der Großvater. „Der Betrieb ist seit 140 Jahren in der Familie. Ich habe diesen Beruf aus Liebe zu meinen Eltern ergriffen.“ Nach dem Abitur ging der gebürtige Zeller zur Bundeswehr, diese Zeit beschreibt er als entspannter: „Bei der Luftwaffe, da waren das fünf Tage die Woche, hier braucht man sieben Tage und muss jeden Tag mitnehmen.“

Aufschwung der Industriebäcker

Als er seine auf zwei Jahre verkürzte Lehre als Bäcker beinahe abgeschlossen hatte, machte sich starke Konkurrenz breit: Die Groß- und Industriebäcker erlebten einen großen Aufschwung, was zu vielen Problemen für die selbständigen Bäcker führte. „2007 waren wir im nördlichen Rheinland-Pfalz noch 98 Innungsbetriebe, zehn Jahre später noch 39.“ Mit den Betrieben starben auch die Mühlen aus, die meist noch die Zulieferer waren. Heutzutage bestellt er bei der Bäcker- und Konditorengenossenschaft BÄKO. Während Verbraucher ein Kilogramm schwere Mehltüten kaufen, bringen Bauers Mehlsäcke das 25fache an Gewicht auf die Waage. „So groß ist das gar nicht“, schmunzelt er, „die Großbäcker, die eine Million und mehr Brötchen pro Tag anfertigen, die haben große Tüten.“

Die einzige Bestellung für heute

Warum kaufen so viele Menschen beim Industriebäcker? Dort erhält man zehn Brötchen ab einem Euro, bei Bauer bezahlt man für ein Brötchen 30 Cent „Es ist nicht unbedingt der Preis, es ist die Bequemlichkeit, weil man im Supermarkt alles auf einmal kaufen kann.“ Aber es seien vor allem Tankstellen, die den selbständigen Bäckern starke Konkurrenz machten. Langsam wird es draußen hell, während die Laternen abgeschaltet werden, arbeitet Bauer am Hefeteig für Kuchen und andere Gebäcke. Zeitgleich behält er den Ofen im Blick, in dem die Brote gebacken werden. Unter anderem befindet sich dort die einzige Bestellung für heute. Ein Hotel hat drei große Brote bestellt. Als der Bäcker sie mit einem Brotschieber holt, hält er inne. Er hat lediglich kleine Brote gebacken. „Dann kriegen sie eben fünf kleine“, beschließt er. „Natürlich brennt auch mal was an, oder ich vergesse eine Bestellung, aber dafür ist man Mensch und produziert allein.“

Alles andere sei betriebswirtschaftlich sinnlos

Auf den Laien wirkt es beeindruckend, mit wie viel Konzentration er mitten in der Nacht arbeitet und wie viele Dinge er parallel im Griff haben muss. Seine Familie unterstützt ihn. „Ich habe das Glück, eine Frau gefunden zu haben, die das alles mitmacht.“ Auch die drei Kinder müssen regelmäßig mit anpacken, um das Geschäft am Laufen zu halten, selbst seine betagte Mutter hilft aus, so gut sie kann. Seine Arbeit sei „sozialfeindlich“, während seine Freunde am Wochenende feiern, müsse er sich früh verabschieden, um Schlaf zu bekommen. „Eigentlich mache ich zwei Jobs, plus Büroarbeit.“ 70 bis 90 Stunden die Woche seien normal, abhängig von der Saison. Für den Sommerurlaub nimmt er eine Auszeit und schließt das Café. Im Winter gibt es einen Ruhetag in der Woche, alles andere sei bei der geringen Kundenzahl „betriebswirtschaftlich sinnlos“. Das führe zu Unverständnis. „Viele sagen, ich sei zu faul oder hätte genug“, sagt der Mann, dessen Geschäft zum großen Teil vom Tourismus getragen wird. Für den Winter, in dem der Tourismus beinah stillsteht, muss er jedes Jahr zwischen fünfzehn- und dreißigtausend Euro zurücklegen. Daneben noch Rücklagen für das Alter zu finden sei eine Herausforderung. „Es darf nur nichts Größeres passieren.“ Etwas Größeres könnte etwa der 47 Jahre alte Ofen sein, ein neuer würde bis zu 60 000 Euro kosten.

Der große Andrang erfolgt nachmittags

Ab 7.30 Uhr kümmert er sich um die Blechkuchen, währenddessen wird im Erdgeschoss der Laden hergerichtet. Über eine schmale Treppe erreicht man das Café, in dem seine Frau und seine älteste Tochter die ersten Kunden bedienen. Nach einer Pause arbeitet Bauer von 13 bis 18 Uhr im Café mit. Denn der große Andrang folgt am Nachmittag. „Es ist ein Knochenjob, man muss innovativ sein, um die Konkurrenz übertreffen zu können, ich würde den Job nicht noch einmal machen und rate meinen Kindern davon ab.“ Was spornt ihn dennoch an? „Auf jeden Fall das Lob der Gäste, meine Familie, die mich unterstützt, und die kreative Freiheit.“

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Polizei bricht Auftritt von YouTube-Star Bibi ab

WienPolizei bricht Auftritt von YouTube-Star Bibi ab

Ein Auftritt von YouTuberin Bibi hat in Wien für Tumulte gesorgt. Foto: dpa-Zentralbild

Wien – Gezückte Handys und Kreisch-Alarm in Wien: Mehr als 4000 Jugendliche haben bei der Autogrammstunde des deutschen YouTube-Stars Bibi für einen Tumult gesorgt. Der Auftritt von Bianca Heinicke bekannt durch „BibisBeautyPalace“ ist am Donnerstag vor einem Möbelhaus außer Kontrolle geraten – die Polizei musste den Auftritt der 23 Jahre alten Bloggerin abbrechen. Es nicht das erste Mal, dass Veranstaltungen von YouTubern im Chaos enden.

Auf die Kölnerin Bibi warteten Tausende junge Mädchen, wollten Selfies machen und ihr Geschenke überreichen. In Sprechchören riefen sie der 23-Jährigen zu, dass sie sie lieben. Doch die Stimmung wurde immer aufgeheizter. 20 Beamten konnten die Fans nicht mehr beruhigen: Hauptsächlich Mädchen zwischen zehn und 18 Jahren drängten so stark Richtung Bühne, dass sieben von ihnen wegen Atemproblemen betreut werden mussten.

„Wir wurden erst verständigt, als die Autogrammstunde schon im Gange war“, sagte ein Polizeisprecher am Freitag. „Ich habe jetzt einfach die Ansage bekommen, dass ich gehen muss. Es tut mir so unfassbar leid“, verkündete Bibi von der Bühne ihren enttäuschten Fans. Aber es dürften sich nicht noch mehr Kinder verletzen: „Dann würde ich nie wieder glücklich werden“, so die Deutsche. Die Bloggerin wurde schließlich unter Polizeischutz zu ihrem Auto gebracht.

Bibi hat auf der Videoplattform mit ihren Styling- und Schminktipps rund 3,7 Millionen Abonnenten. Sie gilt damit als eine der erfolgreichsten YouTuberinnen Deutschlands. Ihr erstes Video – eine Anleitung einer Flechtfrisur – veröffentlichte sie 2012. Bereits 2014 musste eine Autogrammstunde von Bibi mit ihrer damaligen Blogger-Freundin Dagi Bee in Köln nach einer Massen-Hysterie abgebrochen werden.

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Nichts für Kinder: Experten gegen „Dschungelcamp“ und Co.

Medienpädagogen schlagen die Hände überm Kopf zusammen. Fernsehformate wie das „Dschungelcamp“, der „Bachelor“, „Deutschland sucht den Superstar“ oder Heidis „Topmodel“-Show seien für Kinder nicht geeignet.

Kinder sollten das jetzt wieder neu anlaufende „Dschungelcamp“ nicht schauen, heißt es auf „flimmo.de“, einem Portal für Medienerziehung aus München. „Der Zuschauer wird zum Voyeur gemacht, Häme und Schadenfreude sind die wesentlichen Bestandteile der Sendung. Wie Menschen hier in gefährlichen, peinlichen und ekligen Situationen bloßgestellt werden, vermittelt ein fragwürdiges Menschenbild.“ „Flimmo“ ist eine Programmberatung für Eltern und bewertet, ob Fernsehsendungen für 3- bis 13-Jährige geeignet sind.

RTL: Wir sind kein Kindersender

Dagegen teilte der Privatsender auf Anfrage mit: „RTL ist sich seiner besonderen Verantwortung als Programmanbieter bewusst. Alle genannten Formate durchlaufen eine permanente interne vorherige Kontrolle durch unseren internen Jugendschutz.“. Häufig würden bestimmte Sendungen schon im Vorfeld den zuständigen Institutionen zur Freigabe vorgelegt.

„Grundsätzlich gilt aber auch: RTL ist kein Kindersender und richtet sich mit seinem Programm vornehmlich an Erwachsene und Jugendliche.“ Für das Kinderprogramm sei der Schwestersender Super RTL zuständig. „Wir setzen auf die Verantwortung der Eltern, über das TV-Programm ihrer Kinder zu entscheiden.“

Doch nicht nur mit dem Dschungelcamp geht „Flimmo“ hart ins Gericht. Auch an den RTL-Formaten „Deutschland sucht den Superstar („DSDS“) und „Der Bachelor“ gibt es Kritik: „Verunglückte Auftritte talentfreier Kandidaten werden ausgeschlachtet“, bemängeln die Pädagogen an der „DSDS“-Castingshow mit Dieter Bohlen. „Die Sendung vermittelt vor allem eine Botschaft: Um Erfolg zu haben, muss man bereit sein, sich dem Werturteil einer höheren Instanz zu unterwerfen. Individualität, Kreativität und kritisches Denken bleiben dabei auf der Strecke.“

„Haarsträubendes“ Bild von Liebe und Beziehung

Beim „Bachelor“, bei dem junge Frauen um einen Mann buhlen und um die letzte Rose kämpfen, kritisiert „Flimmo“ Vorstellungen von Liebe und Beziehung, die „aus pädagogischer Sicht haarsträubend“ seien. „Die Kandidatinnen bieten sich ihrem Märchenprinzen an, um endlich ihre Erfüllung zu finden. Dabei sind Äußerlichkeiten ausschlaggebend: Attraktiv, sexy und anschmiegsam müssen die Kandidatinnen sein.“ Außerdem werde der „Zickenkrieg“ als typisch weibliches Verhalten in Szene gesetzt.

Nichts für Grundschulkinder

Kritik gibt es auch an Heidi Klums „Germany’s Next Topmodel“ auf ProSieben. Dabei werde ein „Frauenbild von vorgestern“ verbreitet. „Das Ideal vom makellosen Körper und von bedingungsloser Anpassung ist für junge Zuschauer doppelt problematisch: Statt selbstbewusst die eigene Individualität samt körperlicher Eigenheiten zu akzeptieren, wird ein mediales Schönheitsideal zur Messlatte.“

Das Fazit der Medienpädagogen: „Jüngeren Kindern bis etwa Ende des Grundschulalters sollten solche Sendungen am besten erspart bleiben.“

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Rekordzahl bei U18-Rekruten: Bundeswehr wirbt mehr Minderjährige an


Bereits seit 2011 ist die Wehrpflicht in Deutschland aufgehoben. Dennoch treten viele junge Menschen den Dienst beim Militär an. Auch Minderjährige bildet die Bundeswehr an der Waffe aus. Die Verteidigungsministerin erntet dafür harsche Kritik.

Die Bundeswehr hat laut einem Bericht der „Rheinischen Post“ noch nie so viele Minderjährige an der Waffe ausgebildet wie im vergangenen Jahr. Die Zahl der Soldatinnen und Soldaten, die bei Dienstantritt noch nicht volljährig waren, sei im vergangenen Jahr auf 2128 gestiegen, berichtete die Zeitung unter Berufung auf das Verteidigungsministerium. Darunter hätten sich 448 junge Frauen befunden, wie laut Bericht aus einer Antwort der Bundesregierung auf Anfrage der Linken hervorgeht.

Damit sind laut Bericht die Verpflichtungen von Minderjährigen seit Aussetzen der Wehrpflicht im Jahr 2011 kontinuierlich angewachsen, von 689 im Jahr 2011 auf den bisherigen Rekordwert von 1907 im Jahr 2016 und nun erneut auf 2128. Besonders stark sei die Zahl der minderjährigen Soldatinnen gestiegen. Sie habe sich seit 2011 (57) fast verachtfacht. Auch nach dem Absolvieren ihrer sechsmonatigen Probezeit seien im vergangenen Jahr 90 Soldatinnen und Soldaten noch nicht volljährig gewesen.

Mit Einverständnis ihrer Eltern können Jugendliche bereits mit 17 Jahren die Ausbildung bei der Bundeswehr antreten. Der Gebrauch von Waffen ist dabei zunächst streng auf Ausbildungszwecke beschränkt. Wachdienste und Auslandseinsätze dürfen die Soldaten erst mit Vollendung des 18. Lebensjahres leisten.

Die Linken-Entwicklungsexpertin Evrim Sommer hat die wachsende Zahl von Rekruten scharf kritisiert. „Verteidigungsministerin Ursula von der Leyen hat offenbar keine Skrupel, die Nachwuchsgewinnung immer weiter vorzuverlegen“, sagte sie der „Rheinischen Post“. Solange Deutschland selbst Minderjährige für militärische Zwecke rekrutiere, könne es andere Staaten dafür nicht glaubwürdig kritisieren. „Die Bundesregierung gefährdet damit ihre eigenen Bemühungen zur internationalen Ächtung des Einsatzes von Kindersoldaten“, erklärte Sommer.



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Sie brennen für ihren Beruf: ein Morgen in der Familienbäckerei

Sie brennen für ihren Beruf: ein Morgen in der Familienbäckerei

Der Duft nach frisch gebackenem Brot breitet sich in der Familienbackstube Hahner in Künzell aus. Warme Luft strömt aus zwei großen Holzbacköfen im Vorraum. Dort backen Andreas Hahner und seine Angestellten jede Woche aus rund einer Tonne Mehl ihre Brote und Kuchen. Die Öfen sind nach hinten ausgebaut und bestehen jeweils aus rund acht Tonnen Steinen. „Der Holzbackofen muss morgens etwa eineinhalb Stunden befeuert werden, damit er die perfekte Temperatur erreicht“, erklärt der drahtige Bäcker. Zunächst füllt einer der 24 Angestellten Holz in den Ofen, das dieser mit Hilfe eines Gashahns befeuert. Später wird die Glut im ganzen Heizapparat verteilt, um jede Stelle gleichmäßig zu erhitzen. Hahner schaut in den Ofen: „Es ist eine Sache des Fingerspitzengefühls, damit das Brot nicht zu heiß und auch nicht ohne ausreichende Hitze gebacken wird.“ Das Backrohr ist nicht mehr nachheizbar, und daher muss alles beim ersten Beheizen stimmen. Vor dem Backen bestreicht Bäcker Udo Kowalski das Brot mit Salzwasser. Dieser Vorgang wird nach der Hälfte der Backzeit wiederholt. Wie sein Chef brennt Kowalski für seinen Beruf. Auf dem abgebackenen Brot sorgt das Wasser für eine glänzende Kruste. Nach einiger Zeit wird das Gebäck versetzt. „Wenn eine Stelle im Ofen wärmer als eine andere ist, können wir durch das Verschieben die Backzeit des Brotes regulieren, indem wir es zum Beispiel von einer kälteren Stelle auf eine heißere verrücken“, erklärt der 51-jährige Hahner.

Ein Staubsauger entfernt die Asche

Bäcker ist kein Beruf für Langschläfer. In der Backstube Hahner beginnt der Arbeitstag zwischen zwei und vier Uhr morgens. Für Udo Kowalski fängt der Tag meistens mit dem Beheizen des Holzbackofens an, denn es kann erst gestartet werden, wenn er eine Temperatur von 290 Grad erreicht hat. „Wenn der Holzbackofen erst einmal richtig heiß ist, wird nicht mehr so viel Zeit zum Befeuern benötigt. Eigentlich nur, damit die Oberfläche der Steine wieder heiß wird“, erklärt er. Nach dem Befeuern werden Glut und Asche mit einer Art Industriestaubsauger aus dem Ofen entfernt. Währenddessen geht es an die Herstellung des Grundteigs für die Brote sowie für die Feingebäcke. Das für den Brotteig benötigte Mehl stammt aus eigener Herstellung. Andreas Hahner baut das Getreide auf dem Feld selbst an und erntet es. Dabei stehen ihm vor allem der älteste Sohn von seinen vier Kindern und seine Ehefrau Bettina, die sich auch noch um den angrenzenden Reiterhof kümmert, tatkräftig beiseite.

Brummen und Summen mit eigenem Rhythmus

Danach wird es in einer kleinen Mühle gemahlen. Der Grundteig besteht aus Sauerteig, der von Hahner acht bis zwölf Stunden vorher erstellt wird, damit er genug Zeit zum Reifen bekommt. Zu diesem werden noch Wasser und Roggen- oder Weizenmehl hinzugegeben. Das Mehl wird in Metallbehältern auf einer 60 Jahre alten Dezimalwaage abgewogen. Die Backstube ist weiß gefliest. Hier stehen Knetmaschinen, es gibt einen gasbeheizten Ofen und einen Kühlschrank mit Körnern, wie Sonnenblumenkerne oder Mohn und ein Schälchen mit Mehl. Die Gerüche von Mehl, fertigen Kuchen und Sauerteig vermischen sich und bewirken ein kratziges Gefühl in der Nase. Das Zusammenspiel von Licht, dem leisen Brummen des Kühlschranks und dem Summen der Knetmaschinen hat einen eigenen Rhythmus.

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Die Klinge als letzter Ausweg

Selbstverletzung bei JugendlichenDie Klinge als letzter Ausweg

Viele denken, das Motiv für selbstverletzendes Verhalten sei der Wunsch nach Aufmerksamkeit – die meisten Jugendlichen wollen aber ihre  Emotionen  regulieren. Foto: Petair- Fotolia
Herr Plener, wie oft kommt es vor, dass sich Jugendliche in Deutschland selbst verletzen?
Wir haben in den vergangenen Jahren verschiedene Studien an Schulen durchgeführt. Die Werte liegen je nach Studie zwischen 25 und 35 Prozent der Jugendlichen, die sich zumindest einmalig in ihrem Leben absichtlich selbst verletzt haben. Zwischen einem Viertel und einem Drittel aller Jugendlichen hat das also zumindest einmal versucht. ­Etwa vier Prozent verletzen sich häufiger.
In welchem Alter passiert das hauptsächlich?
Wir wissen inzwischen relativ gut, dass das Beginnalter von selbstverletztendem Verhalten etwa um das zwölfte und dreizehnte Lebensjahr liegt. Es gibt einen Häufig­keitsgipfel um das fünfzehnte und sechszehnte Lebensjahr. Und viele, die tatsächlich mit 17, 18 Jahren auch wieder aufhören.
Heißt das, Autoritätspersonen wie Eltern und Lehrer müssen gar nicht eingreifen?
Diese Aussage würde ich so nicht unterschreiben. Auch wenn das selbstverletzende Verhalten weniger wird: Studien zeigen, dass Jugendliche später oft andere Risikoverhaltensweisen weiterführen, etwa einen gesteigerten Alkohol- oder Drogenkonsum.
Wie kommen Jugendliche überhaupt auf die Idee, sich selbst zu verletzen?
Die Mehrzahl aller Jugendlichen sagt, dass es ihre eigene Idee war. Wir wissen aber auch, dass es Phänomene der sogenannten sozialen Ansteckung gibt – das Verhalten wird bei einer Person gesehen und dann ­ausprobiert. Da gibt es natürlich welche, die versuchen das mal und lassen es wieder, und es gibt welche, die entdecken, dass es für sie eine Funktionalität hat. Ein Phänomen, das uns wissenschaftlich immer mehr beschäftigt, ist, dass die soziale Ansteckung vermutlich auch über soziale Netzwerke funktioniert. Bei Instagram zum Beispiel kursiert zum Teil sehr deutliches Bildmaterial zur Selbstverletzung, das von den Jugendlichen viel kommentiert und ausgetauscht wird.
Gibt es Warnhinweise, auf die Eltern achten sollten?
Hellhörig werden sollten Eltern beim Auftreten von nicht erklärbaren Verletzungen, vor allem an den Extremitäten. Auch wenn der Jahreszeit unangemessene Kleidung getragen wird, um womöglich Wunden zu verstecken; zum Beispiel langärmelige Pullover im Sommer oder Stulpen. Und wenn Jugendliche nicht mehr in den Sportunterricht gehen wollen oder zum Schwimmen – weil das ja auch Orte sind, an denen man kurz­ärmelig unterwegs ist. Darüber hinaus selbstverständlich dann, wenn Klingen, blutige Handtücher oder auch Zeichnungen und Texte zur Selbstverletzung auftauchen.
Sie sagen, dass die Jugendlichen versuchen, ihre Arme zu verstecken. Die Annahme, dass Teenager, die sich selbst verletzen, die Wunden gerne zur Schau stellen, ist also falsch?
Genau – die Mehrzahl der Jugendlichen ­versteckt die Wunden.
In der Gesellschaft wird häufig dennoch davon ausgegangen, dass Jugendliche selbstverletzendes Verhalten als Mittel zu mehr Aufmerksamkeit nutzen. Verharmlosen wir das Thema?
Ich denke schon, dass hier ein Stigma vorliegt. Aber ich denke, dass dies gleichzeitig auch eine Abwehrhaltung ist: Man will sich mit dem Thema nicht auseinandersetzen. Was wir empirisch wissen, ist, dass die Hauptmotivation für selbstverletzendes Verhalten eben nicht die Aufmerksamkeitssuche ist, sondern dass es sehr effektiv dafür ist, Emotionen zu regulieren. Es ist natürlich ein dysfunktionaler Bewältigungsmechanismus, aber es hilft kurzfristig dabei, negative Emotionen zu beenden. Dafür haben wir auch aus der neurobiologischen Forschung sehr deutliche Signale. Längerfristig hilft es natürlich nicht: Längerfristig begibt man sich damit eher in einen Teufelskreislauf.

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Geschlossene Heime: Letzter Ausweg Kinderknast?

Sie schwänzen monatelang die Schule, reißen immer wieder aus, leiden unter Impulskontrollstörungen, viele sind in Straftaten verwickelt. Solche Kinder stellen eine Gefahr für andere und sich selbst dar – und sind noch nicht einmal strafmündig. Ein geschlossenes Heim ist dann oft die letzte Chance.

Dass man bei „geschlossenes Heim“ an Gefängnis denkt, liegt nahe. Ähnlich wie dort wird nach dem Prinzip „individuelle Geschlossenheit“ gearbeitet. Das bedeutet, den Kindern wird Freiraum entzogen, an den sie entsprechend ihres Entwicklungsstandes langsam wieder herangeführt werden. Das Angebot richtet sich an Kinder, die sich jeder pädagogischen und erzieherischen Maßnahme entziehen. Die Wartelisten für solche Einrichtungen sind lang .

Diese Kinder sind oft mit Problemen groß geworden

Kinder, die in einem geschlossenen Heim untergebracht werden, haben massive Probleme. Sie sind häufig aggressiv, auch gegen sich selbst, verweigern alle Angebote, sind halt- und orientierungslos. Nicht immer liegen die Gründe in belastenden Erlebnissen wie (sexuellen) Gewalterfahrungen und Vernachlässigung. Aber auffallend oft.

Meist, aber nicht immer, sind die sozial benachteiligten Familien davon betroffen. Viele der Kinder kommen aus Familien, die mit Trennung, Krankheit, Armut und Sucht kämpfen. Die Eltern haben ihren Halt verloren und können auch den Kindern keinen mehr bieten. Den wenigsten der betroffenen Eltern ist ihr Kind egal. Sie wissen nur nicht, wie sie mit ihm umgehen müssen. Oder haben zu spät angefangen, darüber nachzudenken beziehungsweise sich Hilfe zu holen. Zu spät sind sie verzweifelt zu allen Maßnahmen bereit.

Ein geschlossenes Heim ist Freiheitsentzug

Geschlossene Heime sollen die Lücke zwischen Jugendamtshilfe und dem Jugendgefängnis füllen. Denn Grenzen lernen diese Kinder sonst oft erst kennen, wenn sie vor dem Jugendrichter stehen. Bei einem geschlossenen Heim handelt es sich um Freiheitsentzug und damit um einen Eingriff in die Grundrechte des Kindes. So wird es auch in Paragraph 1631b des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) klar benannt.

Damit es dazu kommt, muss die sorgeberechtigte Person bei einem Familienrichter einen Antrag stellen. Dieser besorgt dem Kind einen Verfahrenspfleger, der sich darum kümmern soll, dass seine Rechte eingehalten werden. Der Familienrichter holt dann ein Gutachten über die Situation ein und prüft, unter anderem gemeinsam mit dem Jugendamt, ob zum Schutz des Kindes und zum Schutz anderer eine solche Jugendhilfemaßnahme notwendig ist.

So zumindest sieht der Gesetzgeber den Vorgang vor. Wobei er aber auch die Möglichkeit gibt, die richterliche Genehmigung vorübergehend zu überspringen, wenn mit dem Aufschub eine Gefahr verbunden ist.

Viele dieser Kinder haben nie Struktur erfahren

Die Gruppen in geschlossenen Einrichtungen sind in der Regel relativ klein, die Anzahl der Betreuer dafür hoch. Die meisten Einrichtungen achten darauf, dass das Gefühl des Eingeschlossenseins nicht zu massiv wird.

Trotzdem muss das Kind im Vergleich zu seinem oft unreglementierten Leben vorher große Einschränkungen hinnehmen. Die meisten dieser Kinder sind es nicht gewöhnt, dass andere ihren Alltag bestimmen. Ein fester Tagesablauf, Regeln und Pflichten sollen Sicherheit geben. Genau wie das therapeutische Angebot und die Unterstützung in allen Belangen des täglichen Lebens. Da ist die Gegenwehr erst einmal groß.

Der Psychologe Michael Macsenaere untersucht und begleitet die Arbeit solcher Einrichtungen und erlebt dabei immer wieder zwei Phasen. „Die erste Phase ist genauso, wie man es erwartet: Die Kinder wehren sich massiv gegen das Eingesperrtsein, das geht bis zur Eskalation. Dieser Widerstand dauert zwischen einem und vier Monate. Wenn es gelingt, über diese Zeit hinauszukommen, lassen sich die Kinder und Jugendlichen auf die pädagogischen Angebote ein und dann ist es möglich, sie erfolgreich einzugliedern.“

Auch die Eltern müssen ihr Verhalten ändern

Kinder und Jugendliche, die im wahrsten Sinne des Wortes außer Rand und Band geraten sind, sollen in der geschlossenen Unterbringung lernen, mit Begrenzungen von außen umzugehen und wieder ein (Beziehungs-)Band zu anderen zu knüpfen. Im optimalen Fall zu den Eltern. Denn die Chance auf Verhaltensveränderung beim Kind hängt oft auch damit zusammen, dass die Eltern ihr Verhalten ändern und ihre Erziehung überdenken müssten.

Doch die meisten der Kinder, so der Leiter des Instituts für Kinder- und Jugendhilfe in Mainz, kommen nicht zurück in ihre Familien. Sie gehen direkt in andere Heime oder Wohngruppen. Die geschlossene Unterbringung ist also Teil eines längeren Hilfe- und Entwicklungsprozesses. Die Kinder und Jugendlichen brauchen langfristige Begleitung und Anleitung, um ihr Leben so zu gestalten, dass sie es selbst in die Hand nehmen und als lebenswert betrachten können.

Geschlossene Heime in der Kritik

Überall, wo Menschen Macht haben, kann es aber auch zu einem Missbrauch derselben kommen. Bestes Beispiel sind die Haasenburgheime in Brandenburg, die 2013 geschlossen wurden. Die Kinder, die dort eingesperrt waren, haben Gewalt und Unterdrückung erlebt und sind heute traumatisierter als zuvor.

Das Schlimme: Zunächst hat ihnen niemand geglaubt, nicht einmal die Eltern. Zu oft sind sie in den Jahren vor der Unterbringung angelogen worden. „Ich konnte nicht glauben, dass alle Erzieher auf einen Jungen draufgehen. Ich wurde auch vom Jugendamt gewarnt, die Kinder würden Missstände erfinden“, sagt eine Mutter in einem Interview mit der „taz“. Es dauerte lange, bis Behörden in diesem Fall eingriffen.

Das Jugendamt steht in der Verantwortung

„Wissenschaftlich gesehen liegt bei der geschlossenen Unterbringung die Wahrscheinlichkeit, die Wiedereingliederung zu ermöglichen, über vergleichbaren Systemen und ist damit durchaus empfehlenswert“, so Macsenaere. Er betont aber, dass pädagogisch einwandfreies Arbeiten dafür die Voraussetzung ist und gerade bei geschlossenen Systemen strikte fachliche Kriterien herrschen müsse.

„Da hat das Jugendamt eine riesige Verantwortung. Die müssen da reingehen, hinter die Türen sehen, mit den Menschen reden. Solche Einrichtungen müssen transparent sein, einsehbar bis auf den Einzelfall.“ Damit so etwas wie in Brandenburg nicht mehr passieren kann. Denn dabei handele es sich nicht nur um ein Versagen der Einrichtungen sondern auch der Aufsichtsbehörden.

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Studie über Jugend in Nahost: Zwischen Hoffnung, Religion und Zweifel


Trotz aller Krisen in der Arabischen Welt blicken junge Menschen in der Region optimistisch in die Zukunft. Viele sind inzwischen von den Umbrüchen aber enttäuscht und desillusioniert. Sie finden anderswo Zuversicht und Halt.

Obwohl sich die Arabische Welt in einer fundamentalen Krise und Umbruchsituation befindet, blickt die Mehrzahl der Jugendlichen und jungen Erwachsenen im Nahen Osten und Nordafrika zuversichtlich in die Zukunft. Trotz wirtschaftlicher Benachteiligung, fehlender politischer Beteiligung und einem allgegenwärtigen Gefühl von Unsicherheit sehen rund 65 Prozent der jungen Generation die Zukunft optimistisch, wie es in einer groß angelegten Studie im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung (FES) heißt. Statt auf die Politik vertrauten immer mehr Jüngere auf traditionelle Werte wie Familie und Religion. 

„Als junger Mann bin ich gezwungen, hart zu arbeiten“, erzählt etwa ein 26-jähriger Palästinenser, der in der Studie Samit genannt wird. „Die Zukunft ist unklar und instabil, doch ich hoffe auf bessere Bedingungen.“ Die umfassende Untersuchung widmet sich allen wichtigen Lebensbereichen der jungen Menschen in der Arabischen Welt und schaut auf Lebensbedingungen, Bildung und das soziale Umfeld. Trotz des generellen Optimismus in der Zukunft beschäftigen die jungen Menschen aber aktuell auch viele Probleme.

„Es besteht kein Zweifel, dass die Umstände, die unsere Leben heute bestimmen, härter sind als jemals zuvor“, zitieren die Autoren der Studie eine 17-jährige Schülerin mit Namen Sara aus Ägypten. „Ich glaube, die früheren Generationen hatten im Vergleich zu uns ein angenehmeres Leben.“ Die Zeiten seien stabiler gewesen, heute sei das Leben von instabilen Bedingungen geprägt und einem Verlust an Sicherheit, berichtet die Schülerin. Der 29-jährige Muatas aus dem Kairoer Vorort Giseh ergänzt: „Gegenwärtig hat die Jugend keine Ansprüche, denn wir finden keine Arbeit. Wie können wir also eine Familie gründen, leben, essen, trinken? Wir sind überhaupt nicht sicher.“

„Politik ist größtenteils eine Farce“

Im Sommer und Winter 2016/2017 wurden den Autoren zufolge knapp 9000 junge Menschen zwischen 16 und 30 Jahren für die Studie „Zwischen Ungewissheit und Zuversicht“ befragt. Die Umfragen und Interviews wurden in acht Ländern im Nahen Osten und Nordafrika durchgeführt, darunter Marokko, Tunesien, Ägypten, Bahrain und Jemen. Nach UN-Angaben sind rund 30 Prozent der Menschen in der Arabischen Welt zwischen 15 und 29 Jahren alt. Die Studie wurde in Zusammenarbeit der FES, mehrerer Forschungszentren und Meinungsforschungsinstitute im Nahen Osten und der Universität Leipzig erstellt.   

Viele der Befragten schätzen der Studie zufolge die Entwicklungen in ihren Ländern nach den Umbrüchen 2011 inzwischen negativ ein. Statt um politische Themen wie Meinungsfreiheit gehe es den meisten jungen Menschen um die Sicherung ihrer Grundbedürfnisse und um Gewaltfreiheit. Politiker werden überwiegend als unzuverlässig und korrupt angesehen. Ein junger Mann aus Marokko wird mit den Worten zitiert: „Politik in Marokko ist größtenteils eine Farce, Parteien können nichts verändern. Die Programme aller Parteien sind identisch.“

Selbst in Ägypten und Tunesien – das als Musterland des sogenannten Arabischen Frühlings gilt – sprechen sich nur noch knapp über 50 Prozent der befragten jungen Menschen für ein demokratisches System aus. In Marokko, Jordanien und im Jemen sind es sogar nur etwas mehr als 20 Prozent der Befragten. Stattdessen wünschen sich auch viele einen starken Mann an der Spitze des Staates oder präferieren, wie in Jordanien (18 Prozent) oder dem Jemen (17 Prozent), einen religiösen Staat auf der Grundlage der Scharia.

Die derzeitigen autoritären Machtstrukturen in der Mehrzahl der Länder verhinderten, dass die jungen Menschen ihre Talente und ihr Wissen in die Gestaltung der Gesellschaft wirksam einbringen könnten, so die Studienautoren. Die enttäuschten Hoffnungen der Umbrüche führten dazu, dass knapp zehn Prozent fest zur Migration entschlossen seien. Die Menschen seien hin- und hergerissen zwischen immer wieder auftauchenden Abwanderungsgedanken und der Verbundenheit mit ihren Familien und ihrer Heimat.

Religion als Zufluchtsort

Denn gefragt nach den Werten, die den jungen Menschen in der Arabischen Welt wichtig sind, antwortete ein Großteil: die Familie. Hinzu komme die Religion, wie die 28-jährige Afrah aus dem kriegsgeschüttelten Jemen erzählt: „Obwohl ich in harten Zeiten mit psychologischen, wirtschaftlichen und sozialen Problemen lebe, vertraue ich auf Gott, dass solche Krisen ein Ende finden und wir die Korruption besiegen und eine bessere Zukunft haben werden.“ So sehen die Autoren auch einen leichten Anstieg der Religiosität im Vergleich zu der Zeit vor dem sogenannten Arabischen Frühling. 

Eine der wichtigsten Werte für die meisten Jugendlichen stelle die Religion dar. „Während die Generation der 1960er-Jahre an die staatlichen Utopien glaubte und von der wirtschaftlichen Prosperität profitierte, ist die heutige Generation in ihrem Sozialaufstieg blockiert“, schreibt der Marburger Universitätsprofessor Rachid Ouaissa vom Centrum für Nah- und Mitteloststudien. „Die zu beobachtende Präsenz der Religion bei den Jugendlichen scheint eine Art Ersatz für die mangelnden Aufstiegsmöglichkeiten zu sein.“ 

Religion diene demnach aber nicht mehr politischen oder ideologischen Zwecken, sondern sei für das individuelle Wohlergehen wichtig. Spiritualität werde zum Fluchtort und zur Hoffnungsgeberin einer Welt, die kulturell, politisch, ökonomisch und sozial durcheinandergeraten sei. Ouaissa folgert daraus: „Vielleicht erleben wir gerade den Beginn eines laizistischen Zeitalters in der arabischen Welt.“

Trotz aller negativen Entwicklungen und Probleme, mit denen die Arabische Welt derzeit kämpft, interpretieren die Autoren der Studie die Ergebnisse als positiv. Die Ergebnisse der Untersuchung zeichneten das Bild einer Jugend, die besser gebildet sei als jemals zuvor, die sich ihrer Heimat stark verbunden fühle, die über eine positive Lebenseinstellung verfüge und die bereit sei, Verantwortung zu übernehmen und sich gesellschaftlich zu engagieren.



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Schreckliche Masken, aber Wohlstand fürs Dorf: der Kukerkult

Schreckliche Masken, aber Wohlstand fürs Dorf: der Kukerkult

Ein kleines Haus am Fuße des Rila-Gebirges. Die kühle Luft beißt in die Wangen, bis sie feuerrot sind. Ziegenleder und Holzstangen bedecken die Wände, Riesenglocken läuten auf dem Dach des alten Bretterhäuschens, der Kukerwerkstatt. Tannengeruch umzingelt jeden Besucher, immer näher, immer dichter. Es ist spät, und es dämmert, das Licht draußen versteckt sich schon. Nur die weißen Zähne auf den Tischen reflektieren die letzten Sonnenstrahlen. Velin Kiuncharski macht das Licht an in dem Haus in dem Waldstädtchen Saparewa Banja im südwestlichen Bulgarien mit viertausend Einwohnern. Velin Kiuncharski ist 23 Jahre alt, blauäugig, blond, ein Riese, aber in einem weißen Hemd, mit Smartphone und einem kleinen achtjährigen Kind. „Es wäre schade, wenn mein Gast hier erkrankte, es ist ziemlich kalt in diesem Gebiet“, sagt er und lacht. Die kleinen Wunden an seinen Fingern, sein blauer Fingernagel und die harte Haut fallen beim Händeschütteln auf. Die schwere Arbeit ist dem Kukermaskenmacher nicht fremd. Mit Zähnen und Ledern zu basteln ist keine leichte Aufgabe.

Wie verzaubert von den Riesen

Seit der Zeit der Thraker lebt eine uralte Tradition in den bulgarischen Territorien – die Kuker. Jedes Jahr kommen Männer allen Alters aus verstreuten Dörfern des ganzen Landes zusammen, um Kukermasken zu schaffen. Sie basteln bis zu vier Meter hohe Stücke als Kopfschmuck aus Materialien wie Leder, Tierzähnen, riesigen Holzstücken. Die Masken sollen Schreck einflößen. Die damit verkleideten Kuker müssen um den Jahreswechsel die bösen Geister vom Dorf vertreiben, so will es die Sitte. Velins großer Körper stützt sich auf einen hölzernen Hocker, ein lautes Seufzen folgt. „Muskeln brauche ich ständig . . . na, ist auch keine einfache Aufgabe, tagelang Holz auf dem Kopf zu tragen.“ Im Schnee oder auf dem Eis muss er tanzen, mit zehn Kilo Last muss er hoch in die Luft springen. Seit 22 Jahren macht Velin das. „Blitzschnell bin ich nach der Schule zu dem Kukeratelier gerannt, vielleicht dann zwei-, dreimal auf den Hintern gefallen, weil es glatt war“, lacht Velin. Wie verzaubert war er von diesen Riesen. In den ersten Jahren durfte er nur mit Scheren und Klebstoff arbeiten, ab und an sich auch um das Leder kümmern, wenn der Leiter der Gruppe es ihm erlaubte. „1995 bin ich ein Kuker geworden, für ewig. Aufhören werde ich nie.“ Heute ist Velin der Leiter der Kukergruppe in seinem Städchen und für den Brauch verantwortlich.

Omas und Opas schenken Cents

Nicht nur Zeit kostet Velin Kiuncharskis Hobby, sein Beruf ist Stuckateur. Für die Masken müssen die Kuker alles aus eigener Tasche bezahlen. Vor allem die dazu an einem Gürtel getragenen Glocken sind teuer. Die Einnahmen zum Beispiel bei Volksfesten reichen im besten Fall für die Materialien. Die Tradition ist für die Menschen, für das Volk, sie ist etwas Bulgarisches, Uraltes, Heiliges. Männer tanzen auf der Straße, singen Lieder, während aus ihren Mündern wegen des kalten Wetters Dampf strömt, um den Nachbarn Gesundheit zu schenken. Daran glauben die Kuker fest: Sie bringen der ganzen Gemeinde Wohlstand. „Liebe“, sagt Velin, „ist bedeutsamer als das Geld, und Hoffnung auf ein glückliches Leben ist am wichtigsten. Ich kenne die Omas und die Opas, sie werden rausgehen und uns Eier oder Stotinki, bulgarische Cents, reichen. Alle werden lachen, eine alte Frau wird mit uns singen.“

Das hätte er nicht ertragen

Ein einziges Jahr hat Velin die Kukertänze wegen eines Streits über die Deutung des Brauches mit den anderen Mitgliedern der Gruppe verpasst. Da ist er um drei Uhr mit dem Auto ins Gebirge gefahren. „Die Lieder zu hören, den Klang der Glocken und nicht dort zu sein, das hätte ich nicht ertragen. Besser ging es mir in dem schneebedeckten Gebirge.“ Zurzeit lernt Velin einen neunjährigen Jungen an, was sich dahinter verbirgt, ein Kuker zu sein. Ein neuer Leiter hat seine Ausbildung begonnen.

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